Ausgabe 10/2011 - Schwerpunkt Sinn

Alexander Artopé und Ansgar Oberholz im Gespräch

Tausche Sicherheit gegen Freiheit

- Es ist eigentlich ein alter Hut und gewinnt doch durch die Wirtschaftskrise an Aktualität: "Angestellte verlassen heute den traditionellen Arbeitsplatz und basteln sich ihr eigenes Berufsleben." So beschreibt das US-Magazin "The Atlantic" in der Sep-tember-Ausgabe, was es die industrielle Revolution unserer Zeit nennt: "Wir arbeiten nicht mehr 25 Jahre lang für dasselbe Unternehmen, warten auf die goldene Uhr und verlangen die Sicherheit einer Festanstellung." Stattdessen bestünden Lebensläufe heute daraus, Büros in Schlafzimmern oder Cafés zu gründen.

Der britische "Economist" sah die Hauptmotivation der neuen Gründergeneration schon 2009 darin, dass "der Gesellschaftsvertrag zwischen großen Unternehmen und ihren Angestellten gebrochen wurde". Noch in den sechziger Jahren hatten Menschen in den Industrienationen im Durchschnitt vier verschiedene Arbeitgeber, wenn sie 65 Jahre alt waren - heute im Alter von 30 schon acht. Dadurch habe sich die Einstellung der Menschen gewandelt, so das angesehene Wirtschaftsmagazin: "Wenn ein Job in einer großen Organisation so schnell verschwinden kann, erscheint er weniger attraktiv. Besser, man schafft sich seinen eigenen."

So dachte auch jene urbane Arbeits-Avantgarde, die der ehemalige Trendforscher Holm Friebe und der Werber Sascha Lobo vor fünf Jahren in ihrem Buch "Wir nennen es Arbeit" beschrieben. "Die digitale Boheme verzichtet dankend auf einen Anstellungsvertrag und verwirklicht mittels neuer Technologien den alten Traum vom selbstbestimmten Arbeiten", proklamierte das Duo. Und ganz offenbar hält der Trend an: Im vergangenen Jahr machten sich 940 000 Menschen in Deutschland selbstständig, acht Prozent mehr als 2009. Die Zahl der Gründungen im Nebenerwerb stieg 2010 sogar um 14 Prozent - viele Neu-Unternehmer probieren sich erst mal neben der sicheren Festanstellung aus, um später ganz in die Selbstständigkeit zu wechseln.

Die Berliner Stadtzeitschrift "Zitty" sah die neue Gründergeneration nicht ganz so zukunftsweisend. Zur Beschreibung eben jener jungen Kreativen, die ohne nachhaltige Berufsperspektive von Projekt zu Projekt mäandern und nicht selten in prekären Arbeitsverhältnissen landen, schlug sie mitleidslos den Begriff "Urbane Penner" vor. Heute klingen beide Bezeichnungen etwas angestaubt - aber die Zielgruppe gibt es nach wie vor.

Immer noch trifft sie sich gern im Café "Sankt Oberholz" in Berlin-Mitte, nutzt das freie drahtlose Internet, um per Google-Docs und Skype mit Gleichgesinnten zusammen zu arbeiten. Und doch hat sich etwas verändert: Aus den scheinbar ziellosen Projekten und halb garen Experimenten von vor ein paar Jahren sind inzwischen nicht wenige ernsthafte Unternehmen entstanden.

Für das US-Magazin "Wired" ist Berlin inzwischen eine der "heißesten Start-up-Hauptstädte Europas". "Berlin ist die Heimat einer neuen Generation wunderschöner Apps" lobten zeitgleich die Macher der "The Next Web"-Konferenz in ihrem Blog. Der Branchenreport "Techcrunch" schreibt, die Stadt habe eine zunehmend internationale Szene von Technologie-Gründern. Junge Unternehmen wie 6Wunderkinder oder Soundcloud nutzen die vielen Programmierer und Designer an der Spree, um Produkte zu erstellen, die weltweit erfolgreich sind. Newcomer wie Readmill oder Amen werden teils schon vor dem Start international gefeiert.

Was dran ist am Start-up-Boom, am selbstbestimmten Arbeiten und am neuen Laptop-Unternehmertum diskutieren für brand eins zwei Veteranen der Szene: Ansgar Oberholz, Betreiber des Cafés Sankt Oberholz, des Treffpunktes der digitalen Szene. Und Alexander Artopé, Geschäftsführer des Start-ups www.smava.de, das Kleinkredite an Gründer und Mittelständler vergibt (siehe brand eins 05/2008).

brand eins: Ist es heute einfacher geworden, sein eigenes Ding zu machen? Oder nur notwendiger, weil es immer weniger feste Jobs gibt?

Alexander Artopé: Die Veränderungen in Deutschland sind, was das Gründen angeht, schon gravierend. Es gab eine erste Internet-Gründergeneration so um 1999 herum, dann eine zweite, die 2004, 2005 angefangen hat, und jetzt entsteht gerade eine dritte. Die hat es in vielerlei Hinsicht einfacher, weil Kapital da ist und grundsätzlich eine größere Akzeptanz, so etwas zu tun. Als ich 1998 als BWL-Absolvent meine erste Firma mitgegründet habe, waren die Reaktionen erstaunt bis verständnislos.

Warum ist die Skepsis geschwunden?

Artopé: Vor allem, weil die Leute durch die Verwerfungen der vergangenen Jahre wissen, dass selbst eine Beschäftigung bei einem Konzern wie Eon innerhalb von zwölf Monaten wieder gekündigt werden kann. Und das löst bei den Menschen innerlich eine ganz andere Bereitschaft aus, sich selbstständig zu machen.

Also lieber gleich eine Firma gründen, weil die Festanstellung heute auch nur noch scheinbare Sicherheit bietet?

Ansgar Oberholz: Ich sehe das ein bisschen anders. Natürlich behält man nicht mehr ein und denselben Job bis zum Lebensende. Gut ausgebildete Studienabgänger, die etwas erreichen wollen, werden bis zur Rente sicherlich mehr Unternehmen durchlaufen als früher. Aber sie haben auch heute noch hohe Chancen, festangestellt zu bleiben. Die aus meiner Sicht größere Motivation, nicht mehr die klassische Unternehmenslaufbahn anzustreben, ist die größere Selbstbestimmtheit als Freiberufler oder Gründer. Die Menschen legen heute mehr Wert darauf, etwas zu tun, was sie erfüllt. Und tauschen dagegen Sicherheit ein.

Das ist zunächst einmal eine Behauptung. Warum sollten es nun plötzlich für Menschen wichtig werden, sich in der Arbeit zu verwirklichen?

Artopé: Ich glaube, sie wollten das schon immer. Aber heute kann zum Beispiel ein Berater wirklich nur mit Handy und Laptop seine Arbeit machen, er hat dann einen viel höheren Freiheitsgrad und mehr Selbstbestimmung. Die neuen Techniken haben in der Summe dazu geführt, dass eine einzelne Person in Geschwindigkeit und Effizienz Prozesse wie in einem größeren Unternehmen steuern kann. Nehmen Sie nur all die Korrespondenz, die früher ein Sekretariat erledigte. Deshalb bin ich ein großer Zukunftsoptimist: Die Menschen wollen und können vieles, aber gesellschaftliche Umwälzungen müssen von unten entstehen. Und oft ist es neue Technik, durch die sie freigesetzt werden denken Sie an die industrielle Revolution.

Oberholz: Auf jeden Fall spiegelt sich da wider, dass die Menschen - zumindest in westlichen Gesellschaften - stärker ihr Recht auf Glück betonen. Das zeigt sich auch in dem Trend zum Esoterischen und Mystischen.

Der Philosoph Alain de Botton nennt das Versprechen, Arbeit müsse uns glücklich machen, eines der größten Missverständnisse der modernen Zeit. Nun laufen die Menschen permanent einem unerreichbaren Ideal hinterher, wechseln Jobs, gründen Firmen und suchen die Schuld bei sich, wenn sie scheitern.

Artopé: Ich finde das eine furchtbare Aussage. Ich wäre kreuzunglücklich, wäre Arbeit für mich nur ein Job. Ich tue ja gerade das, was meine Leidenschaft ist. Ich glaube fest an den freien Willen und dass jeder Mensch in der Lage ist - im Rahmen seiner Möglichkeiten -, aus seinem Leben das zu machen, was er möchte. Oberholz: Ich kann der Aussage schon etwas abgewinnen. Nicht jeder kann - aus den verschiedensten Gründen - die Arbeit machen, die ihn erfüllt. Wenn jemand bei Aldi an der Kasse sitzt ...

... oder bei Ihnen im Café das Geschirr abwäscht ...

Oberholz: ... ja, vielleicht auch - also: Welchen Handlungsspielraum hat so jemand denn? Wenn man dem sagt, seine Arbeit soll ihn glücklich machen, dann ist das eher zynisch.

Artopé: Ich denke, die Menschen haben verstanden, dass das Leben heute nicht mehr so sicher planbar ist wie früher, in jeder Hinsicht. Man muss sich nur mal anschauen, was in den vergangenen zwölf Jahren passiert ist - von Terroranschlägen über Finanzkrisen bis zu Fukushima. So viele Gewissheiten, die man hatte, haben sich einfach erledigt. Die Erkenntnis dieser Unsicherheit schafft in Kombination mit neuer Technik eine ganz andere Bereitschaft zu reagieren. Ob man dann eher freiberuflich im Café arbeiten will oder doch lieber fest angestellt, ist immer auch eine Typfrage. Aber die Technik und die gesellschaftlichen Umwälzungen machen diese Wahl heute überhaupt erst möglich.

Oberholz: Wir sprechen da von gut ausgebildeten, motivierten Hochschulabgängern. Eine Kernfrage bleibt aber, ob die Selbstbestimmung durch die sozialen Schichten geht. Wahrscheinlich nicht.

Ist das freie, selbstbestimmte, technikgestützte Arbeiten nicht nur ein Klischee? Mit Bloggern hält man keine Volkswirtschaft am Laufen.

Oberholz: Diese Art zu arbeiten ist für Lebensläufe zeitlich beschränkt. Es ist eine Art Ausbildung. Wenn jemand zwei, drei Jahre lang als Blogger oder Freelancer für Agenturen und Startups arbeitet, landet er, wenn er sich gut anstellt, danach in der Festanstellung oder gründet selbst ein Unternehmen.

Aber dieses Stereotyp, dass da all diese jungen, klugen Leute in Ihrem Café bei Latte macchiato sitzen und twittern und über Projekte reden ...

Oberholz: ... das trifft voll zu. Es werden alle Klischees bedient. Aber das macht man eben nicht 20 Jahre lang. Es betrifft eine kleine Gruppe von Menschen, die zwar wächst - und bei denen übrigens auch große Unternehmen nach Ideen fischen, aber es ist nicht übertragbar auf die ganze Gesellschaft.

Ist es denn tatsächlich möglich, nur mit einem Laptop im Café zu sitzen und ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen?

Artopé: Absolut. Der Aufbau einer Internet-Firma ist heute um fünf- bis zehnmal günstiger als noch vor zehn Jahren. Grund dafür ist eine dramatische Kostenreduktion bei Soft- und Hardware, und dieser Trend wird sich fortsetzen. Kurzfristig gibt es immer eine Überschätzung der Möglichkeiten neuer Technik, mittelfristig werden sie eher unterschätzt. Dank neuer und kostengünstiger Technologien arbeiten Menschen heute viel flexibler und viel mehr auf Projektbasis als noch vor zehn Jahren.

Muss es unbedingt eine digitale Unternehmung sein? Das ist ja nicht für jeden die Selbstverwirklichung.

Artopé: Das ist auch nicht so, im Gegenteil - zu unseren Kunden gehören viele Handwerker, und ich bin immer wieder überrascht, wie unglaublich innovativ und kundenorientiert die sind. Das sind oft Menschen von Mitte bis Ende 20, die einen Betrieb in der zweiten oder dritten Generation führen, das Internet im Rahmen ihrer gesamten Arbeit voll integriert haben und damit Dinge tun können, die früher unmöglich waren. Es gibt in Deutschland knapp drei Millionen Einzelunternehmen und kleine selbstständige Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern, die genau das tun, worüber wir sprechen: selbstständig sein, sich selbst treu bleiben und tun, was man tun möchte.

Dennoch sind populäre Beispiele für Selbstverwirklichung durch Gründung meist Online-Shops für Selbstgebasteltes.

Artopé: Dann nenne ich Ihnen drei Gegenbeispiele, die wir mit Smava finanziert haben: den Steuerfachangestellten, der eine Idee zur Vereinfachung der Buchhaltung entwickelt hat. Den Taxi-Unternehmer, der ein Ranch-Resort in Texas gründet, wo man Urlaub wie ein Cowboy machen kann. Oder die IT-Fachkraft, die ein Yoga-Studio eröffnen will.

Menschen, die alle schon eine Beschäftigung haben ...

Artopé: ... mit der sie aber offenbar nicht glücklich sind. Und jetzt hilft ihnen das Internet, aus der Sicherheit der Anstellung heraus eine neue Existenz als Selbstständige auszuprobieren.

Sie empfehlen also, die Leidenschaft zum Job zu machen, aber nicht gleich alles hinzuwerfen und auf eine Karte zu setzen?

Artopé: Genau. Und das kann man eben heute dank vieler On-line-Tools erstmals. Aber egal, ob Internet-Start-up oder Handwerksbetrieb - die Motivation, sich selbstständig zu machen, ist eigentlich immer dieselbe: Jemand hat eine Idee und möchte sich selbst und anderen beweisen, dass diese Idee funktioniert.

Viele suchen Sinn als Sozialunternehmer oder bei Greenpeace.

Artopé: Das ist mir zu abgehoben. Jeder hat gewisse Ziele im Leben, und beim Handwerksbetrieb ist das zum Beispiel, den Betrieb, den man vielleicht vom Vater übernommen hat, weiter auszubauen und gute Produkte herzustellen. Das schafft auch Sinn. Oberholz: Ich mag die Idee des Grundeinkommens, das viel Selbstständigkeit und kreatives Potenzial in Bevölkerungsschichten freisetzen würde, wo das heute eben nicht möglich ist. Oder Frithjof Bergmanns Konzept der Neuen Arbeit, bei dem man ein Drittel seiner Zeit in Erwerbsarbeit steckt, ein Drittel in hochtechnisierte Selbstversorgung. Und zu einem Drittel macht, was man wirklich will - ein Buch schreiben, Bilder malen, auf Kinder aufpassen.

Ist das realistisch?

Oberholz: Das ist sicher nicht eins zu eins umsetzbar. Aber man kann ja mal experimentieren und sehen, wo man am Ende landet.

Ist Fest-angestellt-Sein nun keine Option mehr?

Oberholz: Es gibt in Unternehmen - vor allem wenn sie auf junge, qualifizierte Mitarbeiter angewiesen sind - schon den Trend, Strukturen zu schaffen, die in die Richtung der Freiheitsgrade gehen, die man als Selbstständiger hat.

Artopé: Mein Tipp für Hochschulabgänger ist, erst mal in einem jungen Unternehmen mit hoher Dynamik anzuheuern, weil es da flexible Strukturen gibt und man sofort eine Menge Verantwortung bekommt. Ich habe Mitarbeiter frisch von der Uni, die erst mal drei Jahre bei uns lernen und auf diese Weise sehen, ob ihnen das Start-up-Leben gefällt, und sich dann vielleicht selbstständig machen. Genau solche Leute suche ich.

Oberholz: Das geht uns in der Gastronomie genauso. Uns sind Auszubildende am liebsten, die sich nach der Lehre selbstständig machen wollen. Die arbeiten ganz anders und haben auch mehr unsere unternehmerische Denke.

Wie oft kann man sich im Leben realistisch neu erfinden?

Oberholz: Vielleicht drei-, viermal. Ich sehe mich zum Beispiel nicht als Gastronom, sondern als Unternehmer. Mich hat in meinen Selbstständigkeiten immer weniger der Content interessiert, mehr die Strukturen.

Und wenn man die verstanden hat?

Oberholz: Dann wird es irgendwann langweilig.

Wann hören Sie auf mit dem Café?

Oberholz: Na ja, erst mal beginne ich etwas Neues, meinen aktuellen Interessen entsprechend: neben dem Café jetzt ein Co-Wor-king-Office und Apartments, die ich häufig an Start-ups vermiete. Einen kleinen Buchverlag betreibe ich auch noch nebenher.

Artopé: Hast du je bereut, dich selbstständig gemacht zu haben? Oberholz: Natürlich gibt es Tage, da fragt man sich: Was mache ich hier eigentlich? Ich würde aber nie alles hinschmeißen und mich fest anstellen lassen. Ich würde höchstens hinschmeißen und sagen: Ich starte neu.-

Alexander Artopé (41), Geschäftsführer und Mitgründer des Online-Kreditmarktplatzes www.smava.de, ist in seiner Firma für Marketing, Strategie und Finanzen verantwortlich. Zuvor war er bis Mitte 2005 Vorstandsvorsitzender des Software-Unternehmens Datango AG, das er 1999 mitgegründet hatte. Davor arbeitete er nach seinem Betriebswirtschafts-Studium als Projektleiter und Mitautor für das Expertengremium European Communication Council (ECC). Das Gremium veröffentlichte 1999 unter der Führung von Professor Arnold Picot von der LMU München das Fachbuch "Die Internet-Ökonomie".

Ansgar Oberholz (38), brachte nach eigenen Angaben das Studium der Physik, Mathematik und Informatik, der Philosophie und leider auch das der Forensik, nicht zu einem erfolgreichen Abschluss. Zu groß waren die Ablenkungen seiner Nebentätigkeiten als Musiker, Software-Produzent und Betreiber einer Modelagentur. Von 1996 bis 2003 führte er die Werbeagentur Latif.Oberholz als Inhaber, Berater und Konzepter. Seit 2005 betreibt er in Berlin-Mitte das Café Sankt Oberholz, das als Treffpunkt der sogenannten digitalen Boheme und der Start-up-Szene gilt.

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