Ausgabe 05/2011 - Schwerpunkt Respekt

Rinkeby

Die Welt-Schule

- Am Anfang ist das Wort, es ist fremd, und es steht im Regal gleich rechts hinter der Tür. Bil, zum Beispiel. Darüber die Zeichnung eines Autos mit pausbäckigen Reifen und lachenden Augen statt Scheinwerfern. Oder groda. Dazu ein pummeliger Frosch. Oder das schönste aller Wörter: bok. Buch.

"Dies hier", sagt Börje Ehrstrand, während sein Arm kaum die Andeutung einer Geste beschreibt, "dies hier ist der wichtigste Ort der Schule": die Bibliothek. Hier führt der Direktor Besucher stets als Erstes hin. Weil hier alles anfängt. Und immer wieder mit Min Första Pek Ordbok, "Mein erstes Bild-Wörterbuch".

Damit hat schon Jasemine Samuelsson begonnen, die Bibliothekarin, kurz nachdem sie vor 20 Jahren aus Sarajevo nach Schweden geflüchtet war, lange bevor sie Samuelsson hieß. Bil, groda, bok. Auch ihre ersten schwedischen Worte, im Alter von 38 Jahren. Heute drückt die 57-jährige Bibliothekarin das Kinderbuch jedem der vielen Neuankömmlinge in die Hand. Es ist speckig vor Schmutz und Neugier.

So wichtig sei die Bücherei, erklärt Ehrstrand in schwerem, melodiösem Englisch, dass er eine Stelle für eine Vollzeit-Bibliothekarin erkämpft habe, für die beste natürlich, sagt er mit Verbeugung zu Jasemine. So einen Posten hat sonst keine Schule mit gerade einmal 340 Schülern. Gilt als Verschwendung.

Nicht in der Rinkebyskolan, denn an den Wörtern hängt einer der erstaunlichsten Bildungserfolge in Europa. Eine Schule, die zu den besten Schwedens gehört, obwohl sie in einer der übelsten Gegenden des Landes steht und der Rest Schwedens weit entfernt scheint: 99 Prozent der Schüler haben nichtschwedische Eltern, rund 70 verschiedene Ethnien mit ebenso vielen Sprachen teilen sich Klassenzimmer, Aula, Mensa, Bibliothek. Das Leben. In manchen Klassen gibt es keine Nationalität zweifach.

Nach Schulschluss gehen sie nach Hause in eine Welt, aus der sich die Schweden fast spurlos verabschiedet haben: Von den rund 50 000 Bewohnern Rinkebys im Nordwesten Stockholms stammen 95 Prozent aus dem Ausland, vielleicht sind es auch 98 Prozent, niemand weiß das mit Gewissheit. Die Einwanderer heißen "Neue Schweden", als machte sie das vertrauter, und sie leben in gedrungenen, adretten Würfelbauten in Pastelltönen, Grün, Rot, Beige, Gelb, Blau; fünf Farben Sozialstaat. 40 Prozent der Einwohner haben keine Arbeit.

Jeder Krieg der vergangenen 30 Jahre hat Menschen hierher verschlagen, aus Jugoslawien, Ruanda, Afghanistan, Irak, Kongo und Somalia. Das Rinkeby Sky Office, das einzige Reisebüro, wirbt mit Flügen nach Mogadischu, schräg gegenüber verkauft der "Afro Frisör" hinter schweren Fenstergittern Haarverlängerungen und Bleichcreme. Scharf weht der Wind über die letzten Flecken Schnee, es ist Ende März, und an den Bushaltestellen hüllen sich die Frauen tiefer in ihre langen schwarzen Gewänder, die nicht bei allen das Gesicht aussparen.

Aus dieser Welt formt die Rinkebyskolan seit Jahren die besten Schwedisch-Schüler Schwedens. Zum sechsten Mal in Folge schlug die Klasse 9a alle anderen des Landes, man weiß das dank standardisierter Abschlusstests. Die Mathematikschüler aus Rinkeby sind ebenfalls seit Jahren und oft mit weitem Abstand die besten der Nation, und auch in allen anderen Fächer haben die Schüler Aussicht auf überdurchschnittlichen Erfolg.

Dass die Schule zudem praktisch keine Disziplinprobleme kennt, ein reges Sozialleben hat, mit Universitäten und Unternehmen in enger Verbindung steht, ein anspruchsvolles Mentorenprogramm unterhält und seit 1997 am Ende jedes Jahres den frisch gekürten Nobelpreisträger in Literatur empfängt (natürlich mit einem von den Schülern geschriebenen Buch) - es könnte allzu märchenhaft klingen, beschämte Börje Ehrstrand Zweifler nicht mit der selbstverständlichsten aller Einsichten: " Jeder kann ein Gewinner sein."

Sein Mantra. Der 66-Jährige vermag es einfach nicht, seine Schüler als Problemkids zu sehen, er erkennt in ihnen Botschafter der Zukunft. Sie sind längst dort, wo alle anderen erst noch hinwollen - in der Weltgesellschaft. Verständnis für andere Kulturen, Respekt vor fremden Religionen, das Miteinander unterschiedlicher Hautfarben: "Wovon Politiker und global operierende Unternehmen sprechen, haben wir hier längst verwirklicht. Unsere Schüler haben einen gewaltigen Vorsprung vor den armen Kindern in rein schwedischen Schulen."

Das ist die kulturelle Lesart. Ehrstrand mag auch die ökonomische, sie ist ein bisschen provokanter: "Migranten sind eine kostenlose Ressource, wir sollten sie besser nutzen." Das hören besonders gern Manager, die der Rinkebyskolan als Zukunftsmodell die Ehre erweisen, ganze Vorstandstrupps führt der Rektor zuweilen durch sein Revier. Oder jenen Manager der Deutschen Bank, der die Schule besuchte und seine Begeisterung nicht mehr zügeln konnte. "Genau das brauchen wir in Deutschland", rief er wie nach einer Erweckung, "unsere Zukunft liegt nicht in Deutschland, sondern in der Welt!"

Die Lehrer erwarten viel und geben alles

Aber auch die Weltgesellschaft braucht ein Betriebssystem. Ehrstrand kennt kein besseres als das älteste, die Sprache. Die Aufgabe der Schule sei es, sie den Schülern zu schenken. "Unsere Kultur beruht auf der Fähigkeit zu kommunizieren: sprechen, schreiben, hören, lesen." Nur wer Wörter hat, kann Respekt erwarten in dieser Welt, das ist die schlichte, mächtige Gleichung des Börje Ehrstrand. Und den größten Respekt, den man den Schülern erweisen kann, ist es, sie mit Worten zu versorgen. Bis daraus ihre eigenen werden.

Deswegen pflegt die Rinkebyskolan die Worte intensiver als alles andere. Bereits in der Vorschule beginnen die Kinder mit intensivem Unterricht in drei Sprachen, Schwedisch, Englisch und der jeweiligen Muttersprache. Ehrstrand hält es für einen großen Fehler, den Kindern ihre Muttersprache auszutreiben. "Das ist doch ihre beste Chance auf einen Job." Über die deutsche Manie, den Türken ihre Sprache zu verbieten und auf eine Leitkultur einzuschwören, schüttelt er den Kopf. "Es kann nicht gut sein, jemandem etwas wegzunehmen. Ich bevorzuge, hinzuzufügen."

Die Lehrer erwarten von allen Schülern schon in frühem Alter Dreisprachigkeit, und es ist verblüffend, durch diese Welt-Schule zu spazieren und mit jedem der Kinder Englisch sprechen zu können. Aber bemerkenswert findet das niemand hier, wie auch, manche der Kinder beherrschen fünf und mehr Sprachen.

Jasemine Samuelsson drängt den Kindern mehr Bücher auf als in jeder anderen Schule Schwedens, rund 20 pro Jahr, sie veranstaltet Bücherwochen, und sie schimpft mit den Schülern, vor allem den Jungs: "Worüber willst du mit den Mädchen reden, wenn du nichts im Kopf hast?", pfeift sie einen Ecuadorianer an. "Meinst du, die finden eine Hohlbirne spannend?"

Sie dürfe so reden, sagt sie, schließlich sei sie selbst ein Flüchtling. Und jeder weiß, sie teilt die Erfahrung aller anderen in diesem kalten Land. Bevor sie wegziehen konnte, hat die kleine, blasse Frau neun lange Jahre in Rinkeby gelebt, die "schrecklichste Zeit meines Lebens", diese Armut, diese Gewalt, aber immerhin, sagt sie, allmählich werde es besser. Die letzte Schießerei im Viertel liegt bereits länger als ein Jahr zurück.

Bücher, sagt Börje Ehrstrand, seien eine Abkürzung des Lernens. Und vielleicht liebt man die Beschleunigung des Verstehens ganz besonders, wenn man wie Börje Ehrstrand, der Mann mit dem urschwedischen Namen, selbst ein Einwanderer ist. Er wuchs in Finnland auf, allerdings als Teil jener schwedischen Minderheit innerhalb der schwedischen Minderheit, die an einem uralten Dialekt festhält, den außerhalb ihres kleinen Kreises niemand mehr versteht. So war Finnisch die erste und Hoch-Schwedisch die zweite Fremdsprache für Ehrstrand, und später kamen noch Englisch, Französisch und Deutsch hinzu. Als er 22-jährig nach Rinkeby kam, weil es dort Wohnungen gab, fühlte er sich dennoch wie ein " Junge vom Lande" und musste alles neu lernen, die språk, das miljö und die regler.

Am Anfang steht auch in der Klasse der frisch Eingewanderten ein fremdes Wort: Lisbeth. Mit vollem Namen: Lisbeth Zittra. Aber in Schweden duzen Schüler ihre Lehrer und erst recht diese sechs Schüler, für die jeder zusätzliche Laut eine Mühe ist. "Lisbeth", sagt ein Mädchen aus Bangladesch, und es klingt, als rolle sie Murmeln im Mund.

Die Schülerin aus Chittagong im Südosten von Bangladesch ist vor drei Monaten ins Land gekommen, die Griechin aus den USA vor zwei Wochen, eine Irakerin und eine türkische Bulgarin kamen zu Weihnachten, eine Jemenitin etwas früher. Sie seien zu alt, 14, 15 Jahre, sagt Lisbeth aus Erfahrung, um jemals ein makelloses Schwedisch zu sprechen, aber die Schule könnten sie schaffen und sogar das Abitur.

Nur bei Ayan Samatar (Name geändert) ist sie skeptisch. Die 14-Jährige aus Somalia stand vor zwei Monaten in der Tür. Nie zuvor hatte sie eine Schule besucht. Sie wusste nicht, was eine Tafel ist, was Bücher sind, was Buchstaben. Die Pädagogen vermuten, dass sie ihr Elternhaus nur ein einziges Mal im Leben verlassen hat - als es zum Flughafen ging, zur Flucht. Die Eltern hatten sie nicht aus muslimischem Eifer eingesperrt, sondern aus Angst vor den Kriegerbanden.

Lisbeth kennt viele solcher Fälle. Die ersten Flüchtlingsmädchen, die nie das Haus verlassen hatten, kamen nach dem Sturz des afghanischen Taliban-Regimes in die Klassenzimmer. Damals schickten Eltern ihre Kinder in aller Hast in die Ferne, um ihnen eine Ausbildung, ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Jetzt sind es Somalis, die ihre Mädchen zu Verwandten in den Norden schicken.

Sie erscheinen in jeder Hinsicht als unbeschriebene Blätter. Auch zur Krankenschwester der Schule kommen sie ohne Dokumente, ohne Impfpass, ohne Geburtsschein. Die Schwester schreibt sie ein ins Sozialsystem, versorgt sie mit den ersten Daten einer amtlichen Existenz: Größe, Gewicht, Sehkraft, Hörfähigkeit, Hinweise auf Parasiten und Tuberkulose, Entwicklungsstand. Der liegt oft Jahre hinter dem der schwedischen Kinder, vor allem, wenn die Einwanderer zu Minderheiten gehören wie den Christen aus Ägypten oder dem Irak.

Die Schule stand vor dem Aus

Und dann sitzen sie vor Lisbeth, die sie mit schwedischen Worten ausstattet. Bil. Groda. Bok. Und dann, so schnell wie möglich, mit der ersten Geschichte. "Wir wollen ihnen etwas schenken, das ganz ihnen gehört", sagt Lisbeth Zittra. Und so schlägt die 62-Jährige schon nach wenigen Stunden das Buch mit der Erzählung vom Frosch und der Ente auf.

Die Ente nämlich hatte ein komisches Gefühl im Bauch, und immer war sie saumselig und verträumt. Was konnte das nur für eine Krankheit sein? Niemand wusste es, bis sie mit dem Kaninchen sprach. Das hörte aufmerksam zu und sagte schließlich zur Ente: "Du bist verliebt!" "Verliebt? Aber in wen?", entgegnete diese. Es dauerte lange, bis sie es herausfand. Denn es war der Frosch. "Der Frosch?", fragten ihre Freunde. "Wie kannst du in einen Frosch verliebt sein? Wie kann eine Ente einen Frosch lieben?"

Das Buch gibt keine Antwort, sagt Lisbeth. Aber jedes Mal, wenn sie die Geschichte im Unterricht Silbe für Silbe eher erkämpft denn erarbeitet, lachen die Schüler hell auf, wenn sie verstanden haben. Und dann schauten sie sich in der Klasse um, sagt Lisbeth, und begännen zu begreifen, wofür die fremden Wörter gut seien. Für die Enten. Und für die Frösche.

So lieblich bleiben die Worte nicht. Denn auch die Regeln der Schule bestehen aus Worten - nein: sind aus ihnen geschmiedet. Das hat mit Rinkebys Geschichte zu tun.

Als Ehrstrand 1989 gebeten wurde, die Schule zu übernehmen, lag sie buchstäblich in Trümmern. Ein Teil des Gebäudes war abgebrannt, der Rest von Graffiti gezeichnet. Das Direktorium sowie 17 Lehrer hatten fristlos gekündigt, weil Unterricht nicht mehr möglich war. Der Krieg, vor dem die Menschen nach Rinkeby geflohen waren, hatte ihre Schule erreicht. Die Behörde erwog, zu kapitulieren und die Schule zu schließen, obwohl sie keine Ahnung hatte, was mit den Schülern dort passieren sollte.

Ehrstrand aber verwirrte die Verwaltung. Nicht, indem er absagte, sondern weil er den Posten annahm. Unter drei Bedingungen allerdings, die für das damalige schwedische Schulsystem ungeheuerlich waren und in friedlicheren Zeiten niemals akzeptiert worden wären. Erstens verlangte er einen Stellvertreter, der ihm die administrative Arbeit abnahm. Zweitens bestand er auf dem Recht, alle Lehrer selbst auszuwählen und sie sich nicht von der Schulzentrale vorschreiben zu lassen. Drittens pochte er auf intensive Zusammenarbeit mit dem Sozialamt, der Polizei und lokalen Organisationen.

So begann Ehrstrand als mächtigster Schuldirektor des Landes, als Herrscher über ein Schlachtfeld. Alle waren gespannt auf seine ersten Schritte, und wieder verwirrte er seine Umwelt. Denn er begann nicht damit, die größten Störenfriede vor die Tür zu setzen, sondern lud die Eltern ein. Mit ihnen hatte bislang niemand gesprochen. Es kursierte das Gerücht, sie interessierten sich nicht für ihre Kinder. Bei der ersten Versammlung fragte Ehrstrand die Rinkebyer Globalgemeinschaft der Eltern, was sie sich für ihre Kinder wünschten. Die Eltern formulierten die nächstliegende, die am wenigsten überraschende Hoffnung: dass ihre Kinder auf dem Arbeitsmarkt bestehen, damit sie Familien gründen, Kinder in die Welt setzen und glücklich werden können.

Das Ziel der Schule war nun klar. Es hat sich seither nicht mehr verändert. In Rinkeby führten die naheliegenden Wünsche von Eltern, die man schon abgeschrieben hatte, zu einer verblüffenden Erkenntnis: Wir wollen ja alle dasselbe! Es dauerte drei Jahre, bis die Reformen griffen, die untrennbar mit Börje Ehrstrand verbunden sind. Eigentlich müsste er kommendes Jahr in Rente gehen, doch er wird erst einmal mit einer Sondergenehmigung weiterarbeiten und dann von Jahr zu Jahr entscheiden.

Ehrstrand hält nichts von Multi-Kulti und vom Aushandeln der Geschäftsgrundlagen. Zu Beginn jedes Schuljahres lädt er daher die Eltern in die Aula und sagt stets das Gleiche: Sie hätten sich entschieden, in Schweden zu leben, was bedeute, die Regeln dieser Gesellschaft zu akzeptieren. Zudem sei es ihre Pflicht, ihren Kindern diese Regeln beizubringen, sonst werde es nichts mit dem Traum von den Gewinnern. So einfach sagt er es, so deutlich.

Sprechen dann im Laufe des Schuljahres muslimische Eltern bei ihm vor, weil sie ihrer Tochter den Schwimmunterricht verbieten, dann verweist Ehrstrand zum einen auf das schwedische Schulgesetz, das keine Ausnahmen bei der Körperertüchtigung duldet, zum anderen auf die Regeln, die verhindern sollen, dass jemand zum Außenseiter wird. Und als Drittes bittet er einen befreundeten Imam, den Eltern den Koran entsprechend auszulegen. Dieser Geistliche ist es auch, der die Ansprache hält, wenn jedes Jahr 5000 Moslems das Ende des Ramadan in der Schule feiern. "Es gibt auch andere Imame", sagt Ehrstrand mit der Andeutung eines Lächeln, "aber wir bevorzugen diesen."

Jeder Regelverstoß wird geahndet

Ein Wissenschaftler, der die Erfolgsfaktoren der Schule analysiert hat, nannte die "non-negotiability" der Regeln an erster Stelle. Über bestimmte Dinge wird hier nicht diskutiert, damit über andere umso mehr geredet werden kann. Das schaffe ein Klima hoher Stabilität und Verlässlichkeit, eine wesentliche Voraussetzung für gute Leistungen und das Erlernen sozialer Kompetenzen.

Worüber nicht verhandelt wird, hängt eingeschweißt an den Schwarzen Brettern. Die "Trivsel Reglar", die "Regeln der Behaglichkeit": Du sollst nicht fluchen. Erweise jedem Respekt. Keine Gewalt. Keine rassistischen Sprüche. Störe nicht die Aktivitäten der anderen. Mehr steht da nicht. In den Klassenräumen gelten noch ein paar zusätzliche Gebote: Sei pünktlich. Lass jeden ausreden. "Common Sense", sagt Ehrstrand. Aber er wird systematisch geübt, etwa bei Zuhör-Übungen in den Klassen, denn "aufmerksames Zuhören ist der größte Respekt, den man erweisen kann".

Gar nicht common aber ist, dass an der Rinkebyskolan noch der kleinste Regelverstoß sofort geahndet wird, konsequent, ohne Ausnahme, seit 20 Jahren. Einmal verspätet ohne triftigen Grund, einmal zugeschlagen, ein einziger rassistischer Spruch und sofort, das heißt: im Idealfall innerhalb einer Viertelstunde, sitzen der Mentor des Schülers, einer der Lehrer und die Eltern zusammen und beraten, was zu tun ist. Meistens ist es nicht viel mehr als ein Gespräch mit dem Delinquenten, selten ein formeller Tadel. Ein Schulverweis sei noch nicht nötig gewesen, sagt Ehrstrand, denn längst habe sich eine Kultur geformt, in der Regelbrecher nicht cool, sondern doof seien.

Allerdings vertrauen die Lehrer nicht allein der Kraft der Worte. Um Ärger zu vermeiden, haben sie die gemeinsamen Pausen aller Schüler abgeschafft. 340 Jugendliche auf dem Schulhof - das mutet sich hier niemand zu. Im Vergleich ist die Mühe, zeitversetzte Stundenpläne für jede Klasse auszuarbeiten, ein Vergnügen.

Auch die Polizei ist regelmäßig zu Gast in der Schule und nicht nur, wenn etwas passiert. Als es ihm kurz nach Amtsantritt zu lange dauerte, bis die Polizei zum ersten Mal vorbeischaute, lobte Ehrstrand per Polizeifunk ein kostenloses Mittagsmahl in der Schulmensa aus. Schon stauten sich die Polizeiwagen vor dem Eingang. Seither kommen Beamte zwei- bis dreimal in der Woche zum Essen, denn "sie sollen hier so präsent sein wie in der Gesellschaft auch", sagt Ehrstrand. Wie rar sein Common Sense ist, bemerkte der Rektor, als er für die konsequente Durchsetzung der Regeln mit dem "European Crime Prevention Award" geehrt wurde, eine der inzwischen kaum noch zu zählenden Auszeichnungen für die Schule.

Natürlich hat geholfen, dass Ehrstrand die Personalhoheit besitzt und Lehrer auswählen kann, die das Konzept mittragen. Auch dabei hat er eine klare Vorstellung: Er sucht Anführer, die eine Klasse gleichermaßen begeistern wie im Griff haben. Rasch hat sich unter ihnen herumgesprochen, dass vor allem die Lehrer vom strengen Regelwerk profitieren. Weil sie nicht, wie auch an schwedischen Schulen üblich, von den Schülern beleidigt, angegriffen oder - vielleicht schlimmer - ignoriert werden. Sondern sie in jeder Stunde sofort mit dem Unterricht beginnen.

Einer der Lehrer, der inzwischen Kollegen an anderen Schulen ausbildet, stellte dort fest, dass pro Stunde im Schnitt 20 Minuten vergingen, bevor Ruhe in der Klasse herrschte. Ein Drittel der Zeit. Bis zur mittleren Reife ein Lehrrückstand von drei Jahren. Den beklagt in Rinkeby niemand.

Und doch ist es mühsam, die Schüler nicht nur mit Wissen, Wörtern und Regeln auszustatten, sondern auch noch mit - Schweden. Mit den Gepflogenheiten eines Landes, das viele nur vom Hörensagen und aus dem Fernsehen kennen. Weil es eine U-Bahnstation entfernt ist, eine Ewigkeit.

Deswegen steht Anita Wahlund an der Tafel und erklärt ihrer Schwedisch-Klasse, wie sie nach Liljeholmen kommen, ans andere Ende Stockholms. Die Schüler sind seit mindestens anderthalb Jahren im Land, aber die U-Bahn kennen noch nicht alle.

Irgendwann wurde Ehrstrand und seinem Team klar, dass sie zwar vieles an der Schule richten können, aber bestimmte Fähigkeiten nur draußen zu erlernen sind. Die Schüler müssen auch die ungeschriebenen, die ungesprochenen Wörter kennen. So begann die Schule, systematisch Kontakte mit renommierten Adressen zu knüpfen: Universitäten, Instituten wie der Königlichen Technischen Hochschule, Unternehmen. Wenn Schweden sich verdrückt aus Rinkeby, dann geht die Schule eben nach Schweden.

Wenige Tage vor Weihnachten 2008 lud die Schule Hunderte Unternehmer und Manager ins Stadshuset von Stockholm ein, wo alljährlich die Nobelpreise vergeben werden, um sie für eine ungewöhnliche Idee zu gewinnen: die Stockholmer Oberschicht als Pate der Außenseiter. Ein Schüler, ein Mentor - und dann mal sehen, was passiert.

Nicht viel, anfangs. Die Scheu war zu groß, auf beiden Seiten. Und die Unwissenheit. Was will ein 15-jähriges Mädchen, das gerade mit seiner Familie aus Uganda eingewandert ist, fragte sich der schwedische Integrationsminister, der die Mentorenschaft übernommen hatte. Wie begrüße ich den Minister, fragte sich das Mädchen. Außerdem rätselte sie, wie es die anderen Schüler auch taten: Was ziehe ich an, wie soll mein Lebenslauf aussehen, was erzähle ich von mir, was interessiert einen Finanzvorstand, einen Staatsbeamten, einen Unternehmer, was tue ich, wenn mir nichts mehr einfällt, welche Geschenke bringe ich mit? Wie, um Himmels willen, kann ich in dieser Welt bestehen?

Rasch wurde die der Schule angeschlossene Rinkeby Akademie, die das Programm betreut, zu einer Lebensschule des Elementaren. Wie schüttele ich eine Hand, wenn das in meiner Kultur verpönt ist? Wie sitze ich richtig? Was sind meine ersten Wörter? Wie mache ich ein Kompliment, wie ertrage ich eines? Wie, verdammt noch mal, funktioniert Networken?

Und Günter Grass soll seine Beine bewegen

In Rollenspielen und Theaterstücken werden die Schüler auf die Welt vorbereitet, rund 180 Schüler haben bereits Mentoren, und ihre Zahl wächst; sogar ein Gebäude für die Akademie wird auf dem Schulgelände errichtet. Auch die Mentoren wurden geschult: Was 15-Jährige spannend finden? Bitte nicht den Club oder das Sterne-Restaurant, lieber die Bowlingbahn oder Eishockey. Und der Minister hat die ugandische Familie in Rinkeby besucht.

Das Prinzip Offenheit. Die Schule stellt ihr Freizeitzentrum und die Sporthalle für die Vereine von Rinkeby zur Verfügung und lässt sie nicht, wie üblich, nach Schulschluss ungenutzt; die Skolan hat die "Children of Abraham" ins Leben gerufen, eine Stiftung zur Verständigung der Religionen. Regelmäßig geben Geistliche aller Glaubensrichtungen hier Lektionen.

Ende jedes Jahres lädt die Schule den frischgekürten Nobelpreisträger für Literatur ein. Die achte Klasse beginnt, sowie der Gewinner feststeht, dessen Werke zu lesen, und stellt dann ein eigenes zusammen, das sie auf Schwedisch schreiben und in die Muttersprache des Schriftstellers übersetzen: Gedichte, Geschichten, Fragen der Achtklässler an die Meister der Worte.

Als Günter Grass 1999 die Schule besuchte, schrieb ihm Rawin aus dem Irak ein Rezept für Ofenkartoffeln, begleitet von dem Rat: "Dieses Essen solltest du zusammen mit deiner Geliebten essen." Marianella aus Uruguay empfahl ihm: "Lieber Günter, lies nicht so viele Bücher, du musst im Leben auch deine Beine ein bisschen bewegen."

Nusmir schrieb über Rinkeby, das "Dorf der Welt", Nuur über Michael Jackson, den "besten Singvogel der Welt", und Özgur verfasste ein kleines Gedicht: "Ich wurde in den schönen Bergen in Kurdistan geboren. Meine Urgroßmutter erzählte, dass ich mit den Augen gegen den Berg Sipan geboren bin. Das bedeutet, dass ich immer kämpfen werde."

Es heißt, Günter habe mit Mühe Tränen der Rührung unterdrückt. Anders als die meisten Preisträger. -

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