Ausgabe 12/2011 - Blick in die Bilanz

Das Ende vom Lied

Warner Music Group, nach Universal und Sony drittgrößter Musikverlag der Welt, der Künstler wie Phil Collins, R.E.M. und Red Hot Chili Peppers vermarktet, leidet seit Jahren unter sinkenden Umsätzen und steigenden Verlusten. Seit das Unternehmen vom Medienriesen Time Warner 2003 an ein Private-Equity-Konsortium verkauft wurde, gab es nur ein profitables Jahr, 2006. Auch Time Warner hatte zuvor mit der Musik-Tochter massive Verluste geschrieben. Dennoch übernahm der russische Investor Len Blavatnik Warner jüngst für 3,3 Milliarden US-Dollar.

Kritiker lästerten, den Öl-Milliardär treibe Eitelkeit, er suche die Nähe zu den Warner-Stars. Branchenkenner vermuten als Grund für den Einstieg kluges Kalkül: Die Musikindustrie stehe nach Jahren des Siechtums vor einem Turnaround. Noch leiden Warner und seine Wettbewerber unter den Folgen der Digitalisierung. Seit Beginn des Jahrtausends nahm die Zahl der illegalen Musik-Downloads deutlich zu, gleichzeitig gingen die CD-Verkäufe zurück - bei Warner seit 2005 um gut 40 Prozent. Doch dank besserer Bezahlsysteme und attraktiver neuer Angebote wie cloud-basierte Musikdienste (eine Art virtueller Disc Jockey, bei dem man sich - gegen Bezahlung - via Internet ein beliebiges Lied wünschen kann), die von mächtigen Konzernen wie Amazon, Google und Apple vorangetrieben werden, gleichen Erlöse aus digitalen Verkäufen den Rückgang zunehmend aus. Bei Warner haben sie sich seit 2005 verfünffacht, erreichten 26 Prozent des Umsatzes Ende 2010, in den ersten neun Monaten 2011 bereits 28 Prozent*. Zum Gewinn dürften sie einen noch höheren Anteil beitragen. Schätzungen von Analysten zufolge sind die Gewinnmargen im digitalen Geschäft rund 30 Prozent höher als bei herkömmlichen CD-Verkäufen.

Blavatnik spielt außerdem mit der Idee, den britischen Konkurrenten EMI zu kaufen. Ein Zusammenschluss könnte Kostensenkungen vor allem im teuren Vertriebsnetz der beiden Musikkonzerne möglich machen. Seit 2008 hat Warner in Produktion und Vertrieb bereits rund 400 Millionen Dollar eingespart. Doch das reichte nicht, um aus den roten Zahlen herauszukommen.

Blavatniks Spiel ist dennoch gewagt: Warner ächzt unter hohen Schulden, die dem Unternehmen 2004 und 2005 im Zuge der Übernahme durch das Private-Equity-Konsortium aufgebürdet wurden. Die Zinslast stieg innerhalb von zwei Jahren von 5 (2003) auf 182 Millionen Dollar (2005) jährlich und lag Ende 2010 noch bei 190 Millionen. Über den Gang an die Börse, der 2005 erfolgte, wollten die Finanzinvestoren die Kredite zum Teil zurückführen. Doch ihr Plan ging nicht auf, weil sie einen deutlich geringeren Emissionspreis erzielten als geplant.

Derart angegriffen war die Substanz von Warner Ende 2010, dass das Eigenkapital durch Verluste nicht nur aufgezehrt, sondern negativ war. Rein technisch war die Firma also überschuldet, konnte aber dank eines positiven, wenn auch abnehmenden operativen Cashflows trotzdem weitermachen. Der stammt nicht nur aus der Vermarktung von Künstlern, sondern zum großen Teil auch aus der Verwertung von Rechten an Musikstücken (Music Publishing) - sei es auf Tonträgern (mechanical), bei Konzerten (Performance) oder als Untermalung von Filmen (Synchronization). Das digitale Geschäft spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. Daher gab es anders als beim CD-Verkauf auch keine dramatischen Einbrüche. Das Music Publishing ist eine Perle -und eine Bank für Blavatnik. Wenn alle Stricke reißen, könnte er den Bereich abspalten und für gutes Geld verkaufen.

* Der Termin für die Veröffentlichung der Zahlen für das volle Geschäftsjahr war bei Redaktionsschluss nicht absehbar. Die Neun-Monats-Zahlen deuten auf keine grundlegenden Veränderungen zur Situation des Vorjahres hin.

Die Wurzeln der Warner Music Group (WMG) reichen zurück bis ins Jahr 1811, als in London ein Musikladen namens Chapell & Co. eröffnete, zu dessen Kunden unter anderem Ludwig van Beethoven zählte. 150 Jahre später entstand Warner Bros. records als Soundtrack-Lieferant der gleichnamigen Filmstudios. Chappel und Warner fanden 1987 unter dem Dach von Time Warner zur damals größten Musikfirma der Welt zusammen, wurden später abgespalten. Heute gehört WMG zu 100 Prozent dem Russen Len Blavatnik. Die Firma sitzt in New York und beschäftigt weltweit 3700 Mitarbeiter.

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