Ausgabe 12/2011 - Schwerpunkt Warenwelt

Der Aus-Aussteiger

brand eins: Wenn Werber heute die Schafzucht für sich entdecken, wenn sich Systemadministratoren in Gärten die Finger schmutzig machen und Unternehmensberater sich plötzlich als Hobby-Imker versuchen: Wundert oder freut Sie das?

Thomas Hoof: Weder noch. Es gibt ja nur noch wenige Professionen, zu deren Ausübung man nicht eine gehörige Portion Zynismus braucht. Wer aus dem dreihundertsten ergebnislosen Meeting zum Acker oder Bienenstock strebt, um endlich mal ohne viel Geschwätz was fertig zu kriegen, hat mein Verständnis. Möglich aber auch, dass diese Aussteigerwelle von wachsenden Zweifeln an der Tragfähigkeit unseres Systems in Gang gesetzt wird.

Wo sehen Sie diese Zweifel?

Na ja, dass unser Wirtschaftssystem trudelt wie ein Kreisel bei überhandnehmenden Reibungsverlusten, dürfte auch für den verstocktesten Zukunftsfreund kaum mehr zu übersehen sein. Noch vor zehn Jahren wurden ja die kindischen Flausen von einer "Virtualisierung der Wirtschaft" ernsthaft diskutiert - wenn ich mich recht erinnere, auch in Ihrem Blatt. Die Freaks, die nachts über dieses Thema bloggten, erhitzten sich an der Tatsache, dass sie den Pizza-Bring-Dienst um drei Uhr morgens mit ein paar Bytes in Gang setzen konnten, übersahen aber gern, dass von der Bestellung bis zur Sättigung keine Signale, sondern ganz reale, völlig unvirtuelle Roh- und Kraftstoffe im Spiel waren.

Deshalb gerät noch kein System ins Trudeln.

Doch: Enttäuschte Illusionen sind börsenrelevant. Das derzeitige Wackeln des Finanzsystems ist nur ein Vorbote des eigentlichen Bebens, das mit physischen, genauer mit energetischen Engpässen kommen wird. Die Zukunft kann schon jetzt nicht mehr als ein immer dickerer, größerer und spendierfreudiger Onkel imaginiert werden. Sie zeigt vielmehr erste Anzeichen von Magersucht - und das bringt Panik in die ganze Szenerie.

Panik erleben wir derzeit in der Tat reichlich - die Frage ist, ob sie berechtigt ist.

Manchmal sollte man ein bisschen herauszoomen aus der Tagesaktualität, um etwas mehr Überblick zu gewinnen. Dann zeigt sich etwa: Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts stand die Arbeits- und Wirtschaftsgeschichte völlig unter der Dominanz der Frage: "Woher die Energie nehmen?" Dann gab es ab den fünfziger Jahren eine völlige Schubumkehr, hin zu der Frage: "Wohin mit der Energie?", nämlich jenen Massen an Erdöl, die aus den Bohrstellen förmlich herausschossen. Gleichzeitig erlebten wir den Übergang von der Geldwirtschaft zur Kreditwirtschaft. "Credit Booms Gone Bust"* heißt eine 2009 erschienene wirtschaftsgeschichtliche Untersuchung zum Übergang der Ansparwirtschaft zur Verschuldungswirtschaft, der genau mit dem Energieüberfluss Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre einsetzte. Die Industriegesellschaften gingen sozusagen aus einer Binnenfinanzierung zu einer Außenfinanzierung aus zukünftigem Sozialprodukt über. Wohlgemerkt: Das war kein leicht vermeidbarer Sündenfall, sondern nötig, um das energieüberflussgetriebene Wachstum überhaupt finanzieren zu können. Als omnipotenter Großbürge für die sich seither auftürmenden Schuldenmassen dient einzig und allein die Zukunft, die ja gar nicht mehr anders vorgestellt werden konnte als eine um Zuwächse aller Art aufgespeckte Gegenwart. Die Finanzkrise ist also nur ein Indikator der kommenden Energiekrise.

Dass es so nicht weitergehen kann, ist mittlerweile vielen klar. Unter anderem deshalb wird derzeit massiv in erneuerbare Energiequellen investiert.

Auch das wird wenig helfen. Die Unterbewertung des Energie-Inputs mit seinen Faktorkosten verzerrt alle Input-Output-, Erntefaktor- oder Payback-Rechnungen bei den erneuerbaren Energien. Der für Bau und Unterhalt einer Windmühle zur Stromerzeugung erforderliche Energieaufwand beträgt eben nicht fünf Prozent der monetären Kosten, womit heute gerechnet wird, sondern ein Vielfaches.

Die Stunde der Wahrheit schlägt, wenn man schlicht energetisch rechnet: Kilowattstunde rein gegen Kilowattstunde raus. Gleiches gilt für Öl, Gas und Kernkraft: Das Verhältnis des Ertrags zum Aufwand bei der Energiegewinnung verschlechtert sich dramatisch, erstens sowieso, rein technisch, zweitens noch einmal, wenn man den Energieträgern anteilig auch die Aufwendungen industrieller Vor- und Nach- und Infrastrukturleistungen zurechnet. Das heißt: Immer mehr Energie geht für die Energiebereitstellung und -verteilung drauf, folglich bleibt immer weniger für investive oder konsumtive Zwecke übrig - bis am Schluss der disponible Anteil gleich null ist. Die Idee, dass der ungeheuer dichte Energieträger Erdöl ohne drastische Verbrauchsniveau-Senkung durch irgendetwas anderes ersetzbar sei, ist völlig abenteuerlich und wirklichkeitsfremd.

Sie meinen im Ernst, es gäbe keinen Ausweg aus der absehbaren Ressourcenverknappung?

Einen halben vielleicht: Kohle. Davon ist noch einiges da. Aber wer soll die hierzulande heute aus dem Berg holen? Das ginge nach 40 Jahren postmaterialistischer Seelenveredelung nur noch mit dem Führungsmodell der römischen Galeere. Vielleicht wachsen uns aber doch noch Teslas Vakuumenergien oder Schaubergers Implosionskraft zu. Aber wenn ich die Vorsehung richtig einschätze, gönnt sie uns das frühestens, nachdem wir uns solche Unarten wie Aufsitzrasenmähen und motorisches Laubwegblasen abgewöhnt haben.

Das heißt: Zurück zu den Wurzeln, so, wie Sie als frischgebackener Land- und Forstwirt es vormachen?

Ich kann mir für mein letztes Lebensviertel durchaus was anderes vorstellen, als noch einmal in einen Systembruch gezogen zu werden, der diesmal wahrscheinlich die Form eines Bergrutsches annehmen wird. Also, ich fiebere dem großen Knall ganz gewiss nicht entgegen. Aber dass er kommen wird, scheint mir angesichts eines Systems, das sich gleich von zwei Seiten her auffrisst - der energetischen wie wirtschaftlichen -, unausweichlich.

Dennoch hat dieses System gerade durch die von Ihnen verdammte Virtualisierung unbestreitbare Fortschritte bei der Informationsvermittlung und -vernetzung hervorgebracht. Wollen Sie die alle wegreden?

Ich verdamme die "Virtualisierung" doch nicht, ich bestreite sie nur. Da virtualisiert sich nichts Reales, im Gegenteil: Der Energieverbrauch allein der Serverfarmen beträgt rund 200 Milliarden Kilowattstunden im Jahr und steigt dank Youtube et cetera jährlich um etwa 20 Prozent. Ich selbst bin durchaus technikverliebt, nutze viele Gadgets, sehe deren Nutzen, aber auch ihre zeit- und kompetenzfressenden Folgen. Ein Navigationssystem beispielsweise mit Kreiselkompass und Satellitenpeilung ist ein faszinierendes System und in fremden Städten hilfreich, aber vor zehn Jahren hatte ich das bundesdeutsche Autobahnnetz praktisch vollständig im Kopf und bin ohne jeden Blick in eine Karte von Münster nach Passau gefahren. Das verblasst jetzt langsam, und auf diese Weise trägt natürlich jedes avancierte technische System in irgendeiner Weise zur alltagspraktischen Verblödung seiner Nutzer bei.

Das Internet, das heute an jedem vernetzten Ort eine historisch einmalige Zahl von Informationen verfügbar macht, taugt wohl kaum als Beispiel für Verblödung.

Ich sprach von alltagspraktischer Verblödung, und die tritt immer ein, wenn sich jemand der Welt vorwiegend im Lesemodus nähert - egal, ob übers Internet oder in der Deutschen Nationalbibliothek. Was mich selbst als Leser betrifft: Bücher lese ich immer auf einen zweiten Exzerpierdurchgang hin mit dem Bleistift in der Hand und einem definierten Kürzelsystem für die spätere Auswertung. Mit elektronischen Büchern kann ich also gar nichts anfangen, arbeitsmethodisch nicht und haptisch-sinnlich schon gar nicht. Bei Zeitungen und Zeitschriften ist es andersherum: Ich hatte früher bis zu zehn Abonnements auf Tages- und Wochenzeitungen. Bis auf eines sind die alle gekündigt. Eigentlich wäre mir der frühere rituelle Leseabend mit einem Stapel Zeitungen auf dem Tisch immer noch lieber. Aber ich ertrage Fernsehen und Zeitungen einfach nicht mehr wegen des völlig monotonen, volkserzieherischen, indoktrinierenden Curriculums, das da abgespult wird. Da bleibt also nur noch das Internet: Vier Foren, ein paar in- und ausländische Nachrichtenportale, ein paar Blogger - und ich bin in einer halben Stunde potenziert besser informiert als durch die Mainstream-Gouvernanten.

Folgt man Ihrem pessimistischen Zukunftsausblick, dann sind die praktischen Weck-Gläser oder das Taschenrettungsmesser des Manufactum-Sortiments also nicht einfach gut gemachte Accessoires, sondern Überlebenswerkzeuge für eine krisenhafte Zukunft.

Das Weck-Glas sicher, aber nur, wenn Sie vorher was eingekocht haben, nicht, wenn Sie es als Stiftständer benutzen. Das Taschenrettungsmesser taugt eher für den kleinen Crash als für den großen: Damit durchschneidet man den Sicherheitsgurt im Auto, wenn er sich nach einem Unfall nicht mehr löst. Und ganz generell: Manufactum hat Produkte ganz einfach so ausgewählt, fotografiert und kommuniziert, als lebten wir noch in einer Knappheitsökonomie - also mit impliziten und expliziten Botschaften und Argumenten der technischen und ästhetischen Dauerhaftigkeit, der Einfachheit, der Reparierbarkeit. Das machte ja auch die Provokation gegenüber den Beton-Modernisten aus, die meinen, ihr Projekt nur deshalb nicht vollenden zu können, weil immer Scharen von Rückwärtsgewandten, Reaktionären und sentimentalen Nostalgikern im Wege stehen. Und dabei geraten ihnen dann selbst solche Oberflächenerscheinungen wie Manufactum oder heute die Zeitschrift "Landlust" als Gegner in den Blick.

Ihre Erlöse aus dem Verkauf von Manufactum haben Sie in großem Stil in land- und forstwirtschaftliche Flächen gesteckt. Was genau unterscheidet Sie eigentlich von den Investoren, die derzeit die Bodenpreise in die Höhe treiben?

Die Tatsache, dass ich Landwirtschaft betreibe und nicht mit Flächen spekuliere. Der Preisanstieg für Agrarböden liegt im Übrigen weniger an investierenden Nichtlandwirten, sondern an dem unstillbaren Flächenhunger der hoch subventionierten Biogas-Bauern.

Auf Ihrem Hof in Schleswig-Holstein experimentieren Sie mit Low-Input-Landwirtschaft. Was ist darunter zu verstehen?

Erst einmal den Faktor-Einsatz drastisch herunterzufahren: weniger Energie, weniger Technik, weniger Kraftfutter, weniger Mineraldünger, auch wenn der Output zunächst einmal darunter leidet. Etwa bei der Milchwirtschaft: alte Rassen, ganzjährige Weidehaltung, Minimalstallbau, simple, mobile Melktechnik, Ernährung weitgehend aus dem Grundfutter, Trockenstellen im Winter, saisonale Abkalbung, das Melken reduzieren. Das alles senkt den Aufwand ebenso drastisch, wie es die Milch- und die Fleischqualität erhöht. Dass wir damit die Leistungszahlen avancierter Milchbetriebe nicht erreichen, ist uns egal. Der ersparte Kapital-, Technik- und Kraftfuttereinsatz und die höheren Erlöse werden den quantitativen Minderertrag wirtschaftlich überkompensieren und gleichzeitig für Strukturen sorgen, die unter allen denkbaren Umständen arbeitsfähig bleiben.

Macht es Sie nicht stutzig, dass die traditionelle Landwirtschaft vor allem von intellektuellen Städtern wie Ihnen propagiert wird, die Landleute hingegen - also die, die's wissen müssen - munter auf Hightech und Hochleistung setzen?

Es macht mich nie stutzig, wenn Hamster im Hamsterrad rennen und dabei keinen sonderlich nachdenklichen Eindruck machen. Ich mache daraus auch den Hamstern keinen Vorwurf. Aber es steigen ja viele aus, zumindest auf die Bio-Seite, wobei mir das nicht genügt und im Übrigen als eine staatsbürokratisch überregulierte Veranstaltung auch herzlich unsympathisch ist. Die heutige Landwirtschaft ist aber in der Tat ein einziger Problem-, weil Doping-Fall. Rechnet man einmal die enormen Energieeinträge in Form von Kraftfutter, Treibstoffen, Düngemitteln und Unkrautvernichtern hinzu, dann verbraucht die Herstellung einer einzigen Nahrungskalorie mittlerweile zehn fossil gewonnene Kalorien. Der Landwirt, der Ur-Energieproduzent also, der früher mit den Früchten seiner Arbeit zehn agrarisch untätige Mitbürger ernähren konnte, ernährt heute nicht einmal sich selbst. Im Krisen- oder Katastrophenfall steht diese deformierte, energetisch und monetär völlig am Tropf hängende Landwirtschaft auf einen Schlag still.

Woher gewinnt ein Stadtmensch wie Sie eigentlich das Wissen und Können für die Land- und Forstarbeit?

Durch Neugier und praktischen Lebenssinn. Habe ich immer so gemacht, ob es im damaligen Kleinstunternehmen Manufactum um Datenbankprogrammierung, Finanzbuchhaltung oder Einkaufsmarkt- und Produktrecherchen ging: Erst mal selber machen; wenn's zu viel wird, kann dann ja ein Mitarbeiter übernehmen.

Das heißt: Sie legen in Ihren Wäldern selbst mit Hand an?

Nein, das nun doch nicht mehr. Neben größeren Waldflächen im Ruhrgebiet gibt es allerdings fünf Hektar rund um mein Haus im Münsterland. Da bin ich anfangs wirklich mit Handsäge, Beil und Fällkeil hineingezogen und habe 20-Meter-Kiefern gefällt und zu Brennholz gesägt und gespalten. Neben den Scheiten bringt einem ein solcher 10-Stunden-Tag auch noch die Erfahrung einer tiefen, wohligen, in alle Fasern des Körpers reichenden Müdigkeit ein, wie man sie am Schreibtisch auch mit drei Nachtschichten nicht zustande kriegt. Man lernt beim Abendbier dann wieder, was eigentlich ein "Feierabend" ist.

Bei Lichte betrachtet ist Ihre Stadtflucht doch nichts anderes als eine überdimensionierte Form des Cocooning: sich jetzt, da die Welt da draußen zusehends komplexer und unkontrollierbarer scheint, sein kleines, autonomes und vermeintlich sicheres Nest auszupolstern.

Komplexität? Auch ständig gesteigerte Komplexität schießt irgendwann über den Punkt hinaus, von dem an ihr Grenznutzen sinkt und schließlich negativ wird. Wir sind längst im negativen Bereich. Joseph Tainter hat darüber ein Buch geschrieben, dessen Titel Ihnen abermals zusetzen wird: "Der Kollaps komplexer Gesellschaften". Also: Die Welt da draußen scheint nicht lediglich "unübersichtlich und unkontrollierbar", sondern sie ist es tatsächlich, besonders für den durchschnittlichen Stadtbewohner, der von logistisch überaus verwickelten Versorgungsapparaturen und -schläuchen so vollständig abhängig ist wie ein Patient auf der Intensivstation. Einen der denkbaren Fluchtpunkte dieser Entwicklung können Sie in "Soylent Green" anschauen.

Sie meinen den Science-Fiction-Kinoklassiker, in dem eine Menschheit der Zukunft um knappe Ressourcen kämpft und ihre eigenen Leichen verfuttert?

Genau, wobei es mir weniger um den dramaturgischen Knalleffekt der Verfütterung menschlicher Nekromasse geht, sondern um die Grundfigur einer völlig apathisch gewordenen und von einer Art Weltregierung mühsam zentralversorgten Masse. Die endgültige Verhausschweinung des Menschen. In einer gemäßigten Variante ließe sich die da sich anbahnende Zukunft beschreiben als ein menschheitliches Dämmerglück am Dauertropf. Politisch ist diese Tendenz evident. Stichwort: postdemokratische Weltinnenpolitik.

Ist für Sie in Ihrem Untergangsszenario überhaupt irgendein Ausweg denkbar?

Es gibt eine Alternative, und die nenne ich Self-reliance (Eigenständigkeit), weil da im Gegensatz zur deutschen Selbstversorgung auch Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstentwicklung mitklingt. Ich sehe sie auch weniger in den schüchternen Versuchen der Woody-Allen-Milieus in Form von Guerilla Gardening und Ähnlichem, sondern vielmehr in der Schattenwirtschaft. Dort, vor allem natürlich im ländlichen Bereich, wird die Last des Abgaben- und Verordnungsdrucks einfach unterlaufen, gehandelt und gearbeitet, da gibt es wirklich eine - allerdings drahtlose - Vernetzung, und da gilt selbstverständlich und lebendig die Devise "Anarchie ist machbar, Herr Nachbar: Du deckst mir das Dach, und ich grab' dir den neuen Brunnen." Menschen wissen sich einfach zu helfen und werden das in der Krise erst recht wissen.

Mal angenommen, Ihre Prognose stimmt: Was kann ein Normalbürger tun, um sich von der Kanüle zu befreien? Sich wie Sie in großem Stile Land und Wald zulegen können ja nur die wenigsten.

Sich erst einmal von der Illusion befreien, es sei ein unveräußerliches Menschenrecht, in maximal drei Meter Entfernung eine Steckdose zu haben, an der die Kraft von fünf Pferden anliegt. Sonst kommt beim Blackout zu dem Ärger über nicht aufladbare Akkus und dunkle Fernseher auch noch die Empörung über die erlittene Menschenrechtsverletzung. Ansonsten? Sich ein nützliches Hobby zulegen: alte Autos oder Landmaschinen restaurieren, Permakulturkurse belegen, einen Garten pachten, Erzeuger-Ver-braucher-Gemeinschaften gründen, das heißt jetzt "community supported agriculture" und müsste damit ja auch für Metropo-len-Bewohner hip sein. Insgesamt: in zukünftigen Angebots- und Marktlücken denken und sich, vielleicht nur nebenbei und auf Sparflamme, damit selbstständig machen - also alles, was Abkopplung und Ausstieg erleichtern könnte. Zukunftsbranchen sind die Landwirtschaft, mit der wieder wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts 10 bis 16 Prozent der Bevölkerung beschäftigt sein werden, Energie, Reparatur und Recycling und natürlich - besonders aufnahmefähig - die Hauswirtschaft.

In ähnlicher Weise wie Sie haben vor 40 Jahren Wissenschaftler des Club of Rome die Grenzen des Wachstums vorausgesagt und dabei ein paar entscheidende Dinge übersehen. Was, wenn Sie sich ähnlich irren?

Was haben die im Großen eigentlich übersehen? Die Schuldenkatastrophe, sicherlich. Aber die Voraussagen zu Energie und Weltbevölkerung waren recht präzise - genauso übrigens wie die Hubbertschen Peak-oil-Prognosen aus den dreißiger Jahren. Dennis Meadows hat 1972 den Systembruch für das Jahr 2100 vorausgesagt. Da war er freilich zu optimistisch. -

* Moritz Schularick /Alan M. Taylor: Credit Booms Gone Bust - Monetary Policy, Leverage Cycles and Financial Crises, 1870-2008. National Bureau of Economic, Research Working Paper 15512, 2009

Thomas Hoof,

63, ist gelernter Buchhändler und ehemaliger Geschäftsführer der nordrheinwestfälischen Grünen. 1988 gründete er einen Versandhandel für handwerklich gut gemachte Produkte. Motto: "Es gibt sie noch, die guten Dinge". Legendär ist der von Hoof anfangs selbst getextete Manufactum-Katalog, eine Mischung aus konsumkritischem Versandhauswälzer und Warenlexikon mit Detailinformationen zu Herstellungsform und Funktion jedes einzelnen Produktes.

Manufactum

ist heute Deutschlands größtes Versandhaus für langlebige Waren. Von 65 000 Mark Umsatz im ersten Geschäftsjahr wuchs die Firma schnell auf heute geschätzte 75 bis 100 Millionen Euro und 400 Mitarbeiter. Neben dem Versandhandel betreibt Manufactum Warenhäuser in Hamburg, Berlin, München, Stuttgart, Düsseldorf, Köln, Frankfurt sowie am Unternehmenssitz, einer stillgelegten Zeche in Waltrop bei Dortmund.

Otto

Der nach Amazon zweitgrößte Online-Versandhändler der Welt erwarb 1998 mit seiner Versandhaus-Tochter Heine einen 43-Prozent-Anteil an Manufactum. "Otto kauft Manufactum, das klang wie: Die Grünen koalieren mit der CDU", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" damals. Im Dezember 2007 verkaufte Hoof seine restlichen Anteile, behielt aber die Manufactum-Produktentwicklungsgesellschaft, den Verlag Manuscriptum und Teile der von Manufactum genutzten Immobilien.

Thomas-Hoof-Gruppe

Die Firmengruppe mit Sitz im ehemaligen Verwaltungsbau der Zeche Waltrop zählt zu ihrem Portfolio Töchter wie die Thomas Hoof Produktgesellschaft, die Leuchten und Schaltersysteme aus Bakelit und Porzellan fertigt, das Gut Manhagen in Holstein, zwei Verlage (Landt Verlag, Berlin; Manuscriptum, Leipzig, der auch Hoofs gesammelte Schriften veröffentlicht) sowie mittlerweile fünf Beteiligungen an inhabergeführten Unternehmen. Dazu gehören die Siepmann Forst GmbH, der Ofenbauer Keumalit, die Baufirma Naturhaus Hetfeld, die Essbaren Landschaften GmbH sowie der Internet-Shop eines Nassrasur-Forums. Die Idee: Unternehmen, an denen Hoof mindestens 50 Prozent hält, sollen sich als Wertschöpfungsverbund gegenseitig unterstützen. So liefert der Forstbetrieb die luftgetrockneten Hölzer, die der Baubetrieb bei der Renovierung des Gutes Manhagen einsetzt. Ein weiteres Unternehmen, das Lebensmittel (unter anderem aus Gut Manhagen) veredeln und vertreiben soll, befindet sich im Aufbau.

Gut Manhagen

im Naturpark Westensee bei Kiel soll auf rund 100 Hektar Land eine krisenfeste Low-Input-Landwirtschaft betreiben. Kern ist die Milchwirtschaftmit mehreren Dutzend Kühen der alten Rasse Rotbunte und 100 Milchschafen. Dazu kommt eine Hofmolkerei mit einer Verarbeitungskapazität von 160 000 Litern pro Jahr sowie eine Teichanlage, in der künftig Bachforellen und Flusskrebse gezüchtet werden sollen. Im ehemaligen Fischer- und Verwalterhaus des Gutes sind heute Ferienwohnungen untergebracht. www.gut-manhagen.de

Siepmann Forst GmbH

in Bottrop-Kirchhellen hat sich auf eine Dauerwald-Bewirtschaftung mit besonders tiefer Wertschöpfung verlegt. Statt wie üblich die Hälfte der Holzernte zu billigem Industrieholz zu verarbeiten, werden aus minderen Sägeholzsortimenten Möbel und Türen, aus Asthölzern Zäune gemacht. Was bleibt, wird zu Brennholz zersägt, das in der eigenen Anlage mit Hackschnitzeln aus den eigenen Wäldern getrocknet wird. So will der Ruhrpottbetrieb hohe Erlöse mit geringem Aufwand erzielen. Seinen Plan, einen Waldfonds aufzulegen, hat der Mitbesitzer Hoof indes fallen gelassen: "Waldbesitz ist immer noch ein wackeliges Investment", bedauert er. "Ein kräftiger Sturm reicht, um alle Renditeprognosen über den Haufen zu werfen." www.dauerwald.de

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