Ausgabe 10/2011 - Schwerpunkt Sinn

Innere Kündigung

- "Generation XL", "Generation Praktikum", "Generation Y" -Markt- und Meinungsforscher mögen solche griffigen Definitionen, um Menschen zu verschlagworten. Und wir inzwischen wohl auch. Wir haben uns daran gewöhnt, nein mehr noch, wir lechzen geradezu danach, dass sie uns regelmäßig den Puls fühlen und dann griffige Slogans an die Hand geben. Warum? Damit wir wissen, wie wir sind und was wir von uns selbst erwarten können. Die Marktforscher machen damit jedes Jahr Milliardenumsätze. Kaum ein Wochenende vergeht ohne die sorgenvolle Sonntagsfrage "Was wäre wenn ...?" Und kein Unternehmen wagt es, eine Konservendose in ein Supermarktregal zu stellen, ohne vorher Studien in Auftrag zu geben. Und wenn ein Marktforscher wie der Psychologe Stephan Grünewald ein Buch mit dem launigen Titel "Deutschland auf der Couch" veröffentlicht, jubeln Feuilletonisten über ein "Psychogramm der Deutschen".

Glaubt man Stephan Grünewald, haben wir es bei den jungen Deutschen mit einer "Generation Biedermeier" zu tun, die vom eigenen Häuschen mit Garten träumt, einem verlässlichen, treuen Ehepartner und zwei Kindern. Hund und Auto wären auch ganz schön.

Während in anderen Teilen der Welt die junge Generation reihenweise Diktatoren vertreibt oder für bessere Lebensbedingungen auf die Straße geht, scheint das Revolutionärste, was der junge Teil der deutschen Gesellschaft derzeit hervorzubringen vermag, ein Satz zu sein wie "Bums mit jedem, den du finden kannst, dann bleibst du in der Übung". Diese Einsicht stammt von der Autorin Charlotte Roche, und manche nennen sie, halb ironisch "Missionarin". Vergegenwärtigt man sich, dass im Nachbarland Frankreich eine Streitschrift wie "Empört Euch!" von Stéphane Hessel die Debatten dominierte, so scheint es in Deutschland keine größeren Sorgen zu geben.

Die Shell-Jugendstudie kam im vergangenen Jahr zu einem ähnlichen Ergebnis. In der Untersuchung, die der Konzern alle vier Jahre in Auftrag gibt, weil das Unternehmen nach eigenen Angaben "zur Weiterentwicklung des Gemeinwesens" beitragen will, äußerten sich mit 59 Prozent bedeutend mehr junge Leute zwischen 12 und 25 Jahren optimistisch über ihre Zukunft als noch vier Jahre zuvor (50 Prozent).

Allerdings sagen sie auch, dass die Wohlstandsgesellschaft ihren Zenit überschritten habe. Mehr als drei Viertel der Jugendlichen (76 Prozent) suchen stattdessen ihr Glück in der Familie. Und nur 40 Prozent zeigten Interesse an der Politik - einer der niedrigsten Werte seit 1984. Nur 2002 und 2006 war das Interesse noch geringer.

Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, stellte fest, dass die älteren Bundesbürger die Entwicklung Deutschlands seit dem Zweiten Weltkrieg positiver bewerteten als die jüngeren.

Stephan Grünewald hält die Gemengelage für einen Ausdruck enormer Systemskepsis. Die heutige Jugend, sagt er, habe nicht wie die 68er-Generation das Gefühl, sie müsse aus einer engen, zementierten Welt ausbrechen und sich Freiheiten erkämpfen. "Sie haben im Gegenteil das Gefühl, die Welt sei allzu offen, zerrissen, in sich desolat. Die Familienstrukturen brechen auseinander. Jeder kennt, entweder unmittelbar oder aus dem Umfeld, Patchwork-Familien und alleinerziehende Mütter." Die Sicherheitslage seit dem 11. September 2001 , so Grünewald, würde wie die Wirtschaft und die Finanzsysteme seit der Krise 2008 als völlig unberechenbar eingeschätzt. Das alles führe dazu, "dass man eine ungeheure Sehnsucht hat, diesem Brüchigen und Zerrissenen zu entkommen, und dass man wieder klare, geordnete, wertbeständige Verhältnisse entwickelt. Was die Jugend am meisten schätzt, ist Verlässlichkeit."

Grünewald und seine Kollegen befragen jedes Jahr rund 7000 Menschen in Deutschland. In jeweils zweistündigen sogenannten tiefenpsychologischen Interviews, bei denen es vordergründig darum geht, für die jeweiligen Auftraggeber mal die beste Verpackung für Mineralwasser-Sixpacks, mal die praktischste Zubereitung von Baby-Fertignahrung zu testen, wollen sie auch ein umfassendes Bild der Befindlichkeit einer Gesellschaft zeichnen. Deutschland im Herbst 2011, das ist nach Grünewalds Urteil eine Gemeinschaft, die den "heiteren Fatalismus" pflegt. Egal, ob jung oder alt. "Wir leben so vor uns hin, glauben aber nicht mehr an eine kontinuierlich prosperierende Zukunft."

Dabei hat Deutschland sich so schnell wie kein anderes europäisches Land von der Finanz- und Wirtschaftskrise erholt. Die Arbeitslosenquote sinkt. Auch wenn die Wirtschaft bis zum Ende des Jahres nicht mehr so brummen wird wie noch in den ersten sechs Monaten und die Unternehmer ihre Erwartungen zurückschrauben, erklimmt Deutschlands wichtiges Konjunkturbarometer, der Ifo-Geschäftsklimaindex, Monat für Monat Höhen, wie sie in den 20 Jahren seit der Wiedervereinigung nur ganz selten erreicht wurden.

Die Menschen beklagen sich nicht, haben Forscher festgestellt. Aber sie wissen nicht, wie es weitergeht. Sie haben auch keinen rechten Plan für die Zukunft. Und weil das so ist, bekommt das individuelle Glück umso größeres Gewicht.

Nun ist es mit sozialwissenschaftlichen Studien immer so eine Sache. Wer nach Einstellungen und Befindlichkeiten fragt, bekommt, das müssen selbst die Experten anerkennen, nicht unbedingt trennscharfe Ergebnisse. Wo genau hört der Pessimismus auf, und wo fängt der Optimismus an? Und ist der Optimismus des einen Befragten mit dem des anderen zu vergleichen? Schließlich fallen die Antworten mitunter auch ganz unterschiedlich aus, wenn die Fragen nur leicht verändert werden. Dieselbe Shell-Jugendstudie, die den Jugendlichen ein wenig ausgeprägtes politisches Interesse attestiert, stellt fest, dass 77 Prozent sich an Unterschriftenaktionen beteiligen würden. Dies allerdings vor allem dann, wenn es um persönliche Belange geht.

Unabhängig von den jeweiligen Motiven für die Befragungen kommen die Forscher aktuell zu dem Ergebnis: Der Einzelne entkoppelt sein Schicksal von dem der Gesellschaft als Ganzes. Von "Zwangsoptimismus" spricht in dem Zusammenhang Klaus Dörre, Sprecher des Jenaer Zentrums für interdisziplinäre Gesellschaftsforschung. "Andernfalls müssten sich die Leute aufgeben", sagt er. "Die Gleichen, die ihre persönliche Zukunft optimistisch beurteilen, lassen - wenn man sie nach der Gesellschaft fragt oder nach dem Wirtschaftssystem - erkennen, dass sie die Gesellschaft für höchst ungerecht halten und dass Veränderungen dringend nötig sind."

Dörre hat in seinen Untersuchungen festgestellt, dass diese Haltung bei Menschen in den westlichen Bundesländern fast ebenso gilt wie in den östlichen. Bei der Belegschaftsbefragung eines Unternehmens aus der Metall- und Elektroindustrie stimmten im Osten 70 Prozent der Befragten vollständig, eher oder zumindest teilweise dem Statement zu, die heutige Wirtschaftsweise sei "auf Dauer nicht überlebensfähig". Im Westen waren beinahe drei Viertel der Mitarbeiter eines Automobilherstellers der Meinung, dass der Wohlstand besser verteilt werden müsse. Dass das herrschende Wirtschaftssystem auf Dauer nicht überlebensfähig sei, fand immerhin mehr als die Hälfte der Befragten.

Die Ruhe vor dem Sturm?

Unsere Nachbarn reiben sich ob solcher Kritik die Augen, gilt Deutschland dort doch als wirtschaftliches Schlaraffenland, während wir den Franzosen gern eine quasi angeborene Leichtigkeit des Seins attestieren. Die Einschätzung dürfte allerdings unter anderem daran liegen, dass wir deren Savoir-vivre missverstehen. Was auf Deutsch nämlich gern als Fähigkeit, das Leben zu genießen, übersetzt wird, heißt tatsächlich nichts anderes, als sich gut zu benehmen. Das Geheimrezept für das Schwelgen im Schlaraffenland ist auch jenseits des Rheins noch unbekannt. "Es stimmt zwar, dass wir ein gutes Essen und ein gutes Glas Wein dazu schätzen", sagt der Gesellschaftsforscher Jean-Daniel Lévy vom Institut Harris Interactive France. "Aber das reicht eben nicht."

Frankreichs Jugend fühlt, dortigen Studien zufolge, ähnlich wie die deutsche. Nach ihrer persönlichen Zukunft gefragt, äußerten sich in einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CSA 77 Prozent optimistisch. Aber nur 20 Prozent sagten dies auch über die generellen Zukunftsaussichten für Frankreich. 66 Prozent sahen da eher schwarz.

Gerade die gefühlte Ohnmacht der Jugend muss eine Gesellschaft interessieren. Frankreich hat in den vergangenen Jahren immer wieder Aufstände von ähnlicher Wucht erlebt wie jüngst Großbritannien. Noch während dort Geschäfte geplündert wurden und Autos in Flammen aufgingen, tauchte hierzulande sofort die bange Frage auf: Könnte so etwas auch bei uns passieren? Was, wenn der Rückzug ins Private und das Pflegen kleinbürgerlicher Werte ein Tsunami wäre, der sich gerade aufs Meer zurückzieht, um dann mit umso verheerenderer Kraft wiederzukehren?

"Niemand kann das wirklich ausschließen", sagt der Soziologe Dörre. "Das Frustrationspotenzial ist da." Anders als in Großbritannien mit seiner stark konturierten Klassengesellschaft gebe es in Deutschland aber - noch - einen wichtigen Unterschied. "Das gesellschaftliche Leitbild ist der Unternehmer seines eigenen Arbeitsvermögens. Die Botschaft, die dahintersteckt, ist die, dass, wer klug und kreativ genug ist und sich anstrengt, auch den Sprung in bessere Verhältnisse schaffen kann." Zumindest nach einer Übergangszeit. Das gilt für Dörres Absolventen, die sich mit wenigen Ausnahmen alle eine Festanstellung wünschen, aber wissen, dass sie sich erst einmal durch eine Lebensphase der Unsicherheit kämpfen müssen. Das gilt für den Leiharbeitnehmer, und das gilt sogar für die von den Unternehmen angeblich so händeringend gesuchten Facharbeiter. Selbst sie werden vor einer Übernahme oft erst einmal auf Herz und Nieren in einem prekären Arbeitsverhältnis geprüft. Der französische Soziologe Luc Boltanski hat dafür den Begriff der "institutionalisierten Bewährungsproben" geprägt.

Doch was ist mit jenen, für die die Warteschleife solcher Bewährungsproben zu nichts führt? Oder was ist, wenn immer mehr zu diesem Prozess keinen Zugang mehr finden? Der einst gepriesene soziale Ausgleich des Rheinischen Kapitalismus hat Schlagseite bekommen. Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wächst.

Nach Angaben der Industrieländerorganisation OECD legten die Einkommen jener zehn Prozent der Haushalte am oberen Rand in den zurückliegenden 20 Jahren um ein Vielfaches schneller zu als das jener zehn Prozent am unteren. Erstere verfügen heute über beinahe elfmal so viel Geld wie Letztere. Als armutsgefährdet galten 2008 nach der letzten Erhebung 15,5 Prozent der Deutschen. 2004 waren es 13 Prozent. Und auch wenn solche Statistiken immer mit Vorsicht zu genießen sind -, fest steht, dass laut dem jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zehn Prozent der Bevölkerung 56 Prozent des Vermögens besitzen.

Die heutige Jugend in Deutschland ist in Jahrzehnten des Wohlstands aufgewachsen. Selbst die Finanzkrise änderte daran nichts. Doch sie scheint sich dessen bewusst, dass sie nicht so weiterwirtschaften kann wie die Generationen vor ihr, um den eigenen Wohlstand zu mehren. "Die Jugendlichen wachsen in eine Krisensituation hinein, die historisch neu ist", sagt Dörre. "Wir nennen das ökonomisch-ökologische Doppelkrise. Die ökonomische Krise ist als solche bereits schwierig genug. Doch die gleichen Mittel, die normalerweise zur Überwindung der Krise angewendet werden, werden mit Sicherheit etwas erschaffen, was ökologisch schwierig wird." In der Shell-Jugendstudie bezeichneten rund drei Viertel der Befragten den Klimawandel als gravierendes, wenn nicht sogar existenzbedrohendes Problem. "Ich glaube", sagt Dörre, "es gibt ein diffuses Empfinden, dass diese Art von Krise, die wir erleben, den Typus von Wachstumsgesellschaft beendet."

Kommen nun die Verteilungskämpfe? Klaus Dörre macht bereits eine "Tendenz zu exklusiver Solidarität" vor allem bei denjenigen aus, die ihre gesellschaftliche Position bedroht fühlen. "Am stärksten verbreitet ist sie bei Produktionsarbeitern. Für sie gehört der Leiharbeiter nicht zur Betriebsfamilie, und man ist auch dafür, mehr Druck auf Langzeitarbeitslose auszuüben. Obwohl man Hartz IV eigentlich ablehnt, weil einen das ja auch selbst treffen könnte."

Auch der Psychologe Grünewald hat bei den Jugendlichen eine "rigide Abgrenzung von Hartz-IV-Empfängern" als vermeintliche Versager ausgemacht. "Wir haben im Moment aus Sicht der Jugend eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der das unbewusste Ethos lautet: Wenn wir nett, angepasst und strebsam sind, verhindern wir, dass wir in die zweite Klasse abrutschen. Die, die in der zweiten Klasse sind, sind selbst schuld. Man solidarisiert sich nicht mehr, sondern man tritt nach. Aus Selbstschutz. Wenn die selbst schuld sind, habe ich die Fiktion, dass ich dem Absturz entkommen kann."

Deutschlands Jugend, so das Bild der Meinungsforscher, scheint die Dinge sehr zielgerichtet und doch gleichzeitig desillusioniert anzugehen. Wenn sie das Gefühl habe, auf das große Ganze nicht einwirken zu können, akzeptiere sie die geltenden Spielregeln. Es herrsche die Haltung, so Stephan Grünewald: "Wir knien uns so richtig rein und machen alles. Aber dafür wollen wir dann auch die Gewähr haben, dass wir mitmachen dürfen." -

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