Ausgabe 07/2011 - Schwerpunkt TransparenzTransparenz

Philosoph Byung-Chul Han im Interview

„Nur eine Maschine ist transparent“

„Auch das Erotische setzt das Geheimnis voraus.
Wo es ganz verschwindet, beginnt die Pornografie.“

brand eins: Herr Han, kaum ein Schlagwort bestimmt so sehr den öffentlichen Diskurs wie das der Transparenz. Woran liegt das?

Byung-Chul Han: Derzeit ist offenbar ein Prozess im Gange, der sich zwar in den Begriff Transparenz kleidet, aber in Wirklichkeit weit darüber hinausführt.

Was meinen Sie damit?

Ich höre etwas Gewaltsames aus diesem Wort heraus. Als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet, hätte keinen Rückzugsraum. So gesehen könnten wir von der Gewalt der Transparenz sprechen. Der Begriff setzt sich aus den lateinischen Wörtern trans und parere zusammen. Parere bedeutet ursprünglich: auf jemandes Befehl erscheinen, sichtbar sein. Das Wort parieren bedeutet auch: ohne Widerspruch gehorchen. Im Moment scheint die Transparenz tatsächlich diesen Zwangscharakter angenommen zu haben. Sie erscheint mir wie ein Instrument der Kontrolle und Überwachung.

Das ist eine ungewöhnliche Sicht.

Natürlich bedeutet Transparenz auch mehr Offenheit, mehr Demokratie und weniger Korruption. Aber es ist wichtig, den Begriff der Transparenz über diese stereotype Definition hinaus zu verdeutlichen. Man muss ihn einer Beobachtung höherer Ordnung unterziehen.

Macht Transparenz die Kommunikation effizienter oder demokratischer?

Nicht unbedingt. Sie kann die menschliche Kommunikation geradezu zerstören. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Zwei Computer können miteinander kommunizieren ohne jede Geheimhaltung und Verheimlichung von Information. Eine total transparente Kommunikation wäre eine rein maschinelle oder funktionale. Eine menschliche Kommunikation und die totale Offenlegung schließen einander aus. Gerade der Mangel an Transparenz macht die menschliche Kommunikation erst spannend und interessant, aber natürlich auch gefährlich. Aus dem Leben lässt sich aber nicht jedes Risiko eliminieren. Es gehört auch zur Verführung, durch die absolute Offenlegung wird diese ebenfalls zerstört. Die totale Transparenz macht uns selbst zur Maschine. Der Computer ist deshalb so idiotisch, weil er nichts verbergen und verheimlichen kann. Nicht einmal das Passwort schützt ihn vor seiner prinzipiellen Dummheit. Im Gegensatz zum Rechner kommt der Mensch ohne Passwort aus, weil er zum Geheimnis fähig ist. Stellen Sie sich zwei Schachspieler vor, die Gedanken lesen können. Es käme kein Spiel zustande. Die völlige Transparenz würde für einen Kurzschluss der Kommunikation sorgen. Das Geheimnis ist konstitutiv für die Spannung eines Spiels.

Was heißt das, abseits dieses Beispiels?

Vieles im Leben, vieles auch in der Politik und Diplomatie ist ein Spiel, ein strategisches Spiel. Ich kann mich mit meinem Gegenüber nur austauschen, wenn ich nicht alles sofort ausspreche, was ich über ihn denke. Wenn es tatsächlich immer nur Transparenz gegeben hätte, wäre die menschliche Kultur nicht entstanden. Geheimnis bedeutet nicht einfach Machtmissbrauch und Gewalt. Es ist kulturbildend. Der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel schrieb einmal, das Geheimnis sei eine der größten Errungenschaften der Menschheit. Gegenüber dem kindischen Zustand, in dem jede Vorstellung sofort ausgesprochen, jede Handlung allen Blicken zugänglich werde, sei durch das Geheimnis eine ungeheure Erweiterung des Lebens erreicht, weil viele Inhalte bei völliger Offenbarung überhaupt nicht entstanden wären. Dieser interessanten Vorstellung nach bietet das Geheimnis die Möglichkeit einer zweiten Welt neben der offenbarten. Demnach würde eine totale Transparenz des Lebens es um eine ganze Welt ärmer machen.

In welchen Lebensbereichen schadet Offenheit noch?

Es gibt sehr viele gesellschaftliche Systeme, für die die Transparenz eine sehr destruktive Wirkung hätte. So gibt es beispielsweise keine transparente Religion. Man darf nicht vergessen, dass die menschliche Kommunikation nicht transparent ist und nicht transparent sein kann. Die erotische Kommunikation etwa ist eine Kommunikation, die in sich selbst nicht transparent ist. Die Verführung beruht auf dem Geheimnis. Stellen Sie sich ein transparentes Denken vor: Es ist kein Denken mehr, sondern ein Rechnen. Der Computer als Rechenmaschine ist sich selbst transparent. Dem Denken jedoch wohnt immer ein Rest an Dunklem inne. Die totale Offenlegung ist eine totale Starre. Sie zerstört die Lebendigkeit.

Ist Offenheit in der Politik nicht erstrebenswert?

Es ist natürlich begrüßenswert, dass Missstände aufgedeckt und Korruption bekämpft wird. Man darf aber nicht vergessen, dass die Offenlegung auch diabolische Seiten hat. Die Gefahr besteht darin, dass die transparente Gesellschaft von heute in eine Kontrollgesellschaft umschlägt. Die unzähligen Überwachungskameras verdächtigen jeden von uns. Sie stellen die Kehrseite der durchsichtigen Gesellschaft dar. Der Nackt-Scanner, der den Körper durchleuchtet, ist, über seinen tatsächlichen Nutzen hinaus, ein Symbol unserer Zeit. Der Ruf nach Transparenz deutet vor allem auf die heutige Vertrauenskrise hin. In einer kleinen Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt, herrscht Gewissheit. Die Frage nach Vertrauen stellt sich erst in einer größeren Gesellschaft, in der aufgrund ihrer Komplexität keine unmittelbare Gewissheit möglich ist. Das Vertrauen ist ein Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen. Es ermöglicht eine Handlung trotz des Nichtwissens. Gerade da, wo das Vertrauen schwindet, wird der Ruf nach mehr Transparenz laut. Da aber kein Vertrauen mehr da ist, wird sie allein durch Kontrolle erreicht.

Aber Transparenz in der Wirtschaft ist doch sinnvoll?

Die Transparenz erhöht womöglich die Effizienz. Sie ist vielleicht kein ethischer oder politischer, sondern letzten Endes ein ökonomischer Imperativ. Sie vernichtet deshalb Rückzugsräume, weil dadurch mehr Effizienz, mehr Leistung erwartet wird. Die Offenheit und Transparenz bringt nicht nur mehr Freiheit, sondern auch mehr Zwang hervor. Die offenen Büroräume etwa, in denen ich den Blicken anderer ausgesetzt bin, üben auch Zwänge und Kontrolle aus. Rückzugsräume, in denen ich mich meinen besonderen Neigungen hingeben könnte, wären ökonomisch ineffizient. Die Ausleuchtung wäre hier eine sehr effiziente Form von Ausbeutung.

Heute leben wir alle in einem „Big Brother“-Container, in dem es nicht möglich ist, sich zu verbergen, ein Geheimnis zu haben. Es ist eine Ironie, dass die aktuelle Staffel der Fernsehserie „Big Brother“ den Titel „The Secret“ trägt. Jeder kommt in den Container mit einem Geheimnis. Wer das Geheimnis des anderen entdeckt, bekommt ein „Goldenes Ticket“ und ist sicher vor dem Rausschmiss, bis auch einer der anderen das Geheimnis entdeckt. Eine schreckliche Gesellschaft. Hier ist keine menschliche Beziehung mehr möglich, keine Freundschaft, kein Vertrauen. Wir haben nicht mehr die Kultur des Vertrauens, sondern die des Misstrauens und des Verdächtigens. Das erklärt auch die heutige Konjunktur des Begriffs. Die Kultur des Misstrauens und des Verdächtigens zieht aber die Kultur der Entblößung und des Enthüllens nach sich. Die andere Seite der Kultur der Transparenz ist also die Pornografisierung.

Welche Rolle spielen die Medien?

Denken Sie an Jörg Kachelmann, dieser von allen Seiten gnadenlos ausgeleuchtete, überbelichtete, transparent gewordene Mann, der seines Schattens, seiner Haut beraubt wurde. Er ist ein Symbol, ja ein Opfer unserer Zeit. Die Transparenz hat hier fast die Formel einer Folter. An solchen Phänomenen kann man den Geist unserer Zeit beobachten, dessen sich selbst die unmittelbar Beteiligten nicht bewusst sind. Es geht ab einem bestimmten Moment nicht mehr um Wahrheit oder Gerechtigkeit. Die Öffentlichkeit fällt fatalerweise mit dem Terror der Intimität, der Enthüllung und der Entblößung zusammen. Die Kombination von Gericht und Medien ist inhuman. Vielleicht wäre mehr Gerechtigkeit, mehr Wahrheit möglich, wo weniger Zwang zur Transparenz herrschte. Eine kommunikative Gesellschaft, die sich selbst transparent ist, ist ein Ideal der Aufklärung. Sie manifestiert sich aber heute als eine Gesellschaft totaler Kontrolle, des Verdächtigens, des Misstrauens und der Entblößung. Die totale Transparenz ist Gewalt.

Die wohl prominenteste Transparenz-Bewegung ist die Online-Plattform Wikileaks. Wie bewerten Sie sie?

Eine wahllose Veröffentlichung von Daten und Dokumenten à la Wikileaks macht die Welt nicht durchschaubar. Sie zerstört vielmehr die Politik. Die Geheimhaltung bestimmter Informationen ist ebenso konstitutiv für das politische Handeln wie für das Schachspiel. Das politische Handeln ist ein strategisches Handeln auf eine Zukunft hin. Die Offenlegung der Intentionen und der Pläne zerstört diese Zukunft. Das Geheimnis generiert eine andere Zeitlichkeit als die Transparenz. Transparent wäre eine Zeit, die total berechenbar wäre. Zeit ist aber Geheimnis.

Abseits politischer Sphären: Wie verändert das Dogma der Durchsichtigkeit unseren Alltag?

Das heutige Bildmedium etwa ist ein Transparenzmedium. Es lässt keinen Tiefsinn mehr zu. Augustinus schrieb einmal: Je mehr die Sprache durch die figürliche Ausdrucksweise verdeckt werde, umso süßer munde sie, wenn der figürliche Mantel einmal geöffnet und das dahinterliegende Geheimnis erblickt werde. Sie sehen auch hier: Das Geheimnis kann die Welt auch süßer machen oder den Genuss intensivieren. Allein vom Geheimnis geht eine Verführung aus. Es aktiviert die Vorstellungskraft. In dieser Hinsicht wäre eine transparente Welt eine Welt, die sehr fade schmeckte. Das Geheimnis kann das Sein vertiefen. An die Stelle der Verführung tritt heute die berechnende Verfügung. Der Zauber weicht der Zahl. Die Transparenz duftet nicht. Sie beraubt auch die Zeit des Duftes. Die transparente Zeit ist ohne Ereignis, ohne Narration, sie ist eine Zeit ohne Geschichte. Auch das Erotische setzt das Geheimnis voraus. Wo es ganz verschwindet, beginnt die Pornografie. Sie ebnet das Sein ein. Sie entleert und entzaubert es.

Ist die moderne Welt offener als die der Vergangenheit?

Es ist nicht so, dass die Welt immer transparenter wird und die vergangene Welt, etwa die des Mittelalters, ins Dunkle und Geheimnis gehüllt war. Man könnte vielmehr sagen, dass die Welt des frühen Mittelalters für die damaligen Menschen viel durchscheinender war, als die heutige Welt es für uns ist. Die Welt als Schöpfung Gottes war offenbar. Sie zeigte Gottes Herrlichkeit, war klar strukturiert und unmittelbar lesbar, ja sichtbar. Sie bedurfte keiner Hermeneutik. Auch Kommunikation war transparent. Die Transparenz beruhte auf der Übereinstimmung von Sprache und Gestik. Damals war es nicht notwendig, zwischen der Intention und dem Ausdruck zu unterscheiden. Innen und Außen fielen zusammen. Darin besteht die besondere Klarheit der Kommunikation, die es heute nicht mehr gibt. Auch der Herrscher legitimierte seine Herrschaft durch die Sichtbarkeit seiner göttlichen Herrlichkeit. Hinter der sichtbaren und lesbaren Welt gab es nichts. Alles lag klar geordnet vor. Gott ging in der sichtbaren Ordnung der Welt auf.

Glaube und Wissen sind ein Gegensatzpaar. Ab wann wurde diese „sichtbare Ordnung der Welt“hinterfragt und durch Nichtwissen verdrängt?

Das Geheimnis entstand erst im späteren Mittelalter. Die Transparenz der Welt zerfiel. Gott zog sich aus der sichtbaren Welt zurück in eine geheime Sphäre. Dieser Rückzug war machtlogisch begründet. Gottes Allmacht bestand nun darin, dass er auch über die Schöpfung hinausging, sich über die Schöpfung erhob. Seine Souveränität bestand darin, dass er über den Gesetzen der Welt stand. Dieser Wandel der Theologie und der Erkenntnistheorie wiederholte sich auch in der politischen Kommunikation. Es war der Moment der Geburt des politischen Souveräns und gleichzeitig der Beginn der arcana imperii, also der Geheimpolitik der Neuzeit. Der Herrscher war aufgrund seiner Souveränität nicht an die Gesetze gebunden. Von dieser Zeit an wurde die sichtbare Welt eine Allegorie, die einer intensiven Deutung bedurfte: Die Welt wurde geheimnisvoller. Sie wurde in Zeichen gehüllt, deren verborgener Sinn erst entdeckt werden musste. Diese politische Dimension des Geheimnisses spielt heute keine Rolle mehr. Die Legitimation der Herrschaft erfolgt auf einem anderen Weg. Die Politik als solche ist heute viel durchschaubarer als etwa vor 300 Jahren, wo alle politischen Entscheidungsprozesse geheim blieben. Das ist wohl eine positive Seite der Transparenz.

Kann man Transparenz gleichsetzen mit dem Streben nach Wahrheit?

Die Wahrheit ist ein viel komplexeres Phänomen als die Transparenz selbst. Wenn man den Heideggerschen Wahrheitsbegriff zugrunde legt, kann man sogar sagen, dass die Transparenz die Wahrheit unmöglich macht. Die Wahrheit als „Unverborgenheit“ setzt das Geheimnis der Verborgenheit voraus. Ich habe bereits von der heutigen Vertrauenskrise gesprochen. Herrscht kein Vertrauen, so werde ich ausgeleuchtet. Ist der gläserne Mensch wahr? Ist er wahrer als ein Mensch mit vielen Geheimnissen? Die Wahrheit ist eine Übereinstimmung von Innen und Außen. Die Transparenz bringt die Grenze selbst zum Verschwinden, die das Innen vom Außen trennt. Der transparente Mensch wird zu einem berechenbaren, funktionellen Element eines Systems nivelliert. Nur eine Maschine ist transparent.

Welche Wirkung hat die Transparenz auf Macht?

Die Transparenz baut Strukturen ab, die für die Machtkommunikation notwendig wären. Das Geheimnis ist konstitutiv für die Machtkommunikation. Wer Geheimnis hat, hat auch die Macht. Das Geheimnis auratisiert die Macht. Die Transparenz, die Macht und Geheimnis abbaut, gehört zum Prozess der Demokratisierung, der begrüßenswert ist. Die Demokratie beruht ja auf einem offenen Dialog. Andererseits kann aber die Machtkommunikation, wie der Soziologe Niklas Luhmann erklärt, stark die Komplexität reduzieren und den Entscheidungsprozess massiv beschleunigen. So gesehen, sorgt die Macht wiederum für mehr Transparenz.

Welche Lehren sollte der Einzelne aus all dem ziehen?

Dazu möchte ich gerne auf „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso hinweisen. Hier verkauft Schlemihl dem Teufel seinen Schatten gegen ein Wundersäckel voller Gold, das nie versiegt. Am Ende der Geschichte erteilt Schlemihl dem Chamisso den Rat: „Und Dich, mein lieber Chamisso, hab' ich zum Bewahrer meiner wundersamen Geschichte erkoren, auf dass sie vielleicht, wenn ich von der Erde verschwunden bin, manchen ihrer Bewohner zur nützlichen Lehre gereichen könne. Du aber, mein Freund, willst Du unter den Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten.“ ---

Byung-Chul Han

ist Professor für Philosophie und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Er wurde in Seoul geboren und studierte in Freiburg im Breisgau und München Philosophie, Katholische Theologie und Deutschsprachige Literatur. Der Koreaner promovierte 1994 über Martin Heidegger, seine Habilitation legte er an der Universität Basel ab. Han ist Autor mehrerer philosophischer Schriften und Bücher wie unter anderem „Philosophie des Zen-Buddhismus“, „Hyperkulturalität - Kultur und Unterhaltung“ oder „Duft der Zeit - Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens“.

Der Titel seines Werkes des vergangenen Jahres, „Müdigkeitsgesellschaft“, geht langsam in den deutschen und internationalen Sprachgebrauch ein.

Sein kürzlich erschienenes Buch „Shanzhai - Dekonstruktion auf Chinesisch“ beleuchtet auf philosophische Weise die kulturelle Dimension des Plagiierens (Shanzhai) in China, das, so die These Hans, inzwischen alle Lebensbereiche im Reich der Mitte erfasst habe.

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