Ausgabe 11/2011 - Schwerpunkt Rechnen

Der Kaufmann

• Hunderte Interviews. Dutzende Talkshows. Immer ein Kommentar nach dem Schlusspfiff. Er hat zu allem was gesagt, zum Fußball in allen Facetten, indisponierten Schiedsrichtern, gutem Management und schlechten Politikern, zu Moral, Ethik und dass ein Land, das sich moderne Fußballarenen leisten kann, auch in der Lage sein muss, ausreichend Kindergärten zu bauen.

Jeden Samstag zoomen ihn die Kameras ins Bild, den rot-weißen Schal um den Hals, die Vorstände Karl-Heinz Rummenigge und Karl Hopfner daneben. Die drei von der Tribüne. Dann kann man ihn wieder jubeln, leiden, gestikulieren, poltern sehen. Und man muss bei Youtube nur seinen Namen und "Wutrede" eingeben, dann erscheint er auf einem Podium mit hochrotem Kopf. Der Auftritt ist Kult. Eure Scheißstimmung, Pfiffe, Buhrufe - wer glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid?

Uli Hoeneß sitzt mit seiner Frau Susi vor einem Berggasthof überm Tegernsee. Natürlich drehen sich die Leute an den Nebentischen nach ihm um. Seine Frau bestellt Leberkäse mit Spiegelei und Kartoffelsalat. Nimmt er auch. Er spricht von der schönen Natur am Tegernsee. Sie von der Wäsche, die noch gemacht werden muss. Er sagt: "Ich bin eine öffentliche Person, obwohl ich nie eine sein wollte." Frau Hoeneß' Blick sagt was anderes.

Wer nur den öffentlichen Hoeneß kennt, den Macher, den Erfolgsmenschen, den Provokateur, Protagonisten und Visionär des deutschen Fußballs, ist auf den privaten Hoeneß nicht vorbereitet. Der private Hoeneß wirkt aufgeräumt, beinahe sanftmütig. Das liegt an diesem herrlichen Freitag Ende September, aber auch daran, dass nach turbulenten Jahren mit personellen Kapriolen und sportlichen Rückschlägen die Ergebnisse wieder stimmen. Tabellenführer, zehn Pflichtspiele hintereinander ohne Gegentor, zwei souveräne Siege in der Champions League. Der FC Bayern München, mit mehr als 168 000 Mitgliedern drittgrößter Sportverein der Welt, steht wieder da, wo Hoeneß ihn haben will: ganz oben.

Fußball ist ein schwer kalkulierbares Geschäft. Zwischen einem 1:0 und einem 0:1 liegen Details. Der Leistung von Spielern kann eine Grippe oder Bänderdehnung im Weg stehen. Dem Ball der Pfosten. Einem Sieg ein Fehler des Schiedsrichters. Ein teuer gekaufter Spieler kann sich schon am nächsten Tag das Bein brechen. Ein Trainer kann in wenigen Monaten ein über Jahre aufgebautes Sozialgefüge zertrümmern. Alles schon da gewesen, auch beim FC Bayern. Qualifiziert sich der Klub dann nicht für die Champions League, entgehen ihm 20 Millionen Euro Einnahmen, mindestens.

Der FC Bayern ist Hoeneß, Hoeneß ist der FC Bayern. 1979 übernahm er den Klub als Manager, seit zwei Jahren ist er Präsident, seit 2010 Aufsichtsratsvorsitzender der FC Bayern München AG. Seine Bilanz ist phänomenal, sportlich wie wirtschaftlich.

– 17-mal Deutscher Meister; zehnmal Pokalsieger, zweimal im Finale des Europapokals der Landesmeister, UEFA-Pokal gewonnen, dreimal im Finale der Champions League, darunter der Triumph von 2001.1979 machte der FC Bayern zwölf Millionen Mark Umsatz und hatte sieben Millionen Mark Schulden; 2009/2010 machte der FC Bayern 312 Millionen Euro Umsatz, das Barvermögen beläuft sich angeblich auf mehr als 100 Millionen Euro.

– Als Hoeneß Manager wurde, lag der Zuschauerschnitt bei 32 000. Wenn es regnete, verloren sich weniger als 20 000 Fans im zugigen Olympiastadion, dessen Eintrittsgelder 85 Prozent der Einnahmen des Klubs ausmachten; heute ist die Allianz Arena, ein futuristischer Fußballtempel auf einem Acker bei Fröttmaning nördlich von München mit 106 VIP-Logen, konzipiert von den Schweizer Architekten Herzog und de Meuron, entstanden für 340 Millionen Euro, jedes Mal ausverkauft, 69 000 Zuschauer, die nur noch 18 Prozent des Umsatzes produzieren.

– Seinen ersten Sponsorenvertrag als Manager unterzeichnete Hoeneß auf einem Bierdeckel, 1979 zahlte der Trikotsponsor Magirus Deutz 600 000 Mark pro Saison; heute überweist die Deutsche Telekom dafür jährlich 25 Millionen Euro. Zu den Werbepartnern gehören Lufthansa, Adidas, Audi, Coca-Cola, Hypo-Vereinsbank, Siemens, Samsung, Lego, Burger King. Insgesamt 26 Firmen.

– 1979 hatte die Geschäftsstelle 15 Angestellte; Hoeneß' erste Sekretärin beschwerte sich nach ein paar Wochen, sie habe nichts zu tun; zum Training kamen zwei Lokalreporter und ein paar Rentner; heute gibt es 400 Angestellte, das Trainingszentrum hat einen beheizten Rasenplatz, Ruhezonen, eine Cafeteria, ein Kino für die Spieler, täglich gibt es im Medienzentrum zwei Pressekonferenzen, das Training verfolgen bis zu 5000 Menschen.

– Früher gab es Wimpel und Anstecknadeln zu kaufen; heute macht der FC Bayern jährlich rund 40 Millionen Euro Umsatz mit Merchandising inklusive Weiß- und Rotwein, Sekt und Bonbons.

Was ist der FC Bayern wert?

"Audi hat 2009 für 9,1 Prozent unserer Anteile 90 Millionen Euro bezahlt, dann können Sie es sich ausrechnen."

Eine Milliarde aus nichts, wie viel Potenzial ist da noch?

Hoeneß stutzt. Die Gabel fällt in den Kartoffelsalat, der Mann in die Stuhllehne, die Hände gehen nach oben. Schöner Tag hin, grandioser Saisonstart her. Jetzt regt er sich auf.

"Selbst wenn wir verkaufen wollten - wer kauft denn einen Verein wie uns? Ein Stadion wie die Allianz Arena? Wir sind doch nicht in Amerika, wo Sportvereine verscherbelt werden und von A nach B umziehen."

Immer mehr Geld verdienen will der FC Bayern aber auch?

"Ach, Geld, Geld, mehr, mehr, höher. Diese Frage gefällt mir überhaupt nicht. Ich wusste nie, wie viel Umsatz ich machen wollte. Am Ende müssen viele kleine Dinge stimmen, damit die Zahlen stimmen."

Aber steht das nicht im Widerspruch zum Erfolgsmenschen Uli Hoeneß, der schon mal sagt, die Konkurrenz müsse mit dem Fernglas suchen, wo der FC Bayern steht?

"Natürlich will ich Erfolg, aber nicht um jeden Preis. Wenn es um Geld geht, muss man auch mal zufrieden sein. Den Status quo zu erhalten ist auch eine Herausforderung."

Früher am Morgen. Uli und Susi Hoeneß wohnen an einem Hang hinter Bad Wiessee im Bauernhausstil. An der Pforte zwei Klingeln ohne Namen. Hoeneß öffnet. Der ehemalige Profi Manfred Schwabl sei da, er müsse noch schnell telefonieren, dann habe er gleich Zeit. In der Wohnung keine Pokale, Urkunden, Fotografien. Außer zwei Arbeiten eines amerikanischen Popkünstlers im Flur weist nichts auf Fußball hin. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher, Börsenkurse auf n-tv. Klickte man jetzt durch den Videotext, stieße man auf schlimme Nachrichten: Griechenland pleite. Der Euro in Gefahr. Die Banken am Abgrund. Das kapitalistische System droht zu entgleisen.

Er nimmt das Thema gleich auf, als er auf die Terrasse kommt. Genau das predige er seit Jahren bei seinen Vorträgen, in denen es neben Fußball immer auch um gutes Management, um Werte und Moral in Wirtschaft und Politik geht: "Es besteht die Gefahr", sagt Hoeneß, "dass das alles aus dem Ruder läuft."

Warum?

"Die Finanzwelt zeigt keine Bereitschaft, zur Volkswirtschaft beizutragen. Eine Krankenschwester trägt mehr zur Volkswirtschaft bei als ein Spekulant. Wenn ich sehe, dass Optionsscheine für Reis steigen, sage ich zu meiner Frau: 'Das bedeutet, dass Menschen hungern müssen, weil sie sich keinen Reis mehr kaufen können.'"

Wie das ändern?

"Eine Finanztransaktionssteuer bringt nichts, man muss das verbieten. Spekulationen auf Rohstoffe dürfen nur von Leuten unternommen werden, die mit der Ware auch physisch arbeiten."

"Focus Money" beschrieb er seine Bedenken mit einem Beispiel aus seiner Wurstfabrik, Howe Wurstwaren KG, Nürnberg, 300 Angestellte, 45 Millionen Euro Umsatz, 200 000 Rostbratwürste täglich: "Ich habe für mein Schweinefleisch fünf verschiedene Lieferanten. Ich rufe an, lasse mir die Preise geben und kaufe dann. Für was aber brauchen Banker Schweinebäuche?"

"Es ist doch Wahnsinn", sagt Hoeneß nun auf der Terrasse seines Hauses, "wenn täglich hundertmal mehr Rohöl gehandelt als produziert wird. Ich glaube, die Preise sind manipuliert."

Wie das?

"Ich habe mir das sehr lange sehr genau angeschaut: Am Freitag bricht wieder irgendwo in Nigeria ein Feuer aus, da wird der Kurs gedrückt, am Montag schießt er wieder nach oben. Dass diese Leute keine Skrupel haben, macht mich krank."

Die Faszination, die Fußball auslöst und ihn zur weltweit lukrativsten Ware des Unterhaltungsgeschäfts gemacht hat, wird gern umschrieben. Allegorie des Lebens. Spiegelbild der Gesellschaft. Ausdruck der Seele und Mentalität einer Nation. Fußball verbindet, bewegt, spaltet. Wenn es nach Hoeneß geht, dann ist der Fußball aber auch Abbild der Abgründe des Finanzsystems geworden. Ein wildes Gezocke abseits kaufmännischer Vernunft, zunehmend entmenschlicht. Hoeneß: "Unsere Branche wird immer mehr ein Spiel ohne Grenzen."

Die Vereine der spanischen Primera División waren 2009 mit mehr als 3,5 Milliarden Euro verschuldet. Die englische Premier League liegt bei schätzungsweise vier Milliarden Euro. Der FC Barcelona hat sich seine jüngsten Titel teuer erkauft, mit Geld, das er nicht hat. Knapp 400 Millionen Euro Schulden.

Das liegt vor allem an immer höher steigenden Ablösesummen und Gehältern, die angefeuert werden von Milliardären, die sich Fußballklubs halten wie Rennpferde. Roman Abramowitsch soll mehrere Milliarden Euro Verluste mit dem Londoner Chelsea Football Club gemacht haben. Manchester City gehört Mansour bin Zayed Al Nahyan, dem Bruder des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, der sich sein Engagement bislang angeblich 700 Millionen Euro hat kosten lassen. FK Anschi Machatschkala, ein Verein im kaukasischen Dagestan, zahlt dem Spieler Eto'o für drei Jahre 60 Millionen Euro. Und der amerikanische Investor Malcolm Glazer, von dem Hoeneß vermutet, "dass er nicht mal weiß, dass Luft im Ball ist", hat für Manchester United 790 Millionen Pfund gezahlt. Das Darlehen für den Kauf wurde dem Verein aufgehalst, weshalb der nun jährlich mehr als 40 Millionen Pfund Tilgung aufwenden muss.

"So will ich keinen Erfolg haben, und unser Fan will das auch nicht", sagt Hoeneß, "da werde ich lieber Zweiter oder Dritter." Wenn er sich Real Madrid anschaue, angeblich mit fast einer Milliarde Euro verschuldet, könne er nur feststellen: "Wer zu lange unnötige finanzielle Risiken eingeht, geht irgendwann kaputt."

Schön, wenn 80 000 Fans ins Bernabeu-Stadion pilgern, um dem verpflichteten Spieler Cristiano Ronaldo - 94 Millionen Euro Ablösesumme, 13 Millionen Euro jährliches Nettogehalt - zu huldigen. "Die werden dann ein Problem haben, wenn der Gerichtsvollzieher kommt und ihnen ihr Stadion zusperrt. Lassen wir die doch laufen. Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht."

Uli Hoeneß wird 1952 im Ulmer Stadtteil Eselsberg geboren. Die Eltern haben eine Metzgerei, der Vater steht von morgens drei Uhr in der Wurstküche, die Mutter hinter der Ladentheke, am Wochenende macht sie die Buchhaltung. Die Familie: christlich, konservativ, sparsam. "Wenn abends zehn Mark in der Kasse fehlten, hat man zwei Stunden gesucht, und wenn an Weihnachten eine Gans nicht abgeholt wurde, war der Heiligabend im Eimer."

Die Tugenden, die ihm seine Eltern vermittelten? Hoeneß: "Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Disziplin." Und: Seine Mutter drängt auf eine gute Ausbildung, ein Studium. Doch Hoeneß weiß mit 14 schon, dass er das nicht will. Um sechs Uhr früh lässt er sich von seinem Vater wecken, bolzt in den Wäldern. "Fußball war mein großes Ziel", sagt er. "Ich wollte Profi werden. Daran habe ich gearbeitet wie ein Tier."

Hoeneß durchläuft alle Nationalmannschaften im Jugendbereich des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). 1970 geht er zusammen mit Paul Breitner zum FC Bayern. Es ist die vielleicht schillerndste Zeit des deutschen Fußballs. Beckenbauer. Maier. Müller. Netzer. Heynckes. Overath. Alles Weltklassespieler. Hoeneß wird neben Breitner zum Inbegriff von jugendlichem Sturm und Drang: Seine Spielweise ist revolutionär, er glänzt als Vorbereiter und Vollstrecker. 1972 wird er mit der Nationalelf Europameister, 1974 Weltmeister. Ein Jahr später, im Europapokalfinale gegen Leeds United, verletzt er sich am Knie. Zwei Operationen. 1976 macht er sein letztes Länderspiel, danach ist er sportlich ein Mann ohne Zukunft. Sportinvalide mit 27.

Das Erfolgsgeheimnis? Alle sind wichtig. Der FC Bayern ist eine Familie

Wer sich Hoeneß' Lebensweg anschaut, dem fällt auf, dass er schon früh Verantwortung für andere übernimmt. An seinem Ulmer Gymnasium ist er Schulsprecher. In den Auswahlmannschaften des DFB ist er, obwohl immer einer der Jüngsten, Spielführer. Udo Lattek ("Wo ich bin, ist oben"), der damals als Jugendtrainer für den DFB arbeitete, erinnert sich, dass Hoeneß einmal vor der Abfahrt zu einem Länderspiel nicht auffindbar war. Man suchte das ganze Hotel ab. Sie fanden ihn in der Personalküche, wo er den Angestellten erklärte, dass sie unterbezahlt seien und sich organisieren müssten, um höhere Löhne auszuhandeln.

Als er den FC Bayern übernimmt, legt Hoeneß fest, der Verein mache ab sofort keine Schulden mehr. Sein Credo: "Wir geben nie mehr aus, als wir einnehmen." Jeder Bankrott betrifft Menschen. An jedem Arbeitsplatz hängt das Wohl einer Familie. Das hat er in der elterlichen Metzgerei begriffen. Und: "Geld, Wirtschaftlichkeit, Gewinnmachen ist wichtig, aber Nachhaltigkeit, Glaubwürdigkeit und Identifikation sind es genauso. Der FC Bayern ist eine Familie. Wir arbeiten in einem familiären Umfeld. Das ist ein ganz großer Vorteil."

In der Familie des FC Bayern sind nach Hoeneß' Willen alle gleichberechtigte Mitglieder. Es gibt einen Verhaltenskodex für die Profis, der sie zu respektvollem Umgang mit dem Personal verpflichtet. "Ich will", sagt Hoeneß, "dass ein Zeugwart ein Partner ist, kein Schuhputzer." Wenn sie Meister werden oder die Champions League gewinnen, bekommen alle Angestellten ein Monatsgehalt extra. Wenn einer seiner Angestellten, egal, ob Zeugwart oder ehemaliger Profi, in finanzielle Not gerät, hilft der Verein. Wenn dem Spieler Ribéry Sex mit einer minderjährigen Prostituierten vorgeworfen wird, stellen sie sich in der Presse schützend vor ihn. Wenn der Spieler Breno in Untersuchungshaft sitzt, weil er sein Haus angezündet haben soll, scheut Hoeneß nicht die Konfrontation mit der Staatsanwaltschaft: "Wir haben eine Sorgfaltspflicht für die Leute, die für uns arbeiten oder gearbeitet haben."

So erklärt sich auch die Wutrede damals bei der Mitgliederversammlung, als einer sagte, die Atmosphäre im Stadion habe gelitten durch die vielen VIPs. Für die Allianz Arena hatte Hoeneß mit seinem Grundsatz, nie die Kreditabteilung einer Bank zu betreten, gebrochen. Dann fiel der Partner des Projekts, der Zweitligist TSV 1860 München, infolge miserabler Finanzen aus, plötzlich fehlten 117 Millionen Euro. Und die Fans kapieren nicht, wofür er das alles auch macht. "Damit ihr für sieben Euro in der Südkurve stehen könnt", rief er damals erbost, "weil wir den Leuten in den Logen das Geld aus der Tasche ziehen!" Es gebe auch eine Sorgfaltspflicht für den Fan, der Champions League sehen will und sich ein Ticket bei Chelsea in London, wo die Plätze mindestens 40 Pfund kosten, nicht leisten könnte.

Alle Familie, jeder ist wichtig. Wie in der elterlichen Metzgerei, nur eben größer. So ist der FC Bayern ein Anachronismus im schnelllebigen Fußballgeschäft geworden, in dem die Gesichter in den Führungsetagen häufig von Saison zu Saison wechseln.

Und in München? Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge ist seit 1974 im Verein. Markenbeobachter ist Paul Breitner, Chef-Scout der ehemalige Profi Wolfgang Dremmler. Abteilungsleiter der Fan- und Fanclub-Betreuung ist der frühere Torhüter Raimond Aumann, die Fanshops betreut der frühere Abwehrspieler Hans Pflügler, und Gerd Müller, einst der Bomber der Nation, den Hoeneß durch den Alkoholentzug begleitete, ist heute Jugend- und Amateurtrainer. Uli Hoeneß braucht das, diese Nähe, diese menschliche Wärme. Deshalb auch die Geburtstagsfeiern und Begrüßungsabende für Spieler und Trainer bei Feinkost Käfer.

Natürlich kauft der FC Bayern der heimischen Konkurrenz traditionell die besten Spieler weg, aber zugleich sanieren die sich mit diesen Einnahmen. Wenn die Deutsche Fußball-Liga mehr Geld für Übertragungsrechte aushandelt, dann liegt das auch am Unterhaltungswert des FC Bayern. 1979 gab es jährlich 50 Millionen Mark vom Fernsehen, heute sind es 425 Millionen Euro. Und wenn ein Verein vor der Insolvenz steht, wie der FC St. Pauli, dann kommt der FC Bayern mit allen Stars und bestreitet ein Benefizspiel. Und Hoeneß läuft am Millerntor herum in einem T-Shirt mit St.-Pauli-Logo und der Aufschrift "Retter".

Das System Hoeneß, da ist alles drin: Ego, Ehrgeiz, Erfolgsstreben. "Es muss Hunger da sein", sagte er einmal. Aber auch Gemeinsinn, Gerechtigkeit, soziales Gewissen. Als Vertreter der Interessen seines Vereins ist er, wie Willi Lemke von Werder Bremen es nannte, "Abteilung Attacke". Offensive gewinnt Spiele. Defensive gewinnt Meisterschaften. Hoeneß ist beides.

Später Nachmittag. Auf der Terrasse vor Hoeneß' Haus. Vor sechs Jahren, erzählt er, nach dem Ausscheiden in der Champions League gegen Chelsea, habe ihm in einer Boulevardzeitung "ein junger Schnösel vorwurfsvoll den Rat gegeben, ich solle endlich Schulden machen, damit wir mit Chelsea mithalten können. Der Mann hat doch nicht alle Tassen im Schrank." Als Borussia Dortmund 2000 an die Börse gegangen sei und dabei zirka 130 Millionen Euro erlöste, "hieß es, der Hoeneß muss sich die als Vorbild nehmen. Diversifikation, eigene Hotels, eine eigene Sportmarke das sei die Zukunft. Ich musste ständig lesen, Bayern würde sich nur auf das Kerngeschäft konzentrieren, da müsse jetzt was passieren. Wo aber ist das Hotel? Wo ist die Sportmarke? Wo sind die Börsengelder?" Der Ausgabekurs der Dortmunder Aktie lag bei elf Euro, zwischendurch sank er unter einen Euro (siehe auch brand eins 10/2011: "Blick in die Bilanz: Schweres Spiel").

"Real Madrid hat Fans in der ganzen Welt, der AC Mailand auch", sagt der Adidas-Vorstandsvorsitzende Herbert Hainer, dessen Unternehmen 2002 bei der FC Bayern München AG 9,4 Prozent der Anteile erworben hat. "Wir würden dennoch in keinen anderen Verein investieren als in den FC Bayern." Wenn einer wie Hainer das sage, so Hoeneß, "dann macht mich das stolz".

Die 77 Millionen, die ihnen Adidas damals bezahlte, haben sie immer noch. ---

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