Ausgabe 10/2011 - Schwerpunkt Sinn

Wenn Jeder ein Sieger ist

- Eine für alle oder für alle keine. An den Medaillen entzündete sich eine pädagogische Grundsatzfrage, als ich jüngst an der Schule meiner Tochter ein kleines Sportfest mit Disziplinen wie Laufen, Springen und Werfen für die ersten Klassen ausrichtete. Ich hatte Medaillen für die Erstplatzierten gekauft, hielt dies auch für eine gute Idee - nur machten die Lehrerinnen beim Anblick der abgezählten Edelmetall-Imitate plötzlich sehr empörte Gesichter. "Bei Auszeichnungen achten wir grundsätzlich darauf, dass entweder alle Kinder eine bekommen oder keines", belehrte mich eine. Täte man dies nämlich nicht, wären einige Kinder am Ende traurig. Zu frühe Erfahrungen mit Niederlagen wolle man unbedingt vermeiden. Schließlich gehe es in diesem Alter um positive Erlebnisse. Eine Lehrerin zog daraufhin eilig los und kaufte weitere 60 (!) Medaillen, die dann nach dem Sportfest unter den jubelnden Kids wie Süßigkeiten verteilt wurden.

Dieser Vorfall beschäftigte mich lange.

Medaillen für alle gehen am ureigenen Sinn einer Auszeichnung vorbei. Ist die nicht an vorherige Leistung geknüpft? Und warum sollte es schlecht für Kinder sein, für eine besondere Anstrengung belohnt zu werden oder eben auch das Gegenteil zu erfahren, eine Niederlage?

Wo auch immer ich mein Erlebnis vortrug, setzte alsbald eine heftige Debatte ein. Ich lernte, dass viele Eltern sogar ganz bewusst jede Form von Konkurrenz und Wettbewerb aus der Kindererziehung verbannen. Wettläufe hatten deren Kinder nicht mehr nötig. Ein befreundeter Karatetrainer berichtete mir wiederum leicht frustriert, dass Nachwuchswettkämpfe in seiner Sportart heute nur noch das Absolvieren einiger Übungen bedeuten - hopsen, laufen, rollen -, und danach gibt es keine Medaillen für die Besten, sondern Urkunden für alle.

Sieger ist, wer dabei ist.

"Richtige Wettkämpfe", sagt der Trainer, "wie wir sie als Kinder erlebten, als nach Regeln richtig miteinander gekämpft wurde, es Gewinner und Verlierer gab, die gelten heute als brutal und völlig inakzeptabel." Siegerehrungen und Platzierungen sind heute abgeschafft.

Unbehagen mit dem Unbehagen

Das Ergebnislose liegt im Trend einer Gesellschaft, in der sich vor allem die wohlsituierten Erwachsenen immer angestrengter bemühen, alle Härten des Lebens von den lieben Kleinen fernzuhalten. Mein Medaillen-Erlebnis fügt sich in eine Entwicklung, mit der sich Psychologen, Soziologen oder Psychotherapeuten schon seit einiger Zeit beschäftigen. Wissenschaftler in den USA glauben sich bereits einem bedenklichen Phänomen auf der Spur: Sie bringen es mit der drastisch steigenden Zahl von Narzissten in den Hochschulen und Unternehmen in Verbindung, auch mit Teenagern, die dem Druck des Abiturs nicht mehr gewachsen scheinen, oder mit den vielen heute in Therapie befindlichen Mittdreißigern.

Dan Kindlon spricht vom "Unbehagen mit dem Unbehagen". Der Kinder-Psychologe und Dozent an der Harvard University veröffentlichte jüngst ein Buch mit dem auf Deutsch übersetzt altmodisch anmutenden Titel: "Zu viel des Guten. Über die Erziehung von Kindern mit Charakter im Zeitalter der Nachsichtigkeit." Er sorgt sich darin, dass Eltern ihren Kindern schmerzvolle Erfahrungen heute regelrecht vorenthalten, indem sie Zurückweisungen und Niederlagen genauso aus dem Leben des Nachwuchses verbannen wie Langeweile oder Traurigsein. Die Kinder verglücken regelrecht bei Spiel, Spaß und Aktivitäten in ständig wechselnden Glückskulissen. Das Selbstbewusstsein wird durch das Ausblenden von Resultaten pausenlos geschmiert - nur trainiert wird es nicht. Und damit auch nicht das, was Dan Kindlon als das mentale Immunsystem bezeichnet. Das müsse ein Mensch mit dem Durchleben von Unbehagen, Scheitern und Mühsal im Kindesalter entwickeln.

Kein Rot, keine Tore

Lehrer berichten, dass Eltern immer häufiger gegen ihren Rotstift im Schulheft intervenieren. Man möge die Korrekturen doch mit einer anderen Farbe etwas weniger offensichtlich und verletzend vornehmen. Die Kinder fühlten sich durch zu viel Rot demotiviert. Rot verbinden die Kleinen mit falsch - aber ist nicht genau das der Sinn jeder Korrektur?

In den USA erzählt ein Fußballtrainer, dass in vielen Jugendligen die Wertung der Tore abgeschafft wurde. Dort wird nun einfach munter drauflosgekickt - es zähle schließlich das Erlebnis und nicht das Ergebnis. Die Kinder spielen nur so, und am Ende der Saison erhalten sie mannigfaltige Auszeichnungen. Für einige der Trophäen soll es schon genügen, wenn man nur immer pünktlich da war. Wie gut oder schlecht sie aber sind, im Spiel oder im Training - dazu fehlt den Talenten jeglicher Hinweis.

Unter diesen Vorzeichen wachsen nach Meinung von Dan Kindlon Teenager heran, die weder Unbehagen noch Selbstzweifel kennen. Die nichts anderes als eine glückliche Kindheit erlebten. Deren Eltern und Lehrer vom Sandkasten an, über den Spielplatz bis zur Schule in allen unbehaglichen Momenten intervenierten. Glück, das eigentliche Nebenprodukt des Lebens, wird zur Hauptzutat, zum Lebensziel schlechthin.

Einige Psychologen sehen genau darin die Rezeptur für spätere Desaster: Wer als Kind nie traurig war, weil beispielsweise andere die Medaillen absahnten, für den muss die erste normale Frustration im Erwachsenenalter etwas Schreckliches sein. Viele dieser Spätfrustrierten landen dann in der Therapie, zum Beispiel bei Lori Gottlieb, und behaupten, sie wären eigentlich glücklich nur wüssten sie nicht, ob auch glücklich genug.

Glücklich und leer

Die amerikanische Psychotherapeutin und Buchautorin arbeitet mit Menschen, die sich verloren fühlen, die ein wenig depressiv sind oder einfach nicht glücklich. Die Probleme mit dem Selbstbewusstsein haben, dem Job, die sich zurückgewiesen fühlen, sich nicht entscheiden können - die klassischen Themen also, wie sie seit Jahrzehnten in den Praxen der Psychotherapeuten besprochen werden.

Und doch ist neuerdings etwas anders.

Der typische Erstverdacht von Lori Gottlieb, so war es jedenfalls lange Zeit, galt immer der Beziehung zu den Eltern. Mutter und Vater, die sich nicht genug kümmerten, zu wenig Aufmerksamkeit, Zuneigung und Zutrauen spendeten. Nun aber sitzen auf einmal 30-Jährige vor ihr, die sich "innerlich leer fühlen" oder "richtungslos", zugleich aber behaupten, sie hätten tolle Eltern. Sie bezeichnen diese sogar als "beste Freunde", mitunter zahlen die Alten sogar die Psychotherapie. Auch die Kindheit schätzen sie als überaus glücklich ein, der Job ist gut - und dennoch sind sie "einfach nicht glücklich". Das Niederschmetternde für die Patienten ist dabei die Erkenntnis, dass es für diesen Zustand auch in ihren Augen eigentlich keinen Grund gibt.

Gottlieb empfand diese Beobachtungen schließlich als so bedeutsam, dass sie dazu im Sommer einen Artikel im US-Magazin "The Atlantic" veröffentlichte. Die ironische Überschrift lautete übersetzt: "Wie führe ich mein Kind in die Therapie."

Sie berichtet darin zum Beispiel von einer Patientin, die trotz unbeschwerter Kindheit und überaus geglückter Karriere ein unglückliches Leben führt. Die in der Universität zum ersten Mal erfahren musste, dass sie möglicherweise doch nicht so intelligent ist, wie ihre Eltern es stets behaupteten. Andere waren auf einmal sehr viel besser als sie, und Mathematik wurde ein echtes Problem. Dabei hatte sie bereits in der Schule einmal das Gefühl gehabt, nicht gut im Rechnen zu sein. Die Eltern versicherten ihr aber, das läge nur an ihrem etwas anderen "Lernstil". Es wurde ein Nachhilfelehrer engagiert, der fortan nach Aussage der Eltern alles mathematische Wissen so "übersetzte", wie es die Tochter auf ihre spezielle Weise verstand. Seither war sie nicht mehr schlecht in Mathe, sondern geradezu besonders.

Nach dem Mantra der Eltern war sie in allen erdenklichen Dingen besonders, die späte Erkenntnis im Erwachsenenalter, dass sie tatsächlich vor allem besonders normal ist, führte die Tochter dann direkt zu Lori Gottlieb in die Therapie.

Die Narzissmus-Epidemie

Normal zu sein ist etwas, das Eltern ihren Kindern immer seltener zumuten wollen. Die Zahl der Lernschwachen steigt in den USA genauso schnell wie die der Hochbegabten. Durchschnittlich zu sein ist nach heutiger Meinung schlecht für das Selbstbewusstsein.

Derart fehlendes Negativ-Feedback in der Kindheit sorgt längst für messbare Verwerfungen. Die Zahl der Menschen mit krankhaftem Ich-Bezug hat sich seither auf fast 30 Prozent nahezu verdoppelt. Und es häufen sich die Fälle von Depressionen.

In die Hochschulen und Unternehmen gelangen heute junge Erwachsene mit aufgeblasenem Ego, die sich nicht nur gut, sondern besser als andere fühlen. Deren Niederlagen immer mit Guter-Versuch-Stickern kaschiert wurden. Die von ihren Eltern von einer Aktivität zur nächsten geschleppt wurden, die Fußball ohne Tore spielten, Wettläufe nicht nötig hatten und Medaillen geschenkt bekamen. Wissenschaftler sprechen von der "Me Generation", die gekennzeichnet ist vom Mangel an Empathie, einem Berühmtheitskult und übertriebenen Ansprüchen.

Wissenschaftler wie Jean Twenge von der San Diego State University beklagen eine regelrechte "Narzissmus-Epidemie". Die Professorin für Psychologie hat eine Generation entdeckt, die sich unfähig zeigt, im Team zu arbeiten. Die keine Grenzen kennt, die am Arbeitsplatz nach permanenter Stimulation verlangt, ganz genau so, wie sie es in ihrer durch Aktivitäten strukturierten Kindheit gewohnt war. Die Korrekturen der Vorgesetzten nicht ertragen und die unsicher werden, sobald der stete Strom an Zuspruch abreißt.

Das mentale Immunsystem ist anfällig geworden.

Blutige Knie

Sie und ihre Kollegen rufen den Eltern daher mittlerweile fast flehend zu, die Kinder doch mit sieben Jahren auf dem Fußballplatz die ersten Niederlagen erfahren zu lassen, statt erst mit Mitte 20 im Examen. Lasst sie verlieren, immer und immer wieder.

Wenn Therapeuten die Eltern heute also auffordern, den Gefühlen ihrer Kinder weniger Aufmerksamkeit zu widmen, scheint etwas gehörig aus dem Ruder gelaufen zu sein.

Nur wie steuert man dagegen? Wer hielte es aus, den eigenen Nachwuchs unglücklich zu sehen, selbst für einige Momente nur, und sich dies als nötig für das mentale Immunsystem schönzureden? Haben wir uns nicht gerade mühsam von der Schwarzen Pädagogik verabschiedet? Sind wir stattdessen nicht besessen von der Idee früher Förderung, einer sinnvollen Zeitgestaltung und uns wohlgesonnener Kinder, deren beste Freunde wir sein wollen, nicht nur deren Eltern?

Ich ertrage es beispielsweise nicht, meiner Tochter beim Sich-Langweilen zuzusehen. Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich einen Samstagvormittag arbeiten muss und meine Tochter in der Zeit sich selbst überlasse. Die es dann schafft, eine Stunde lang in einer Hängematte rumzuliegen und sich augenscheinlich zu langweilen.

Ich rufe dann vom Schreibtisch: "Langweile dich nicht, spiel was!"

Und meine Tochter antwortet bestens gelaunt: "Aber ich spiele doch!"

"Aber was spielst du denn?", frage ich zurück.

"Hängematte", sagt sie.

Im vergangenen Schuljahr vertrat ich für einige Zeit den Sportlehrer an ihrer Schule, das war die Vorgeschichte der Medaillen-Episode. Schon im Unterricht fiel mir als Nichtpädagoge auf, wie sich die Profis während der Sportstunden der Erstklässler animierender als Cheerleader gebärdeten. Jede Übung mit einer Anstiftung zum Jubel begleiteten, es ging immer um Ekstase, nicht um Ertüchtigung. Die Kinder konnten am Ende vor lauter Gekreische kaum mehr laufen und fühlten sich bei allem, was sie taten, als gefeierte Sieger. Es war auch nie jemand traurig.

Der Spaß regiert in der heutigen Kinderwelt.

Das ließ sich auch im Ballettunterricht meiner Tochter beobachten, der ähnlich zwanglos vonstattenging. Die ersten fünf Minuten jeder Stunde zeigt die Trainerin ein paar Figuren. Danach schaltet sie die Musikanlage ein und gibt den Übungsraum für "freies Bewegen" frei. Die Kinder können nun, wie sie wollen, also hopsen sie und drehen sich - bis ihnen nach fünf Minuten nichts mehr einfällt. Dann hocken sie in Grüppchen zusammen, unterhalten sich, hüpfen und kichern. Die Trainerin zeigt sich derweil begeistert von jedem der zufälligen Schritte ihrer Schützlinge. Es sei noch die Zeit, in der man ganz ohne Zwang arbeiten müsse. Wer den Kindern jetzt den Spaß verleide, der vergraule ihnen später den Sport.

Meine Tochter würde aber gern etwas lernen. Nicht machen, was sie will, sondern etwas gezeigt bekommen. Es frustriert sie, dass sie beim Ballett nichts lernt. Zur jährlichen Abschluss-Show erscheinen die Mädchen dann bunt geschminkt, winken auf der Bühne unaufhörlich in Richtung der fotografierenden Eltern und gebärden sich sonst meist tapsig. Und die Eltern - wollen auch nur ihren Spaß haben.

Blutige Knie holen sich Kinder unter solchen Umständen nur selten. Sie stehen schließlich auch unter permanenter Observation. Auf den Spielplätzen geleiten die Mütter und Väter ihre Kinder hinten die Rutsche rauf und empfangen sie auch gleich wieder vorn beim Runterrutschen. Nicht selten tragen die Kinder dabei noch den Fahrradhelm. Streitigkeiten mit anderen Kindern verhandeln die Eltern nachsichtig gleich mit, bei Ärger oder Tränen wird sofort getröstet, und auf diese Weise geben die Erwachsenen nach Ansicht von Lori Gottlieb ihren Kindern subtil, aber einprägsam das Gefühl, dass sie gar nicht in der Lage sind, mit unbehaglichen Situationen selbst umzugehen.

Die Eltern blenden ihren Kindern gegenüber ein wesentliches Element ihrer eigenen Erwachsenenwelt aus, den Wettbewerb. Paradoxerweise hoffen sie, die Nachkommen gerade dadurch zum Erfolg zu führen. Also auf die Elite-Universitäten und in die großen Unternehmen, ausgerechnet jene Orte, an denen die Konkurrenz stärker kaum sein könnte, an denen es ständig Gewinner und Verlierer gibt. Nur bereitet man die Jugendlichen genau darauf immer weniger vor.

Die Kinder sollen es mal besser haben. Dieser Leitspruch gilt seit Generationen. Die Frage scheint heute, ob es den Kindern dafür auch permanent bestens gehen muss. Es ist fast tragisch, dass es sogar beim Glück zu viel des Guten zu geben scheint, vor allem in den westlichen Wohlstandsgesellschaften, für die der französische Soziologe Alain Ehrenberg einmal formulierte, das Leben sei dort nicht mehr auf das Erlaubte, sondern auf das Mögliche ausgerichtet. Da machen die Erwachsenen vor den Kindern nicht halt. Nur ist das Mögliche in gewisser Weise grenzenlos, und da verliert man schnell die Relationen.

Eine Medaille bedeutet da schon eine gewisse Orientierung - jedenfalls solange nicht alle eine kriegen.-

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