Ausgabe 05/2011 - Schwerpunkt Respekt

Glauben, dienen und ein Schnullerbaum

- Es ist noch nicht lange her, da herrschte in Krankenhäusern ein strenges Regiment. Mit gehörigem Vorlauf zur Chefarztvisite scheuchten die Stationsschwestern ihre Patienten in die Betten, weil im Falle eines leeren Lakens ein Zornesbeben drohte. Kam der Tross dann hereingerauscht, war die Hierarchie offensichtlich: vorneweg der Chefarzt mit den Goldknöpfen am Kittel, in seinem Gefolge die Untergebenen. Und wehe, eine von ihm verlangte Auskunft war nicht auf Zack parat! Sogar Oberärzte, kurz zuvor selber noch Halbgötter in Weiß, schrumpften da auf Sterblichenformat. Respekt gebührte hier nur einem.

Diese Zeiten sind vorbei. Pflege und Verwaltung haben sich professionalisiert und zunehmend eigene Kompetenzen übertragen bekommen. Früher, sagt Susanne Minten, Verwaltungsdirektorin am St.-Marien-Hospital in Bonn, hatten die Chefärzte "das ausschließliche Sagen". Der Verwaltungschef hieß "Leiter des Wirtschafts- und Verwaltungsdienstes" und durfte bestenfalls eine kleine Kaffeekasse verwalten und neue Briefmarken bestellen. Heute besteht das Leitungsgremium eines Krankenhauses aus drei Direktoren oder Direktorinnen: je einer für die Medizin, die Verwaltung und die Pflege.

Mit der Aufwertung von Pflege und Verwaltung sind die Voraussetzungen in Kliniken so günstig wie nie, das strenge Regiment aufzuweichen. Tatsächlich kommt mittlerweile kein Krankenhaus ohne Leitbild und kein Leitbild ohne Bekenntnis zu achtsamem Umgang miteinander aus. Vera Schweizer, Pressesprecherin des St.-Marien-Hospitals, ärgert sich über diese Inflation der wohlfeilen Floskeln. Dem Zeitgeist zu huldigen sei keine Kunst. Respekt zu leben, dagegen schon.

Das scheint im St.-Marien-Hospital besonders gut zu gelingen. So begeistert sich ein ehemaliger Patient im Internet über "Menschlichkeit und Respekt den Patienten gegenüber". Als chronisch Kranker sei er schon öfter dort in Behandlung gewesen und könne das mit etwa 15 anderen Häusern vergleichen. Er lobt nicht nur den "großen Respekt vor den Leidenserfahrungen des Patienten", sondern auch den Umgang der Ärzte untereinander, ohne "Privat-Diktatur-Gehabe einzelner Chefärzte". Man habe sich Zeit für ihn genommen, obwohl er nur Kassenpatient sei. Auch das "tolle Seelsorgeteam" kümmere sich um die Patienten "wie die Engel".

Solche positiven Erfahrungen haben offenbar viele gemacht. In einer Umfrage der AOK zur Patientenzufriedenheit mit den Krankenhäusern im Rheinland bekam das St.-Marien-Hospital im Jahr 2009 die Note "sehr gut". Insgesamt rangiert es unter 132 untersuchten Kliniken auf Rang vier, bei der Frage nach der Beziehung zum Arzt sogar auf Rang drei. Auch Vera Schweizer findet ihre Klinik "ganz außergewöhnlich". Als Vorsitzende der Mitarbeitervertretung erfährt sie im Austausch mit Kollegen von mehr als hundert Krankenhäusern sowie in Internetforen aus erster Hand, mit welchen Problemen sich andere herumschlagen und wie rund es im Vergleich dazu an ihrer Klinik läuft.

Was also macht das St.-Marien-Hospital anders? Die Antwort: Es gibt viele kleine Besonderheiten, die aber weder in Businessplänen noch in Konzept- und Strategiepapieren festgeschrieben sind. "Wir haben keine einfachen Rezepte", sagt Susanne Minten. Der Betrieb funktioniert trotzdem, weil zwei Voraussetzungen erfüllt sind: gute Rahmenbedingungen und ein engagiertes Team.

Der gute Geist des Hauses ist überall. Wer ihn sucht, muss auf Kleinigkeiten achten

Der augenfälligste Faktor, das Klinikgebäude, zeigt aufs Erste nichts Außergewöhnliches. Zwar ist der Ausblick vom Klinik-Standort Venusberg auf die Stadt Bonn betörend, aber sonst scheint es ein Krankenhaus wie viele zu sein - immerhin hell und freundlich und mit einem schmucken Restaurant statt eines nüchternen Selbstbedienungstresens. Aber solch ein gut hundert Jahre altes Gebäude, das in diversen Baurunden erweitert wurde, gibt es an vielen Orten.

Ein zweiter Blick lässt jedoch erahnen, dass es hier etwas anders läuft. So schlingen sich um einen stattlichen Baum auf dem Vorplatz der Klinik etliche Girlanden aus - Schnullern. Dieser "Schnullerbaum" geht auf die Anfrage eines privaten Sponsors zurück. Als sie in der Klinik über das Für und Wider diskutierten, erinnert sich Stephan Buderus, Chefarzt der Fachabteilung für Kinder- und Jugendmedizin, überwog am Ende der Wunsch, den Kindern einen ehrenvollen, denkwürdigen Abschied von ihrem Schnuller zu ermöglichen. Bedenken wegen des Aufwands wurden verworfen. Nun können sich kleine Patienten oder auch Kinder von außerhalb in einer Zeremonie und urkundlich bestätigt von ihrem geliebten Nuckel trennen. Schöner Nebeneffekt: Die Klinik bekommt vom Sponsor pro Schnuller einen Euro für ein Projekt, bei dem ehrenamtliche Helfer Patienten vorlesen.

In einem Klinikflur fallen Ansammlungen kleiner Gemälde auf, die an Schnüren zu Tafeln von acht mal acht Bildern angeordnet sind. Die Gemälde wurden von mitunter schwerkranken Patienten im hauseigenen Atelier unter Anleitung der Künstlerin Gudrun Engelken geschaffen. In den Bildern konnten die Patienten ihre Ängste und Hoffnungen verarbeiten. Manche wählten dafür christliche Motive. Wie überhaupt sich der Glaube an vielen Stellen zeigt: Vor dem Hauptportal heißt eine steinerne Marienstatue auf einer Säule Besucher und Patienten mit offenen Armen willkommen. Im Haus finden sich christliche Symbole. Die einzelnen Stationen, von St. Nikolaus im Erdgeschoss bis St. Hildegard im vierten Stock, sind nach Heiligen benannt. Wie etwa jedes dritte Haus der gut 2000 Kliniken in Deutschland hat das St.-Marien-Hospital einen kirchlichen Träger: die Gemeinnützige Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe, zu der insgesamt knapp 40 Einrichtungen vom Kindergarten bis zum Altenheim gehören.

Damit die christliche Symbolik nicht bloßes Schmuckwerk bleibt, lädt der Träger jeden neuen Mitarbeiter zu einem Neueinsteigertag ins Kloster in Olpe ein. Für den Kinderarzt Buderus war das ein ebenso prägendes Erlebnis wie das jährliche Stiftungstreffen für die obere und mittlere Führungsebene. Diese Treffen dienen auch dazu, die Mitarbeiter aus ihrem Alltag herauszuholen und ihren Blick für die Bedürfnisse anderer zu öffnen.

Ganz entscheidend für das gedeihliche Miteinander ist jedoch ein recht weltlicher Grund: "Wir arbeiten nicht auf der letzten Rille", sagt die Verwaltungsdirektorin Minten. Die Klinik steht finanziell solide da. Der Träger lässt das Geld im Betrieb, damit der in die Substanz und notwendige Erweiterungen investieren kann. Und es bleibt sogar noch Luft für "weiche" Maßnahmen. So fängt jetzt eine Haus- und Service-Controllerin an, die sich um das Erscheinungsbild des Hauses kümmern soll. Auch leistet man sich eine eigene Stabsstelle für die Fort- und Weiterbildung der Mitarbeiter. An diesem "kleinen Luxus" wird üblicherweise zuerst gespart. Wenn die Angestellten erleben, dass Extras möglich sind, die "wünschenswert, aber nicht lebensnotwendig wären", so Minten, wirke das positiv nach.

Gute Rahmenbedingungen allein aber haben nicht zwangsläufig guten Umgang miteinander zur Folge. Denn was nützt eine Haus- und Service-Controllerin für das Betriebsklima, wenn sie etwa die einzelnen Stationen nur mit Vorgaben gängelt, wie die Blumengestecke auszusehen haben? Und was bringt eine Fort-und Weiterbildungsstelle für die Motivation, wenn sie Mitarbeiter nur für das Bedienen gewinnbringender Geräte schulen lässt? Im St.-Marien-Hospital scheint es so etwas wie einen Geist des Hauses zu geben, den die führenden Mitarbeiter nicht bloß einfordern, sondern auch vorleben.

Dieser Geist zeigt sich zum Beispiel in einer ausgeprägten Gesprächskultur. Wie ein Dompteur, der immer wachsam sein muss, hält sie unerfreuliche menschliche Eigenschaften in Schach, wie Neid, Furcht, Tratschlust, Machtstreben und Geltungsdrang. So sind Führungsseminare selbstverständlich. Die Kommunikation, schätzt Gruppenleiter Bernd Vogel, der gerade mit Kollegen eine Ethik AG aufbaut, mache 60 Prozent der Weiterbildung aus. So absolvierten in diesem Jahr alle Führungskräfte ein zweitägiges Kommunikationsseminar mit Rollenspielen, wozu eigens ein Trainer ins Haus kam.

Nicht nur die Führungskräfte werden intensiv geschult. Schon die Auszubildenden der Pflegeschule bekommen pädagogisch trainierte Praxisanleiter. Jede Station hat mindestens einen, sagt Arne Weiffenbach, der Pflegeleiter der Inneren Abteilung. "So eine Anzahl ist schon exotisch." Die aufwendige und deshalb teure Betreuung soll den angehenden Pflegekräften den Stil des Hauses vermitteln.

Junge Ärzte fangen bei den Internisten an. Dort lernen sie die Pfleger schätzen

Was dann im Klinikalltag praktisch umgesetzt wird, liest sich wie das kleine Einmaleins der Betriebspsychologie: Menschliche und fachliche Probleme werden möglichst im Vier-Augen-Gespräch gelöst. Gelingt dies nicht, steht ein Termin bei der Pflegedirektorin Tönnemann oder Verwaltungsdirektorin Minten an. "Wenn Mitarbeiter ein Gespräch brauchen, kriegen sie das schnell", sagt die Pressesprecherin Schweizer. "Und sie wissen auch, dass es erwünscht ist." Minten freut sich über eine Notiz ihrer Sekretärin, dass ein Oberarzt mit ihr Kaffee trinken wolle: Er hat etwas zu besprechen, möchte es aber nicht an die große Glocke hängen. In ihrem Büro schafft eine beinahe lauschige Sitzecke unter einem großen bunten Gemälde, das in einer Gemeinschaftsaktion entstanden ist, die nötige Atmosphäre.

Auch auf der Leitungsebene werden Differenzen im kleinen Kreis ausgetragen. "Sie werden hier im Haus ganz wenige Streitereien öffentlich wahrnehmen können", sagt Minten. Das macht einen guten Eindruck und verhindert, dass Mitarbeiter solche Differenzen aufnehmen und weiterführen. "Wenn etwas entschieden worden ist", sagt Tönnemann, "dann steht man dazu" - auch wenn man nicht immer einverstanden ist. Weitere Beispiele für den im Haus praktizierten Umgang: Bei der Visite am Krankenbett, einst geprägt vom Machtgefüge in der Klinik, ist die "Hierarchie durchbrochen", so Tönnemann. Der Arzt diktiert seine Anmerkungen nicht mehr, sondern tippt sie selbst in den PC, der auf dem Visitenwagen mitgeführt wird. Tönnemann besucht ihre Stationen wöchentlich, um die "Stimmungen abzufragen". Auch Minten ist viel im Haus unterwegs. Die Mitarbeiter kennen ihre Verwaltungsdirektorin deshalb nicht nur als Phantom, von dessen Existenz lediglich die Unterschriften unter offiziellen Schreiben zeugen, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut.

Was viele besonders schätzen: Man kennt sich beim Namen und grüßt sich morgens und abends. Fehler werden offensiv angegangen: Sie passieren nun mal, sollen aber besprochen und danach möglichst abgestellt werden. Angst vor einer Kündigung braucht niemand zu haben. Auch wer in Not gerät und persönliche Sorgen hat, soll aufgefangen werden.

Das Wichtigste von allem ist die gegenseitige Wertschätzung. Was nützt schließlich das eifrigste Grüßen, wenn man denjenigen, den man grüßt, für einen Idioten hält? Die seit jeher sehr von sich eingenommenen Ärzte tun sich am schwersten damit, andere wertzuschätzen - sollte man meinen.

Berthold Schneider, ärztlicher Direktor der Klinik und seit 21 Jahren Chefarzt der Chirurgie, sieht das ganz anders: "Respekt gehört zum Arztberuf dazu" und müsse "immer der Maßstab sein", sagt er. Gerade im OP, wo die Qualität der Teamarbeit über Leben und Tod entscheide, sei Wertschätzung der anderen eine Grundvoraussetzung. Er sehe es als seine Aufgabe an, junge Kollegen darauf "einzuschwören".

Bei der Anerkennung der Pflege tut man sich im St.-Marien-Hospital vielleicht etwas leichter als in anderen Kliniken. An den Ordensschwestern, die als Begründer, Träger und Pflegekräfte eine zentrale Rolle spielten, führte noch nie ein Weg vorbei, so Schneider. Auch heute werden junge Ärzte ganz bewusst zuerst in eine internistische Abteilung gesteckt, wo es besonders hektisch zugeht, wo besonders schwierige Patienten liegen und besonders erfahrene Pflegekräfte arbeiten. Dort erlebt der ärztliche Nachwuchs hautnah, wie hilflos er ohne kompetente Pflegerinnen und Pfleger wäre. Minten ist überzeugt, dass das die "beste Einarbeitung" für die Arbeit auf anderen Stationen ist.

Dass die Ärzte ihren Patienten mit Respekt begegnen und sie nicht als Fälle, sondern als Menschen wahrnehmen, äußert sich zum Beispiel darin, dass grundsätzlich nicht über Patienten gesprochen wird, wenn sie in Narkose "den Ärzten nackt und hilflos ausgeliefert sind", wie Vera Schweizer sagt. Ein Scherz oder eine abfällige Bemerkung auf Kosten von Patienten ist absolut tabu. Vor jeder Operation sammelt man sich gemeinsam, um dann konzentriert an die Arbeit zu gehen.

Wie die Ärzte sind auch die Verwaltungsangestellten gefordert. In anderen Kliniken gibt es da wohl häufig böses Blut. So beklagte sich der Chefarzt einer Klinik im "Deutschen Ärzteblatt" darüber, dass Verwaltungen mitunter sogar in OP-Abläufe hineinredeten. Das sei, als wolle jemand, der noch nie in einer Backstube war, einem Bäcker vorschreiben, wie heiß sein Ofen zu sein habe. Die Verwaltungsdirektorin Minten stellt die Kompetenz der Ärzte nicht infrage. Mehr noch: Streit darüber, wer der Wichtigste für das Krankenhaus sei, "haben wir hier nie geführt". Denn Minten ist "ohne Abstriche bereit, anzuerkennen", dass die Leistungen primär durch die Ärzte und Pflegenden erbracht werden. Verwaltung und andere Einrichtungen sieht sie als notwendige Infrastruktur.

Wer wachsen will, findet viel Freiraum. Für Karrieristen im Kittel wird es bald eng

Das St.-Marien-Hospital in Bonn lässt Raum für individuelle Entwicklungen der Mitarbeiter und fördert sie. Zum einen werden dem Einzelnen große Freiheiten zugestanden, wie er seine Arbeit erledigt. Zum anderen gibt es immer wieder Gespräche über die persönliche Entwicklung. So hat sich eine engagierte Pflegekraft in einer zweijährigen berufsbegleitenden Ausbildung zur Laktationsberaterin weitergebildet. Jetzt ist sie die Expertin für alle Fragen des Stillens. Eine andere ist Expertin für Wundmanagement. Mit zunehmender Professionalisierung, so Vera Schweizer, "kommt einer ohne den anderen gar nicht mehr weiter".

Auch die Pressesprecherin selbst steht für eine gelungene persönliche Entwicklung. Sie fing nämlich als Krankenschwester an. Als der Wunsch nach einer Mitarbeiterzeitschrift aufkam, hieß es: "Du schreibst doch gerne, mach mal." Sie schlägt in der Erinnerung an die erste Ausgabe noch immer die Hände über dem Kopf zusammen. Aber die Kollegen fanden das Blatt gut, weil es in seiner engagierten, persönlichen Art zum Haus passte. Als dann mehr und mehr Presse- und Öffentlichkeitsarbeit hinzukamen, packte sie der Ehrgeiz, und sie bildete sich fort. Statt also einen Profi von außen einzustellen, vertraute man einer eigenen Mitarbeiterin, der man die Chance gab, ihre Talente zu nutzen und weiterzuentwickeln.

Diese Chance haben, ungeachtet des katholischen Trägers, auch Mitarbeiter anderer Konfessionen. "Wir sind hier nicht bei Opus Dei", sagt Minten. Gleichwohl werden christliche Werte hochgehalten. Niemand wird schief angesehen, wenn er am Bett eines Patienten länger als unbedingt nötig verweilt, um mit ihm zu beten. Berthold Schneider, der ärztliche Direktor, ist überzeugt, dass es einem gläubigen Menschen leichter falle, anderen respektvoll zu begegnen. Dennoch arbeiten in der Klinik sowohl Konfessionslose als auch Andersgläubige, und zwar in allen Abteilungen. Die Pflegerin mit Kopftuch ist ebenso vertreten wie die muslimische Ärztin.

Doch für Wertschätzung und Toleranz gibt es Grenzen. Was in St. Marien nicht akzeptiert wird, ist ein Kirchenaustritt. Denn wer der Kirche den Rücken kehre, könne schwerlich bei einem kirchlichen Träger angestellt bleiben, heißt es.

Auch wer es mit seinem Ehrgeiz übertreibe und sich auf Kosten anderer zu profilieren versuche, laufe gegen eine Wand. Karrieristen wird zwar ebenso wenig gekündigt wie anderen Mitarbeitern, aber ihnen werde nicht die Aufmerksamkeit zuteil, die sie für sich beanspruchten. Wenn sie merkten, dass sie nicht gehätschelt und mit Privilegien ausgestattet würden, obwohl sie nach außen hin glänzten und der Klinik Ruhm und Ehre einbrächten, gingen sie von selbst. Kürzlich habe es zwei solche Fälle gegeben.

Neben den "weichen" Faktoren Gesprächskultur und Wertschätzung zählt für Susanne Minten auch der "harte" Faktor Professionalität. Ohne gute Arbeit kann kein echter Respekt entstehen, mit ihr bekommt man ihn fast frei Haus. Dass konfessionelle Kliniken sehr professionell arbeiten, stellte unlängst eine Studie des Mannheimer Wirtschaftswissenschaftlers Bernd Helmig fest - "entgegen verbreiteter Vorurteile", wie das "Deutsche Ärzteblatt" anmerkte.

Im Grunde führt das St.-Marien-Hospital mit seiner Kombination aus Zuwendung und professioneller Hilfe eine lange Tradition fort: Die ersten Hospize als Vorläufer der heutigen Kliniken entstanden in Europa bereits vor gut 1500 Jahren in Klöstern. Immer wieder schrieben Konzilien die Pflege der Kranken als Aufgabe der Ordensgemeinschaften fest.

Letztlich ging es zwar um die Rettung der Seelen, aber den Päpsten und Äbten war bewusst, dass der Weg dorthin über den geretteten Leib führt. So standen die Mönche den Kranken nicht nur geistlich bei, sondern sammelten und kultivierten Heilpflanzen und studierten die Schriften der antiken Ärzte.

Ebenso pragmatisch gingen schon die frühen Kirchenväter mit dem Thema gegenseitige Achtung um. Die Benediktsregel aus dem 6. Jahrhundert ermahnt nicht nur die Mönche zu respektvollem Verhalten, sondern auch deren Patienten: "Die Kranken mögen bedenken, dass man ihnen dient, um Gott zu ehren; sie sollen ihre Brüder, die ihnen dienen, nicht durch übertriebene Ansprüche traurig machen." -

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