Ausgabe 10/2011 - Schwerpunkt Sinn

Da geht noch was!

- In der weiß gekachelten Versuchsküche haben die Produktentwicklerinnen ein Dutzend neuer Kreationen aufgefahren, die jetzt vor dem Geschmacksurteil ihrer Chefin bestehen müssen. Eine der Damen sagt kurz an, Ulrike Petermann beißt ab, kaut und entscheidet - manchmal noch vor dem Runterschlucken -, schnell, präzise und endgültig.

Muffins mit Beeren.

"Die Beeren gehen völlig unter. Wenn man nicht weiß, dass welche drin sind, schmeckt man die nicht. Nein, das wird nichts."

Amerikaner, mit Weincreme gefüllt.

"Schmeckt ziemlich durch, die Weincreme. Aber sehr lecker. Richtig gut."

Muffins mit Trockenfrüchten und Rübensirup.

"Bisschen trocken." - "Mehr Früchte rein?", fragt die Produktentwicklerin vorsichtig. "Nein, dann fällt's auseinander", kommt sofort die Antwort. "Da müssen wir noch mal ran."

Vier Jahre ist diese Verkostung her. Ulrike Petermann war damals Marketingchefin von Kathi, Deutschlands zweitgrößtem Hersteller von Backmischungen, sozusagen der ostdeutsche Dr. Oetker. Ein Familienunternehmen mit Sitz in Halle an der Saale, gegründet von Ulrike Petermanns Großmutter, zu DDR-Zeiten enteignet und nach der Wende wieder privatisiert. Ihr Vater, der die Rückübertragung in zähem, zuweilen kafkaesk anmutendem Kampf durchsetzte, bekam darüber einen Herzinfarkt.

Ulrike Petermanns Job war es, dafür zu sorgen, dass Kathi-Backmischungen in jedem deutschen Supermarktregal stehen, auch im Westen, und zwar neben den Produkten des Marktführers Dr. Oetker und nicht bei den Billigartikeln. In ihrem Tageswerk ging es um Marktanteile, um die Verkaufszahlen der neuen kalorienreduzierten Wellness-Kuchen und um den gestiegenen Nusspreis, der jede verkaufte Packung Nusskuchen auf einmal zu einem Verlustgeschäft machte.

Alle paar Wochen sonntags packte die Managerin frühmorgens Bibel, Gesangbuch und einen schwarzen Talar ein, stieg in ihren rotes Auto und fuhr in den Westen Brandenburgs, in kleine Dörfer, die Reppinichen, Jeserig oder Schlamau heißen, zum Beten, Singen und Predigen. Sie vertrat die dortige Pfarrerin, die sich um sieben Predigtstellen kümmern musste.

Ulrike Petermann, 37 Jahre, Mutter von vier Kindern, die heute zwischen sechs und vierzehn Jahre alt sind, war einst auf dem besten Weg zur Pfarrerin. Das Erste Examen hatte sie schon; es fehlte noch das Vikariat. Aber immer wieder nagte der Zweifel: Bin ich zur Pfarrerin berufen? Kann ich das? Will ich mir die Ochsentour auf acht oder zehn Predigtstellen antun? Als rasende Seelsorgerin ohne Zeit für Seelsorge? Drei-, viermal am Tag dieselbe Epistel, dieselben Psalmen, dieselben Lieder? Auch das damals vom Vater geführte Familienunternehmen zerrte an ihr. In ihr wogte es hin und her, zwischen Froher Botschaft und Backvergnügen. Sie entschied sich für die Firma - ohne die Theologie ad acta zu legen. Ihre sonntäglichen Einsätze als Predigerin empfand sie fortan als Verbeugung vor den lieb gewonnenen Dorfgemeinden. Sie hatte eine Entscheidung für die Firma getroffen, sagte sie, nicht gegen Gott.

Petermann verkündete nie Geburten im Gottesdienst, immer nur Todesfälle. Die Bilanz eines Vormittags in den Gemeinden, das waren manchmal zwei Dutzend fromme Seelen in drei Kirchen. In ihrer Firma dagegen war der Erfolg messbar. Sichere Arbeitsplätze für fast 100 Menschen, jedes Jahr Lehrstellen für ein Dutzend Jugendliche. Und ein Sonntagskuchen für Millionen.

Der schnelle Krebstod ihrer Mutter vor zwei Jahren brachte die Welt der Ulrike Petermann ins Wanken. Sie nahm eine längere Auszeit und dachte darüber nach, wie es weitergehen sollte mit ihrem Leben. Am Beispiel der Mutter hatte sie gesehen, wie schnell alles vorbei sein kann. Im Unternehmen hatte sie noch mindestens 20 Jahre Backmischungen vor sich. "Ist das richtig? Soll es das dann irgendwann gewesen sein?", fragte sie sich. Sollen Beeren in die Muffins oder nicht?

Ihre Antwort war: "Ich wollte nicht weiter etwas machen, nur weil ich es angefangen habe oder weil die Familie es so möchte." Sie fühlte sich wie ein Kind, das seine Ersparnisse zählt und sich fragt: Was hast du denn an Schätzen - und was fängst du damit an? "Damit ich zum Schluss sagen kann: Das und das habe ich gemacht - und so war es gut."

Wieder traf sie eine Entscheidung, diesmal gegen die Firma. Ihr neuer Weg führt die beiden bisherigen - geistliches Leben und Wirtschaft - zusammen. Seit einem Jahr leitet sie die Öffentlichkeitsarbeit zweier Stiftungen unter dem Dach der Diakonie in Halle und Magdeburg. Einiges ist noch Baustelle; es kostet Zeit, sich einzufinden in das Netzwerk aus Krankenhäusern, Hospiz, Poliklinik, Behindertenwerkstätten, Altenhilfe und Demenzfürsorge. Früher ging es um Dinge wie die Markteinführung der Pizza Grandiosa, jetzt geht es um Leben und Tod, um krebskranke Kinder, Menschen in ihren letzten Lebenswochen. Die Grundhaltung sei eine völlig andere, sagt Petermann. "Man kann an ein Hospiz ja nicht so herangehen wie an eine Backmischung, die man aus dem Sortiment wirft, wenn sie sich schlecht verkauft."

Manches aus ihrem Handwerkszeug-Sortiment der Kathi-Welt hat sie trotzdem mitgenommen in ihre neue Arbeit. Gerade sitzt sie an der Marketingplanung des kommenden Jahres für das Thema Demenz. Wie vermittle ich unsere Dienstleistungen den Redaktionen? Wer sind dort meine Ansprechpartner? Wie weit soll ich unsere Einrichtungen für Journalisten öffnen? Bei anderen Themen muss sie weniger kurbeln. "Hospiz und Trauerarbeit ziehen Journalisten an", sagt Ulrike Petermann, "die gehen gut."

Die Drähte zum Familienunternehmen, das heute von ihren beiden Brüdern geführt wird, hat sie fast vollständig gekappt. Sie ist noch Mitgesellschafterin, hält sich aber aus allen Entscheidungen über den Kurs von Kathi heraus. Und nicht nur das: "Ich weiß nicht, welche neuen Backmischungen im nächsten Jahr auf den Markt kommen - und ich probiere auch nicht jedes neue Kathi-Produkt aus, das ich im Regal entdecke."

Sonntags fährt sie immer noch zum Predigen nach Schlamau, Reetz und Medewitz. "Das gehört zu meinem Leben", sagt sie, "das möchte ich nicht missen." Es gibt Sonntage, im Winter vor allem, da wartet sie vergeblich auf Kirchgänger. Wenn niemand kommt, spricht sie ein schnelles Gebet, stellt die Heizung in der Kirche wieder aus, schließt ab und fährt weiter. -

- Joachim Voges erinnert sich noch gut an jene Schulleitertagung in Celle vor acht Jahren. Fasziniert hörte er dem Niederländer Fré Weerts zu, der seinen deutschen Kollegen etwas für sie revolutionär Neues vorstellte - die "periodiek kwaliteitsonderzoek". Zu Deutsch: Schul-TÜV. Mit Erstaunen vernahm Voges, dass die niederländischen Schulbehörden speziell ausgebildete Inspektoren durch die Klassenräume des Landes streifen ließen, damit sie den Schulen einen Spiegel vorhalten: Sind wir so gut, wie wir denken? Wo liegen unsere Stärken? Und wo müssen wir uns verbessern? Voges, damals Konrektor einer Grund- und Hauptschule im niedersächsischen Einbeck, war sofort infiziert von der Idee. Er, der es selbst als Schüler nicht leicht hatte, war einst mit dem Ziel angetreten, "ein guter Lehrer für schlechte Schüler zu werden". Bis heute ist das sein Anspruch an die Lehrerschaft geblieben. Aber es existierte kein objektiver Maßstab für einen guten Unterricht. Und jetzt zeigten die Niederländer, dass es tatsächlich möglich war zu überprüfen, wie es um die Qualität einer Schule bestellt ist. Voges dachte: "Total spannend - aber bei uns leider völlig unrealistisch. So was kriegen wir mit unserem deutschen Beamtentum niemals hin."

Zwei Jahre später las Joachim Voges im "Schulverwaltungsblatt", dass Niedersachsen Personal zum Aufbau einer landesweiten Schulinspektion nach niederländischem Vorbild suchte. Es ging also doch. Er selbst hatte sich seit einiger Zeit gefragt: Geht da noch was? Wollte er bis zu seiner Pensionierung Konrektor in Einbeck bleiben? Schließlich hatte er sich stetig weiterqualifiziert, einen Aufbaustudiengang Musik absolviert und eine mehrjährige Ausbildung zum Coach abgeschlossen. Auf eine Rektorenstelle mochte er sich allerdings nicht bewerben. Auf Dauer, sagt Voges heute, "hätte ich mich mit zu vielen Dingen befassen müssen, die mir nicht so sehr liegen". Einen Haushalt aufstellen, zum Beispiel. Oder Baumaßnahmen planen und überwachen.

Seit sechs Jahren zieht Joachim Voges - immer mit einem Kollegen oder einer Kollegin - als Schulinspektor durch die niedersächsischen Lande. "Der Schul-TÜV kommt!", raunt es schon Wochen vorher über die Flure, als bräche eine biblische Plage über die Schule herein. Voges klopft an Klassentüren, setzt sich in die hinterste Ecke, sieht zu, hört zu. Kein Lehrer weiß im Voraus, wann der Inspektor kommt. Voges will keine vorbereiteten Show-Stunden bewundern, sondern alltäglichen Unterricht erleben. Er durchleuchtet die Schule wie mit einem Röntgengerät. Spricht mit der Schulleitung und den Pädagogen, mit Elternvertretern, dem Hausmeister und der Sekretärin. Und mit den Kindern und Jugendlichen natürlich, die ihm erzählen, "dass der Ein-Euro-Arbeiter mit den Schülern raucht" und "wir in Geschichte seit drei Jahren nur Hitler machen". Er begutachtet Gänge, Wände und Pausenhof, wirft einen Blick in die Toiletten, inspiziert die Ausstattung von Chemie- und Computerraum. Nach und nach fügt er die Mosaiksteinchen aus vorbildlichen und kläglichen Unterrichtsstunden, aus beiläufigen Beobachtungen und gezielten Gesprächen zu einem Spiegelbild der Schule zusammen. Ein Computerprogramm ermittelt aus den Einzelnoten das Gesamtergebnis der Schule.

Wer Voges bei einer Inspektion beobachtet, zumal an einer nicht so guten Schule, muss den Eindruck gewinnen, dass hier ein Mensch seine Bestimmung gefunden hat. Er freut sich, wenn er eine tolle Unterrichtsstunde gesehen hat, wenn etwa ein Mathematiklehrer die Fixen mit Karacho durch Division und Multiplikation jagt, aber auch durch die Reihen geht und den Langsamen hilft. Nichts entgeht Voges' wachem Blick. Er ist auch unerbittlich, wenn er lustlosen Unterricht sieht, pflichtgemäß abgespult beim Warten auf das Ende der sechsten Stunde, auf die Ferien, das Schuljahresende, den Ruhestand. Er malt viele Minus-Kringel auf seinen Beobachtungsbogen, als er fassungslos mitansehen muss, wie ein Englischlehrer, ein junger Mann, frisch von der Uni, in der neunten Klasse einer Hauptschule die Schüler fast die ganze Stunde lang im Buch die neuen Vokabeln eines Textes über Indianer unterstreichen lässt. Einige haben kein Buch dabei, teilnahmslos gucken sie durch die Gegend. Diejenigen, die fertig sind, sollen den Text noch mal lesen. Und dann noch einmal. Zwischendurch guckt der Lehrer immer wieder auf die Uhr. "Das ist schon bitter", sagt Voges anschließend, "wenn man für eine Unterrichtsstunde bescheinigen muss, dass die Schüler eigentlich nichts gelernt haben."

Er blickt auf sechs erfüllte Jahre in Diensten der Schulinspektion zurück. Trotzdem möchte er sich "wegbewerben" - auf eine Stelle als Dezernent bei der Landesschulbehörde. Ein Rückzug auf einen ruhigen Posten, auf dem sich die letzten Jahre bis zur Pensionierung überdauern lassen? Keineswegs. Voges hat in den vergangenen Jahren 130 Schulen begutachtet. Er hat den Schulleitungen einen Spiegel hingestellt - und musste sie anschließend mit dem Spiegelbild allein lassen.

Für den Therapieplan ist die Schulinspektion nämlich nicht zuständig. Voges konnte den begutachteten Schulen, vor allem jenen, die er "unter Standard" bewertet hat, nicht helfen, wieder nach vorn zu kommen. Die dringend benötigte Unterstützung konnte er nicht geben, nicht für einen besseren Unterricht sorgen, schwache Schulleiter nicht coachen. All dies ist Aufgabe des schulfachlichen Dezernenten. "Als Inspektor ist man so eine Art Thermometer", begründet Voges den angestrebten abermaligen Seitenwechsel, "es zeigt die Temperatur an, kann sie aber nicht beeinflussen. Der Dezernent dagegen ist der Thermostat, mit dem sich die Temperatur auch steuern lässt." -

- "Diese Arbeit ..." - Katalin Geis holt noch einmal Luft -, "die war so unglaublich sinnlos und dumm." Ein Satz wie ein Fallbeil. Die Inhaberin des Hamburger Unternehmens Kaleidos-Globe Relocation Services, ein Spezialist für die Auslandsentsendung weltweit mobiler Führungskräfte, hat sich auf eine kleine Zeitreise zu den beruflichen Stationen ihrer Vergangenheit begeben - und ist in den neunziger Jahren angekommen. Als Programmbeobachterin bei der Medienanstalt Hamburg-Schleswig-Holstein begutachtete die heute 49-Jährige damals Schmuddelfilme und Vorabend-Soaps, prüfte TV-Sendungen auf Werbeverstöße und auf die Einhaltung des Jugendschutzes.

Es war eine bleierne Zeit, erinnert sie sich. Den größten Teil des Tages saß sie in ihrem lichtdurchfluteten Büro nahe dem Hamburger Rathaus vor dem Fernseher und schaute Videos. War der Coca-Cola-Schriftzug bei einer Fußballübertragung womöglich mehr als dreimal zu sehen? Ein Fall von unerlaubter Produktplatzierung. Sagte in einer Fernsehsendung schon am Vorabend jemand "ficken"? Ein Verstoß gegen den Jugendschutz. Immer wieder musste Geis lange Berichte schreiben, die anschließend vor Gremien, deren Mitglieder bedenklich und bedeutungsschwer die Köpfe wiegten, seziert wurden. "Was bringt das alles?", fragte sie sich schon bald. Sie wusste ja, dass viele Kinder sechs oder acht Stunden am Tag vor dem Fernseher sitzen, weil es ihren Eltern schlicht egal ist oder sie mit der Erziehung total überfordert sind. War diesen Kindern geholfen, nur weil sie sich dafür einsetzte, dass sich keine Schleichwerbung einschlich oder dass hier und da eine nicht ganz jugendfreie Szene aus einem Film herausgeschnitten wurde? Hatte sie Sprachlehrforschung studiert, um in einer Hierarchie abzustumpfen? "Ob ich da saß oder nicht, machte absolut keinen Unterschied", sagt sie heute. "Das war wirklich reine Zeitvergeudung."

Dabei hatte sie schon ihren vorigen Job aufgegeben, weil sie irgendwann das Gefühl hatte, "intellektuell und emotional zu verkümmern". Im Vergleich zu ihrer Tätigkeit als Programmbeobachterin waren die Jahre als Ausländerberaterin im Hamburger Untersuchungsgefängnis allerdings geradezu ein Quell der Sinnstiftung. "Natürlich habe ich meine Jungs und Mädels nicht zu besseren Menschen gemacht", erzählt sie, "aber zumindest hier und da konnte ich den Inhaftierten helfen, in Einzelfällen." Der eine brauchte einen Arzt, dem anderen fiel ein, dass noch ein Hund in seiner Wohnung eingesperrt war.

Ein Häftling aus Peru, ein älterer Mann, den man kurz vor Weihnachten aus der U-Haft entlassen hatte, obwohl er nicht wusste wohin, stand ein paar Tage später an der Gefängnispforte, barfuß im Schnee, und fragte Katalin Geis, ob sie ihm vielleicht ein Paar alte Schuhe besorgen könne. Sie holte dann welche aus der Kleiderkammer. Einzig die Arbeitsatmosphäre empfand Katalin Geis als zermürbend. Untergebracht in einer kahlen, notdürftig zum Büro umfunktionierten Gefängniszelle, umgeben von resignierten Kollegen, die den ganzen Tag Kaffee tranken und Kette rauchten. "Es waren harte und unfrohe, aber keine sinnlosen Jahre", urteilt sie heute.

Bei der Medienanstalt hielt sie es vier Jahre aus. Dann kündigte sie und gründete ihre Firma, die Führungskräften internationaler Unternehmen hilft, sich in der Fremde zurechtzufinden. "Eine Work-Life-Balance gibt es nicht", sagt sie über ihre Arbeit, "manchmal brennt es einfach an allen Ecken gleichzeitig." Trotzdem sei der Schritt in die Selbstständigkeit die beste Entscheidung ihres beruflichen Lebens gewesen. Weil sie bei KaleidosGlobe wieder mit und für Menschen arbeiten kann, auch wenn sie das Klientel gewechselt hat: von der Sozialarbeit mit Gefangenen zur "Sozialarbeit für Betuchte".

"Wenn ich mich frage, ob das, was ich tue, sinnvoll ist, schaue ich auf meine Website und lese das Feedback zufriedener Kunden." Da steht zum Beispiel: "Ihre Firma ist ein Juwel in der Reloca-tion-Branche!" So etwas tröstet Geis darüber hinweg, dass nicht aus allen Kunden Freunde werden. Es gibt eine Reihe verwöhnter Alphatierchen, die sich aufregen, weil sie hundert Euro aus der eigenen Tasche zu ihrer "Luxuska schemme" beisteuern sollen, weil das von der Firma bewilligte Mietbudget ausgereizt ist. Oder wo der zeitnahe Import einer Harley Davidson mehr Priorität genießt als die Zusammenführung mit der Ehefrau und den sieben Kindern. Aber dafür kann sie dem indischen Trainee helfen, der samstagmorgens um halb sieben mit schwerer Zunge bei ihr anruft, weil er auf der Reeperbahn versumpft ist und seinen Schlüssel verloren hat. Jetzt steht er vor seinem Apartment und kommt nicht rein. "Da lass' ich mir dann etwas einfallen", sagt Katalin Geis. "Ich weiß doch, dass er die 200 Euro für den Schlüsseldienst nicht hat." -

- Wann das mit der Schule schwierig wurde? Ich glaube, das war in der zehnten Klasse auf der Gesamtschule. Alle haben Druck gemacht, dass ich den Übergang in die Oberstufe schaffen muss: meine Mutter, mein Stiefvater, die Lehrer. Aber ich hab's auch von mir selbst erwartet. Ich kenne etliche, die nicht viel drauf haben, aber trotzdem ihr Abitur geschafft haben. Da willst du nicht als derjenige dastehen, der's nicht packt. Ich war aber faul, hab' nie Hausaufgaben gemacht oder mich auf eine Arbeit vorbereitet. Unter Druck kann ich nicht arbeiten, ich mach' dann gar nichts.

Meine Mutter und mein Stiefvater haben ständig gesagt, "Streng dich an, sieh zu, dass du Abitur machst, sonst wirst du Kloputzer bei McDonald's." Irgendwann haben sie zwar aufgehört, ständig hinterher zu sein, dass ich lerne und Hausaufgaben mache, aber der Druck war trotzdem da. Ich wusste ja, dass es darum geht, die nötigen Punkte für die Oberstufe zusammenzukriegen. Zu Hause gab es regelmäßig Krach.

Den Notenschnitt für die Oberstufe habe ich dann knapp verfehlt. Das war mir zu dem Zeitpunkt aber schon egal. Ich hatte vorher schon für mich entschieden, dass ich das mit der Schule aufgebe. Dann hab' ich mich am Oberstufenzentrum angemeldet. Ich musste ja irgendetwas machen. Das war eine Kombination aus Fachabitur und Ausbildung, irgendwas mit Automatisierung. Wie das genau hieß, hab' ich schon vergessen, obwohl es erst ein Jahr her ist.

Ein paar Kumpels gingen auch da hin, und ich dachte, das wird lustig. Wurde es aber nicht. Im Praxisunterricht habe ich irgendwelche Leitungen vor mich hingesteckt, und in den Theoriestunden war es stures Auswendiglernen, das hab' ich schon immer gehasst. Allerdings hatte ich mich vorher auch gar nicht mit diesem Beruf befasst. Die ersten vier Wochen ging ich regelmäßig hin, dann immer seltener und irgendwann gar nicht mehr.

Dann stand ich da. Ich ging nicht mehr zur Schule, der Zug war abgefahren, hatte aber auch keine Lehrstelle. Zu Hause wurde es jetzt schwierig. Ständig bin ich mit meiner Mutter aneinandergeraten, das war teilweise krass. Ich hätte mir gut vorstellen können, ein Jahr lang gar nichts zu machen, nur zu chillen, aber es war klar, dass meine Mutter das nicht zulässt. Ist ja außerdem blöd, so ganz ohne Geld. Bei einer Party habe ich dann ein Mädchen kennengelernt, das als Praktikantin im Krankenhaus arbeitete. Da hab' ich mir gedacht, das mach' ich auch. Tagsüber bin ich weg von zu Hause, und ich krieg' ein bisschen Geld, 400 Euro. Dass daraus vielleicht mal ein Beruf werden könnte, daran habe ich damals überhaupt noch nicht gedacht.

Im Praktikum hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, etwas Sinnvolles zu machen. In der Schule hatte es nie Lob gegeben, meine Leistungen waren ja auch nicht so toll. Im Krankenhaus bekommst du ein Lächeln von den Patienten, wenn du ein bisschen Zeit für sie hast, morgens ein Brötchen für sie schmierst, ihnen beim Duschen hilfst. Oder du unterhältst dich mit der Tochter eines Patienten, der gerade gestorben ist. Zuerst habe ich auf der Kardiologie- und Diabetesstation gearbeitet, später im OP geholfen. Ich hatte den ganzen Tag mit Leuten zu tun, die schwer krank sind, manche unheilbar. Da werden die eigenen Probleme auf einmal kleiner. Ich hab' auch kein Problem damit, Kacke wegzumachen, Verbände an faulenden Füßen zu wechseln oder damit klarzukommen, wenn ein Patient stirbt.

Mir war relativ schnell klar, dass ich mich um einen Ausbildungsplatz als Krankenpfleger bewerben werde. Nach fast einem Jahr Praktikum freue ich mich jetzt wieder aufs Lernen - weil ich für etwas lerne, das mir Spaß macht, das einen Sinn hat. Ich hab' das ganz allein für mich entschieden. In ein paar Wochen fange ich die Ausbildung an, in Stuttgart, 700 Kilometer entfernt von zu Hause. Ich hätte mich auch in Berlin bewerben können, aber ich glaube, so ist es besser. Zwischendurch habe ich schon ein halbes Jahr in einer WG gewohnt, nachdem es zu Hause gar nicht mehr ging. Da hab' ich gelernt, wie es ist, wenn man für die letzte Woche vor dem neuen Gehalt nur noch 20 Euro für Essen und Trinken hat. Das Verhältnis zu meiner Mutter ist jetzt viel besser als vorher. In der Praktikumszeit bin ich selbstbewusster geworden, ruhiger auch.

Ich glaube, dass mir der Beruf als Krankenpfleger Spaß macht, aber es ist auch nicht der Traumberuf. Dass ich mein Leben langals Pfleger arbeite, kann ich mir nicht vorstellen. Man wird schlecht bezahlt, und ich hab' gehört, dass man in vielen Krankenhäusern gar keine Zeit für den einzelnen Patienten hat. Man fertigt einen nach dem anderen ab, Frühstück ans Bett, waschen, Medikamente geben, Verband wechseln. Ich sehe die Ausbildung als Sprungbrett. Ich kann mir gut vorstellen, später als Sanitäter zur Feuerwehr oder zur Bundeswehr zu gehen. Bei der Bundeswehr würde ich mich auf jeden Fall für Auslandseinsätze bewerben. Geht der Malte halt nach Afghanistan. Ist doch cool. -

Malte Waehlert, 17 Jahre

- Drei goldene Sterne hatte er schon auf den Schulterklappen seiner grünen Uniform. Ein A-15-Gehalt mit Ortszuschlag. Ein schönes Haus mit Hund und Garten. Eine respektable Mara-thon-Bestzeit. Die Ehefrau im sicheren Job als Lehrerin an einer Berliner Grundschule. Sie hatten die beiden Kinder durch die schwierigen Jahre und auf einen guten Weg ins Berufsleben gebracht. Nur noch zehn Dienstjahre hatte er vor sich. Ein überschaubarer Zeitraum. Keine Frage, Polizeidirektor Gary Menzel hätte es sich für den Rest seiner Laufbahn bequem einrichten können.

Nun haust er in einem Baracken-Camp, 400 mal 200 Meter, eingezäunt und bewacht, in einem kleinen Zimmer mit Bett, Tisch, Schrank und ein paar Fotos - "so eine Art komfortabler Knast" -; fürs Marathontraining bleibt ihm nur das Laufband. Außerhalb des Camps kann man nicht joggen; dort bewegt man sich im gepanzerten Fahrzeug fort.

Vor zwei Jahren bewarb sich der heute 54-Jährige um eine Entsendung nach Kabul, wo er den Neuaufbau der afghanischen Polizei unterstützt. Seit 18 Monaten ist er dort - und mittlerweile zum Chef des Fachbereichs Polizeiausbildung der Europäischen Polizeimission Eupol mit 170 Polizisten aus ganz Europa aufgestiegen.

Gary Menzel ist nicht nach Afghanistan geflüchtet, weil er sich langweilte. Seit er sich 1976 gleich nach dem Abitur bei der Polizei beworben hat - schon sein Vater war Polizist - hat er seinen Job immer gern gemacht. Ob als junger Bereitschaftspolizist im Einsatz gegen Hausbesetzer und Anti-Reagan-Demonstranten, die Farbbeutel und Pflastersteine auf die "Scheißbullen" herabregnen ließen, ob als Dozent an der Landespolizeischule oder zuletzt als Abschnittsleiter im Kreuzberger Kiez SO 36 - es gibt nicht eine einzige Station auf seiner Laufbahn, an die er ungern zurückdenkt.

Vor allem in Kreuzberg hat er Spuren hinterlassen. Rund um das Kottbusser Tor, die Gegend mit dem niedrigsten Durchschnittseinkommen, der höchsten Arbeitslosenquote und den meisten auf Krawall gebürsteten türkischen Jugendlichen in Berlin, initiierte er das Jugendpräventionsprojekt "Stopp Tokat" ("Tokat" ist Türkisch und bedeutet "Ohrfeige", "Gewalt" oder auch "Abziehen"). Die Zahl der von Jugendlichen verübten Raubüberfälle im Kiez ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen, die Bewohner haben heute ein positiveres Bild von der Polizei.

"Türkische Ladenbesitzer kamen aus ihren Geschäften und begrüßten mich, wenn sie mich sahen", erzählt Menzel über die Endphase seiner Kreuzberger Zeit, "und ich konnte mich locker mit ehemaligen Hausbesetzern unterhalten, die mich vor 30 Jahren mit Steinen beworfen haben." Dennoch betrachtet er sein Wirken mit "ein bisschen Demut: Die Familienstrukturen in den Migrantenfamilien ändern wir nicht. Aber wir können mit unserer Arbeit dazu beitragen, dass die Leute in Kreuzberg nachts ruhiger schlafen können."

Es hätte so weitergehen können, die nächsten fünf Jahre ielleicht auf einem geruhsameren Abschnitt. Aber der Polizeiirektor Menzel hat es nicht so sehr mit der Geruhsamkeit. Die ehobene Laufbahn war ihm einst nicht genug - also studierte er n Münster und qualifizierte sich für den höheren Dienst. Joggen eichte nicht - es musste Marathon sein. New York war natürich auch schon dabei. Es scheint, als müsste er sich und der Welt mmer wieder beweisen, was er alles so drauf hat.

Und jetzt Afghanistan. Ein Einsatz im Kosovo wäre auch in Betracht gekommen, aber das war nicht die richtige Herausforderung. "Das Kosovo ist schon weitgehend gesettelt", urteilt Menzel. Abgehakt. In Kabul hat er die richtige Herausforderung gefunden. Es ist eine, bei der es manchmal auf den ersten Blick nur mit sehr kleinen Schritten vorangeht. Der von ihm geführte Fachbereich hilft dem afghanischen Innenministerium, die Arbeit der Polizei zu professionalisieren und effiziente Strukturen aufzubauen. Eine Herkulesaufgabe, nach 30 Jahren Krieg und angesichts einer früher völlig desolaten Reputation der Polizei als korrupte und gewalttätige Truppe. Es gibt noch nicht mal einen zentralen Polizei-Notruf, zum Beispiel. Dafür jede Menge junger Männer, die in Sechs-Wochen-Lehrgängen zu Polizisten umgeschmiedet wurden. "80 Prozent von ihnen", sagt Gary Menzel am Telefon, "sind ... - er sucht nach dem Wort Analphabeten und findet es nicht - ... sind illiterates." Das kann passieren, wenn man eine aus 29 Nationalitäten zusammengestellte Mannschaft leitet.

Kürzlich gab es in Kabul eine Demonstration von Frauen für ihre Rechte, erzählt Menzel. Entlang der Kundgebungsstrecke wurden die Demonstrantinnen von aufgebrachten Männern wüst beschimpft und mit Latten und Stöcken beworfen. Hätte der zuständige, von Eupol gecoachte Distriktchef nicht zuvor mit den Initiatorinnen der Demonstration ein Vorbereitungsgespräch geführt, wäre es ganz sicher zu schlimmeren Übergriffen gekommen. So aber standen die Polizisten bereit und konnten gegen die pöbelnden Männer vorgehen - und die Frauen unbehelligt ihre Kundgebung fortsetzen.

Nur eine unbedeutende Fußnote in der afghanischen Geschichte? "Kann sein, dass man das in Deutschland so sieht", sagt Menzel, "aber in Afghanistan ist so etwas eine mittlere Sensation. Das muss man sich mal vorstellen: Männer verteidigen eine Demonstration von Frauen gegen Attacken von Männern! So etwas wäre noch vor ein paar Jahren völlig undenkbar gewesen."

Am Tag, an dem Gary Menzel von der Sache mit der Demo erfuhr, fühlte er sich sehr gut. Das Laufband stellte er einen Tick schneller als sonst. -

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