Ausgabe 08/2011 - Schwerpunkt Heimliche Helden

Hartplatzhelden.de

Fußball gehört allen

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Die Idee, die mich vor Gericht bringen sollte, entstand vor gut fünf Jahren in einer Fußballkabine. Wir saßen nach dem Spiel zusammen und schwärmten von dem Freistoßtor unseres Abwehrspielers.

Wir, das waren meine Mannschaft und ich, damals Spielertrainer der SG Reiskirchen/ Niederwetz, Kreisliga Wetzlar, Mittelhessen. Schade, sagten wir, dass es keine Sportschau für Amateure gibt, wo solche Tore mehr als den 150 Leuten gezeigt werden könen, die zu unseren Heimspielen kamen. Doch warum gibt's die eigentlich nicht? Technisch ist das heute kein Problem mehr.

Ein paar Monate später, im November 2006, schalteten meine Freunde Steffen Wenzel, Thomas Ramge und ich Hartplatzhelden.de an, ein Video-Portal für Amateurfußballer. Das Konzept ist ganz einfach: Zuschauer eines Amateur- oder Jugendspiels drehen mit ihrer Digital- oder Handy-Kamera einen kurzen Clip von einer Spielszene, laden ihn auf unsere Website hoch, und eine Jury wählt daraus das schönste Tor, die spektakulärste Parade, die mieseste Grätsche oder den affigsten Torjubel. Für diese Expertenrunde konnten wir unter anderen Günther Jauch, Miroslav Klose und Oliver Bierhoff gewinnen, zudem den "Kicker", Stern.de und Sueddeutsche.de als Medienpartner.

Seitdem gibt es sie, die Sportschau für Amateure. Wir zeigen den Fußball, wie er von Millionen gespielt wird, in den überregionalen Medien aber nicht vorkommt, wenn nicht gerade ein Schiedsrichter verprügelt oder ein Ausländer beschimpft wird. Die Videos haben nicht die Qualität, wie man sie aus dem Fernsehen kennt, dafür den Charme des Amateurhaften, des Lebendigen, des Echten. Weiteren Reiz beziehen sie aus Zuschauerkommentaren - noch ein Unterschied zur Champions League.

Wir feierten erste Erfolge, erhielten zehn Videos am Tag, es wurden immer mehr, die User und die Presse lobten uns. Der Juror Marcel Reif schrieb in unser Poesiealbum: "Ich genieße die schlichte Schönheit der Hartplatzheldenfilme. Der Amateurfußball hat etwas Ursprüngliches bewahrt, was ich im Profifußball oft vermisse."

Eine Upload-Plattform aufzubauen, zu warten und Videos zu zeigen kostet Geld. Die Betreuung der Seite kostet Zeit. Wir standen vor den Fragen: Wollen wir versuchen, die Sache groß zu machen? Können wir die Heimat des deutschen Amateurfußballs im Internet werden? Wie können wir eine Redaktion finanzieren? Als Fußballer sind wir Amateure, im Internet sind wir Profis. Wir schalteten einen Werbebanner, gründeten eine GmbH, Hartplatzhelden wurde zur Geschäftsidee.

Das war der Moment, der einen Spielverderber auf den Plan rief.

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Es ging damit los, dass der DFB-Manager Oliver Bierhoff ohne Angabe von Gründen aus der Jury austrat. Kurz darauf, im Februar, erhielten wir einen Brief. Darin stand: "Die Rechte an Spielszenen gehören uns." Absender war der Hessische Fußball-Verband. Dann kam ich der Bitte des Präsidenten des Bayerischen Fußball-Verbands nach, ihn anzurufen. Er teilte mir dasselbe mit. Er deutete an, mir meine Trainerlizenz zu entziehen, falls wir weitermachen. Gespräche und Briefwechsel mit dem Württembergischen Fußballverband (WFV) folgten, wir boten stets Kooperationen an. Als Antwort erhielten wir: Abschalten, sonst wird geklagt.

Im Nachhinein muss ich gestehen, dass ich die Entschlossenheit der Verbände unterschätzt habe. Vereine, Spieler und Zuschauer fanden unsere Seite toll. Verbände vertreten die Interessen von Vereinen. Was kann man gegen uns haben? Doch im November 2007 flatterte uns die Klage des WFV, einem von 21 DFB-Landesverbänden, ins Haus. Im April 2008 sollte uns vor dem Landgericht Stuttgart der Prozess gemacht werden.

Paragraf 4, Absatz 9 des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) ist ein Klassiker: "Es handelt unlauter, wer Waren oder Dienstleistungen anbietet, die eine Nachahmung der Waren oder Dienstleistungen eines Mitbewerbers sind, wenn er a) eine vermeidbare Täuschung der Abnehmer über die betriebliche Herkunft herbeiführt, b) die Wertschätzung der nachgeahmten Ware oder Dienstleistung unangemessen ausnutzt oder beeinträchtigt oder c) die für die Nachahmung erforderlichen Kenntnisse oder Unterlagen unredlich erlangt hat."

Auf diesen Paragrafen bezog sich der WFV. Er warf uns unlauteren Wettbewerb vor, sah seine Vermarktungsrechte verletzt. Die Verband warf uns vor, wir ahmten dessen Leistungen nach. In seiner Klageschrift verwies er auf einen Paragrafen in seiner Satzung, der ihn als Rechte-Inhaber von Bewegtbildern ausweisen sollte. In dieser Satzung steht auch: "Die Tätigkeit des Verbandes ist darauf gerichtet, die Allgemeinheit selbstlos zu fördern, er verfolgt nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke." Man konnte die Klage auch so interpretieren: Der Verband will nicht, dass jemand anders als er selbst mit dem Fußball Geld verdient. Der Verband will ein Monopol. Er glaubt, dass der Fußball ihm gehört.

Das Landgericht Stuttgart gab dem WFV im Mai 2008 recht. Im ersten Moment konnte ich es nicht glauben. Ich fühlte mich ungerecht behandelt.

Immerhin hatten wir eine gute Presse, schon vor dem Prozess, aber erst recht danach. Wir kamen in die "Tagesthemen", "Zapp" drehte einen Beitrag mit Spielszenen unserer Mannschaft, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erkannte im Vorgehen des WFV "Funktionärsgrößenwahn ersten Ranges". Hunderte von E-Mails und Blog-Kommentare spendeten uns Mut. Die Zugriffszahlen schossen in diesen Tagen in die Höhe. Ein Prozess ersetzt die beste PR-Maßnahme, zumal wenn David von Goliath angegriffen wird.

Wir waren der Meinung, dass das Urteil nicht nur uns Schaden zufügte, sondern dem Amateurfußball, dem Amateursport insgesamt. Das Urteil verbat nicht nur uns etwas, sondern auch den Fußballern, den Vereinen sowie den Millionen Privatleuten, die jedes Wochenende auf Deutschlands Sportplätze gehen. Sollte man einem Vater untersagen, seinen Sohn bei seinem ersten Tor zu filmen?

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Wir Gesellschafter waren uns schnell einig, wir legten Berufung ein. Durch diesen Schritt war das Urteil noch nicht rechtskräftig, wir konnten weitermachen. Doch es behinderte uns, hemmte die Entwicklung von Hartplatzhelden.de. Das Geld, das wir privat in den Ausbau der Seite investiert hatten, mussten wir zurückhalten. Denn eine Niederlage in zweiter Instanz vor Gericht würde etwa 15 000 Euro kosten.

Für die Website taten wir nur noch das Nötigste. Ich reduzierte die redaktionelle Betreuung. Es ist schwierig und riskant, eine Firma zu leiten, wenn man damit rechnen muss, dass sie bald verboten wird. Und es fällt schwer, Leidenschaft und Zeit zu opfern, wenn man möglicherweise Verhandlungskosten bezahlen muss.

Ich nahm ein Angebot von "Zeit Online" an, für deren Sportredaktion ich seit Oktober 2008 auf einer halben Stelle arbeite. Das ist eine sehr gute Adresse, mit dem Honorar komme ich über die Runden. Doch eigentlich wollte ich ein eigenes Projekt aufbauen, von dem ich irgendwann mal leben könnte, vielleicht eine kleine Redaktion finanzieren kann. Ich zog von Gießen nach Hamburg, musste also auch meinen Fußballverein verlassen. Ohne den Prozess, das konnte ich zu diesem Zeitpunkt schon sagen, wäre mein Leben anders verlaufen.

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Am 18. Dezember 2008 stand ich wieder vor Gericht, es war mein Geburtstag. Die Verhandlung am Oberlandesgericht Stuttgart trug skurrile Züge. So mussten wir sie unterbrechen und den Hauptsaal wechseln, weil in ihm die Weihnachtsfeier vorbereitet wurde.

Am Ende unterbreitete das Gericht dem WFV und uns einen Vergleichsvorschlag: Wir sollten die Videos auf 90 Sekunden beschränken, außerdem keine Szenen zeigen, die einer höheren Liga als der Bezirksklasse entstammen. Der WFV sollte uns im Gegenzug die Vermarktung gestatten. Ich kam mir vor wie der Vertreter eines TV-Senders, der mit der Fifa um millionenteure Sendesekunden ringt. In der Verhandlungsfrist von rund sechs Wochen kam keine Einigung zustande. Sie scheiterte am WFV.

Im März 2009 bestätigte das Gericht das Urteil, obwohl es der WFV war, der den Vergleich abgelehnt hatte, obwohl Rechtswissenschaftler das Videoverbot durch das Landgericht sehr kritisiert hatten. Es stand 2:0 für den Gegner. Zuvor hatten wir uns gesagt: Wir sollten aufgeben, wenn wir verlieren, denn sonst kann es nicht nur teuer werden, sondern sehr teuer.

Uns blieben vier Wochen Bedenkzeit, wir entschlossen uns, zu Spenden aufzurufen. Immerhin kamen schnell 4000 Euro zusammen, die für die Prozesskosten fälligen 15 000 wurden also deutlich unterschritten. Die Presse und viele Blogs unterstützten uns nicht mehr so wie nach dem Urteil der ersten Instanz, teilweise richteten sich die Kommentare gegen uns, die Verlierer. Der Kampfgeist in unserem Team wurde schwächer. Es wuchsen die Zweifel, vielleicht sind wir ja wirklich im Unrecht. In einer Telefonkonferenz beschlossen wir, aufzugeben.

Ein entscheidendes Erlebnis brachte mich zur Umkehr. Es war Anfang April 2009, ich besuchte ein Panel über Blogs und Recht auf dem Berliner Internetkongress Republica. Es ging um Persönlichkeitsrecht, Bildrecht, Zitatrecht, Urheberrecht. Die zwei Referenten, beide mir unbekannt, spulten ihr Programm souverän herunter. Gegen Ende fragte ein Zuhörer die beiden, ob sie den Fall Hartplatzhelden kennen. Einer von ihnen änderte spontan seinen Gemütszustand in Wut. "Allerdings!", sagte er mit drei Ausrufungszeichen. "Ich will eines vorwegschicken: Ich glaube an die deutsche Justiz." Er meinte damit, dass sein Glauben durch den Fall Hartplatzhelden ins Wanken geraten war, und fuhr fort: "Aber wie diese beiden Urteile zustande kamen, das ist ..." Er schickte hinterher, dass man die Worte, mit denen er seine Entrüstung ausdrückte, nicht zitieren möge. Am Schluss seiner mehrminütigen Suada fragte er, ob jemand die Seite kennen würde. " Ja", sagte ich aus der letzten Reihe, "ich habe sie gegründet." Applaus, Jubel aus dem Plenum und von den Dozenten.

Als Trainer bin ich es gewohnt, Menschen zu motivieren. Diesmal war es umgekehrt. Zwei Tage später schickte ich eine Mail an meine Kompagnons: "Danke für eure Unterstützung, ab jetzt kämpfe ich allein weiter. Ich hoffe, ihr drückt mir die Daumen."

Ich ging in Revision vor den Bundesgerichtshof. Die Kosten für diese letzte Instanz sollten sich auf zusätzlich etwa 25 000 Euro belaufen. Inklusive der noch zu begleichenden aus den beiden ersten schätzte ich meine Rechnung, abzüglich der Spenden, im Falle einer Niederlage auf rund 30 000 Euro. Mindestens, denn es war nicht auszuschließen, dass noch weitere Kosten anfallen würden. Als Freunde oder Journalisten mich damals nach dem Grund fragten, warum ich weitermachte, antwortete ich: Wenn ich klein beigegeben hätte, wäre ich auf einen Schlag um fünf Jahre gealtert.

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"Die Herrn Fritsch bereits vor langer Zeit angebotene ehrenamtliche Mitarbeit bei der Erstellung der Internet-Auftritte der Verbände lehnt er ab, wenig überraschend, denn ihm geht es ums Geld!" Das schrieb der DFB damals über mich, es ist nur ein Beispiel. Es stimmt nicht mal, mir hatte niemand etwas angeboten. Seit dieser Zeit, Januar 2010, trainiere ich wieder eine Fußballmannschaft, die Spielvereinigung Blankenese. Ich wollte wieder Schönes mit dem Fußball verbinden. Der Verein klingt reicher, als er ist. In Blankenese spielt man Hockey, Golf oder Tennis.

Apropos Geld, der BGH würde sich mindestens anderthalb Jahre Zeit lassen, vielleicht sogar drei. Auf die große Rechnung konnte ich mich also vorbereiten. Ich lebte auf kleinem Fuß, zog in einen Wohnverein in St. Pauli unters Dach, lebte hinter einer Brandschutztür. Nebenan war der Gemeinschaftsraum, wo alle zwei Wochen Teenager ihre erste Erfahrung mit Alkohol machten. Urlaub strich ich weitgehend, Zeitungsabos kündigte ich, arbeitete viel. Die Versicherung meines Autos stufte ich auf Haftpflicht herunter. Ich stellte manche Gewohnheiten um, im Büro trank ich den Kaffee, den die "Zeit"-Kantine den Mitarbeitern gratis in Thermoskannen hinstellt, und nicht mehr, wie früher, den aus dem Automaten, der mir besser schmeckt, aber 40 Cent kostet. Ging ich auf Reisen, holte ich dank Mitfahrgelegenheit.de die Fahrtkosten wieder rein. Nach und nach stiegen meine Kompagnons wieder ein, wenn auch nicht zu gleichen Anteilen wie zuvor. Die finanzielle Hauptlast trug ich, aber ich war nicht mehr allein.

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Am 28. Oktober 2010 eröffnete der Vorsitzende Richter des 1. Zivilsenats des Bundesgerichtshofs die Verhandlung: "Rechtlich, und darüber sind wir uns hier alle im Saal ja wohl einig, ist hier überhaupt nichts zu machen." Was wollte er damit sagen? Er meinte, ich hatte ihn gleich richtig verstanden, man kann das Filmen von Amateurfußballspielen nicht verbieten, zumindest nicht wettbewerbsrechtlich. Die Hartplatzhelden hatten von Anfang an recht. Dreieinhalb Jahre Ärger, und dann bedeutete mir ein Richter: Warum sitzen wir hier eigentlich? Es wurde ein kurzer Prozess. Als meine Anwälte und ich den Saal verließen, war das Urteil noch nicht gesprochen, aber die Verhandlung verlief so, dass uns klar war: Der Spuk hat ein Ende.

Ein weiterer Satz aus der Verhandlung ist mir noch im Kopf, es sprach ihn der Anwalt des WFV: "Die Hartplatzhelden pflügen mit fremdem Kalbe." Doch der Vorwurf der Trittbrettfahrerei half ihm nicht. Das Filmen von Amateurspielen, so der BGH, ist nicht verboten, daher ist es auch nicht verboten, die Videos davon im Internet zu zeigen, gegebenenfalls sogar damit Geld zu verdienen. Die Hartplatzhelden ahmen keine fremde Leistung nach, schon gar nicht diejenige des Verbands. Wettbewerb muss frei sein. Die Hartplatzhelden haben obsiegt, die Kosten trägt der Kläger. Beobachter sprachen von einem Kantersieg, sie sprachen auch von lauten Ohrfeigen für zwei Stuttgarter Gerichte. Deren Argument wurde als Zirkelschluss entblößt: Filme sind verboten, weil sie verboten sind.

Mein Vertrauen in mein Handeln hat sich bewährt, denn ich hatte nie das Gefühl, etwas Verbotenes getan zu haben. Ich war mehr als 30 Jahre in verschiedenen Funktionen Vereinsmensch, ich kenne das Verhalten von Verbänden und die Meinung über sie in Vereinen. Dass sie ihre Befugnis in diesem Rechtsfall so weit ausgelegt haben, fand ich anmaßend. Unseren Rasen hat noch keiner vom Verband gemäht, unsere Umkleidekabinen machten wir immer selbst sauber, die Schiedsrichter und Trainer wurden aus der Vereinskasse bezahlt. Das Risiko eines Fußballspiels trägt der gastgebende Verein, er ist der Veranstalter. Es durfte demnach nie die Rede davon sein, dass wir an den Leistungen der Verbände teilhaben. Für mich als Sportjournalisten war es eine wichtige Erfahrung am eigenen Leib, wie wenig Sportverbände und -funktionäre einsichtsfähig sind, wie sehr es ihnen um Macht und Kontrolle geht.

Auch habe ich einen genaueren Einblick in den Rechtsstaat erhalten, mein Bild von Richtern hat sich gewandelt. Mit welcher Kenntnislosigkeit und Parteilichkeit Urteile gefällt werden, hat mich überrascht. Es war ja alles neu für mich. Ich war der Einzige im Gerichtssaal, für den in seiner Rolle als Privatmann etwas auf dem Spiel stand. Ich war der Einzige, der sich dem freien Wettbewerbsrecht stellen musste. Alle anderen waren in einer Funktion dort, für alle galten Verbands- oder Standesordnungen. Dabeizusitzen und zuzuhören fällt schwer. Immerhin habe ich einen Freund gewonnen: Unseren Anwalt Fabian Reinholz, einen bescheiden auftretenden, aber sehr überzeugend argumentierenden. Ihm ging es um die Sache, er erkannte die Ungerechtigkeit.

Zwei falsche, internetfeindliche Urteile wurden vom BGH korrigiert. Urteile, die nicht nur für mich, nicht nur für die Hartplatzhelden Konsequenzen gehabt hätten. Jeder Regionalzeitung hätten die Verbände verbieten können, auf ihrer Internetseite Videos vom Kreisligaschlager zu zeigen. Und wenn doch, dann nur gegen Lizenzgebühren. Vielleicht klingt es absurd, aber genau das führten die kleinen Sepp Blatters aus dem Ländle im Schilde. Eine Zeitung schrieb nach dem Prozess: "Die Verbandssheriffs wurden ausgebremst." Es ging um Grundsätzliches, rechtliches Neuland. Wer weiß, ob sich nicht andere Sportverbände ein Beispiel daran genommen hätten? Wer weiß, ob sich dieses Rechtsverständnis auf Sport beschränkt hätte? Eventuell wäre irgendwann untersagt worden, ein Feuerwerk am Brandenburger Tor zu filmen, weil die Stadt Berlin sich als Veranstalter in ihrer Vermarktung eingeschränkt fühlen würde.

Uns Hartplatzhelden hat die dreieinhalbjährige Auseinandersetzung abgelenkt, Luft genommen, in mehrere Richtungen verstreut. Es gibt schlimmere Schicksale. Doch als wir anfingen, war die Zeit reif. Wir waren die Ersten, die im Web 2.0 auf Fußball gesetzt haben. Wir wären sicher ein paar Schritte weiter als heute, auch bei der Suche nach Partnern oder Investoren. Wir führten mit großen Medienhäusern Verhandlungen. Mal sehen, was nun aus uns wird. Das Internet ist die ideale Plattform für Amateursport, für viele Tausende verschiedene kleine Zielgruppen.

So theatralisch, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt, verlaufen deutsche Prozesse nicht. Ich erfuhr von dem Sieg in Karlsruhe an einer Raststätte in der Nähe von Darmstadt am Telefon. Ich kaufte mir ein paar Flaschen Bier, auf der Weiterfahrt telefonierte ich, als Beifahrer, mit der Presse. Die Vergleiche, die mir in den Interviews einfielen, wurden zunehmend lyrischer, pathetischer: Wir haben ein Stück Freiheit fürs Internet erkämpft. Hartplatzhelden ist eine Orchidee. Fußball gehört allen. In Bern 1954 lagen wir auch 0:2 hinten. Am Ende der Strecke, nach einstündiger Fahrt war das Bier alle. Es war meine Ehrenrunde.

Das Geld, das wir bereits für den Prozess bezahlt hatten, werden wir erstattet bekommen. Noch heute greife ich in der Kantine manchmal zur Thermoskanne. ---

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