Ausgabe 10/2011 - Gute Frage

Ist die Computer-Wolke wirklich das nächste große Ding?

• Wolkenfotos haben Konjunktur in PR und Presse. Besonders gefragt ist das fluffige Schäfchenwölkchen Cumulus humilis. Schließlich muss eine Flut von Heiter-bis-wolkig-Texten zum Megatrend Cloud Computing bebildert werden. Eine ehrlichere Illustration wären allerdings Stratocumulus opacus oder Cirrostratus nebulosus – undurchsichtige Schicht- und Schleierwolken. Allzu viele Cloud-Vorschwärmer blicken nämlich selbst nicht durch. Mal heißt es, die Wolke sei "das Internet", mal "betreibt" ein IT-Konzern seine eigene Wolke. Wenn gar jemand im Brustton des digitalen Eingeborenen von der "Cloud-Technologie" erzählt, dann hat derjenige wirklich keinen blassen Dunst. Denn wenn es um eines nicht geht bei diesem Thema dann um eine neuartige technische Errungenschaft.

Dass ein so diffuses Gebilde wie die Wolke überhaupt zum Synonym für zukunftsweisende Informationsverarbeitung werden konnte, ist mit einem kognitiven Unfall zu erklären. Die Metapher war nämlich ganz anders gemeint. In den neunziger Jahren malten Computerexperten Wolken auf Powerpoint-Charts und Overheadfolien, wenn sie eine Außenwelt andeuten wollten, mit der ihr Rechner verkabelt war. Ihr PC stand im Mittelpunkt, den Rest der Welt, mit dem sie bei Bedarf Kontakt aufnehmen konnten, ließen sie hinter der Wolke verschwinden, weil er nichts zur Sache tat.

Datenkommunikation war noch ein teurer Luxus; der Fortschritt bestand darin, dass sie jederzeit möglich war. Später stand das Symbol für Peer-to-Peer-Netze, in denen viele Nutzer einander brachliegende Rechenleistung zur Verfügung stellten, um komplexe Aufgaben schneller zu lösen. Auch dabei war es egal, wo die anderen Computer standen.

Beim heutigen Cloud Computing ist es genau andersrum. Das Endgerät des Nutzers ist nicht mehr relevant; es reicht, wenn es eine Verbindung zum Internet herstellen kann. Das alles Entscheidende ist jetzt das riesige Rechenzentrum am anderen Ende der Funk- und Kabelverbindung, die Cloud eben. Server in Karlsruhe oder Kalifornien ersetzen unsere CD-Sammlung oder unser Familienalbum, unser Bücherregal oder unseren Aktenschrank.

Wer all diese Dinge einem Unternehmen anvertraut, möchte wissen, wo und wie sicher es diese virtuellen Schätze aufbewahrt. Dass sich in diesem Metier tätige Dienstleister mit dem Bild von der Cloud quasi hinter einer Nebelwand vor ihrer Kundschaft verstecken, ist für Larry Ellison absurd. In Anspielung auf das alte Branchenschimpfwort "Vaporware" (wörtlich: Dampfware, also leeres Marketinggeplapper) spottete der Chef des Software-Riesen Oracle schon vor zwei Jahren: "Wird Google etwa mit Wasserdampf betrieben? Nein, das sind Datenbanken und Mikroprozessoren und das Internet."

Die Tirade des Tycoons half nichts – vielleicht deshalb, weil viele seiner Kollegen dankbar waren für ein neues, universell verwendbares Buzzword. Léo Apotheker zum Beispiel, Chef des IT-Konzerns Hewlett-Packard (HP), verkündete kürzlich, er wolle für zehn Milliarden Dollar das britische Software-Haus Autonomy kaufen, das zu den führenden Innovatoren im Cloud Computing zähle.

Der PR-Coup gelang. Bei flüchtigem Hinsehen erschien die Story plausibel, genauerer Prüfung hält sie nicht stand. Das, was Autonomy wertvoll macht, hat zunächst nichts mit einer Cloud zu tun. Kerngeschäft ist ein Supergoogle für Firmen und Behörden. Damit können Revisoren oder Anwälte archivierte Text-, Bild- und Tondokumente aller Art nach unstrukturierten Informationen durchsuchen; die Software erkennt nicht bloß Stichwörter, sondern findet Sinnverwandtes. Die Cloud-Komponente ist das Banalste daran: Kunden müssen das teure Programm nicht mehr kaufen, sondern können es als Online-Dienst buchen – samt Auslagerung ihrer digitalen Archive in Rechenzentren.

Unverständlich wirkt Apothekers PR-Offensive, wenn man bedenkt, dass sich HP schon vor drei Jahren den wahren Vorreiter der Wolkenwirtschaft einverleibt hatte: Electronic Data Systems (EDS). Das vom texanischen IBM-Aussteiger Ross Perot vor knapp 50 Jahren gegründete Unternehmen wurde groß mit einem Geschäftsmodell, das wie eine Blaupause für die Cloud-Dienste der Gegenwart wirkt. Perots Kunden brauchten sich keine teuren Computer zu kaufen, mussten sich nicht um die Software kümmern und keine hoch bezahlten Spezialisten einstellen, die nur für den Fall bereitstehen, dass etwas schiefgeht. Ein Dienstleister, der für mehrere Unternehmen Daten verarbeitet – so die Idee – lastet Hardware, Software und Personal optimal aus. Der Kunde vermeidet hohe Fixkosten, bleibt flexibel und wälzt sein unternehmerisches Risiko ab.

Genau diese Argumente sind heute Standard bei Wolken-Anbietern – dabei ist die Methode in Wahrheit uralt. Als 1966 der Stuttgarter Buchhaltungsdienstleister Taylorix das erste Service-Rechenzentrum baute und Steuerberater in Nürnberg die EDV-Genossenschaft Datev gründeten, gab es für Mittelständler keine andere, bezahlbare Methode, Computer zu nutzen. Bis zur Einführung der PCs vor 30 Jahren wurden alle Eingaben von Datentypistinnen an "dummen" Terminals erfasst. Das Rechenzentrum verarbeitete den gesammelten Input über Nacht und schickte die Ergebnisse am nächsten Tag zurück – nicht selten per Post in Form langer Ziehharmonika-Listen auf grün-weißem Endlospapier.

Das Funktionsprinzip heutiger Cloud-Dienste ist ähnlich, wenn man davon absieht, dass sie nur noch Millisekunden benötigen für ungleich anspruchsvollere Aufgaben, den Output grafisch ansprechend in Farbe liefern und nicht nur Buchhaltern zu Diensten sind, sondern Menschen aller Berufe quer durch ihr Arbeits- und Privatleben.

Es gibt neuerdings sogar wieder ein minimalistisches Eingabegerät, das ohne Internetverbindung zum Zentralcomputer nichts kann, nicht einmal die Daten lokal sichern – das Chromebook, ein Gemeinschaftsprodukt von Google und Samsung. Doch das festplattenlose Gerät scheint ein Flop zu werden: So praktisch es ist, sich nicht mehr mit Software-Updates plagen zu müssen, so ungern geben die Nutzer den letzten Rest ihrer Autarkie auf.

Auch bei Unternehmern sind die Vorbehalte groß: Niemand liefert sich gern Dienstleistern aus, die womöglich pleitegehen oder an den Falschen verkauft werden; die den gebuchten Dienst einstellen, weil er ihnen nicht genug Rendite abwirft, oder ihn drastisch verteuern; oder die ihre Datenbanken nicht ausreichend vor Hackern und Erdbeben schützen.

Wer die Kontrolle über seine IT-Systeme lieber nicht aus der Hand gibt, muss aber deshalb nicht auf die Vorteile der Cloud-Idee verzichten. Sie funktioniert auch in kleinem Maßstab, etwa mit einem Server, der im Keller der eigenen Firma steht. Das spart eine Menge Verwaltungsaufwand, weil Updates nicht mehr auf jedem einzelnen PC und Notebook installiert werden müssen, sondern nur noch auf dem Server. Teure Programme, die man nur sporadisch braucht, kann man dann immer noch ganz nach Bedarf bei einem externen Software-as-a-Service-Anbieter mieten. Das muss kein milliardenschwerer Multi sein, er kann seinen Sitz in der nächsten Kreisstadt haben.

Auch wenn die Großen der Branche gern alles zentralisieren und ihre Marktmacht zementieren würden: Technisch sind keine Riesen-Gebilde nötig. Nur das Bild von der großen Wolke passt dann überhaupt nicht mehr.

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