Ausgabe 09/2011 - Was Menschen bewegt

Aufgeben? Ist nicht drin

- Es war kalt. Sie hing kopfüber am Bagger, fror und hatte Angst. Angst vor den Männern der Spezialeinheit, die gleich ihre Seile durchschneiden würden, und vor dem, was sie erwartete. Sie streckte die Arme weit von sich, dann die Beine: Cécile Lecomte, genannt das Eichhörnchen. Dieser Spagat, Hals über Kopf, ist ihr Markenzeichen. Sie hatte Angst, aber sie lachte auch, das ist auf den verwackelten Filmaufnahmen zu erkennen. Eben noch hatte sie auf dem Bagger getanzt. Jetzt hing sie kopfüber da und sah, wie die vermummten Polizisten auf der Hebebühne näherkamen.

Sieben Stunden lang war die einstige Waldorf-Lehrerin zuvor mit zwei Verbündeten dem Staat auf der Nase herumgetanzt. Die Besetzung des Baggers hatte die 29-Jährige an diesem Tag zur Ikone der Proteste gegen Stuttgart 21 gemacht. Politisch betrachtet, und das hieß für sie nun mal auch geschäftlich, war dieser 30. August 2010 erfolgreich verlaufen - für die Organisation Robin Wood wie für sie, Beruf selbstständige Rebellin.

Cécile Lecomte schaut häufig Hals über Kopf auf das Land. Aus ihrer Perspektive sieht sie eine Demokratur, geschützt von uniformierten Polizei-Hundertschaften und willfährigen Richtern. So betrachtet, ist der Widerstand des Eichhörnchens unumgänglich. Sie will keine Revolution, daran glaubt sie nicht. Sie lebt die permanente Revolte. In den Worten von Albert Camus: "Ich empöre mich, also sind wir."

"Der Morgen in Stuttgart war der perfekte Moment. Vorher waren 6000 auf der Straße. Da habe ich gesagt, jetzt muss mehr passieren." Kristallisationspunkte für den Protest schaffen, so wird das in der Szene genannt. Sich mit spektakulären Aktionen im richtigen Moment an die Spitze der Bewegung setzen. Vielleicht war es dieser Morgen im August, waren es diese die Obrigkeit demütigenden sieben Stunden, als die Politiker in Stuttgart erkannten, dass ihnen der Protest endgültig entglitten war. Das war keine Demonstration des Unmuts mehr, gesittet und kontrollierbar. Es war eine politische Revolte. Einen Monat später schickten sie zum ersten Mal Wasserwerfer. Das Bild eines Rentners, das Gesicht blutüberströmt, die Augenlider zerfetzt, wurde zum Fanal des eskalierenden Protests.

Normalerweise haben Aktivisten keine Namen, all jene, die für Greenpeace in Schlauchboote steigen oder für Robin Wood auf Bäume. Cécile Lecomte ist aus der Anonymität herausgetreten. Sie will Marke sein und trägt ihr eigenes Logo auf der Brust, ein Eichhörnchen mit geballter Faust in einem Stern. Sie ist der Star einer Bewegung, die glaubt, ohne Stars auszukommen. Die Zeitschrift "Emma" nannte sie eine von "Germany's Next Role Models". Die Bundespolizei führt sie auf einer Liste der 25 wichtigsten Castor-Gegner, neben Greenpeace und Attac. "Oberhalb von 4,80 Meter gibt es einfach kein Gesetz. Da ist alles erlaubt", sagt Lecomte. Als Eichhörnchen ist sie die Herrin der Lüfte.

Am Boden ist sie Cécile Lecomte, der schon Treppenstufen zu schaffen machen. An diesem Morgen auf dem Lüneburger Bahnhof ist von der Behändigkeit des Eichhörnchens wenig zu sehen. Sie zieht das rechte Bein nach, schleppt sich in den Zug. Chronische Polyarthritis, eine schwere Form von Rheuma, lähmt ihre Gelenke, lässt ihre Finger steifer werden mit jedem Schub. Der Kampf, den sie führt, ist auch ein Kampf gegen den eigenen Körper, gegen die Zeit, die ihr mit der Krankheit noch bleibt. Im Zug verlässt sie die Stadt in Richtung Widerstand. "Körperlich bin ich nicht richtig fit", sagt sie. "60 Prozent vom Klettern findet im Kopf statt."

Sie blickt aus dem Zugfenster und erzählt, welche Brücken sie da draußen schon erklettert hat, welche gut geeignet sind, weil besonders schwer zugänglich. Denn dort hat sie viel mehr Zeit bis zum Eintreffen der Polizei. Ihre Hand umklammert einen Thermobecher mit Tee. Sie hat Kletterfinger, der Daumen ist lang und kräftig. An einem Gurt ziehen sie das Eichhörnchen überall hoch. Kletterausrüstung hat sie immer bei sich. Die Frauen, die Bäume für eine bessere Welt umarmen, nennt sie "Eso-Tanten". Sie dagegen ist eine Ökokriegerin. Sie ist nicht naiv. Sie weiß, dass eine Protestaktion den Lauf der Welt nicht anhalten wird. Dass es manchmal notwendig ist, zu anderen Mitteln zu greifen, die die Grenze des eindeutig Erlaubten überschreiten, "damit die Gegenseite kapiert, was los ist".

Mit vier Jahren hat sie klettern gelernt. Sie wuchs in Orléans auf, in Frankreich, und fuhr mit ihrer Mutter und dem Bruder bei jeder Gelegenheit in die Alpen. Ein Foto aus jener Zeit zeigt sie als ernst blickendes Mädchen in kurzen Hosen an einer Kletterwand in der französischen Provinz. Man kann nicht sagen, dass Lecomte seitdem nicht versucht hätte, mit ihrer Umwelt auszukommen. Sie wurde französische Meisterin im Sportklettern. Mit einer Jugendgruppe spielte sie politisches Straßentheater.

Irgendwann blockierte sie ihren ersten Castor-Transport, noch am Boden. Sie gehört zu der Generation, die mit den Grünen erwachsen wurde, die erlebte, wie Protest in Realpolitik umgesetzt wurde. Nach Deutschland kam sie 2002, um Betriebswirtschaft in Bayreuth zu studieren, mit einem Erasmus-Stipendium. An der Universität ging sie zur Grünen Jugend, wurde in den Landesvorstand Bayern gewählt. Sie erlebte den Anti-Castor-Protest, der in Frankreichs Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet blieb, plötzlich mit anderen Augen. In Deutschland gab es einen lebhaften Widerstand - und der Staat ging zivil mit ihm um.

Doch während sie den Protest schätzen lernte, entfernte sie sich von der Parteiendemokratie. Auf einem Parteitag der Grünen geriet sie mit Joschka Fischer aneinander; es ging um den Kurs der Partei. Sie verließ die Grünen wenig später. "Mein Platz ist der Baum, der aktive Widerstand", sagt sie. Als Aktivistin stützt sie sich nicht auf parlamentarische Mehrheiten, sondern auf politische Überzeugungen. Sie wurde Waldorf-Lehrerin in Lüneburg, unterrichtete Französisch, blockierte in ihrer Freizeit Castor-Transporte. So wurde ihr Leben zum Spagat. Sie betrachtete die Welt Hals über Kopf, in der Schule, im Unterricht aber sollte es andersherum sein. "Diese geregelte Welt war nie meins", sagt sie, "und auch die Schüler hielten ihre Lehrerin für komisch."

Ihre Aktionen fielen auf, sie schob sich in die erste Reihe der Protestler. Die Polizei zog in der Schule Erkundigungen über sie ein, schickte vor Castor-Transporten Beamte zur Überwachung. Das löste Unruhe aus: zuerst im Lehrerzimmer, dann bei den Eltern. Ihre Radikalität passte einfach nicht in die behütete Welt der anthroposophischen Pädagogik. Cécile Lecomte kündigte den Job, war nun ohne regelmäßiges Gehalt und verließ ihre Wohngemeinschaft.

Aus der politisch engagierten Waldorf-Lehrerin wurde die Vollzeitaktivistin. Widerstand sei einfach die nahe liegendste Alternative gewesen, sagt sie, um die gewonnene Zeit zu füllen. Anfangs lebte sie von Arbeitslosengeld. Dann las sie eine Ausschreibung der Bewegungsstiftung: Bewegungsarbeiter gesucht. Gewaltfrei sollten die sein und besonders engagiert. "BewegungsarbeiterInnen", hieß es da, "nehmen eine tragende Rolle in sozialen Bewegungen ein."

"Ich dachte, ich bin denen zu radikal", sagt Lecomte, "aber sie haben mich sofort genommen." Bewegungsarbeiter werden von Paten bezahlt, die sie selber finden müssen. Lecomte hat inzwischen fast 30.

Hermann Daß in Kassel ist einer von ihnen. Seit drei Jahren zählt der Allgemeinmediziner mit eigener Praxis zu den Paten der Profi-Blockiererin aus Lüneburg. "Als ich Cécile vor drei Jahren kennenlernte, habe ich mich sehr schnell dazu entschieden, ihre Arbeit zu unterstützen", sagt er. In seinem Wartezimmer hat er Informationen zu ihren Aktionen ausgelegt. Manchmal kommt er so mit Patienten ins Gespräch über Politik. Er freut sich, wenn er Lecomte in den Fernsehnachrichten entdeckt, sie wieder irgendwo hängen sieht. "Aber dieser spontane Glückseffekt steht bei meiner Förderung nicht im Vordergrund."

Klettern will gelernt sein - auch von der Polizei

Seine Portion vom Protest bekommt Daß regelmäßig per E-Mail, wann immer ein neuer Prozess ansteht oder eine Aktion geglückt ist. Er sieht sich nicht als Strippenzieher einer Protest-Dienstleisterin, denn dazu, sagt er, habe er zu wenig Einfluss auf ihr Tun.

Daß geht gelegentlich selbst auf Demonstrationen und findet nichts verwerflich daran, eine Berufsdemonstrantin zu verpflichten. "So ist das in der arbeitsteiligen Gesellschaft: Als Arzt beschäftige ich mich mit sozialen und medizinischen Problemen. Und werde gut bezahlt. Cécile beschäftigt sich beruflich mit sozialer Bewegung. Und wird nicht dafür bezahlt." Die Gewaltfreiheit ihrer Aktionen ist für ihn entscheidend. "Cécile würde klettern, ob ich sie nun unterstütze oder nicht", sagt er. Trotzdem ist zumindest bemerkenswert, dass ein Arzt, der die Welt verbessern will, ausgerechnet eine rheumakranke Frau in den Kampf schickt, den er selbst scheut.

Durch das Paten-System hat sie genug Geld zum Leben, sagt Lecomte. Manchmal klettert sie für Organisationen wie Robin Wood oder Gendreck Weg. Geld bekommt sie dafür nie, nur Ausrüstung und Aufmerksamkeit. Oft ist sie auf eigene Faust unterwegs als Ein-Frau-Greenpeace, dann ist sie Organisatorin, Aktivistin - und vor Gericht ihre eigene Verteidigerin.

Als Eichhörnchen hat sie so ziemlich gegen alles protestiert, was ihr schlecht erscheint. Sie seilte sich von einer 75 Meter hohen Brücke ab, um einen Castor-Zug zu stoppen, spielte eine Leiche vor der Gronauer Uranfabrik, hing in Bäumen zum Protest gegen eine neue Landebahn auf dem Frankfurter Flughafen und bezog im Kampf gegen eine Fernwärmetrasse des Hamburger Kohlekraftwerks Moorburg ein Baumhaus. Sie besetzte mit gentechnischem Saatgut bestellte Maisfelder, demonstrierte gegen Neonazis auf dem Lüneburger Bahnhof, gegen den zügellosen Kapitalismus auf Frankfurter Bankentürmen, baumelte vor den Fenstern eines Gerichtsgebäudes und tanzte auf dem Abrissbagger gegen Stuttgart 21.

Als ihren größten Erfolg wertet sie den Sieg in Gronau gegen das Unternehmen Urenco. Das reichert Uran an, dabei entsteht strahlender Abfall. Der wurde lange als Wertstoff deklariert, nach Russland verfrachtet und dort unter freiem Himmel gelagert. Das hat sich geändert. Nun landet der Müll zur Wiederaufbereitung in Frankreich. Dreimal hat sich das Eichhörnchen dafür über die strahlenden Container hängen müssen.

Einer, mit dem Cécile Lecomte bei ihren Aktionen immer wieder zu tun bekommt, ist der Polizeibeamte, den wir Danny S. nennen sollen. Wir treffen ihn beim Training einer Spezialeinheit der Bundespolizei Ratzeburg. So verwegen deren Einsätze manchmal auch erscheinen, so nüchtern ist der Auftrag: Sie müssen die Kletterer aus jeder noch so waghalsigen Lage sicher herunterholen. "Manche Aktivisten", sagt der Polizist, "könnten sich aus eigener Kraft gar nicht befreien." Er und seine Kollegen fühlen sich als die guten Cowboys, weil sie retten, nicht räumen.

In 30 Metern Höhe hängt eine Gestalt. Deren nackte Füße sind verdreht, das Baumfällerhemd ist halb aufgeknöpft, ein gelber Helm sitzt schief auf dem Kopf. Am Boden sieben Polizisten in blauen Overalls. Die Eichhörnchen-Übung. "Die Person hängt dort, möchte eigentlich nicht nach unten, aber wir werden ihr helfen, nach unten zu kommen", sagt Danny S. Dann ruft er seinem Trupp zu: "Euer Ausstieg ist das Fenster eins drüber." Ein junger Polizist legt einen Klettergurt an und steigt mithilfe eines Hubgeräts in den Schlauchturm der Lübecker Feuerwehr.

Sie sollen vom Eichhörnchen lernen: einen Zugang finden, sich von oben zur Aktivistin abseilen, des besseren Überblicks wegen. Sie müssen also immer höher hinauf und immer doppelt gesichert, wie es Vorschrift ist. Lecomte hat Wochen, um ihre Aktion zu planen und vorzubereiten. Die Polizei steht unter Druck, denn der Stillstand eines Castor-Zuges ist teuer. Danny S. hat die Klettereinheit mit aufgebaut. Für das erste Treffen 1998 hat er sich gemeldet, "sonst wollte ja keiner". Früher hat er als Gerüstbauer gearbeitet. Jetzt musste er lernen, was die Aktivisten lernten. Auf den Fortbildungen der Kletterschulen traf er auch Leute von Greenpeace. "Zusammen Bier getrunken haben wir aber noch nicht", sagt er.

Wenn die Polizei-Spezialisten anrücken, hat das Eichhörnchen längst gewonnen. Pro Kletteraktivist setzt Danny S. eine halbe Stunde Arbeit an, bei Lecomte dauert es länger. "Wir klettern zehn Prozent unserer Arbeitszeit. Und begegnen Leuten, die das teils beruflich machen", sagt er. "Da ist es klar, dass einer mal davonklettert und wir ein bisschen länger brauchen."

Draußen rüttelt der Wind mächtig am Bauwagen, drinnen berichtet Lecomte über ihre Einsätze. Ihr Quartier ist penibel aufgeräumt, überall hängen Klettergurte. Professionelles Material, wenn sie für Organisationen klettert, aus Autogurten selbst genähtes, wenn sie auf eigene Faust unterwegs ist. Häufig zieht die Polizei das Material ein.

Manchmal, morgens, sagt sie, könne sie sich kaum rühren. "Dann muss ich meinen Nachbarn bitten, dass er mir Feuer macht." Neben dem Müsli auf dem Tisch eine Großpackung Sulfasalazin, ein starkes Rheumamedikament, auf dem Fensterbrett ein Spielzeug-Polizeihubschrauber. Es klopft an der Tür. "Das ist nur der Gerichtsvollzieher", sagt sie und winkt ab. "Ich habe keinen Bock, mit ihm zu reden." Lecomte führt ein Leben ohne Bankkonto. Für Vorträge nimmt sie selten Geld. Ein Teil ihres Essens besteht aus dem, was Supermärkte für den Abfall aussortieren. Während es immer wieder von draußen klopft, erzählt sie ungerührt weiter: "Als ich zur Bewegungsstiftung kam, war ich arbeitslos und habe viel aus Frust gemacht. Im Laufe der Jahre habe ich mehr ein Gesamtkonzept von dem entwickelt, was ich mache."

Drei Tage U-Haft: eine Grenzerfahrung

Es ist auch die Sehnsucht nach Anerkennung, die sie immer wieder antreibt, nach dem Moment, in dem sie ganz oben ist und die Menge applaudiert. Lange, das weiß sie, wird sie nicht mehr klettern können. Wie sie sich die Zeit danach vorstellt? Vielleicht Vorträge halten, Projekte unterstützen, sagt sie. Sie sucht einen Schlenker in die Gegenwart, erzählt von Aktionen, als könne sie so die Zukunft noch etwas hinausschieben.

Gut neun Monate nach dem Tanz auf dem Bagger ist Cécile Lecomte wieder in Stuttgart. Heute gibt es die erste Sitzblockade nach Antritt der grün-roten Regierung. Sie sitzt mit anderen auf der Zufahrt zum künftigen Grundwassermanagement, das einmal mit kilometerlangen Rohren die Tiefbaustelle vor dem Absaufen sichern muss. Ein weitläufiges Rohrsystem, kaum zu schützen, die Achillesferse des Projekts. Leuten wie Lecomte ist egal, was bei Stresstest, Kompromiss oder Volksentscheid herauskommt: Sie lehnen das Großprojekt ab. Für sie ist der Bau des Tiefbahnhofs in Stuttgart keine Frage der politischen Mehrheiten. Entscheidend wird die Größe und Zähigkeit des Widerstands sein. Und wie viele Störungen solch ein Großprojekt aushält.

Lecomte ist gekommen, weil am Nachmittag ihr Prozess wegen der Baggerbesetzung ansteht. Sie blättert durch einen Kommentar zum Strafgesetzbuch. Ein Mann ganz in Schwarz nähert sich. Am linken Arm trägt er eine gelbe Binde, in der Hand einen zusammengeklappten Blindenstock. "L' écureuil?", fragt er auf Französisch. "Bist du das Eichhörnchen?" Vorsichtig tastend berührt die Hand des Mannes die Schulter von Lecomte. "Darf ich mich dazusetzen?" "Klar", sagt sie. Der Alte muss sich nicht vorstellen. Jeder kennt ihn: Dietrich Wagner, der schwer verletzte Demonstrant. Um den Hals trägt er ein Schild mit der Aufschrift: "CDU-KZ ungesühnt". "Ich bin der Idiot, der sich dem Wasserwerfer in den Weg gestellt hat", sagt er. Hinter der alten Expressguthalle des Stuttgarter Bahnhofs trifft mit einem Mal die Bitterkeit auf die Leichtigkeit der Rebellion.

Sie erzählt vom Gericht und dass es der dritte Prozesstag sei. Er fragt: "Warum dauert das nur so lange?" Sie entgegnet: "Das muss so lange dauern!" und lacht. Was den Erblindeten und das Eichhörnchen verbindet? Er wurde auf tragische Weise zum Opfer eines zügellosen Polizeieinsatzes, sie nutzte ihn. Er erlebt seinen Kampf um Gerechtigkeit als Sackgasse, für Lecomte ist es nur eine Etappe ihrer Revolte. Sie sagt: "Wenn sie mit meinem Verfahren beschäftigt sind, verurteilen sie in der Zeit keinen anderen." Er sagt: "Konzentrier dich, nachher." Sie steigt auf ihr Einrad und rollt durch den Schlossgarten zum Amtsgericht, den Weg kennt sie gut. "Es ist dein Prozess, also führe ihn", zitiert sie noch Fritz Teufel, einen legendären 68er, der früher viele Richter schlecht aussehen ließ. Lecomte versucht beharrlich, das Gericht zu bremsen, und weiß doch, dass es ein Spiel ist, in dem sie alles riskiert, was sie noch einsetzen kann: ihre Freiheit.

Das Amtsgericht Stuttgart verkündet schließlich das Urteil, im Namen des Volkes: Die Baggerbesetzung war Hausfriedensbruch. Dafür hat sie 30 Tagessätze à acht Euro zu zahlen. Vielleicht werden ihre Unterstützer das Geld aufbringen oder ein Solidaritätsfonds. Denn fände sie niemanden, der zahlt, müsste sie für 30 Tage ins Gefängnis. Mit Rheuma. Ohne Kletterseil.

Sie war schon einmal für dreieinhalb Tage in Untersuchungshaft. "Während des Gewahrsams hatte ich einen kleinen Nervenzusammenbruch. Da habe ich gemerkt, wo meine Grenzen sind. Noch schlimmer ist das Gefühl, dass die jetzt wissen, womit sie dich kleinkriegen können." Sie sagt: "Engagiert sein ist nicht einfach. Aber aufhören würde mich nicht glücklicher machen. Deshalb mache ich weiter." -

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