Ausgabe 08/2011 - Schwerpunkt Heimliche Helden

Das Geld hängt an den Bäumen

- An jenem Spätsommerabend des Jahres 2008 hätte er den Gedanken kurzerhand verscheuchen können wie diese "Man müsste"- und "Man sollte"-Einfälle, die einem Tag für Tag schäfchenwolkengleich durch den Kopf gehen, um sich unter dem Druck von Bedenken und Alltagszwängen bald wieder aufzulösen. Er hätte an die Zeit und Mühen denken können, die es ihn kosten würde, an die Risiken, ganz zu schweigen von den vielen vernünftigen und überaus guten Gründen, warum es eine ganz schlechte Idee war.

Doch Jan Schierhorn dachte weiter. Er blickte auf den alten Apfelbaum in seinem Garten, den er zusammen mit Wohnhaus und Grundstück von seinem Vorbesitzer übernommen hatte. Er betrachtete den rissigen Stamm und die runzligen, grünroten Früchte, die an den Zweigen und am Boden darunter verfaulten, weil nicht einmal seine fünfköpfige Familie einer solchen Ernte je gewachsen war. Damals im Garten fragte sich der 42-Jährige, wie viele Äpfel wohl gerade unter anderen Bäumen in der Hansestadt verdarben. Ob man mit ihnen nicht irgendetwas Sinnvolles anfangen und wie dieses Irgendetwas beschaffen sein könnte.

Heute, nicht einmal drei Jahre später, fährt regelmäßig ein nagelneuer Transporter voll klirrender Saftflaschen durch Hamburg. Am Steuer sitzt Andreas Schuppert, vor wenigen Monaten noch Langzeitarbeitsloser und sporadisch Patient in psychiatrischen Tageskliniken; inzwischen Vertriebs- und Verwaltungsmitarbeiter eines ungewöhnlichen Saft-Ladens mit eigenwilligem Namen: Das Geld hängt an den Bäumen GmbH.

Schuppert beliefert Büros und Restaurants, das Hamburger Rathaus ebenso wie die Speicherstadt-Kaffeerösterei mit naturtrübem Saft aus Früchten von vergessenen Apfelbäumen wie jenem in Schierhorns Garten. Gepflückt wird das Obst von zehn psychisch kranken oder lernbehinderten Menschen, die daneben auch noch Gartenarbeit erledigen und damit rund ums Jahr ihr Auskommen finden. 50 000 Kilo Kernobst haben sie im vergangenen Herbst zu 50 000 Flaschen naturtrüben Apfelsaft verarbeitet. In diesem Jahr wird ihr Start-up mehr als 200 000 Euro Umsatz erwirtschaften. In Planung: die Einstellung weiterer Mitarbeiter, der Bau einer eigenen Lagerhalle und die Übertragung des Konzeptes auf Social-Franchise-Ableger in anderen Städten. Schließlich hängt auch anderswo an den Bäumen ungenutztes Obst, das sich zu Geld machen ließe - alles die Folge jenes Gedankens, den Jan Schierhorn nicht einfach abschüttelte, sondern so lange weiterdrehte, bis er sich zum Geschäftsmodell gerundet hatte.

Wie man mit einer klugen Idee keinen Beifall, sondern Widerstand erntet

"Eigentlich", sagt Schierhorn, "war es ganz einfach." Er ist Vater von drei Kindern, Gesellschafter einer Agentur für Promotionmarketing und einer jener Leute, bei denen man sich unwillkürlich fragt, wozu sie überhaupt noch Kommunikationswirtschaft studiert haben, weil sie gar nicht anders können, als rund um die Uhr zu vernetzen, anzustoßen, zu kommunizieren. "Ich habe damals auch nichts Neues erfunden, sondern lediglich Dinge und Leute zusammengebracht, die ohnehin da waren."

Theoretisch also alles ganz simpel. Praktisch aber verdammt kompliziert.

Glücklicherweise verfügt Schierhorn über drei entscheidende Voraussetzungen, ohne die sein Gedanke nie ins Leben gekommen wäre. Zum einen hat er als Marketingberater und Agenturinhaber Geld genug verdient, um sich Zeit für anderes nehmen zu können. Zweitens hat er, mindestens genauso wichtig, eine sensible kleine Tochter. Die hockte eines Tages auf dem Wohnzimmerfußboden und brabbelte beim Spielen immer wieder gedankenverloren "Papa nicht da. Papa nicht da. Papa nicht da" vor sich hin, was Schierhorn ziemlich verblüffte, denn er saß unmittelbar neben seiner Dreijährigen. "Mir wurde dann aber klar, dass Emily absolut recht hatte: Ich war gar nicht da, sondern mit meinen Gedanken und meiner Energie weit weg. Meine Tochter hat mir an diesem Tag geholfen, mich auf Dinge zu konzentrieren, die wirklich wichtig sind."

Und drittens hatte er das Glück, "zum richtigen Zeitpunkt mal so richtig auf die Fresse zu fallen".

Das geschah gleich zu Beginn seiner Suche nach diesen wirklich wichtigen Dingen, auf einer Bürgerversammlung in Schierhorns Viertel, als er seine Idee vorstellte, ungenutztes Obst zu Arbeitsplätzen zu veredeln. Er habe das, sagt er selbstkritisch, mit diesem Ich-regle-das-für-euch-Habitus eines Machers vorgetragen, wie er es aus seinem Geschäft gewohnt war. "Wenn man aber mit anderen etwas Karitatives unternehmen will, ist nicht Machertum, sondern Demut gefragt. Das habe ich an diesem Abend gelernt." Die Nachbarn aus dem Viertel reagierten mit Buh-Rufen, einer unterstellte ihm gar, zulasten Arbeitsloser auch noch Geld machen zu wollen. Schierhorns Gedanke war tot, bevor er überhaupt zur Welt gekommen war.

Jedenfalls schien es so. Nun verfügt Jan Schierhorn aber über ein außergewöhnlich glückliches Händchen, die Begabung nämlich, nicht nur immer wieder über Chancen zu stolpern, sondern sie auch zu erkennen und beherzt zu ergreifen. Eine solche Chance hieß Kai Storm und begegnete Schierhorn wenige Wochen nach seiner Pleite beim Stadtteiltreffen. Storm ist Projektmanager bei den Winterhuder Werkstätten in Hamburg, einer sogenannten beschützenden Werkstatt für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, die ihnen den Weg auf den Ersten Arbeitsmarkt ebnen soll. "Für viele unserer Mitarbeiter ist es etwas Besonderes, wenn sie nicht in einer beschützenden Werkstatt, sondern einer ,richtigen' Firma arbeiten und deren Dienstkleidung tragen", sagt Storm. "Weil ihre Arbeit in der Öffentlichkeit wahrgenommen und damit wertgeschätzt wird, genießen sie einen besonderen Status."

Dieser Status ist umso bedeutsamer, weil ihn nur die allerwenigsten Menschen mit Behinderung je erreichen. Von bundesweit 280 000 Angestellten beschützender Werkstätten haben nur rund 4600 eine Arbeit in herkömmlichen Betrieben gefunden. Und nur 0,11 Prozent von ihnen gelingt - wie eine Studie des Bundesarbeitsministeriums belegt - der dauerhafte Wechsel von einer beschützten Arbeitsstätte in ein reguläres Arbeitsverhältnis.

Erklären lässt sich dies nur teilweise durch begrenzte Fähigkeiten der Behinderten. Mindestens genauso häufig liegt es am begrenzten Vertrauen der Arbeitgeber. Vielen Personalchefs, sagt Storm, "fehlt schlicht und einfach der Mut, es einmal auszuprobieren und uns eine Chance zu geben".

Storm suchte, was Schierhorn hatte. Und umgekehrt.

In den folgenden Monaten, in denen Schierhorn meist rund um die Uhr für sein Projekt unterwegs war, verpflichtete er eine traditionelle Auftragsmosterei und kaufte 50 000 Elsässer Schlegelflaschen, für die er ahnungslos einen weit überhöhten Preis zahlte, ließ Flaschenetiketten, Saftkisten und Website gestalten, nahm am Wettbewerb "Anstiften!" der Körber-Stiftung teil und investierte die 10 000 Euro Preisgeld in einen Lieferwagen. Weil das Pflücken und Vermosten von Äpfeln ein Saisonjob ist, akquirierte er zusätzlich Aufträge zur Garten- und Landschaftspflege für seine künftigen Mitarbeiter. Schließlich überzeugte er einen befreundeten Steuerberater sowie einen Gartenbau-Unternehmer, zusammen mit ihm die gemeinnützige Das Geld hängt an den Bäumen GmbH zu gründen. Weshalb gemeinnützig? "Weil das die überzeugendste Art ist, um deutlich zu machen, dass wir mit der Sache kein Geld für uns, sondern ausschließlich für das Projekt verdienen wollen."

Bienenstöcke hinter Knastmauern das könnte zum nächsten Projekt werden

So investierte er zweieinhalb Jahre Arbeit sowie 35 000 Euro Kapital für Abfüllanlage und Liquiditätshilfen. Manches klappte schneller als erwartet. Verblüffend einfach war es etwa, den Rohstoff für sein Projekt aufzutreiben: Dem Aufruf zur Apfelspende folgten Dutzende Hamburger Schrebergärtner und Kirchengemeinden, Landwirte mit ausgedehnten Streuobstwiesen ebenso wie Hausbesitzer mit Durchschnittsgärtchen, deren telefonisch gemeldete "drei prächtige Apfelbäume" sich allerdings vor Ort schon mal als verkrüppelte Birnbäume erweisen konnten. Bei den Ernteeinsätzen stießen die Projektmitarbeiter häufig auf vergessene, weil kommerziell uninteressante Sorten mit märchenhaften Namen. Finkenwerder Herbstprinz, Altländer Pfannkuchenapfel, oder Juwel aus Kirchwerder geben dem Apfelsaft eine unverwechselbare Note. Erfreulicher Nebeneffekt ihres Daseins im Abseits: Weil nie jemand vorhatte, diese Äpfel zu ernten und zu verkaufen, hatte sie auch nie jemand gespritzt.

Als überraschend mühsam entpuppte sich die Zusammenarbeit mit jenen, für die das Projekt eigentlich gedacht war. Denn die Winterhuder Werkstätten sind wie die meisten Behinderteneinrichtungen eine öffentliche Institution mit eigenen Regeln und Geschwindigkeiten. "Mit einem Innovator wie Herrn Schierhorn zusammenzuarbeiten ist für einen quasi-städtischen Betrieb, der zwangsläufig anders tickt, eine ziemliche Herausforderung", räumt Projektmanager Storm ein. "Manche Dinge gehen bei uns definitiv nicht so schnell, wie man sich das als Einzelunternehmer vielleicht wünscht."

Jan Schierhorn berichtet von Wochen des Wartens und von ermüdenden E-Mail-Wechseln, bis ein Kooperationsvertrag formuliert war. Als die Winterhuder Werkstätten dann auch noch sein Angebot ablehnten, sich als Gesellschafter an der Das Geld hängt an den Bäumen GmbH zu beteiligen, stand er kurz davor, alles hinzuschmeißen. "Vom Sozialsystem kriegt man bei einem solchen Projekt eher Gegen- als Rückenwind", sagt er. "Auch Dankbarkeit ist eher selten. Da krachen wirklich zwei Welten aufeinander."

Weil sich aber auch bei den Winterhuder Werkstätten viele für das Projekt stark machten und Jan Schierhorn manches einzustecken gewohnt ist, stößt man heute in Hamburgs elbnahen Stadtvierteln auf eine bunte Truppe von Gärtnern bei der Arbeit. Am Straßenrand parkt ihr grasgrüner Pritschenwagen voller Gerätschaften und Schnittgut, und im Entwässerungsgraben steht Silke Stölting, die Gärtnermeisterin. Wie immer hat die Arbeitsgruppe jedem Anwohner, durch dessen Garten sie sich mähen werden, vorab eine Flasche Apfelsaft sowie ein Vorstellungsschreiben auf die Fußmatte gelegt. "Die Resonanz ist wirklich gut", sagt Stölting, "und Sie sehen ja, dass meine Mitarbeiter wirklich reinhauen."

Jens Rilke beispielsweise, 31 Jahre und ausgelagerter Mitarbeiter der Behindertenwerkstatt, befreit gerade den Graben mit röhrendem Freischneider vom Wildwuchs. Es ist eine harte, mühsame Arbeit, anderthalb Stunden ist er jeden Morgen mit Bus und Bahn zu seiner neuen Arbeitsstelle unterwegs. Er aber mache das gern, sagt Rilke fröhlich. "Der Job ist anstrengend, aber vielseitiger als das, was wir sonst so machen. Deshalb würden auch viele meiner Kollegen aus den Werkstätten gern in unsere Arbeitsgruppe rein."

Und weil es noch jede Menge ungenutzte Ressourcen gibt, die sich in Arbeitsplätze verwandeln ließen, will Schierhorn tatsächlich noch in diesem Jahr weitere 20 Mitarbeiter von den Winterhuder Werkstätten übernehmen. Einer dieser Rohstoffe ist Abfallholz, das bei der Landschaftspflege anfällt und als Kaminholz verkauft werden könnte - verpackt in alten Kaffeesäcken ihres Kunden Speicherstadt-Kaffeerösterei. Eine weitere liegt darin, die schönsten dieser Kaffeesäcke zu Taschen umnähen und verkaufen zu lassen. Und dann bewegt Schierhorn auch noch ein ganz anderer Gedanke, der zunächst ziemlich abwegig klingt: Er will junge Hamburger Strafgefangene während ihrer Haft zu Imkern ausbilden.

Was Sträflinge mit Honig zu tun haben? Genauso wenig wie Behinderte mit Äpfeln. Oder genauso viel.

Denn wenn man - so Schierhorns Gedanke - Imker bewegen könnte, Häftlingen ihr Handwerk beizubringen, hätten die Jugendlichen während der Haft nicht nur eine Aufgabe, sondern auch einen kleinen Verdienst. Die Bienen wiederum könnten von ihrem Knast-Stock ausschwärmen und mit Nektar zurückkehren. Und zwischendurch würden sie jede Menge Gemüse- und Obstpflanzen bestäuben, möglicherweise sogar einige jener Bäume, von denen Schierhorns Mitarbeiter ein paar Monate später ihre Äpfel pflücken würden. Und weil die GmbH Das Geld hängt an den Bäumen stetig wächst und Mitarbeiter sucht: Warum nicht künftig ein paar ehemalige Strafgefangene einstellen, die während ihrer Haft das Imkerhandwerk erlernt haben?

Es ist fürs Erste noch nicht mehr als ein Gedanke. Es gibt vieles, das gegen, und manches, das für ihn spricht. Es ist genau wie bei jenen Äpfeln, nach denen sich nur mal jemand ausstrecken musste, um sie zu pflücken. -

www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de

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