Ausgabe 08/2011 - Schwerpunkt Heimliche Helden

Geisteswissenschaftler Christian Schneider im Interview

Heldenland ist abgebrannt

Herr Schneider, was ist eigentlich ein heimlicher Held?

Das ist für mich ein typischer Begriff unseres postheroischen Zeitalters. Im Grunde ein Unding. Denn eigentlich gibt es keine "heimlichen" Helden.

Warum?

Weil Heimlichkeit und Heldentum sich letztlich ausschließen.

Das müssen Sie erklären.

Das, was wir unter einem Helden verstehen, ist in unserem Kulturkreis seit Homers großem Heldengesang, der Ilias, im Kern unverändert. Ein Held muss drei Kriterien erfüllen. Er muss, erstens, ein Mensch sein, der mit seiner sprichwörtliche Heldentat Außerordentliches vollbringt und sich damit als eine Art Übermensch von der Masse abhebt. Das gelingt ihm nur, indem er zentrale menschliche Maßstäbe und Werte außer Kraft setzt. Der höchste Wert in diesem Spiel ist das Leben selbst: Schließlich ist die grundlegende Zivilisationsbedingung das Tötungsverbot. Dem Helden wird zugemutet, das zu transzendieren. Das Leben "übersteigen" bedeutet in letzter Konsequenz die Nähe zum eigenen Tod. Der klassische Held muss sich also einerseits der Gefahr des Todes aussetzen. Und andererseits bereit sein zu töten. Er oder ich: Darum geht es im Kern - jedenfalls beim klassischen Heros, dem Kriegshelden, so wie ihn uns Homer mit Achill nahebringt. Das Überschreiten der menschlichen Maßstäbe bringt den Helden gleichzeitig, wie jeder Krieg zeigt, in die Gefahr, das Menschliche zu unterschreiten und zum Unmensch zu werden. Kurzum: Wer Held sagt, sagt automatisch Tod, genauer: Mord. Wichtig dabei ist aber: Der klassische Heros handelt nicht egoistisch, er handelt immer für die Gemeinschaft. Er setzt das Tötungsverbot außer Kraft, um die Gemeinschaft zu erhalten, um sie und ihre Werte nach außen zu verteidigen.

Welches sind die beiden anderen Kriterien?

Es muss, zweitens, einen Zeugen der Tat geben sowie einen Erzähler, der von ihr berichtet. Homers Rolle haben heute weitgehend die Medien übernommen. Durch sie wird die Tat einem Publikum bekannt: denjenigen, für die sie letztlich begangen wurde. Die Medien sind heute die Sänger der Heldenerzählungen, die die Tat bekunden und preisen. Und das Publikum, der Adressat dieser Berichte, ist die unabdingbare dritte Bedingung für die Geburt eines Helden. Denn das Publikum entscheidet, ob er als solcher angenommen wird.

Und da der heimliche Held keinen Zeugen hat, der über seine Tat berichtet ...

... hat er auch kein Publikum und kann nicht als Held in Szene gesetzt werden. Das ist die entscheidende Wendung: Helden werden durch den Akt der Zuschreibung geboren. Niemand kann aus sich selbst heraus zum Helden werden. Wie diese Zuschreibung letztlich erfolgt, ist abhängig vom jeweiligen sozialen Koordinatensystem, das die Tat bewertet. Der legendäre "Held der Arbeit" der untergegangenen sozialistischen Staaten ist etwas substanziell anderes als ein Drachentöter. Und dieselbe Tat, die einen Menschen in dem einen Kontext zum Helden werden lässt, kann ihn in einem anderen sozialen Rahmen zu einem Narren oder einem Verbrecher machen.

Welche Gestalten werden heute zu Helden?

Es gibt so gut wie keine. Jedenfalls keine im bislang diskutierten klassischen Sinn. Was werden heute nicht alles für Helden ausgerufen! Die stillen Helden, die Helden des Alltags, die heimlichen Helden. Der Begriff ist verwässert, ja in gewissem Sinn scheinbar unwiderruflich banalisiert. Wir leben halt in postheroischen Zeiten. Die alte Heldenmaschine funktioniert nicht mehr.

Woran liegt das?

Hier in Deutschland vor allem an der verheerenden Realität und den tiefgreifenden Folgen des Zweiten Weltkriegs: letztlich am endgültigen Verlust der Unschuld in Fragen des Kriegs. Das gilt spätestens seit der Erkenntnis, dass der Ostfeldzug der deutschen Wehrmacht und der Holocaust eng zusammenhängen. Man muss sich vor Augen halten: Die letzten, die in Deutschland ganz naiv als Helden gefeiert wurden, waren die Soldaten des Ersten Weltkriegs. Der Krieg bietet nun mal den Rahmen und den idealen Stoff, in dem Helden entstehen können. In Friedenszeiten ist der klassische Held, der legitim für andere tötet, nur sehr schwer denkbar. Anders dagegen Gestalten wie etwa Ernst Udet oder Manfred von Richthofen, die als Jagdflieger im Ersten Weltkrieg Heldenstatus erlangten. Jeder Deutsche kannte ihre Namen. Ihnen wurde gehuldigt, sie waren Identifikationsgestalten. Von Richthofen war "Der Rote Baron", und er wurde voller Ehrfurcht und Feierlichkeit so genannt. Da war natürlich auch viel staatliche Inszenierung dabei, doch die Verehrung für diese Männer war aufrichtig empfunden. Auch wenn sie keine Sieger waren. Die Niederlage von 1945 bezeichnet die große Zäsur in dieser naiven Heldenkultur.

Ein Verlierer kann kein Held sein?

Doch, im Prinzip kann er das. Die Soldaten des Ersten Weltkriegs waren ja Verlierer und blieben doch weit über das Jahr 1918 hinaus Helden. Noch lange wollte jeder Junge wie der Jagdflieger Ernst Udet sein. Das war noch in der Generation meines Vaters tief verwurzelt. Der Unterschied nach 1945 war: Mit der politischen und militärischen Führung waren letztlich auch die Soldaten delegitimiert. Sie standen unter Generalverdacht, Anteil an den Verbrechen der Nationalsozialisten, inklusive des Holocausts zu haben. Das war nicht gleich so. Die fünfziger Jahre sind voll von heroischen "Landser"-Heftchen, gewissermaßen Kriegshelden-Comics, und Hymnen auf die sauberen Wehrmachtssoldaten. Die historische Zäsur von 1945 ist psychisch letztlich erst mit 1968, dem Aufbegehren der Söhne und Töchter dieser Soldaten, vollzogen worden. Wir haben, ich darf da in erster Person reden, unsere Väter nicht als heldenhafte Vaterlandsverteidiger sehen können, sondern eher mit der Vorstellung gelebt, sie seien Mörder. Sie sehen hier sehr deutlich, was geschieht, wenn sich der Zurechnungsrahmen ändert. Und den Schlusspunkt dieser Sichtweise bildete dann die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung.

Also beginnt die postheroische Zeit mit dem Jahr 1945.

Zumindest in Deutschland, dem Land der Kriegsschuldigen und -verlierer. In den USA beispielsweise war das anders. Da waren die Soldaten des Zweiten Weltkriegs noch echte Helden. Denken Sie nur an die sechs GIs auf der Foto-Ikone "Raising the Flag on Iwo Jima", die das US-Sternenbanner in den Boden der japanischen Insel rammen. Das Motiv dieses Bildes ist bis heute tief im Kollektivgedächtnis der Amerikaner verankert. Drei dieser Männer sind im Krieg umgekommen, die drei anderen wurden ausfindig gemacht, durchs Land gekarrt und bejubelt. Da wurde Heldenverehrung betrieben.

Gab es auch in den USA einen Wendepunkt?

Ja, in den USA war es der Vietnamkrieg. Die Soldaten sind nicht nur verletzt, verkrüppelt und traumatisiert zurückgekommen - sie kamen als Verlierer, erstmals in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Sie mussten mit dem Versager-Stigma leben. Ähnliches sehen wir jetzt beim Krieg in Afghanistan, der ebenfalls nicht im klassischen Sinn zu gewinnen ist. Auch keine Heldenmaschine, zumal sich die technische Kriegsführung verändert hat. Es sind heute mechanisierte, digitalisierte Kriege. Die heroische Einzeltat ist kaum mehr möglich. Der moderne Krieg lässt keine Helden mehr zu. Nur noch Opfer.

Ihre Kriterien des klassischen, archetypischen Kriegshelden sind sehr eng. Sie erklären nicht die Helden revolutionärer Bewegungen. Denken Sie an die arabischen Aufstände. Sind das keine Helden?

Nein und ja. Nein, sie sind nicht zu eng, und ja, natürlich können auch Revolutionen Heldenfiguren hervorbringen. Nur: welche? Heutzutage - nach Gandhi, Mao, Che Guevara und Ho Chi Minh - sind es auffälligerweise eher Märtyrer, die nicht exemplarisch handeln, sondern exemplarisch erleiden. Revolutionen sind Bewegungen vieler, nie die Tat eines Einzelnen. Der Einzelne, der Märtyrer, kann höchstens Auslöser einer Revolution werden. An den arabischen Aufständen lässt sich das gut zeigen. Denken Sie an den tunesischen Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, der sich Ende vergangenen Jahres mit Benzin überschüttete und verbrannte. Sein Tod hat in Tunesien die Aufstände ausgelöst. In Ägypten war es der Mord an Khaled Mohammed Said, der von Polizisten auf offener Straße totgeprügelt wurde. Aber sie werden nicht Helden genannt. Und wenn Sie an die Montagsdemonstranten in Leipzig denken - was haben die gerufen?

Wir sind das Volk.

"Wir" bezeichnet das Kollektiv. Ein Held ist eine einzelne Person. Sie werden Schwierigkeiten haben, mir im Kontext des Umbruchs von 1989 eine einzelne Heldengestalt zu nennen. Aber in einem Punkt haben Sie recht. Es gibt in der Tat neben dem kriegerischen, archetypischen Urhelden der Ilias, der von Achill verkörpert wird, noch einen weiteren Heldentypus, der eine individualisierbare Gestalt hervorbringt. Auch er ist in Griechenland geboren: Ödipus.

Ödipus war ein Held?

Ja, in einem ganz eminenten Sinn, auch wenn man das seiner Geschichte nicht auf den ersten Blick entnehmen mag. Denn was war seine Heldentat? Ödipus erschlägt seinen Vater Laios, heiratet seine Mutter Iokaste und zeugt mit ihr vier Kinder. Erst später erkennt er, dass er das schwerste denkbare Unrecht begangen hat. Und doch ist Ödipus ein Held sui generis, er begründet eine eigene Heldengenealogie.

Was macht ihn zum Helden?

Ödipus ist ein Held des Fortschritts. Er beseitigt das Alte und ermöglicht das Neue. Laios hatte ihm sein Geburtsrecht auf den Thron von Theben genommen und wollte ihn töten lassen. Ohne zu wissen, was er tat, hat Ödipus später den Vater und König beseitigt und sich an dessen Stelle gesetzt. Letztlich hat er sich geholt, was ihm zustand. Er hat so die Veränderung und das Neue im Inneren der Gesellschaft herbeigeführt. Ein wahrhaft tragischer Held. Und einer, der, im Gegensatz zum Kriegshelden, Gefühle zeigt und bereut, über seine Taten nachdenkt. Aus Entsetzen über sich sticht er sich mit glühenden Nadeln die Augen aus und geht ins Exil. Im Ödipus-Drama spiegelt sich, was für jede Gesellschaft ganz wesentlich ist, nämlich die aggressive Dynamik des Generationswechsels. Jede Gesellschaft braucht Veränderung, Erneuerung und Weiterentwicklung. Wo das unterdrückt wird, entstehen scheinbar unaufhaltsam Bewegungen wie die in Arabien. Auch dort wollen die Jungen die Zustände verändern. Sie finden ihren mythologischen Archetyp im unglücklichen Ödipus. Er bewahrt die Gesellschaft analog zum klassischen Kriegshelden: Nur nicht, indem er sie nach außen verteidigt, sondern, indem er ihr die Möglichkeit der inneren Veränderung eröffnet. Er ist der prototypische Held der modernen, der heißen Kulturen - wie der verstorbene französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss sie nannte.

Das bedeutet?

Heiße Kulturen folgen der Logik einer dynamischen Entwicklung: Ständige Veränderung ist ihr Gesetz. Psychologisch gesehen ist ihr Motor die aufkeimende Triebkraft der Adoleszenz als Potenzial neuer Herangehensweisen an die Realität. Heiße Kulturen leben vom Generationskonflikt und seinen durchaus aggressiven Komponenten als Turbo der Erneuerung. Das Neue schafft das Alte ab. Kalte Kulturen, also etwa klassische Stammeskulturen, funktionieren demgegenüber nach dem Prinzip: Nichts darf sich verändern. Der Jugendliche hat hier als Blaupause seines Lebens die Biografie seines Vaters und Großvaters vor Augen. Der Generationskonflikt wird eingefroren. Solche kalten Strukturen finden sich auch in Ländern mit diktatorischen, totalitären Regimen. Und dort tut sich ein überraschendes Spielfeld für den ödipalen Helden auf. Dort schlägt die Stunde der jungen Männer, die, zumindest symbolisch, ihre Väter töten. In Deutschland war die 68er-Bewegung als Revolte gegen die NS-Väter eine solche Kraft. 1968 war der Versuch, eine neue Gesellschaft zu schaffen, die den Schatten der NS-Geschichte loswerden wollte. Und in diesem hochpolitischen Szenario wurde gleichzeitig ein höchstpersönlicher ödipaler Konflikt mit den eigenen Eltern ausgetragen. Wenn man das überzeugten 68ern vor Augen hält, gerät man in Gefahr, Prügel einzustecken. Die RAF hat dann den symbolischen Vatermord scheußlicherweise auf die Ebene der Realität gebracht.

Sehen Sie Figuren wie Andreas Baader als ödipale Helden?

Nein. Baader war alles andere als ein Held. Er hatte die Merkmale eines vatermörderischen Snobs, eines Spielers, eines hemmungslosen Narzissten. Dass nicht wenige in ihm trotzdem einen Widerstandsheros gesehen haben, spiegelt unser ungestilltes Bedürfnis nach Helden - und nach Vatermord.

Was folgt daraus, dass wir in postheroischen Zeiten leben und keine Helden mehr haben?

Dass wir ständig auf der Suche nach Ersatzhelden sind. Das sind dann zumeist die schon erwähnten Helden des Alltags, die allerdings hinsichtlich ihrer Identifikationsfunktion nicht so richtig funktionieren. Und parallel klappert natürlich die Star-Maschine: Deutschland sucht .... Sie wissen schon. Was da medial präsentiert wird, sind Gestalten, die kein Merkmal eines Helden aufweisen, aber wenigstens als Identifikationsgestalten dienen sollen. Das Motto ist: Wenn du dich nur entschieden genug reinhaust, kannst du es ganz nach oben schaffen. Eigentlich sind sie Antihelden. Nicht durch ihre Funktion für ein Kollektiv ausgezeichnet, sondern dadurch, dass sie bereit sind, sich jeder denkbaren Erniedrigung des Castings öffentlich zu unterwerfen, um einen persönlichen Aufstieg zu schaffen. Auch sie bieten uns vor aller Augen einen Transzendierungsprozess. Der ist indes nurmehr egoistisch angelegt. Diesen Ersatzhelden fehlt in ihrem Handeln jeder Bezug zum Kollektiv.

Und die Sporthelden?

Interessanterweise neigen wir bei Sportlern vor allem dann dazu, sie zu Helden zu stilisieren, wenn in ihrer Sportart der Tod als Möglichkeit gegeben ist. Etwa in der Formel 1. Oder wenn sie fähig sind, ihr Tun zumindest als Kampf auf Leben und Tod zu inszenieren. Boris Becker war so einer. Er ist auf dem Platz gestorben, er hat sich auf den Boden geschmissen, er hat geheult, er hat geblutet - und er hat Neuland erobert: Er war der erste Deutsche, der Wimbledon gewonnen hat. Und wir alle dachten: Das macht er für uns, unser Boris, wir gewinnen alle mit. Da gab es einen unbewussten Kollektivbezug. Am deutlichsten gab es den natürlich bei den Fußballweltmeistern von 1954.

Die Helden von Bern.

Genau. Sie wurden Helden, weil sie symbolisch den Krieg nachträglich doch noch gewannen. Der Sieg in Bern war für die in ihrem Selbstwertgefühl tief gekränkten Deutschen nach dem verlorenen Krieg wie eine Wiedergutmachung, beinahe eine Wiederauferstehung. "Wir sind wieder wer", hieß es damals.

Reicht es auf Dauer, nur Ersatzhelden zu haben?

Nein, das reicht nicht. Wir brauchen Helden, weil sie wesentliche Projektionsgestalten sind, die den Gemeinschafts- und den Utopiebedarf von Gesellschaften regulieren. Gemeinschaften haben immer zwei Probleme: das der Selbsterhaltung und das der Selbsttranszendenz. Heldengestalten berühren Letzteres. Wir leben nun mal in heißen Kulturen, wir brauchen laufend neue Ziele, brauchen Anreize jenseits unserer selbst und des Tagesgeschäfts. Genau das liefern Helden. Sie weisen über etwas hinaus. Und wenn man diese Impulse nicht bekommt, keine Utopien, keine neuen Vorstellungen von dem entwickelt, was in Zukunft denkbar und erstrebenswert erscheint, dann wird das Schema des Zusammenlebens der Menschen innerhalb einer Gesellschaft brüchig.

Was bedeutet das in letzter Konsequenz?

Den Zerfall der Gesellschaft als Gemeinschaftsprojekt. Das können Sie schon jetzt live beobachten. Die Rede von der Zweidrittelgesellschaft ist ja spürbare Realität geworden. Das untere Drittel ist wirtschaftlich und sozial nicht mehr einbindbar. Wir haben in Deutschland Millionen Menschen, die unter oder an der Armutsgrenze leben - ohne Aussicht auf Änderung. Solange die ihre erzwungen leere Zeit mit den Soaps des berühmt-berüchtigten Unterschichtenfernsehens füllen, mag das folgenlos sein. Doch was, wenn sie das nicht mehr tun? Wenn es plötzlich einen deutschen Tahrir-Platz gibt? Gesine Schwan hat diesen Gedanken in ihrer Zeit als Präsidentschaftskandidatin aufgegriffen und soziale Unruhen prognostiziert. Sicherlich mit Blick auf die Schlagzeilen. Aber hat sie unrecht?

Helden könnten soziale Unruhen verhindern?

Helden haben große gesellschaftliche Bindungskräfte über soziale Schichten und Differenzen hinweg. Identifikationsgestalten eben. Sie haben eminente politische Bedeutung. Von daher stünde eigentlich der politische Held auf der Tagesordnung. Der, der einfach den Gordischen Knoten aus Globalisierung, Klimakatastrophe und Verarmung durchschlägt. Eigentlich weiß jeder, dass es diese Gestalt nicht geben kann. Aber die Hoffnung lebt. Auf ihr und auf dem Wunsch nach einem Helden dieser Art beruhte die Anziehungskraft von Barack Obama.

Der noch nichts erreicht hat.

Und trotzdem ist er fast schon hysterisch als eine Art Messias gehandelt worden - bezeichnenderweise vor allem vor seinem Amtsantritt. Er hat den Friedensnobelpreis erhalten, und eigentlich konnte niemand so recht sagen, was er bis dato für den Frieden real geleistet hatte. Er war eine reine Gestalt der Hoffnung. Wir haben ihn uns alle so sehr als rettenden, weltverändernden Helden gewünscht. Obama war der bislang letzte Entwurf eines Helden der westlichen Welt. Dass er es, nach Maßgabe der realpolitischen Möglichkeiten, nicht sein kann, ist nicht seine Schuld. Es gibt in diesem Feld nicht mehr die Dramaturgie des Helden. Fast niemand glaubt noch, die Politik könne die gewaltigen gesellschaftlichen Probleme der ökonomisierten Welt lösen. Dementsprechend wenden sich die Menschen von der Politik ab.

Bliebe das Private.

Richtig. Der Einzelne, der durch eine außeralltägliche Tat zum Helden wird, ist auch in der postheroischen Zeit möglich. Im privaten Engagement, da können noch am ehesten Helden entstehen: der bürgerliche Held, der Zivilcourage zeigt. Hierzulande wäre beinahe Dominik Brunner zu einer solchen Gestalt geworden. Der Mann in der Münchner S-Bahn, der totgeschlagen wurde, weil er andere beschützte. Er wurde solange als Held gehandelt, bis sich herausstellte, dass er selbst provoziert hat. Doch es gibt andere. Denken Sie an die New Yorker Feuerwehrleute des 11. September 2001 oder an die Männer, die in Fukushima in den brennenden Reaktor hineingegangen sind: um Menschen zu retten - unter Einsatz des eigenen Lebens. Das sind, nach allen unseren Kriterien, echte Helden. Ich finde es ebenso interessant wie alarmierend, dass diese Helden, die wirklich den Stoff für eine entsprechende Erzählung bieten, namenlos geblieben sind. Es sind "die Feuerwehrleute", "die Männer in Fukushima". Sie sind nicht individualisiert. Sie haben für uns kein Gesicht bekommen. Mir scheint, die Erzähler dieser Heldentaten haben hier ziemlich schlechte Arbeit geleistet. Und damit eine große Chance verpasst.

Die Medien?

Ja. Ihre Heldengesänge sind, um es freundlich auszudrücken, höchst unzulänglich geblieben. Sie haben dem Publikum diese wahren Helden schlecht - um nicht zu sagen: gar nicht - nahegebracht. Homer hat das erheblich besser erledigt.-

Christian Schneider, 60, ist Soziologe, Philosoph und Psychologe. Er promovierte bei Oskar Negt, lehrte an den Universitäten Hannover und Kassel, forschte am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut und ließ sich psychoanalytisch ausbilden. Er lebt in Frankfurt am Main und arbeitet inzwischen als Coach für Führungskräfte, als Filmemacher, Autor und Winzer.

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