Ausgabe 09/2011 - Schwerpunkt Gut & Böse

Dallas Digital

- Niemand kann Jirí Voves, Lukás Maixner, Martin Homolka und Jan Rezab nachsagen, sie widmeten sich ihrem liebsten Studienobjekt - dem größten sozialen Netz der Welt - nicht mit großem Wohlwollen. "Wann wird Facebook bei einer Milliarde Nutzer ankommen?", fragten die Macher der Statistik-Website Socialbakers.com im Juni - und lieferten die Antwort gleich mit: Wenn alles gut geht, in etwa einem Jahr. Allerdings schauen die vier aus dem tschechischen Pilsen auch genau hin und kommen zu anderen Zahlen als die kalifornische Weltfirma. Die hat nach eigenen Angaben "mehr als 750 Millionen aktive Nutzer". Die böhmischen Analysten, die ihre Informationen direkt aus dem Werbekundenportal von Facebook gewinnen, sehen den Pegelstand bei 729 298 040 Teilnehmern. Die Differenz - in etwa die Einwohnerzahl aller skandinavischen Länder zusammen - ist eigentlich unerheblich, sie scheint nur das Image von Mark Zuckerberg als Muhammad Ali des Internets zu bestätigen: Kein Erfolg ist ihm groß genug, um nicht noch eins draufzusetzen.

Tina Kulow, die Sprecherin von Facebook Deutschland, weist jeden Verdacht, ihr Unternehmen könnte mit aufgebauschten Nutzerzahlen hantieren, empört zurück. Sie sagt, die schier unglaublichen 750 Millionen seien eher noch zu tief gestapelt: "Wir sind da ziemlich konservativ."

Tatsache ist allerdings auch, dass kein Außenstehender überprüfen kann, wie gut die Filter funktionieren, mit denen die Zentrale in Palo Alto Dateileichen aus ihrer Mitgliederdatenbank aussortiert. Und: Kaum etwas wäre peinlicher für Facebook als Dellen in der Wachstumskurve - nicht nur wegen des demnächst zu erwartenden Börsengangs, sondern weil der Online-Dienst einen Ruf zu verteidigen hat als Paradebeispiel für den Netzwerkeffekt: Je mehr Menschen bereits mitmachen, umso attraktiver wirkt das Angebot auf Unentschlossene. Wechseln die Wortführer von Myspace, Studi-/Schüler-VZ oder Lokalisten zu Facebook, reißen sie ganze Schulklassen und Freundeskreise mit.

Sobald die kritische Masse erreicht ist, nährt sich das Wachstum selbst. Wer heute unter 35 ist, muss schon stark sein, um Facebook zu widerstehen. Er riskiert, als Nörgler zu gelten, als verschrobener Eigenbrötler, bestenfalls als Snob. Wenn die Daten im Werbeportal stimmen, machen drei von vier Deutschen zwischen 14 und 35 bereits mit. Die totale Marktbeherrschung kommt in Sichtweite, ein lupenreines Monopol. The winner takes it all. Dieses Spiel, dessen Regeln Mark Zuckerberg recht gewieft befolgt, hat unschöne Namen: Verdrängungswettbewerb. Darwinismus. Raubtierkapitalismus.

Aber verdient der Jungunternehmer, der sich voriges Jahr im Hollywood-Film "The Social Network" durch den Kakao ziehen lassen musste, deshalb das Prädikat "böse"? Schließlich kämpfen andere im Web auch mit harten Bandagen. So hat der Amazon-Chef Jeff Bezos Amerikas Buchhändler aufgerieben und treibt die Media-Markt-Saturn-Bosse zur Verzweiflung; dennoch gilt er nach wie vor als ganz nett, die Leute kaufen gern bei ihm.

Handelt Zuckerberg unmoralisch, wenn er alles daransetzt, Facebook zum einzigen noch gesellschaftsfähigen Treffpunkt sämtlicher Computer- und Smartphone-Besitzer in aller Welt zu machen? Also zu einem imaginären Ort, an dem erwachsene Menschen so tun sollen, als gäbe es nur "Freunde", die "Gefällt mir"-Knöpfe drücken, weil den Werbetreibenden, die letztlich die Rechnung bezahlen, Missfallensbekundungen nun einmal nicht gefallen? Auch Ebay lässt Mitbewerbern keine Luft zum Atmen. Das Auktionshaus hat erbarmungslos seinen Evolutionsvorteil gegenüber den Kleinanzeigenmärkten der Presse ausgenutzt und reihenweise Zeitungsverleger in Panik versetzt - und wird dennoch selten kritisiert.

Besteht wenigstens darin Konsens, dass der notorische Datenschutz-Verächter Zuckerberg ein schlechterer Mensch sein muss als Larry Page, der jetzt mit dem diskreteren Pendant Google Plus das Facebook-Monopol auf den letzten Drücker noch verhindern will? Oder haben diejenigen recht, die schimpfen, Google mit seinen Informationsspeichern in Exabyte-Dimension (Millionen Terabyte, Milliarden Gigabyte) sei ein weitaus gefährlicherer Datenkrake als Facebook, diese Großdeponie für Alltagsgeplapper? Sind womöglich sogar beide Internet-Multis auf ihre Weise schlimm, weil ihr unersättlicher Drang, immer mehr Wissen von und über uns zu aggregieren, ihnen eine unheimliche Macht verleiht, die keiner ernst zu nehmenden Kontrolle unterliegt?

Es ist eine noch überschaubare Minderheit der Netznutzer, die sich darüber Sorgen macht. Schon jetzt aber wissen die Chefs von Facebook und Google: Mit jeder noch so gut gemeinten Neuheit, die sie ankündigen, landen sie auf dem Big-Brother-Prüfstand. Ebenso ergeht es ihrem großen reichen Nachbarn Apple, der manchen Kritikern längst diabolischer erscheint als der traditionelle Branchenbeelzebub Microsoft. Klar ist auch: Die schärfsten Kontrolleure der amerikanischen Bösewichte werden wieder aus Deutschland kommen, dem Land der Datenschützer.

Starke Marken, böse Wichte

Facebook, Apple, Microsoft. Google. Dass von allen IT-Multis gerade diese vier aus den USA immer wieder Gegenstand hitziger Debatten sind, ist kein Zufall. Mark Zuckerberg, Steve Jobs, Bill Gates und dessen Nachfolger Steve Ballmer sind Unternehmertypen, wie sie auch die Massenmedien lieben: ausgeprägtes Ego, unterdurchschnittliches Harmoniebedürfnis plus ein ruppiger bis autokratischer Managementstil. Machtmenschen mit jener gewissen Abgründigkeit, die das Publikum am Dallas-Fiesling J.R. Ewing so schätzte.

Vorstandsvorsitzende, die wie Fernsehstars wirken, mögen für Medienpräsenz sorgen, sind aber riskant für ihre Firmen, sagt der aufs Social Web spezialisierte Kommunikationsberater Klaus Eck aus München. "Ich glaube, dass sich kein Unternehmen einen Gefallen tut, das völlig auf eine Person fokussiert ist." Die freundliche Google-Führungsriege, neuerdings vom gereiften Mitgründer Larry Page angeführt, inszeniert sich so auffällig anders, dass auch dies manchen Skeptikern verdächtig erscheint.

Der Reiz der Frage, ob diese Firmen Gutes oder Böses im Schilde führen, hat aber vor allem damit zu tun, dass das Quartett Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle entwickelt und in den Markt gedrückt hat, die so genial, erfolgreich und scheinbar alternativlos waren, dass ihnen die Konkurrenz erst einmal hilflos gegenüberstand. Das Office-Paket mit Word, Excel und Powerpoint; die Google-Suche mit darauf abgestimmter Werbung; der Hattrick aus iPod, iPhone und iPad mitsamt der gewinnbringenden Infrastruktur aus iTunes-Musik-Shop und Appstore; die Facebook-Community.

Das Ziel hinter alldem ist jene ultimative Form der Bindung, bei der Massen von Kunden sich in eine freiwillige, gefühlte oder reale Abhängigkeit von einem Lieferanten manövrieren lassen. Dieses Sujet ist der Klassiker beim verbalen Schlagabtausch in den Kommentarspalten einschlägiger Internet-Portale: Windows- und Macintosh-Anhänger werfen sich seit vielen Jahren gegenseitig vor, ahnungs- und willenlose Süchtlinge zu sein, die sich vom Dealer ihrer Wahl manipulieren und ausbeuten lassen. Nebenbei: Mode-Labels und Autoherstellern, die ihre Kunden zu irrationalen Anschaffungen verleiten, wird das verziehen, während ein Computerfabrikant, der das tut, als böser Bube gilt.

Kunden gefangen nehmen

Der Pionier des "Customer Lock-in", also des Baus von Köderfallen und abschreckend hohen Ausstiegshürden, heißt Bill Gates. Hat jemand eine Vielzahl von Windows-Programmen auf seinem alten Aldi-Rechner angehäuft, kann er die ganze Sammlung zwar problemlos auf Computer von HP, Sony oder Dell übertragen, allein von Microsoft kommt er nicht mehr los - sofern er nicht wieder bei null anfangen möchte.

Apple sichert sich mit einer ähnlichen Zuckerbrot-und-Peitsche-Strategie sogar langfristig den Hardware-Absatz: Wer eigentlich nur an der Software interessiert ist, muss die teuren Designer-Geräte mitkaufen - und bleibt an die Marke gebunden. Apple-Betriebssysteme, Mac-Programme, iPhone- oder iPad-Apps laufen grundsätzlich nicht auf der Hardware anderer Hersteller.

Dabei wäre das technisch machbar und würde den Marktanteil von Apples Software steigern, aber Steve Jobs war immer dagegen. Die Zahlen geben ihm recht: Mit einem einzigen Produkt, dem iPhone, erwirtschaftet Apple auf dem Markt für Smartphones in etwa so viel Gewinn wie alle Konkurrenten zusammen.

Wegen seiner unverschämt guten Renditen steht der Konzern mittlerweile unter Dauerbeschuss. Und käme wohl auch nicht aus der Kritik, würde er mit einer Preissenkung oder einem billigeren Einsteigermodell reagieren. Denn dann könnten sich mehr Menschen den Luxus leisten, der Marktanteil stiege - und für die Konkurrenz wäre es noch schwerer, einen Stich zu machen. Mal davon abgesehen, dass die Apple-Aktionäre mit einem solchen Kurs nicht einverstanden wären.

Das Beispiel Apple zeigt auch, welche Bedingungen eine moralische Beurteilung von Unternehmen fördern. Zunächst ist da die loyale Gemeinde der Fans, die die Marke lieben. An ihnen reiben sich Andersdenkende, die die Erfolgsgeschichte nicht unwidersprochen lassen wollen. Dazu zählen Nichtregierungsorganisationen, Verbraucherschützer, deren Kritik wiederum von Politikern und Journalisten aufgegriffen und so einem breiteren Publikum bekannt wird. Ein Konzern muss erst eine gewisse Fallhöhe erklommen haben, um einen glaubwürdigen Gegner darzustellen. An Nebendarstellern mit austauschbaren Produkten - und dazu gehören unabhängig von ihrem Geschäftsgebaren und Marktanteil sämtliche PC-Hersteller, die nicht aus den gängigen Technik-Standards ausbrechen - arbeitet sich niemand gern ab.

Zur Ironie der Geschichte gehört, dass Fakten oft nur eine Nebenrolle spielen, obwohl sie dank der allgemeinen Computerisierung und des World Wide Web allgemein zugänglich sind. Denn das Internet eignet sich auch sehr gut dazu, eigene Vorurteile zu bestätigen. Wer stets ganz bestimmte Suchbegriffe bei Google eingibt, bekommt schnell lange Trefferlisten angezeigt, die just das eigene Weltbild zu bestätigen scheinen.

Das Problem der selektiven Wahrnehmung verschärft sich ausgerechnet dadurch, dass Google versucht, seinen Kunden Gutes zu tun. Wer sich einen User-Namen zulegt und sich immer brav einloggt - wie es Nutzer der Dienste Googlemail und Google Plus routinemäßig tun - verrät damit der Suchmaschine automatisch etwas über seine Vorlieben. Was man immer wieder links liegen gelassen hat, rutscht irgendwann auf die hinteren Plätze, die Lieblings-Links wandern peu à peu nach oben. Gibt es dennoch Hinweise darauf, dass ein übler Umtriebe verdächtiges Unternehmen auch Gutes tut, ist das noch lange kein Grund, ihm nicht mehr zu misstrauen: Man hat ja oft genug gelesen, dass viele Konzerne unter dem Deckmäntelchen der sozialen oder ökologischen Verantwortung ein paar Alibiveranstaltungen finanzieren. Entlastendes zu suchen macht in der Regel auch mehr Mühe: Am schnellsten findet man meist die auf Krawall gebürsteten Polemiker, weil die Unterhaltungswert haben und viele (andere) Blogger Links zu ihnen setzen.

Skrupelloses Pokern um Patente

Wie leicht es ist, auf falsche Indizien für unmoralisches Verhalten hereinzufallen, zeigt die aktuelle Aufregung über die Patentstreitereien, in die alle namhaften Handyhersteller derzeit involviert sind. So haben sich sechs Technikkonzerne, darunter Apple und Microsoft, verbündet und die Patente des insolventen kanadischen Konzerns Nortel gekauft. Hauptgrund: Es hätte sehr teuer für die Unternehmen werden können, wenn das Paket am Ende bei einem Patent-Hai gelandet wäre. Darunter versteht man einen auf geistiges Eigentum spezialisierten Finanzinvestor, der Schlüsselpatente oder ganze Patentfamilien vom Markt wegkauft, weil er darauf spekuliert, die Hersteller mit maßlosen Lizenzforderungen gegeneinander ausspielen zu können. Den Blackberry-Hersteller Research in Motion hat ein solcher Fall von Patentmissbrauch vor Jahren 612,5 Millionen Dollar gekostet.

Nun hält also ein halbes Dutzend Unternehmen, die alle ein legitimes Interesse an diesen gewerblichen Schutzrechten haben, die Trumpfkarten in der Hand. Damit verschieben sich lediglich die Gewichte innerhalb einer Branche, die sehr in Bewegung ist. Gerade hat Google angekündigt, die Mobilfunksparte von Motorola übernehmen zu wollen. Eine Attacke auf Apple.

Es ist in diesem Geschäft normal, dass zwei Konkurrenten, die einander als Inhaber jeweils unterschiedlicher Patente das Leben zur Hölle machen könnten, nach gnadenlosem Pokern auf ein sogenanntes Cross Licensing Agreement einigen, mit dem beide Partner zurechtkommen. Wie rau die Sitten geworden sind, zeigen die Klagen und einstweiligen Verfügungen, mit denen Apple und der koreanische Konzern Samsung - wichtigster Lieferant und zugleich ärgster Rivale der Kalifornier - sich derzeit gegenseitig in Schach halten. Wer sich in diesem Spiel nicht unterkriegen lassen will, braucht gute Anwälte.

Das Dumme ist nur, dass die Dramen, die sich hinter den Kulissen abspielen, viel zu komplex sind, um sich auf die gängigen Formate der hektischen Informationsgesellschaft reduzieren zu lassen: Aus der mehrere Ordner dicken Gerichtsakte wird eine Agenturmeldung, die auf eine Bildschirmseite passt, und daraus ein Tweet von 140 Zeichen. Vom Ochsen bleibt ein Brühwürfel, der später in den Foren wieder aufgegossen und mit allerlei künstlichen Aromen geschmacksverstärkt wird. Logisch, dass man in dieser Bouillon vergebens nach dem Fleisch sucht.

Nachbarsjunge is watching you

Wo Wissen nicht mehr durchdringt, ist der Weg zur Manipulation, zur demagogischen Verdrehung der Wirklichkeit, nicht weit. Als Google seine Stadtpläne durch das Feature Streetview aufwertete und vielen Deutschen das Abfotografieren ihrer Häuser, Ligusterhecken und Jägerzäune zu weit ging, klopfte der Satiriker Martin Sonneborn bei verdatterten Bürgern an und begann frech, in ihren Wohnungen zu fotografieren - angeblich für ein "Google Homeview", in Wahrheit für die ZDF-Heute-Show. Er fand tatsächlich mehrere Leute, die nicht kapierten, dass das nicht sein Ernst sein konnte, und sich in ihrem ganzen Unverständnis auch noch ablichten ließen.

In Düsseldorf fotografierte ein Zeitungsreporter Einwohner vor ihrem Haus, die bei voller Namensnennung dagegen protestierten, dass eben dieses Haus im Internet zu sehen sein sollte. Der Bericht über diese wehrhaften Bürger stand dann auch, mit Bild, auf der Website der Zeitung.

Stefan Keuchel, Sprecher von Google Deutschland, weiß heute, dass er seinerzeit die Journalisten hätte bitten sollen, zu schreiben, dass für Streetview keine Überwachungskameras installiert werden: "Viele Leute haben tatsächlich geglaubt, wir würden bei Streetview Live-Bilder zeigen, auf denen sie zu sehen sind." Wie diese Mär in die Welt kam? Vielleicht hat jemand einen blöden Witz gemacht, und die Leute haben den Gag nicht kapiert. Tatsächlich kann jeder Pennäler heute vom Taschengeld eine Webcam kaufen, ins Fenster stellen und die nackt sonnenbadende Nachbarin als Livestream online schalten, während Google auf Wunsch harmloseste Fassadenfotos vernebelt und damit um des lieben Friedens willen seinen eigenen Service entwertet.

Keuchels Kollegin Tina Kulow erlebte inzwischen etwas Ähnliches. Als ihr Arbeitgeber vor ein paar Wochen eine Gesichtserkennungs-Software einführte, hielten viele Menschen in Deutschland Facebook offenbar für eine Art Stasi 2.0, die automatisiert Dossiers anlegt, in denen das Leben der anderen aufgezeichnet wird: wer, wann, wo, mit wem. Der Unternehmenssprecherin zufolge kann das Programm aber nicht mehr, als dem Nutzer Vorschläge für das "Tagging" zu machen. Mit dieser Technik kann man den Personen auf einem Schnappschuss ein Namensschild umhängen, das auf dem Bildschirm erscheint, sobald man mit dem Cursor das Gesicht berührt.

Wer die Erkennungsfunktion aktiviert hat, bekommt beim Hochladen neuer Fotos auf seine Seite Namen aus seinem bereits getaggten Freundeskreis angeboten, die die größte biometrische Übereinstimmung aufweisen, nach dem Motto: Das könnte doch die Person X oder Y sein. Für den, der sich mit der Materie ein wenig befasst hat, ist Kulows Erklärung plausibel: Für den viel diskutierten "Social Graph", also die für zielgruppengesteuerte Werbung wichtige Kartografie des persönlichen Umfeldes eines Nutzers, sind zusätzliche Bildchen schlicht irrelevant.

Wo kommen nur all die Hans Imglücks her?

Die Angst vor dem Großen Bruder wäre nur allzu verständlich, wenn es Anzeichen dafür gäbe, dass Facebook die Regeln, die ein gesittetes Miteinander der Mitglieder sichern sollen, tatsächlich streng auslegt und kontrolliert. Demnach sind beispielsweise Pseudonyme unerwünscht. "Bei Facebook geht es darum, authentisch zu sein. Dazu gehört der richtige Name", warnt Kulow. "Wer meint, er müsse sich als Micky Maus anmelden, darf sich nicht wundern, wenn sein Account gelöscht wird." Dann seien alle Postings, alle Fotos futsch, die Kontakte gekappt.

Tatsächlich ist es aber wohl nicht sehr wahrscheinlich, dass das auch passiert. Außer der PR-Managerin beschäftigt die US-Firma in Deutschland nur ein rundes Dutzend Mitarbeiter, die Wichtigeres zu tun haben, als unter den 20 Millionen angeblich aktiven Nutzern und einer gewiss siebenstelligen Zahl von Dateileichen nach Profilen von Witzbolden zu stöbern. Wichtiger ist zum Beispiel: Werbekunden betreuen.

Wer sich ein bisschen abseits des eigenen Freundeskreises umschaut, erlebt Mark Zuckerbergs "Gesichterbuch" als ein Märchenbuch, in dem sich Fans von Rollenspielen austoben. So kommt bei den registrierten Mitgliedern fast auf jeden zweiten Hans Schmidt ein Hans Imglück, 48 Damen namens Katharina Witt verblassen neben 169 Einträgen für "Schnee Wittchen". Nicht minder erstaunliche Trefferlisten liefert die Personensuche bei den Familiennamen Röschen (nicht zu fassen, wie beliebt "Dorn" als Vorname ist), Stilzchen, Rumpel, Cinder, Ella und Holle. J.R. Ewing, Prototyp des fiesen Unternehmers, und sein braver Bruder Bobby sind samt ihrer gesamten Dallas-Sippschaft auf sorgsam gepflegten Nutzerprofilen zu finden; selbst Opa Jock, Oma Miss Ellie und die von den Drehbuchautoren totgeschriebene Pamela hat jemand wieder auferstehen lassen. Außerdem wimmelt es von Fred Feuersteins, Barney Geröllheimers und Daniel Düsentriebs, von Paris Hiltons, Forrest Gumps oder Humphrey Bogarts in allen erdenklichen Schreibweisen sowie von echten Schoßhunden. So viel zum Thema: Im Internet weiß niemand, ob du ein Hund bist.

So lustig das alles klingt, so ernst ist es für viele. Sie verstecken sich hinter Fake-Profilen, die nur ihre besten Freunde kennen, weil sie aus Erfahrung Angst haben vor dem Psychoterror der Mobber, Trolle und Stalker. Nun sind Mobber, Trolle und Stalker auch nicht dumm und erst recht nicht unter ihren richtigen Namen aktiv.

Captain Kirk oder Captain Fake?

Als Google im Juni seinen Dienst Google Plus in den Probelauf schickte, dauerte es nur Tage, bis genau dieses Thema zu einer großen Kontroverse führte. Der Internetkonzern hatte von Anfang an klargemacht, dass er nur Klarnamen dulden werde, und damit viele Blogger provoziert, die vor allem unter ihren Künstlernamen bekannt sind. Was einem Szene-Promi wie Sascha Lobo nicht wehtut, dessen vermeintlicher Familienname ein Akronym für "Lifestyle of Bad Organisation" ist. Es traf andere härter, deren Pseudonyme nicht ins Schema Vorname/ Nachname passten. Etwa den Berliner Blogger Enno Park alias "Die Ennomane" (für "Ennos Ottomane", sein Sofa). Sie machten die Probe aufs Exempel - und merkten, dass rasch ein solches statuiert wurde. Irgendwer musste den (von Facebook abgeschauten) Melde-Button gedrückt haben, mittels dessen jeder User per Mausklick vermeintliche Schwindler, Schufte und Schurken verpetzen kann. In den USA ereilte die Schnellabschaltung sogar den 80-jährigen William Shatner. Der rüstige Darsteller von "Enterprise"-Kapitän James Tiberius Kirk musste die Google-Wächter erst überzeugen, dass er wirklich er selbst war. Das hatte man ihm in seinem Alter nicht mehr zugetraut. "Hallo allerseits zu sagen, verletzt anscheinend die Spielregeln", spottete Shatner, "sollte ich vielleicht Goodbye sagen?"

Jedenfalls kochte die Stimmung hoch, und nachdem eine übereifrige Autorin dann auch noch eine Ente mit der Überschrift "Google plant die Super-Datenbank" gebraten hatte, stand Google wieder einmal da als Datenkrake, der konsolidierte Personenprofile anlegen wolle, um sie der Werbewirtschaft zu verkaufen. "Orwellness for all, Reibach for Google", argwöhnt ein hannoverscher Digital-Bohemien, der unter dem Künstlernamen Elias Schwerdtfeger bloggt. "Der frühe schlechte Ruf unter jenen, die Wert auf Privatsphäre legen, ist wohl einkalkuliert", glaubt Schwerdtfeger. "Die Ware im von Google geplanten Geschäft sind die Menschen, die Google Plus nutzen sollen. Der Abrieb des Lebens dieser Menschen, der auf Google Plus manifest wird, soll in irgendeiner Weise in Profit verwandelt werden."

Der Unternehmenssprecher Keuchel klingt ein wenig, als kränke ihn der Vorwurf, Daten einzelner Kunden zu verhökern, auch persönlich: "Um es ganz deutlich zu sagen: Das - tun - wir - nicht!" Was Google allerdings tut: Wenn jemand erwischt wird, der gravierend gegen die Spielregeln verstößt, schließt ihn das Unternehmen nicht nur von diesem einen Dienst sofort aus, sondern im Extremfall von allen, einschließlich Googlemail. Wer sich in seiner elektronischen Kommunikation vollständig den Cloud-Dienstleistungen der Kalifornier anvertraut, setzt also seine Existenz im Web aufs Spiel, wenn er sich daneben benimmt - oder wenn es auch nur einem Hacker gelingt, es für Google danach aussehen zu lassen. Auch das soll nicht wieder vorkommen, verspricht Keuchel. Google werde vermeintlichen Missetätern Gelegenheit geben, sich zu den Vorwürfen zu äußern, bevor ihnen der Zugang gesperrt wird.

Das Coming-out der Microsofties

Google ist für Klaus Eck ein gutes Beispiel für ein Unternehmen, das aus seinen Fehlern und denen seiner Konkurrenten ernsthaft lernen will. Google habe verstanden, dass in diesem Geschäft Vertrauen das "wichtigste Asset" sei, suche den Dialog mit den Kunden und sei auf den wichtigen Veranstaltungen der deutschen Online-Szene präsent. "Von Apple", bedauert der Münchner Berater, "habe ich da noch nie jemanden getroffen."

Auch Facebook lerne dazu. Am bemerkenswertesten aber habe sich, so Eck, Microsoft gemacht - und das nicht nur, weil Bill Gates und seine Frau Melinda sich mit ihrer philanthropischen Stiftung einen guten Ruf erarbeitet hätten. Früher hätten sich Software-Entwickler unbeliebt gemacht, sobald sie zu erkennen gegeben hätten, dass sie für den Windows-Monopolisten arbeiteten: "Sie waren dann sofort die Bösen." Heute werde nicht mehr der Mensch mit der unsympathischen Firma identifiziert, sondern die Firma mit dem sympathischen Mitarbeiter.

Das heißt nicht, dass sich nicht der eine oder andere Kollege doch zu Bosheiten hinreißen ließe, die auf die Konkurrenz gemünzt sind, aber auf den eigenen Arbeitgeber zurückfallen. So machte vor ein paar Wochen bei den Pilot-Nutzern von Google Plus ein satirischer Anti-Werbespot die Runde, der offenbar von Marketingleuten des Microsoft-Cloud-Computing-Dienstes Office 365 gedreht wurde und nicht offiziell von der Konzernleitung in Redmond freigegeben ist. Er zeigt einen unbedarften, nervenden Postboten, der fröhlich in den Mails der Kunden herumschnüffelt und sie mit aufdringlicher, unpassender Werbung behelligt. Sein Name: "Gmail Man", benannt nach dem Kurznamen von Googlemail. Ein Foul-Spiel, denn das anonyme Scannen von Mails nach werberelevanten Schlüsselwörtern ist - was vielen Nutzern nicht bewusst ist - Geschäftsgrundlage aller Freemail-Dienste. Und die wenigsten platzieren die Reklame so dezent an den Rand wie Gmail.

Digitale Volksbefreiungsfront

Do no evil? Google könnte beim besten Willen nicht existieren, wenn die Nutzer nicht ein kleines, notwendiges Übel hinnehmen würden: die Werbung. "Wir nutzen so viel umsonst im Internet", sagt die Politologin Jeannette Hofmann vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), "irgendwo muss die Kohle herkommen." Sie selbst profitiert indirekt von diesen Werbeeinnahmen. Ab Oktober leitet sie gemeinsam mit drei anderen Kollegen ein neues Forschungsinstitut für Internet und Gesellschaft - mit Google als Geldgeber.

Für Hofmann war diese Drittmittelquelle kein Problem; allerdings meldete der Betriebsrat Bedenken an. Der Mäzen werde ihr nicht dazwischenfunken, versichert die Sozialwissenschaftlerin -und verrät wie zum Beleg ihrer Neutralität, dass sie Facebook als ein Medium schätze, das auch ihre akademische Kommunikation bereichere: "Diese Mischung aus Professionellem und Privatem liegt mir extrem. Da lese ich dann nicht nur einen Bericht von einer Konferenz, sondern der Kollege liefert mir auch gleich einen Schnappschuss mit."

Allerdings macht Hofmann keinen Hehl daraus, dass sie die Präzision, in der die an sich legitime Werbung bisweilen auf das Profil des Nutzers zugeschnitten wird, "massiv irritierend" bis abstoßend und damit kontraproduktiv finde: "Das geht völlig nach hinten los. Man fühlt sich beobachtet." Sie plädiert deshalb für ein Selbstbestimmungsrecht des Nutzers. Starker Datenschutz sei auch für die Wirtschaft die "nachhaltigere Lösung".

Bei ihrem Sponsor Google, der sich zugute hält, möglichst immer nur "passende" Werbung anzuzeigen, scheint Hofman bereits ein paar natürliche Verbündete zu haben. Noch verstecken sie sich gut; ihre Website sieht aus wie die von linken Hackern. Sie nennen sich "The Data Liberation Front" (Dataliberation.org), und wie es scheint, kämpft die digitale Volksbefreiungsfront von innen gegen das böse Customer Lock-in - mit Software, die den Nutzern hilft, bei Google ihre Siebensachen einzupacken und mit all ihren Daten, Mails, Fotos und Kontakten zur Konkurrenz umzuziehen.

Das mit der subversiven Truppe ist nur Show, eine faustdicke Lüge. Die Leute werden alle von Google genau dafür bezahlt, was sie da machen. Ihr digitaler Hinterausgang ist die hinterfotzigste aller denkbaren Kundenbindungsmaßnahmen: Sie steht offen, damit niemals jemand auf die Idee kommt, hindurchzugehen. -

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