Ausgabe 01/2011 - Schwerpunkt Freiräume

Ab in die Wüste

- Das hier ist kein Popsong. Das ist die Musik für eine dunkle Lagerhalle. Die Sängerin heißt Amy MacDonald, das Lied "Youth of Today". Dazu läuft ein Filmprojektor. Sein Licht bricht sich in ernsten Kindergesichtern. Er zeigt Eisbären, die von der Scholle abrutschen. Wirbelstürme, die ganze Städte verwüsten. Kriege, Terrorangriffe, Verzweiflung. Was die Gegenwart eben so hergibt an Problemen und Emotionen. Bis diese Stimme kommt. Wenn wir überleben wollen, sagt sie, muss die nächste Generation smarter und anpassungsfähiger sein als die Generationen vor ihr: "Unsere einzige Chance liegt darin, ein besseres Ausbildungssystem für diese Jugend zu finden."

So beginnt der Dokumentarfilm "We are the people we've been waiting for", ein Film über das Versagen klassischer Bildungseinrichtungen aus dem Herbst 2009. "Wir bringen unseren Kindern Lesen und Schreiben bei", sagt der Film. "Aber wir bringen ihnen nicht bei, unabhängig zu sein und die Welt zu hinterfragen." Wir bilden nach Grundsätzen aus, die während der Industrialisierung entwickelt wurden. Wir treffen Entscheidungen für die Kinder, anstatt ihnen beizubringen, dass sie selbst Entscheidungen zu treffen haben. Kurzum: Wir bereiten sie auf eine Zukunft "als kleine Fußsoldaten" vor, nicht auf eine Ära, die ständige Anpassung und Kreativität verlangt.

Keine große Überraschung, dass dieser Film auf Protest stieß. Schließlich klingt er, als sei die pädagogische Zunft dabei, die Zukunft zu verschlafen. Pieter Spinder allerdings ist begeistert.

Spinder ist der Gründer der kleinen Wirtschaftsschule Knowmads in Amsterdam, die ihren Studenten genau jenen Freiraum zur Entwicklung verspricht, den der Film fordert. Sein ehrgeiziges Ziel: eine Ausbildung ohne festes Curriculum, deren Workshops und Seminare sich ganz nach den aktuellen Bedürfnissen der Studenten richten. Nur so, sagt Spinder, lassen sich die Eigenschaften erlernen, die den Nomaden der Wissensgesellschaft ausmachen: Flexibilität, Kooperationsgeist und Kreativität.

Der einzige Plan seiner Knowmads besteht darin, sich gar nicht erst an Pläne zu gewöhnen.

Kaos? Turbulenzen!

Mit radikalen Vorschlägen ist es im Bildungswesen allerdings so eine Sache: Oft genug laufen die Reformer gegen die Wand. Auch Pieter Spinder hat das ausprobiert, als er sich parallel zur Leitung einer kleinen Marketing-Agentur als Dozent an der Hochschule von Amsterdam versuchte. Mal bereitete er seine Studenten auf alles vor, nur nicht aufs Examen - die Abschlussnoten seines Seminars zählten zu den schlechtesten der Uni. Mal verbuchte er für seine Studenten schon vorab die volle Punktzahl im Computersystem, damit sie für sich lernten und nicht für die Prüfung. Mal mietete er für seinen Kurs ein kahles Büro in der Stadt, um aus der universitären Lernumgebung mit ihrer festen Sitzordnung auszubrechen.

Der Effekt, sagt er, war immer der gleiche: Die Studenten füllten begeistert die Evaluationsbögen aus - das Management der Hochschule aber tobte. Origineller Unterricht war nur okay, solange er sich an die Regeln hielt.

Umso neugieriger ging Spinder 2007 auf das Angebot ein, als Dozent und Teamleader bei der neuen niederländischen Dependance der Kaospiloten zu arbeiten. Die waren im Ursprung eine dänische Erfindung aus den frühen Neunzigern: In Aarhus in Nordjütland hatte 1991 eine Management-Schule eröffnet, die ganz auf die Förderung von Kreativität und sozialer Verantwortung ausgerichtet war. Dort gab es zwar Vorträge, Workshops und einen Rahmenlehrplan - im Zentrum der Ausbildung aber stand, ganz im Sinne der Reformpädagogik, das freie Reden, Fühlen und Entfalten. Das trug den Kaospiloten bald den Ruf ein, "Street-Kultur und Management-Etage" zu verbinden (brand eins 01/2000).

Dass es Konflikte zwischen den Kaospiloten und der wohlsortierten Welt der Bildungsbehörden geben würde, war absehbar, erst recht nach dem Vormarsch der dänischen Konservativen. Trotzdem eröffneten einige enthusiastische Niederländer 2007 eine Kaospiloten-Filiale in Rotterdam. Und bis zum Sommer 2009 schien das auch recht gut zu laufen: Es gab zwei Jahrgänge, die sich den Unternehmer-Crashkurs einige Tausend Euro im Jahr kosten ließen. Es gab einen Austausch mit Dänemark, schon der pädagogischen Erfahrung wegen. Und es gab das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft von Freigeistern zu sein, einer Avantgarde, deren Neugier und Tatendrang überall auf der Welt gebraucht würde, sogar bei Projekten in Israel und Palästina.

Dann aber sorgten die Kollegen in Dänemark für eine Bruchlandung der Kaospiloten in Rotterdam. Sagen die Kaospiloten in Rotterdam. Denn um als Schule weiterhin staatliche Mittel erhalten zu können (von denen auch die staatliche Studienfinanzierung der Studenten abhing), ließen sich die Dänen nun stärker als zuvor auf Zugeständnisse ein: Sie präsentierten ein durchschaubares Curriculum und wurden Partner der örtlichen Hochschule. Rotterdam boten sie eine Art Franchise-Vertrag an.

Die Niederländer lehnten ab. Einige wollten nach Dänemark wechseln, um ihre Ausbildung dort abzuschließen. Die Zurückgebliebenen machten den Laden dicht. Es sei schwer genug gewesen, eine neue Schule aufzubauen und zu finanzieren, sagten sie. Unter diesen Umständen habe es keinen Sinn mehr. "Die Rotterdamer Studenten hatten ein Studium gewählt, bei dem eben nicht 80 Prozent der Inhalte fix waren. Bei dem es zwar um Lernprozesse ging, aber nicht um ein Bachelor-Zeugnis. Die wollten sich ganz bewusst außerhalb des Systems bewegen." Pieter Spinder, der Kaospiloten-Dozent mit dem weißen Haar, konnte es nicht fassen. "Hieß das nicht, dass man nun weitermachen musste ohne die Dänen?"

Diplom? Ein Tattoo!

Spinder startete durch. Wenige Wochen nach dem unvermuteten Ende der Kaospiloten in Rotterdam nahm er 20 000 Euro Hypothek auf. Er suchte in seinen Geschäftskontakten nach potenziellen Partnern, bastelte eine Website, schrieb eine Bewerbungsfrist aus - und schon im Februar 2010 betraten zwölf neue Kaospiloten aus der ganzen Welt ein altes Schulgebäude in Amsterdam. Nur dass sie diesmal nicht Kaospiloten hießen, sondern Knowmads. Spinders erste Botschaft an sie: "Wundert euch nicht, dass die Räume leer sind. Das ist Teil des Konzeptes. Als Unternehmer müsst ihr lernen, Dinge aus dem Nichts aufzubauen. Das hier ist unsere gemeinsame Schule, also müssen wir gemeinsam überlegen, wie wir sie einrichten wollen, damit sie uns passt."

Sie wunderten sich nicht. Genau das war ja, was sie angezogen hatte: eine Umgebung, in der zur Abwechslung einmal nichts geplant und nichts vorgedacht war. Oder wie Spinder das sagt: Diese zwölf sind hier, weil sie das Gefühl haben, von ihren bisherigen Schulen nicht für das Leben in der Internet-Ära vorbereitet worden zu sein. "Sie suchten nach einem Ort, an dem sie endlich einmal darüber nachdenken dürfen, was sie wirklich wollen und können. Sie können fliegen, wenn sie herkommen. Aber sie wissen noch nicht, wie sie dorthin fliegen können, wohin sie fliegen möchten."

Franziska Krüger zum Beispiel, eine blonde Deutsche, die an diesem Nachmittag neben Spinder sitzt und auf das nächste Treffen mit ihrem Projekt-Coach wartet. Keine fünf Minuten, und schon klagt sie: "Im klassischen BWL-Studium hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, in mir genau das unterdrücken zu müssen, was mich ausmacht. Ich lernte was an der Uni, sicher. Ich schaute mich auch um: Praktika, Auslandssemester, studentische Unternehmensberatung. Was man halt so macht, mit der Sporttasche als einzigem Gepäck ..." Nur aus dem Betriebssystem kam sie nicht heraus. Hätte sie weitergemacht, sagt Franziska, wäre sie wohl bestenfalls bei einer großen Unternehmensberatung oder im Konzern gelandet. Sie wäre aber kaum zu einem freien, selbstbestimmten Berufsleben in der Lage gewesen.

Franziska machte aber nicht weiter. Nach einer eher zufälligen Entdeckung im Internet gab sie sich einen Ruck und zog zu den Knowmads: in eine Schule, die so stark wie möglich auf Projektarbeit setzt. In der die Studenten entscheiden, was sie zu welchem Zeitpunkt lernen möchten. Die zwar eine grobe Leitstruktur hat mit Themen wie Project Design, Process Design, Sustainability oder Leadership, die aber nicht vorhersagen möchte, was genau an Tag A im Monat B bei Dozent C auf dem Programm steht. "Was hier zählt", sagt Krüger, "sind die Projekte, an denen wir arbeiten, unsere ganz individuellen Interessen. Davon leitet sich alles andere ab, auch die Suche nach Männern wie Aikidomeister Thomas Crum, Dirigent Itay Talgam oder Bestseller-Autor Seth Godin, die wir zu den 'What the f...'-Gastvorträgen einladen."

Die Welt ist nicht planbar. Warum also so tun, als ob es anders wäre?

Genau genommen, sagt Pieter Spinder, brauche die Studentin für diese Welt nicht einmal den Diplomabschluss, den sie nebenher in Innsbruck machte: "Du brauchst ein Knowmads-Tattoo, Franziska. Ihr bekommt alle ein Knowmads-Tattoo, wenn ihr das Jahr hier hinter euch gebracht habt."

Lernen? Geld verdienen!

Geld wäre natürlich auch nicht schlecht. Gerade daran aber, sagen die Knowmads, werde bei ihnen gedacht. Erst recht heute. Im Nebenraum, in einer Art Teeküche mit Couchecke, Projekttafeln und Terrassentür für die Raucher, zünden sie Kerzen an, entkorken Weinflaschen und bilden einen Halbkreis. Spinder stellt sich an den Rand der Gruppe. "Ah, ihr seid aus der Handelskammer zurück - herzlichen Glückwunsch!" Die Frau, die leicht beschwipst auf dem Stuhl steht, erklärt feierlich, nun gebe es endlich die Firma, an deren Gründung alle gemeinsam seit Februar arbeiteten: ein Dach, unter dem die studentischen Projekte besser arbeiten können als bisher. "Hipp, hipp, hurra!"

Diese Projekte sind womöglich der größte Unterschied zwischen dem (auf drei Jahre angelegten) Konzept der Kaospiloten in Dänemark und dem (einjährigen) Programm Knowmads in Amsterdam - weil sie verhindern sollen, dass die Amsterdamer ähnliche Zugeständnisse an das offizielle Bildungssystem machen müssen wie unlängst die Dänen.

Die Kaospiloten in Dänemark arbeiten zwar ebenfalls mit studentischen Projekten; darum geht es schließlich beim "action learning". Spinder aber sagt: "Wir wollen uns nicht auf den Staat einlassen, sondern uns außerhalb der Komfortzone bewegen. Wir glauben, uns als Wirtschaftsschule schon aus Prinzip über die Projekte finanzieren zu müssen, mit denen wir arbeiten. Unsere Projekte sind echt, weil sie echtes Geld reinbringen müssen."

Learning by earning, nennt Pieter Spinder das. 75 Prozent der Projekt-Honorare gehen an die Studenten, 25 Prozent an die Schule. Wobei die Schule nicht nur mit den Projekten rechnen kann, die eine Handvoll Firmenpartner den Knowmads versprachen, eine Anwaltskanzlei etwa oder die Fluggesellschaft KLM. Auf ihrem Konto landen auch viereinhalbtausend Euro Jahresgebühr pro Student sowie die Gelder einer Lotteriegesellschaft wenn schon Lotterie, wird sich der Sponsor gedacht haben, als er Spinder ohne jede Bedingung eine sechsstellige Summe überließ, dann richtig.

Ob es den Studenten wirklich gelingt, neben dem Studium viereinhalbtausend Euro plus Lebenshaltungskosten zu erwirtschaften? Wird es am Ende nicht doch darauf hinauslaufen, dass die Schule verzweifelt nach neuen Projektmöglichkeiten telefonieren muss?

Pieter Spinder macht sich darüber keine Gedanken. Die zwölf Knowmads, die sich im Februar auf dieses Abenteuer einließen, bekamen bislang drei Projekte von den Schulpartnern serviert. Sie arbeiten aber insgesamt an 53 Projekten, ob das nun die Gründung einer "Agency for Facilitation and Visual Sensemaking" ist, der Aufbau einer Marketingberatung oder eine Plattform für selbstständige Designer in Brasilien.

Irgendwann wird das schon Geld abwerfen, sagt er. Und spricht von dem Geld, das sich an jeder Pommesbude verdienen lässt. "11 000 Euro kriegen Sie da, ohne jede Kreativität. Das muss zu schaffen sein, wenn ich ein Unternehmen aufbaue. Sonst muss ich mir eingestehen, dass meine Idee nicht funktioniert."

Er selbst vertickte, als er nach dem Studium Geld brauchte, erst einmal gebrauchte Kopiermaschinen, mit allen nur erdenklichen Methoden, einschließlich der Unterstütztung einer leicht bekleideten Verkaufsassistentin. "Zugegeben, das waren ziemlich simple Tricks und nicht gerade ein kreativer Job", sagt Spinder. Das war ja auch die Zeit, bevor der hyperaktive Spinder eine Reihe kleiner Start-ups zu gründen begann. "Aber seitdem weiß ich, dass sich schon irgendwie Geld verdienen lässt, wenn ich es richtig anstelle."

Und überhaupt: Diese Schule gehört den Studenten. Sie ist auch ein wirtschaftliches Projekt der Studenten. Sollte es mit der Finanzierung einmal schwierig werden, werden sie gemeinsam nach einer Lösung suchen müssen, so wie sie gemeinsam die Räume einrichteten, ein Logo entwarfen, nach Dozenten und Workshops Ausschau hielten. Gut möglich, sagt Spinder, dass sie schlichtweg auf die Idee kommen, ein weiteres Jahr zu bleiben. Knowmads Extended heißt jedenfalls das Projekt, das sie ihm Ende des Jahres vorstellten. Vorgeschlagen wird, dass sich die Studenten Projekte und Partner außerhalb der Niederlande suchen, um auch dort "im Chaos arbeiten" zu lernen. -

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