Ausgabe 01/2011 - Schwerpunkt Freiräume

Ein Arzt für alle Fälle

- Wer will heute noch Landarzt sein? Für ein Einkommen, das im gleichen Maße sinkt, wie der Verdruss wächst. Wenn einem Papierkram und Budgets die letzte Freude an der Arbeit rauben. Und die Patienten, sie sind auch nicht mehr wie früher: wissen durch Recherchen im Internet alles besser als der Doktor und stehlen ihm trotzdem die schlecht bezahlte Zeit. Den Arzt in der Stadt entschädigen das urbane Leben und die höhere Dichte an Privatpatienten. Der Landarzt ist in jeder Hinsicht gestraft. Die Folge: Immer mehr Praxen in der Provinz verwaisen.

Dr. med. Martin Ebeling praktiziert seit 18 Jahren in der 4600-Seelen-Gemeinde Vogt im Allgäu, wo im November der erste Schnee fällt und die nächste Großstadt weit ist. Das nahe Schussenrieder Bierkrugmuseum kann nicht mit der Neuen Pinakothek in München mithalten, und die Alpen sieht man auch nur bei Föhn. Doch Ebeling sagt: "Ich liebe, was ich tue." Nicht, dass er keine andere Wahl gehabt hätte. Ursprünglich wollte er Anästhesist werden, doch da war ihm der Blick auf die Patienten zu eng. Auch den Einsätzen als Notarzt konnte er etwas abgewinnen, aber eben nicht auf Dauer.

Nun ist der Protestant Ebeling also Arzt im erzkatholischen Vogt geworden, und nicht genug, dass er Freude hat an seiner Arbeit, sondern die Patienten haben offenbar auch Freude an ihm. So sehr, dass er vor geraumer Zeit einen Aufnahmestopp verhängen musste, weil er, seine Kollegin Jutta Riegler sowie die vier Helferinnen mit der Arbeit nicht mehr nachkamen.

Obwohl es in Vogt zwei weitere Allgemeinärzte sowie einen Kinderarzt gibt und auch das Umland gut versorgt ist, geht es in Ebelings Praxis mitunter turbulent zu. Vor Kurzem waren an einem Montag 302 Patienten da - nicht alle zur Untersuchung, aber jeder mit einem Anliegen. Unlängst bat eine zuvor abgewiesene Patientin, nun doch aufgenommen zu werden: Sie hatte in der Zeitung von Angehörigen einer Verstorbenen eine Dankadresse an Ebeling gelesen und war der Ansicht, es sei doch jetzt ein Platz frei geworden.

Zum persönlichen Zuspruch gesellt sich solider finanzieller Erfolg. "Unter dem Strich verdiene ich sehr gut", sagt Ebeling. Obwohl sich im Wirtshaus die Leute schon wundern, warum der Herr Doktor keinen Mercedes-Benz oder Porsche fährt.

Liegt es am leutseligen Wesen Ebelings, dass seine Praxis brummt und er seine Arbeit liebt? Ganz und gar nicht. Ebelings hagere Gestalt passt gut zu seiner knorrigen Art. Wo andere aufs Stichwort lossprudeln, antwortet er in sonorem Schwäbisch nicht schroff, aber bündig. Und wenn eine Pause entsteht, die andere mit diesem und jenem Gedanken füllen würden, hält er die Stille aus und wartet auf die nächste Frage. Und wenn das dauert, dann dauert es eben. Indem er sich auch im Gespräch mit Patienten zurücknimmt, schafft er Raum für sie.

Vertrauen weckt auch die lichte und freundliche Praxis, in der es kaum blinkendes und blitzendes Gerät, aber eine kunstvoll dekorierte Schale mit Zierkürbissen auf dem Empfangstresen gibt. Eine Patientin gestaltet die Schale für jede Jahreszeit. Von einem anderen Patienten stammen die abstrakten Bilder im Wartezimmer - und der wechselt sie immer mal wieder gegen neue aus. Es sind keine Kandinskys, aber darauf kommt es auch nicht an.

Jeden Tag trägt das Team ein andersfarbiges Sweatshirt mit Praxislogo. Eine Patientin kommt deshalb nur mittwochs, weil ihr die türkisfarbenen Shirts am besten gefallen. Manche empfinden die Atmosphäre als so entspannt, dass sich eine Gruppe älterer Frauen ab und an zum Zeitungslesen im Wartezimmer trifft. Nur so. Kaffee bekommen sie zwar keinen, aber der Besuch der alten Damen wird akzeptiert. Ebeling: "Isch doch nett."

Mit einem Wehwehchen kommt keiner mehr

Der Doktor ist überzeugter Kassenarzt. Er hat keine lukrativen Hausarztverträge abgeschlossen, weil die ihn einengen würden. Er bietet kaum Selbstzahlerleistungen an, weil er darauf vertraut, dass Sinnvolles vom System übernommen wird. Die Systemtreue bedeutet nicht, dass er Spielräume ausließe oder nicht ständig neu auslotete. Getreu der Überzeugung, Menschen zur aktiven Lebensführung nicht bloß anzuhalten, sondern sie ihnen auch vorzuleben, organisierte er Nordic-Walking-Kurse für Patienten - und marschierte natürlich selbst mit.

Das Kursangebot hat sich inzwischen so erweitert, dass es von einer benachbarten Physiotherapeuten-Praxis übernommen wurde, mit der er kooperiert. Wenn er Lust und Zeit hat, macht er immer noch mit. Neuestes Projekt: Weil er in Studien gelesen hat, dass sich beim Gehen über manches leichter reden lässt, möchte er das demnächst ausprobieren. Gibt es Kniffliges zu besprechen, wird er mit einem Patienten einfach eine Runde durch den Wald drehen.

Bei aller Nähe zu seinen Patienten gelingt es ihm, gleichzeitig Distanz zu wahren. Harte Arbeit sei es gewesen, sagt er, den Dorfbewohnern abzugewöhnen, bei allem und jedem und immer und überall den Doktor zu konsultieren. Dass ein Patient am Sonntag früh bei ihm ans Schlafzimmerfenster klopft, gibt es heute nicht mehr. Er erwartet die gleiche Wertschätzung, die er anderen entgegenbringt. Sonst, sagt er, funktioniert es nicht.

Die Wertschätzung seiner Helferinnen bedeutet auch, dass er ihnen sogenannte delegierfähige Leistungen weitgehend überträgt, die sie in Eigenregie verantworten. Eine ist meisterhaft im Umgang mit Nadeln und Adern, ihr Spezialgebiet sind offene Wunden. In schwierigen Fällen bittet sie ihn hinzu, damit er im Bilde ist. Eine andere managt die Hygiene so tadellos, dass er damit nichts zu tun hat. Und eine dritte ist die "Kümmererin": Sie hat immer ein offenes Ohr für die Patienten und kennt ihre Seelenlage.

Alle Helferinnen kommen aus der Gegend. Zwei sind seit dem ersten Tag der Praxis dabei, eine seit zehn und eine seit vier Jahren. "Fluktuation? Gibt es nicht", sagt Ebeling. Als die letzte Stelle zu besetzen war, gehörten kurzfristig zwei junge Frauen zum Team. Doch denen war die Arbeit zu viel. Also rief Ebeling beim Arbeitsamt an und fragte nach einer Arzthelferin über 50. "Die haben erst einmal trocken geschluckt", sagt er, aber die Frau, die dann kam, packte richtig an.

Zur Wertschätzung gehört auch das Ideenbuch. In das "darf jeder alles reinschreiben", so Ebeling. Das A5-Büchlein ist voller Notizen wie: "Wegen Datenschutz, Patient konnte auf den Monitor sehen." Einmal im Monat arbeitet das Team die Eintragungen durch, und wenn Kritik kommt, stellt er sich ihr.

Als er längst Arzt in Vogt war, leistete er sich das berufsbegleitende Masterstudium "Management im Sozial- und Gesundheitswesen" an der nahen Hochschule Ravensburg-Weingarten. Der beträchtliche Aufwand an Zeit und Geld "hat enorm viel gebracht", sagt er. Auch für den Praxisalltag: "Wir haben Prozesse optimiert, dass es kracht." Vielleicht ist es der Wertschätzung seiner Mitarbeiterinnen oder einfach seinem glücklichen Händchen geschuldet, dass er die Optimierungen nicht einfach verordnete, sondern einen Coach engagierte, der ihnen eine Stunde lang "eine richtig gute Show" lieferte und sie alle heiß machte.

Danach war jeder im Team motiviert, seine Verrichtungen minutiös aufzulisten und dann nach Schwächen im Ablauf zu suchen. Und siehe da: Hier stand ein Gerät, das man gar nicht brauchte, dort die Tupferrolle am falschen Platz, und wenn ein Patient mit Bauchschmerzen kam, half es enorm, schon mal an eine Urinprobe zu denken. "Heute gehen alle eine Stunde früher nach Hause", schätzt Ebeling. Er leistet sich sogar zwei halbe freie Tage. So kommt er auf rund 45 Stunden Arbeit die Woche.

Seit dem Studium in Weingarten weiß er, wie wertvoll seine Helferinnen auch in finanzieller Hinsicht sind. Um ihren Deckungsbeitrag zu ermitteln, rechnete er aus, was jede von ihnen kostet und was sie bringt. Ergebnis: Die eigentlichen Gewinnbringer sind seine Helferinnen. Konsequenz: Er erhöhte ihren Lohn. Tatsächlich sorgen seine Helferinnen für so viel Umsatzplus, dass er den Spielraum, den Ärzte wie keine zweite Berufsgruppe haben, zum Wohle der Patienten nutzen kann, ohne dabei nach jedem Cent schielen zu müssen.

Natürlich sieht er, dass menschliche Zuwendung im Honorarsystem wenig gilt, das technische Handwerk umso mehr. Das ärgert ihn, aber er kann damit leben. Heißt für ihn: Er schert sich nicht darum, verzichtet auf teure Gerätschaften, hofiert seine wenigen Privatpatienten nicht und unterhält keinen Bauchladen an Selbstzahlerleistungen. Stattdessen macht er häufig Hausbesuche. Birgit Vosseler, Professorin an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, kennt Ebeling nicht nur vom Studium, sondern auch über ihre Sekretärin, die in Vogt wohnt. Als deren Schwiegermutter gestorben war, kam Ebeling ins Haus. "Er hat eigentlich nichts gemacht", erzählte die Sekretärin, "aber es war gut, dass er da war." Und so entschied er unlängst, die wartenden Patienten nach Hause zu schicken, um Zeit für ein fast zweistündiges Gespräch mit Eltern zu haben, deren Kind sich das Leben genommen hatte.

Was bei anderen Ärzten für Verdruss sorgt, das nimmt er hin, schließlich hat jeder Job seine mühseligen Seiten. Über Leitlinien und andere fachliche Vorgaben, von denen sich Ärzte gegängelt fühlen, ist er froh, helfen sie ihm doch, Medizin auf dem Stand der Wissenschaft zu praktizieren. Selbst an der Informiertheit der Patienten kann er nichts Schlechtes finden, denn das meiste ist ganz vernünftig, was sie aus dem Internet fischen. Nur der zunehmende Anspruch, sofort geheilt zu werden, fällt ihm unangenehm auf. Manche kommen mit 40 Grad Fieber und sagen: "I muss heit no schaffe." Nicht mit ihm.

Der Landarzt Ebeling verkörpert nicht den Typus des Arztes alten Schlages - auch wenn er ganze Familien über Jahre und bald Jahrzehnte betreut, auch wenn er sogar in Lebensfragen hilft und sich schon mal den Mietvertrag eines Patienten anschaut. Denn es trifft zu, wenn er sagt: "Die Onkel-Doktor-Nummer steht mir nicht." Er ist weder ständig verfügbar, noch verlangt er bedingungslose Gefolgschaft. Auch ist er kein Arzt der Moderne, der mit Gerätepark und Marketing jenseits der Kassenmedizin sein Glück sucht. Und er ist nicht ins Lager der Alternativmediziner gewechselt, obwohl er auf Wunsch Akupunktur anbietet und seine Kollegin Homöopathie.

Vielleicht ist das Besondere an ihm, dass er vermeintlich unvereinbare Aspekte dieser verschiedenen Arzttypen vereint. Was man aber auf jeden Fall sagen kann: Er ist Hausarzt mit Leib und Seele. Oder? "Schon", sagt er. Macht eine Pause. "Schon." -

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