Ausgabe 12/2011 - Schwerpunkt Warenwelt

Das Gute ist der Feind des Besseren

- Unser Verhältnis zum UKW-Radio ist ziemlich verrückt. Etwa acht Empfangsgeräte besitzt ein deutscher Durchschnittshaushalt: eines pro Auto, eines in der Küche, mindestens eines pro Wohn-, Schlaf-, Kinderzimmer und Bad, je eines pro Handy, nicht zu vergessen der Ghettoblaster im Hobbykeller. Wir angeblich so fortschrittlichen Menschen teilen unser Leben mit, man muss das mal so deutlich sagen, einem Fossil aus der Kreidezeit der Informationstechnik. Man hört es ihm bloß nicht an, dass es kaum jünger ist als Lang-, Mittel- und Kurzwelle, die jeder von uns ohne Bedenken als vorsintflutlich schmähen würde.

Schon 1925 gelang es Thüringer Nachrichtentechnikern, die Frequenzen weiter zu steigern, also Signale auf "ultrakurzen" Wellen zu übertragen. Amerikanische Forscher entwickelten die Technik weiter. 1933 modulierten sie statt der Amplitude die Frequenz. Fertig war ein beispielloser Exportschlager: Überall, wo FM alias UKW eingeführt wurde, setzte es sich durch - ab 1949 auch in Deutschland. Damals waren noch nicht einmal Stereoplattenspieler und Kassettenrekorder in Sicht.

In rund zwei Jahren kommt die gute alte Übertragungstechnik, der UKW-Rundfunk, ins Rentenalter. Wie es aussieht, wird er auch noch das Jahr 2020 erleben, als rüstiger Fremdkörper innerhalb einer Medienwelt, die längst so konsequent digitalisiert ist, dass Hörfunkstudios inzwischen ihren Output künstlich analogisieren müssen, damit eine anachronistische Sendetechnik ihn an Empfangsgeräte übermitteln kann, die ihrerseits mit Digitalelektronik vollgestopft sind.

Nicht dass kein digitaler Nachfolger bereitstünde. Der ist längst entwickelt und technisch in fast jeder Hinsicht überlegen die neuen Sender kommen mit einem Bruchteil der Energie aus und können dennoch viel mehr Programme übertragen. Ungewiss ist allerdings, wer das Bessere will, wenn er dafür von all seinen guten alten Radios Abschied nehmen muss.

UKW ist das Paradebeispiel für ein Phänomen, das schon so manchen Fortschritt blockiert hat und noch viele Träume platzen lassen könnte. Nein, nicht könnte, sondern wird. Jedes Mal aufs Neue, wenn wieder irgendwo die Vernunft vor der Macht der Gewohnheit kapituliert. So wäre zum Beispiel allen gedient, wenn wir uns angewöhnen könnten, erst einmal nachzudenken und nachzurechnen, bevor wir uns ins Auto setzen und den stinkenden Stau miterzeugen, über den wir uns dann empören, da wir uns nicht als Teil des Problems erkennen wollen. Wir würden viel Zeit, Sprit und Papier sparen, wenn wir nur endlich die lang und breit ausdiskutierten Möglichkeiten der digitalen Breitbandkommunikation konsequent und effizient nutzten; wenn wir unseren Mobilitätsdrang und den Sinn von Bewegung in Einklang brächten; wenn wir Entscheidungen auf die im Überfluss verfügbaren Informationen stützten; wenn wir lernten, die junge virtuelle mit der alten realen Welt in Übereinstimmung zu bringen. Wenn, wenn, wenn.

Alles wurde digital. Nur das Radio blieb hartnäckig analog

Wir sind aber von Haus aus Gewohnheitstiere und Besitzstandswahrer. Und darum ist das alles erst einmal weniger unser Problem als das Problem derer, die sich vorgenommen haben, uns etwas im Prinzip Vernünftiges zu verkaufen. Das papierlose Büro etwa und E-Books; Elektroautos und Carsharing; erneuerbare Energien und Passivhäuser; Videokonferenzen als Ersatz für Flugreisen. Oder eben das Digitalradio, das, wer weiß, vielleicht doch noch kommt und UKW ersetzt.

Thomas Wächter gehört zu denen, die sich beharrlich den Beharrungskräften widersetzen. Er weiß nur zu gut, wie schwer es jemand hat, der rational argumentiert. Wächter ist Ingenieur, ein analytisch denkender Mensch, der sich nichts vormacht und nicht so schnell entmutigen lässt. Er weiß die Fakten auf seiner Seite; sie motivieren ihn und geben ihm die nötige Geduld.

In einem bundesweiten Sendernetz im aktuellen Digitalradio-Standard DAB+ ließen sich mit einer Sendeleistung von nur 0,9 Megawatt bis zu 15 Programme ausstrahlen, rechnet der Technikchef des Sendernetzbetreibers Media Broadcast GmbH vor, gegenüber 1,5 Megawatt, die ein einziges UKW-Programm gleicher Reichweite verschlinge. Hätten etwa die Deutschland-funk-Hörer allesamt Radios mit Digitaltuner, könnte die Anstalt UKW abschalten und mehr Strom sparen, als 1000 Vier-Personen-Haushalte verbrauchen. Ohne zusätzlichen Strombedarf könnten die Sendeantennen nicht nur Deutschlandradio Kultur mit ausstrahlen, sondern auch noch ein Dutzend Programme anderer Anbieter. So sänke der Energiebedarf pro Programm im Idealfall auf ein Fünfundzwanzigstel des heutigen. Der Haken an der Sache: In Deutschland hat bis dato so gut wie niemand ein geeignetes Radiogerät. Das ist auch kein Wunder, denn die Auswahl einschlägiger Produkte in den vielen Elektro- und Medienmärkten ist erbärmlich und die zumeist an ihrem hässlichen Design erkennbare Hardware gnadenlos überteuert.

Thomas Wächter kennt das, er ist ein moderner Sisyphos. DAB+ ist der zweite Stein, den er den Berg hochzurollen versucht. Der erste, der ihm und seinen Mitstreitern immer wieder zu Tal kullerte, hieß Digital Audio Broadcast, kurz DAB, ohne das Plus. Es war eine Technik, die zuerst ihrer Zeit voraus war und dann fast übergangslos älter aussah als die Kurzwelle.

Als der Ingenieur anfing, sich mit dem Thema Digitalfunk zu befassen, hieß sein Arbeitgeber Deutsche Bundespost, so lange ist das her. Die Post hatte noch das Fernmeldemonopol; ohne oder gar gegen die Behörde ging hierzulande nichts. Die Regie führte damals, Anfang der Neunziger, das Fernmeldetechnische Zentralamt (FTZ) in Darmstadt. Wächter war einer der jungen Forschungs- und Entwicklungsbeamten, die untersuchten, wie man flächendeckende digitale Sendernetze optimal auslegt, für Mobilfunk und digitalen terrestrischen Rundfunk, also Handy, Fernsehen, Radio.

Als das Monopol fiel, bekam Wächter Visitenkarten der Telekom, später von T-Systems, dann vom Ableger Media Broadcast, der mittlerweile eine französische Mutter hat. Sein Arbeitgeber ging für DAB Risiken ein, investierte wie auch einige ARD-Anstalten und ein paar größere Privatsender in die digitale Ausstrahlung. Seit der Internationalen Funkausstellung (IFA) 1995 konnte man die Uhr danach stellen, dass alle zwei Jahre der bevorstehende Durchbruch des Komfortradios in CD-Qualität angekündigt wurde - und zuverlässig ausblieb. Fast alles Digitale avancierte in diesen anderthalb Dekaden zum Verkaufsschlager, allein das Radio blieb analog.

Dass dies so kam, lässt sich nicht einem Schuldigen zuschreiben, sondern einer Gemengelage aus divergierenden Interessen. Es ist ein erstklassiges Studienobjekt für jemanden, der wissen will, wie man es auf keinen Fall angehen sollte.

Das Original-DAB alias Eureka 147 kam 1987 in die Welt als Produkt suprastaatlicher Forschungsförderung, die weitgehend abgekoppelt war von einem Markt, zu dem nicht zwei Akteure gehörten, also Angebots- und Nachfrageseite, sondern derer sechs: erstens die Radiofabrikanten, zweitens die nationalen Postverwaltungen oder Sendernetzbetreiber, drittens öffentlich-rechtliche Anstalten und landesweite Privatsender, viertens Lokalradios, fünftens die Autohersteller und last but not least - die Hörer.

Digitalradio galt zwischenzeitlich als Flop. Alle waren froh, dass sie noch UKW hatten

Bis Mitte der Neunziger blieb DAB ein reines Ingenieursprojekt, der Markt lag in weiter Ferne. Spezialisten von der Bundespost, Telekom, Blaupunkt, Philips und dem ARD-eigenen Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München stimmten sich mit den Technischen Direktoren der großen Landesrundfunkanstalten sowie Kollegen aus anderen EU-Staaten ab. Die aufstrebenden Privatfunker hatten kein Interesse an einer unausgereiften Sache, bei der außer hohen Kosten nichts gewiss war. Sie hätten nicht nur in die damals noch teure Digitaltechnik investieren müssen, sondern auch für einen unkalkulierbaren Zeitraum zwei Funksignale parallel ausstrahlen und dafür bezahlen müssen - ein analoges und ein digitales. Die Autohersteller wiederum waren nicht scharf auf ein noch sehr erklärungsbedürftiges Extra, das vorerst keine hohen Stückzahlen versprach und Kaufkraft zu absorbieren drohte, die sonst in die bewährten margenstarken Sonderausstattungen fließen konnte. Der Geburtsfehler von DAB war, dass gar kein vollwertiger Nachfolger für das globale Universalradio UKW gesucht wurde, sondern Europas Hi-Fi-Autoradio der Zukunft. Für den Zuhause-Empfang gab es eine separate Entwicklungslinie: Wer eine Satellitenschüssel auf dem Dach oder Kabelanschluss im Keller hatte, sollte nach den ursprünglichen Plänen des Bundespostministeriums einen ganz anderen Typ von Digitalradio kaufen - nach dem Achtziger-Jahre-Standard DSR (Digitales Satellitenradio). Die klassischen und viel billigeren UKW-Receiver dagegen funktionierten in jedem Zimmer mit jeder analogen Signalquelle, vom Kabelanschluss bis zur billigen Wurfantenne. Als DSR 1996 abgeschaltet wurde, war DAB noch lange nicht marktreif, litt aber bereits unter dem Ladenhüter-Image des vermeintlichen Vorgängers: Digitalradio als solches galt nun als Flop; alle waren froh, dass sie noch UKW hatten.

Es kam, was zu erwarten war: Nur ein paar Früheinsteiger leisteten sich sündhafte teure DAB-Geräte fürs Auto, die rasch obsolet wurden - unter anderem, weil dem Digitalradio neue Frequenzen zugeteilt wurden. Da sich nur wenige Sender Programme leisteten, die es nicht bereits auf UKW gab, blieben die großen Markenhersteller vorsichtig. Den Digitalempfang serienmäßig anzubieten, ohne die Preise deutlich zu erhöhen, wäre ein Verlustgeschäft gewesen. Statt in Vorleistung zu gehen und so ihrerseits den Sendern einen Anreiz zu geben, positionierten sie die wenigen digitaltauglichen Modelle in der Luxuspreislage.

Diese ostentative Skepsis machte DAB nur noch uninteressanter für die Privatsender, auf deren Geschäftsmodell (Reichweite maximieren, Kosten minimieren) die überwiegend im Umfeld des Gebührenrundfunks verankerten Entwickler eh schon wenig Rücksicht genommen hatten. Der Clou von DAB war nämlich, dass die Programme landesweit auf der gleichen Wellenlänge ausgestrahlt werden sollten, sodass der Autofahrer nie mehr den Suchlauf betätigen musste, solange er das Sendegebiet nicht verließ. Diese Art der Hörerbindung passte für die ARD-Größen und überregionalen Sender wie Antenne Bayern oder FFH, nicht aber für Lokalsender, deren lokale Werbekunden nur für die lokale Spot-Verbreitung bezahlen - abgesehen davon, dass es im damals verfügbaren Spektrum gar nicht genug Platz für alle bayrischen Ortsradios gegeben hätte.

Im Sommer 2009 sah es so aus, als würde die Totgeburt DAB endlich beerdigt. Die ARD-Anstalten hatten sich schon untereinander nicht recht einigen können, ob sie weitermachen oder aufgeben sollten, dann aber doch - wie auch Deutschlandradio bei der Gebührenkommission KEF weiteren Finanzbedarf angemeldet. Die Aufpasser, die vergeblich ein klares, auch für die Privatsender zumutbares Konzept für die Digitalisierung des Hörfunks gefordert hatten, zückten den Rotstift. Allerdings strichen sie die Mittel nicht endgültig, sondern froren sie nur ein.

Zwei Jahre später, gerade noch rechtzeitig zur IFA 2011, war Realität, was früher unmöglich erschien: ARD und Private hatten sich zusammengerauft. Die Weiterentwicklung DAB+ ist inzwischen in vielen Gebieten auf Sendung. Es gibt regionale Angebote und sogar ein bundesweites Programmbündel. Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur teilen sich die Antennen mit Privatsendern, dem protestantischen Evangeliumsrundfunk und dem katholischen Radio Horeb. Plötzlich sind Programme zu empfangen, die vorher allenfalls als Internet-Radio abrufbar waren.

Und nun könnten katholische Christen der Technik zum Durchbruch verhelfen

Es herrscht Aufbruchstimmung, auch bei der Landsberger DGC GmbH, die unter der Traditionsmarke Dual ein Sortiment an Digitalradios anbietet, diese aber bisher fast nur in der Schweiz verkaufen konnte. Geschäftsführer Christian Homberg sieht kein Problem darin, dass die Umstellung alte DAB-Empfänger, die das neue Plus-Signal nicht verarbeiten können, zu simplen UKW-Radios degradiert. Laut einer vier Jahre alten Studie sind zwar mehr als eine halbe Million Exemplare auf dem Markt; es müsste also eine Menge enttäuschter Kunden geben. Homberg, ein alter Hase in der Unterhaltungselektronik, traut aber lieber seiner Branchenkenntnis und seinem Gefühl als irgendeiner ominösen Statistik: "Ich kann mir nicht vorstellen, wo die vielen Geräte alle sein sollen." Lieber denkt er an Millionen potenzieller Käufer, die jetzt einen Grund haben, sich ein neues Radio zu bestellen, weil sie ein Programm hören können, das es auf UKW nicht gibt - etwa Gläubige, die lieber Bibelfunk hören als Dudelfunk.

Vom Balderschwanger Radio Horeb ist der DGC-Chef besonders angetan, denn der nimmt ihm einen Teil der Missionsarbeit bei einer eigentlich schwierigen Zielgruppe ab. "Für Radio Horeb sind 150 ehrenamtliche Helfer unterwegs, die älteren Leuten helfen, die Geräte einzustellen", sagt er. Auch für das bestehende Publikum des Katholikensenders ist ein tragbares DAB-Radio ein Fortschritt: Wer nicht online war, konnte dem erbaulichen Hörfunk nur auf Fernsehern mit digitalem Satellitendecoder lauschen.

Radiogeräte über die empfangbaren Inhalte zu verkaufen ist neu. Der ungewohnte Marketing-Ansatz macht Programmanbieter und Gerätehersteller zu Verbündeten. Der Schwerpunkt des Angebots liegt zwar bei Spartensendern, die großen Abstand zum Mainstream halten, aber gerade denen bietet die Technik die erste richtige Chance, Fangemeinden zu gewinnen. Gegen die mit UKW vergleichbare Mobilität von DAB+ ist Webradio, das nur am PC mit DSL-Anschluss wirklich Spaß macht, eine Krücke.

Noch kann allerdings alles schiefgehen. In der ersten Ausbaustufe erreichen die Digitalsender von Media Broadcast und ARD erst die Hälfte der deutschen Bevölkerung. Für die Stufen zwei und drei, die bis 2015 zu einem flächendeckenden Netz führen könnten, muss noch kräftig investiert werden - und das lohnt sich nur, wenn eine kritische Masse an Hörern wenigstens in Sichtweite kommt. Die DAB-Branche hofft nun, dass die Autoindustrie möglichst rasch serienmäßig Radios einbaut, die auch mit der neuen Technik funktionieren, denn niemand möchte sein Lieblingsprogramm nur im Auto hören können. Die Nachfrage käme automatisch.

Thomas Wächter denkt aber auch an Zielgruppen, denen ein klassisches Radio zu altbacken wäre: An seinem iPad hängt eine kleine weiße Antenne, die den Vielzweck-Apple (wahlweise ein Smartphone) zum Digitalradio macht. Der Sound überzeugt.-

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