Ausgabe 05/2011 - Schwerpunkt Respekt

Online-Piraterie

Geklaut bleibt geklaut

- "Immerhin war das ein Etappensieg", sagt Annette Anton. Die Verlagsleiterin von Campus sieht für einen Moment zufrieden aus. Aber ihre Stimmung wechselt schnell, wenn es um das Thema Piraterie im Internet geht - und um die Möglichkeiten eines mittelständischen Verlags, sich gegen Raubkopien seiner Bücher im Netz zu wehren.

Einen Etappensieg hat Campus zusammen mit dem Wissenschafts-Verlag Walter de Gruyter im Januar in Hamburg erzielt. Das dortige Landgericht hat der in der Schweiz ansässigen Online-Tauschbörse Rapidshare verboten, widerrechtlich online gestellte Titel der beiden Verlage öffentlich zugänglich zu machen. Bei Zuwiderhandlung droht Rapidshare nun ein Ordnungsgeld von bis zu 250 000 Euro. Die Schweizer mussten auch die Kosten des Verfahrens in erster Instanz tragen. "Wir werden das zur Not bis zum Bundesgerichtshof ausfechten", kündigt Anton an. "Wir brauchen für unsere Branche ein Grundsatz-Urteil."

Das sieht auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels so, der die beiden Verlage bei ihrem Musterprozess gegen die sogenannten "Filehoster" unterstützt. Die allerdings sind sich keiner Schuld bewusst: Wir bieten nur die technische Möglichkeit zum Austausch von Dateien, argumentieren sie. Für die getauschten Inhalte hafteten die Nutzer. Die schiere Zahl der Dateien mache Kontrolle ohnehin unmöglich - das Internet-Analysehaus Alexa zählt Rapidshare zu den meistbesuchten Websites der Welt.

Wer Recht bekommt? Die Buchbranche gibt sich optimistisch, dass deutsche Gerichte den Verlagen in ihrer Interpretation des Urheberrechts folgen werden. Doch das größere Problem aus Sicht der Rechteinhaber und -verwerter ist: Die technische Entwicklung läuft gegen sie. Im Netz der frei zirkulierenden Inhalte sind Urheberrechte de facto kaum noch durchsetzbar, schlicht, weil der Verstoß kaum noch jemandem zuzuordnen ist. Die Gefahr, für Urheberrechtsverletzungen in Regress genommen zu werden, tendiert, zumindest für technisch Versierte, gegen null.

"Manchmal kommt es mir vor, als kämpften wir gegen Windmühlen", gibt die Verlagsleiterin Anton zu. Und dabei ist die juristische Auseinandersetzung mit Tauschbörsen nur die eine Front, an der sie gegen den Diebstahl des geistigen Eigentums von Verlag und Autoren kämpft. Die Websites von Coaches, Beratern und kommerziellen Verbraucherratgebern sind die andere. Dort finden sich die Inhalte von Verlags-Bestsellern wie "Simplify your life" oder den in Kooperation mit dem ZDF herausgegebenen "Wiso"-Ratgebern.

Campus hat vor einiger Zeit eine Kanzlei beauftragt, systematisch nach Kopisten im Netz zu suchen und diese abzumahnen. Zumindest für die wichtigsten Titel des Verlags funktioniere "das inzwischen ganz gut". Und doch ist Annette Anton "immer wieder fassungslos, dass diese Filehoster und Datendiebe nicht das geringste Unrechtsbewusstsein haben. Dass ihnen jede Vorstellung davon fehlt, wie viel Mühe hinter einem guten Sachbuch steckt. Und dass ihnen offenbar nicht klar ist, dass es diese Bücher nur gibt, weil Autoren dafür bezahlt werden, sie zu recherchieren und zu schreiben."

Im Verfahren gegen Rapidshare sei deutlich geworden, wie weit die Standpunkte von Klägern und Beklagten auseinanderlägen. So seien die Betreiber von Rapidshare offenbar wirklich überzeugt, im Recht zu sein: Schließlich könne man sie doch nicht für etwas verurteilen, was ohnehin jeder mache. Auch die Coaches und Berater kämen nicht im Traum auf die Idee, beim Verlag nach einem Abdruckrecht für die Auszüge auf ihren Internetseiten zu fragen, das sie in aller Regel für ein geringes Entgelt erwerben könnten. Für sie alle sei es eine Selbstverständlichkeit, auf den Ideen anderer Leute ohne Scham ihr Geschäft aufzubauen. Antons zornige Schlussfolgerung: "In dieser Gratiskultur fehlt der Respekt vor der kreativen Leistung des Autors."

Philipp Otto sieht das anders: "Respekt gegenüber der Leistung eines Kreativen kann sich auch durch die Zahl der illegalen Downloads ausdrücken." Er ist Redakteur bei irights.info, einer Informationsbörse für Urheberrechtsfragen in der digitalen Welt. Er betont, dass er selbst Tauschbörsen nicht nutze. Dass er viel Geld für Bücher, Musik und Filme ausgebe, um sie "in bester Qualität zu Hause zu haben". Dann folgt ein gut formuliertes Plädoyer des Juristen gegen die "bestehenden Monopolrechte der Verwerter".

Die meisten Leute, die sich Dateien aus dem Netz herunterladen, ohne dafür zu zahlen, schätzten die kreative Leistung von Autoren, Musikern oder Filmschaffenden sehr wohl, so Ottos These. Keinen Respekt hätten sie allerdings vor übermächtigen Verlagen, Plattenfirmen und Fimstudios, die nur wenigen Autoren zu einem anständigen Einkommen verhülfen. Der irights-Aktivist ist überzeugt: "Das Gros der Urheber lebt nicht von Urheberrechten, sondern von Dienstleistungen." Also etwa öffentlichen Auftritten wie Lesungen oder Vorträgen.

Seine zugespitzt formulierte Schlussfolgerung: In einer Tauschbörse werde nicht der Künstler bestohlen, sondern das Platten-Label mit seinen Knebelverträgen oder Buchverlage, die ihre Autoren mit weniger als zehn Prozent an den Einnahmen beteiligten. Die Vorteile für Schriftsteller, Musiker oder Filmemacher durch die Raubkopien - größere Verbreitung ihrer Werke mit dem damit verbundenen Werbe-Effekt - überwögen die entgangenen Tantiemen.

"Die Digitalisierung hat das rechtliche Monopol der Verwerter technisch ausgehebelt", sagt Otto. Nun endlich sei der Kunde in der Lage, Ansprüche an die Anbieter digitaler Inhalte zu formulieren. Die kritischen Größen sind nach seiner Einschätzung: 1. Schnellerer, unkomplizierter Zugang zum Produkt. 2. Preis. 3. Nutzungsbeschränkungen wie zum Beispiel ein Kopierschutz, der auch Privatkopien erschwert oder verhindert. "Die Cleveren bieten den Nutzern ein gutes Paket an. Die weniger Cleveren werden langfristig vom Markt verschwinden", prognostiziert der 32-Jährige. Das Urheberrecht sei nicht für das Internet geschaffen worden, sondern sei ein durch und durch "analoges Recht".

Haltet den Dieb!, ruft auch die Pornoindustrie

Philipp Otto steht damit nicht allein. Blogger, die sich mit dem Thema beschäftigen, hoffen und fordern, dass die Digitalisierung von Büchern, Zeitungen, Magazinen, Musik und Filmen das Kräfteverhältnis zwischen Produzenten, Verwertern und Nutzern neu verändert. Die Netzgemeinde sieht Schöpfer und Konsument in einem Boot. Als ausgemacht gilt vielen, dass der Erfolg in Tauschbörsen auch dem klassischen Verkauf eher nütze als schade. Und dass die regelmäßig von Musik- und Filmindustrie publizierten Zahlen über finanzielle Schäden durch Raubkopien ein politisches Instrument ohne saubere Datenbasis seien.

Unter den Befürwortern einer umfassenden Gratiskultur gibt es auch solche, die historisch argumentieren. "Das Urheberrechtsregime ist ein Produkt der Industrialisierung", sagt Karsten Wenzlaff. Der Redakteur des traditionsreichen SPD-Blatts "Vorwärts" macht sich in verschiedenen Arbeitsgruppen Gedanken über das Thema. Er empfindet es als "unnatürlich" und "kontraproduktiv", dass Autoren heute so etwas wie ein Monopol auf ihr kreatives Werk hätten. "Auch Platon konnte seine Ideen nicht urheberrechtlich schützen." Dem Fortschritt hätten sie gerade deshalb dienen können, weil sie immer frei verfügbar waren. "Auch Mäzenatentum", sagt Wenzlaff, "hat viel Kultur geschaffen. Wer sich freiwillig in die Öffentlichkeit begibt, verliert automatisch auch Verfügungsrechte über sein Werk."

Manche Netz-Piraten gehen bei ihren Angriffen auf die herrschende Ordnung mit heiligem Zorn zu Werk. So kursieren jeden Sonntagnachmittag auf den einschlägigen Filesharing-Plattformen App-Versionen des am Montag erscheinenden Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" - bei denen sich Kopisten auch noch die Mühe gemacht haben, die Werbung zu entfernen. Sie bekämpfen also nicht nur das Urheberrecht, sondern auch ein Geschäftsmodell, das immerhin dazu führt, dass das Magazin für Käufer erschwinglich wird.

Den meisten aber sind solche Fragen egal, sie haben schlicht die Haltung verinnerlicht: Was im Netz steht, gehört allen. Damit kann ich machen, was ich will. Und wenn ich mich auf offenkundig illegales Terrain begebe, muss ich eben ein paar technische Sicherheitsvorkehrungen treffen. Eine Studie der Beratungsgesellschaft PWC kommt zu dem Ergebnis: 81 Prozent der Internet-Nutzer, die zugeben, sich illegal Zugang zu Texten, Musik oder Filmen verschafft zu haben, wollen dies auch in Zukunft tun. Dabei nehmen sie die Nachteile von Online-Piraterie gern in Kauf: Computerviren, rechtliche Probleme und schlechte Datenqualität.

Was nun respektloser ist - die Urheberrechte bewusst zu missachten oder gar nicht darüber nachzudenken, dass es sie gibt - ist eine akademische Frage für die Bestohlenen. Sie ziehen zunehmend vor Gericht. Denn der Kampf gegen Kopisten ist keineswegs so chancenlos, wie die Vertreter einer von den Fesseln des Urheberrechts befreiten Kultur des frei fließenden Wissens behaupten. Besonders dann, wenn die Kopisten Inhalte selbst kommerziell nutzen oder die Betreiber von Internetplattformen, auf denen solche Daten kursieren, selbst legal Geld verdienen wollen. Und das ist die Mehrheit.

"Wir empfehlen unseren Autoren, das Netz mit Plagiat-Robotern zu durchsuchen. Und dann eine Rechnung mit Androhung auf Abmahnung zu schreiben, wenn sie irgendwo Textauszüge von sich finden", sagt Wolfgang Michal, Vorstandsmitglied bei Freischreiber. Die Vereinigung freier Journalisten macht die Erfahrung: "In 60 bis 80 Prozent der Fälle zahlen die Kopisten lieber, als ein Abmahnverfahren zu riskieren, bei dem sie auch noch die Anwaltskosten tragen müssen."

Nicht nur in Deutschland, auch in den USA treten Urheber und Verwerter immer häufiger mit geballter Anwaltsmacht an. Und setzen Rechte durch, die angeblich nicht mehr durchsetzbar sind. Der Internetgigant Google erlitt Ende März vor einem New Yorker Gericht eine herbe Schlappe bei dem Versuch, mit seinem Publikations-Service Google Books alle in den USA registrierten Werke einzuscannen, im Internet zugänglich zu machen und sich mit 125 Millionen Dollar von möglichen Urheberrechtsklagen freizukaufen.

Wie man sich erfolgreich gegen Datendiebe wehrt, zeigt die Pornoindustrie. Der gelingt es zunehmend, mit Schadenersatzklagen und horrenden Streitwerten ihre Filme von den Kostenlos-Sexfilm-Seiten fernzuhalten. Zur Überwachung von illegalen Gratisangeboten schaffen es einige Anbieter sogar, ihre zahlenden Kunden einzuspannen. Diese folgen Aufrufen nach dem Motto: Wir können eure Lieblings-Streifen mit euren Lieblingsstars nur in dieser Qualität produzieren, weil ihr gutes Geld zahlt. Bitte schreibt uns eine E-Mail, wenn ihr sie irgendwo illegal findet.

Diese Aufrufe zur Denunziation mögen auf den ersten Blick wenig sympathisch wirken. Bei der Durchsetzung legitimer Interessen scheinen sie effektiv. Auch die Inhaber von Rechten an großen Sportveranstaltungen kommen in ihrem Kampf gegen die illegale Live-Ausstrahlung, zum Beispiel von Spielen der Champions League, voran. So war es vor ein oder zwei Jahren noch möglich, auf legalen, technisch ausgereiften und daher populären Plattformen wie Veetle.com oder Justin.tv Spiele in guter Bildqualität zu schauen, meist mit englischem, spanischem oder russischem Kommentar. Heute findet sich dort kurz nach Anpfiff fast immer der Hinweis: "Dieser Kanal wurde wegen Urheberrechtsverletzung abgeschaltet." Sportfans ohne Pay-TV-Abonnement müssen heute meist aufwendig nach Internet-Adressen dubioser Herkunft suchen, bei denen es an der Übertragunsqualität hapert. Spaß macht der Fußball-Abend vor dem heimischen Beamer so nicht mehr.

Erfolg dank Gratis-Autoren: die Huffington Post

Campus und Walter de Gruyter sind also nicht die Einzigen, die Etappensiege gegen die Trittbrettfahrer verbuchen. Das größere Problem aus Sicht der Urheber und Verlage könnte allerdings werden, dass Gratiskultur in einer voll digitalisierten Medienwelt auch noch eine legale Variante kennt.

Dort stellt sich die Frage nach dem Respekt vor der kreativen Leistung des Urhebers in noch komplexerer Form. Bekanntlich sind nur wenige Menschen bereit, für digital verbreitetes Wissen Geld zu zahlen. Stattdessen lassen sie lieber ein wenig Online-Werbung über sich ergehen. Allerdings wirft diese meist nicht genug ab, um anspruchsvolle Angebote zu finanzieren, was für Autoren und Verlage unerfreulich ist.

Die Londoner "Times" und "New York Times" versuchen mit ihren Paywall genannten Abo-Modellen zu beweisen, dass es auch anders geht - was von der Free-Culture-Bewegung als Respektlosigkeit gegenüber Lesern kritisiert wird. Als hätten Anbieter und Kunden auf dem digitalen Marktplatz nicht das Recht, den Wert von immateriellen Gütern auszuhandeln. Schließlich ist niemand verpflichtet, Online-Abonnent bei diesen Blättern zu werden.

Seit Anfang Februar stellt sich die Frage nach dem Respekt vor geistigem Eigentum in der legalen Gratiskultur noch einmal neu. Zu diesem Zeitpunkt kaufte der Internetkonzern AOL die Website Huffington Post für 315 Millionen Dollar. Die Chefredakteurin Arianna Huffington hat sie vor sechs Jahren als linksliberales Gegengewicht zu konservativen Meinungsseiten gegründet. In ihrem Autoren-Blog sammelt sie täglich die Stimmen vieler mehr oder weniger prominenten Blogger aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltung. Gelegentlich finden sich auch selbst recherchierte Investigativ-Geschichten der kleinen Redaktion.

Das Gros der monatlich mehr als 25 Millionen Leser kommt aber aus einem anderen Grund auf die Seite: "Die Huffington Post hat die Methode perfektioniert, aus interessanten Artikeln irgendwo da draußen im Web ein interessantes Detail zu extrahieren, daraus einen Kurzartikel samt Link zur Originalquelle zu schmieden und das Ganze mit einer möglichst klick- und suchmaschinenoptimierten Überschrift zu versehen", analysiert Spiegel Online.

Geht es nach der Gründerin, werden weder die Blogger noch die Urheber der verlinkten Meldungen von den AOL-Millionen auch nur einen Cent sehen. Für die Unternehmerin war die implizite Vereinbarung: Die Blogger können sich auf der Seite darstellen und sich so einen Ruf erarbeiten - das muss als Vergütung reichen. Die Verlinkten sind ohnehin machtlos oder freuen sich gegebenenfalls sogar über zusätzliche Leser, die ihnen die reichweitenstarke Huffington Post vermittelt.

Doch nun gibt es Widerstand. Einer der regelmäßigen Autoren, der Gewerkschafter Jonathan Tasini, hat eine Sammelklage eingereicht, weil er sich von Arianna Huffington, die auf Kosten der Autoren Kasse gemacht habe, getäuscht sieht. Er fordert Schadenersatz. Das Gros der Huffington-Post-Blogger schreibt freilich weiter - freiwillig und unbezahlt.

"Journalisten mag das gefallen oder nicht: Aufmerksamkeit braucht kein Geschäftsmodell", sagt Robin Meyer-Lucht. Der Berliner Online-Berater, Publizist und Gründer des inhaltlich anspruchsvollen und mit dem Grimme Online Award prämierten Autoren-Blog Carta weiß zu polarisieren. Und legt mit einem Lächeln nach: "Wir machen keinen Journalismus. Denn Journalismus ist per Definition bezahlt."

Carta versteht sich als "Autoren-Blog für digitale Öffentlichkeit, Politik und Ökonomie". Unter den Autoren sind Professoren, politisch interessierte Inhaber von Werbe-Agenturen, Mitarbeiter von Thinktanks - Leute, die nicht auf Honorare angewiesen sind. Wie die Mitarbeiter der Huffington Post kommentieren und verlinken sie, um öffentliche Meinung zu beeinflussen, ihren Ruf zu mehren oder mit Textauszügen Werbung für ihre Bücher zu machen.

"Mit Autoren-Honoraren könnten wir die sowieso nicht locken", sagt der Gründer Meyer-Lucht. "Wenn ihre Artikel auf Spiegel Online zitiert werden, bringt ihnen das mehr als ein wenig Zeilengeld."

Ganz ohne finanzielle Interessen scheinen die Autoren und der Betreiber der Seite allerdings nicht zu sein. Zum einen findet sich auf Carta die übliche Online-Werbung, von der aber kaum mehr als die laufenden Kosten finanziert werden können. Interessanter ist der Flattr-Button unter jedem Artikel.

To flatter heißt auf Deutsch schmeicheln. Flattr ist ein Mikro-Spendenservice, mit dem man Autoren, die ihre Werke frei zugänglich ins Netz stellen, Geld zukommen lassen kann. Anders formuliert: Es ist der Versuch, die Idee des Mäzenatentums in die Internet-Ära zu übertragen. Wer findet, dass gute Inhalte honoriert werden sollten, meldet sich bei dem Dienst an, zahlt monatlich einen festen Betrag ein und klickt die Seiten an, die unterstützt werden sollen. Am Ende des Monats wird die Spende auf die geflatterten Seiten verteilt.

Auch die Tageszeitung "Taz", die seit jeher ihre Leser immer mal wieder mehr oder weniger fantasievoll um Geld anhaut, hat die Flattr-Buttons inzwischen auf ihrer Website eingebunden und setzt als Zubrot auf das sogenannte Crowdfunding.

Ins Leben gerufen hat die Plattform für Mikro-Mäzene der Schwede Peter Sunde. Den wiederum kennen die Verlagsjuristen seit 2004 als einen von drei Gründern von The Pirate Bay, einer der beliebtesten Plattformen der Welt zum Austausch von Raubkopien. Sunde wurde vergangenes Jahr wegen Verletzung von Urheberrechten von einem schwedischen Gericht zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt und ging in Berufung. Pirate Bay wird zurzeit von der schwedischen Piratenpartei betrieben. Böse Stimmen sagen: Dank Flattr fallen für die vielen unbezahlten Wissensarbeiter im Netz wenigstens ein paar Brosamen ab.

Auch im Netz gilt: Leistung muss sich lohnen

Immerhin gibt es inzwischen einige Blogger, die auf bescheidenem Niveau von Flattr-Einnahmen leben können. Das sind nach Beobachtung des "Vorwärts"-Redakteurs Karsten Wenzlaff vor allem diejenigen, "die populistisch polarisieren". Der Boulevard rechnet sich offenbar auch unter den Bedingungen der Gratiskultur. Der US-amerikanische Journalismus-Professor Jeff Jarvis geht seit Jahren mit der Idee hausieren, der Journalist der Zukunft veröffentliche im Wesentlichen auf seiner eigenen Internet-Seite und lebe von den Werbeeinahmen. Weil kein Verlag mitverdiene, lohne das auch bei insgesamt deutlich geringeren Umsätzen.

Allerdings gibt es, obwohl das Internet längst das mächtigste Medium ist, bislang noch nicht allzu viele Journalisten, die so erfolgreich wirtschaften können. Bei ein paar prominenten unter ihnen mag das Modell einigermaßen funktionieren. Die meisten jedoch müssen die Früchte ihrer Arbeit de facto verschenken und leben, wenn sie keine andere Einnahmequelle haben, in prekären Verhältnissen.

Ein kühler Blick auf die Realität des Netzes legt den Schluss nahe: Von Mäzenen unterstützte Netzpublizisten und sendungsbewusste Bürger, die es sich leisten können, Inhalte zu verschenken, tragen zur Meinungsvielfalt bei. Das publizistische Rückgrat der Wissensgesellschaft werden sie nicht bilden.

Die werbefreie Raubkopie des "Spiegel" lässt sich bequem und in bester optischer Qualität auf iPad und Tablet-PC lesen. Der Mehrheit der Leser dürfte klar sein, dass es bald keinen "Spiegel" mehr geben wird, wenn alle sich Raubkopien besorgen und keine Hefte mehr kaufen.

Die kurze Geschichte der Online-Piraterie hat gezeigt: Die Leute greifen besonders gern illegal auf Inhalte zu, wenn bequem erreichbare legale Angebote fehlen. Die MP3-Player machten CDs überflüssig und illegale Tauschbörsen groß. Den freien Fall der Musikindustrie stoppte erst Apple mit seinem Musik-Shop iTunes. Bei Filmen ist es dagegen heute immer noch einfacher, sich eine Kopie illegal herunterzuladen, als sich umständlich auf einer legalen Plattform mit schlechter Nutzerführung anzumelden.

Die Game-Hersteller haben viele Fehler der Musik-und Filmindustrie vermieden. Sie haben relativ früh auf restriktive Formen des Kopierschutzes verzichtet und es ihren Kunden erleichtert, ihre Spiele auf beliebig vielen Endgeräten ihrer Wahl zu installieren. Die Entwickler haben den Dialog mit den Spielern gesucht und deren Hinweise als Chance begriffen, ihre Produkte zu verbessern. "Game-Publisher nehmen Raubkopien bewusst in Kauf", sagt Gisela Schmalz. "Immer noch genügend Online-Spieler zahlen gern ihre Abonnement-Gebühren." Die Medienökonomie-Professorin an der Rheinischen Fachhochschule Köln hat vor zwei Jahren mit "No Economy - Wie der Gratiswahn das Netz zerstört" ein Plädoyer wider die kurzsichtige Gratismentalität der Nutzer gehalten. Seitdem sucht sie nach intelligenten Modellen, damit Kreative, Verlage und Konsumenten zueinanderfinden. Ihre wichtigste Erkenntnis lautet: "Voraussetzung ist immer, dass Qualität und Leistung stimmen. Oft ist allein der bequeme und schnelle Service und nicht das Produkt selbst ein Bezahlmotiv."

Annette Anton, die Verlagsleiterin von Campus, hört sehr genau hin, wenn E-Book-Fans über ihre Lesegewohnheiten und die Erwartungen an das Buch als digitales Produkt reden. "Wir haben als Branche nicht schnell genug auf einen Trend reagiert", sagt sie selbstkritisch. "Wir müssen unser iTunes noch finden."

Der Campus Verlag hat kürzlich für einige seiner digitalen Produkte eine weichere Form des Kopierschutzes eingeführt. Anton will "den digitalen Leser weder umerziehen noch kriminalisieren". Respekt gegenüber dem lesenden Kunden im Zeitalter der Digitalisierung heißt aus ihrer Sicht unter anderem, "bestimmte Kapitel einzeln anzubieten und Leser nicht systematisch zu zwingen, das ganze Buch zu kaufen".

Bei der Durchsetzung der Urheberrechte bleibt sie hart. "Spätestens wenn ein Geschäftsmodell dahintersteht, hört für mich der Spaß auf." Selbst wenn diese Betreiber und Nutzer von Tauschbörsen hundertmal behaupteten, sie hätten große Hochachtung vor der kreativen Leistung der Autoren.

"Respekt drücke ich aus, indem ich für eine Leistung bezahle. Alles andere ist dämliches Geschwätz." -

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