Ausgabe 03/2011 - Schwerpunkt Die bewegte Mitte

Mittendurch. Nach vorn.

1. Der Mittelpunkt der Welt

Wo ist die Mitte? Für die Bewohner des Dörfchens Poppau in Sachsen-Anhalt ist klar: Am Rande ihres Ortes, mitten in einem Teich, liegt der Mittelpunkt der Welt. Das haben sie einer alten Sage zufolge gewogen und gemessen, mit dubiosen Methoden und eindeutigem Ergebnis.

Wo der Nabel der Welt ist - oder sein Gegenteil -, ist allerdings nicht immer so einfach zu klären. Politiker, Marktforscher, Produktentwickler, Werber und andere, die nach der Mitte suchen, hätten gern so etwas wie Poppau.

Eine schöne alte Mitte, nach der man sich richten kann. So wie das lange Jahre war. Eine wunderbare alte Mitte, der man eigentlich nichts verkaufen musste, sondern die man versorgte, weil sie nahm, was sie kriegen konnte. Deren Mitglieder verlässlich waren, politisch, als Verbraucher, als Zielgruppe, als Bürger und Mitarbeiter, Menschen, die sich mit einem überschaubaren Paket an Einstellungen und Werten zufriedengaben. Normale Menschen eben! Aber wo ist Otto Normalverbraucher, dem wir 08/15 verkaufen können, heute?

Gewiss: Schnell und voreilig wird alles, was mit einem gesellschaftlichen Zentrum zu tun haben könnte oder auch nur danach klingt, in nostalgischer Verklärung als Möglichkeit zur Neuorientierung ausgerufen. Doch genauer betrachtet zeigt sich: Zentriert sieht anders aus.

Nehmen wir das schöne deutsche Wort Mittelstand, das in den vergangenen Jahren so populär wurde, dass es sogar im englischsprachigen Raum verwendet wird. Was ein Mittelständler ist? Dazu gibt es jede Menge Definitionen, deren gemeinsamer Nenner in der Einsicht besteht, dass ein solches Unternehmen eben kein Konzern ist. So lässt sich dann berechnen, dass mehr als 99 Prozent aller Unternehmen in Deutsch land und fast zwei Drittel aller Beschäftigten zu diesem Mittelstand gehören. Also praktisch alle und alles. Diese Definitionen sind vergleichsweise populär, weil in ihnen die Schwerkraft der Mitte so schön deutlich wird. Das ist ordentlich, viel, eine klare Mehrheit, ganz normal. Das beruhigt.

_____ Aber wo ist Otto Normalverbraucher, dem wir 08/15 verkaufen können, heute?

Man kann aber mit den gleichen Zahlen und der gleichen Realität auch das genaue Gegenteil beweisen: Denn auch die unternehmerische Mitte lässt sich, so wenig wie die der Gesellschaft, heute noch definieren. Hinter den großen Zahlen steckt eine enorme, komplexe Vielfalt, eine Differenzierung nach Können, Vermögen, Leistung und Wissen, die sich unter keinen Hut bringen lässt. Genau betrachtet hat der Mittelstand keine Mitte, kein Zentrum. Jedes Unternehmen hat seine eigene. Poppau ist überall.

2. Mainstreams

Die Naturwissenschaften stehen nach heutigem Stand ohnehin auf der Seite derer, die ihre Mitte selbst festlegen. Die Erde ist bekanntlich rund, und solche Körper haben einen Kern, aber an der Oberfläche, wo unsereins haust, gibt es keinen Grund, bei der Suche nach der Mitte einen Punkt für privilegierter zu halten als einen anderen. Es ist jeder gleich gut.

Im größeren Maßstab, im Kosmos, findet sich auch kein ruhiger zentraler Punkt. Seit der Relativitätstheorie ist es mit dem Zentrum des Universums vorbei, das Ding ist unendlich, wo sollte da schon eine Mitte sein? Das ist richtig - tröstlich ist es nicht. Alles ist relativ, das haben wir schon gefressen. Aber wie soll man unter solchen Bedingungen seine Arbeit machen? Was darf man von einer Welt erwarten, die keine Mitte mehr hat - und was von Menschen ohne Zentrum?

Da gibt es mehrere Möglichkeiten.

Man kann sich etwas vormachen. Das passiert regelmäßig durch die Ausrufung einer "neuen Mitte" durch die Politik, die man theoretisch ganz toll erklären kann. Einiges ist sogar dran an diesen ganzen Theorien. Auf eines aber war immer Verlass: Kaum ist die neue Mitte ausgerufen, schon ist sie wieder verschwunden.

Das Gleiche machen Unternehmen und Berater, die regelmäßig einen neuen Mainstream ausmachen, den sich die meisten als ruhigen Fluss in der Mitte der Gesellschaft vorstellen. Auch das ist ein schöner, weil beruhigender Gedanke: Da gibt es etwas, woran man sich orientieren kann. Doch ein ruhiger Fluss ist auch nicht mehr das, was er mal war - er fließt parallel zu vielen anderen.

Nehmen wir nur die Trends, die wenigstens eine Ahnung davon vermitteln sollen, wo es langgeht. Da wird die Gesellschaft reifer, älter, sie wird gleichsam dort, wo sie noch jung ist, pragmatischer. Ein Trend ist es zum Beispiel, wenn Menschen sich ihr Zuhause schön einrichten und nicht mehr nur auf Achse sind - das nennt man Cocooning. Oder wenn sie auf ihr Wohlbefinden achten - der Wellness-Trend. All das ist nicht falsch, und vieles davon ist bei der Suche nach neuen Märkten und Interessen von Menschen hilfreich.

Doch eine Mitte lässt sich damit nicht basteln. Das haben die Trendforscher auch nie behauptet - doch all jene, die begierig nach einer neuen alten Einheit suchen, machen aus Trends die Pseudo-Mitten und vermeintlichen Mainstreams, die in immer kürzeren Taktzeiten zuerst für Orientierung, dann für Verwirrung sorgen. Beim Suchen kommt es bekanntlich immer darauf an, was man finden will.

3. Normalos und andere Leute

Es ist nicht das Schlechteste, wenn man sich bei der Frage nach dem Verbleib der Mitte erst einmal überlegt, wie wir wurden, was wir sind. Warum suchen Menschen eine Mitte?

Weil Menschen so sind. Die Suche nach einem verstehbaren Muster, nach Ordnung, einem Zentrum, einem Mittelpunkt, einer Normalität, einem erkennbaren System, einer Leitlinie oder einem Schwerpunkt - alles Wörter, hinter denen die Mitte steckt - ist eine menschliche Konstante. Deshalb wird gemessen und gewogen, was das Zeug hält, denn das ist das Werkzeug zur Herstellung von Mittigkeit. Die längste Zeit über haben sich Denker und Forscher - der Rest der Menschheit sowieso - mit keiner anderen Frage beschäftigt als mit dieser: Wie ist die Welt wirklich beschaffen? Und immer führte diese Frage zur nächsten, entscheidenden: Wie sieht das Normale aus?

Normalität ist eines der wichtigsten Wörter, wenn man nach der Mitte fragt. Es steht dafür, was meistens als richtig erscheint, als alltäglich und natürlich. Die Vorstellung von Normalität ist durchaus praktisch. Erstens hilft sie uns, nicht verrückt zu werden - was keine geringe Leistung ist. Zweitens muss man nicht ständig suchen, sich orientieren, sich um die Frage kümmern, was gerade läuft. Normalität ist ein praktisches Werkzeug, um die Welt zu verstehen. Das ist das Gute an ihr. Allerdings gehört die Normalität zu jenen Lösungen, die von selbst zum Problem werden. Es geht nicht um Beschäftigungstherapie, sondern um neue Entwürfe mit alten Techniken eine Arbeit, für die von Kunden gezahlt wird.

Wenn nämlich, was oft passiert, ein Werkzeug, ein Mittel mit dem eigentlichen Zweck verwechselt wird, also mit der Antwort auf die Frage, wo wir uns gerade befinden und woran wir uns orientieren sollten, dann übernimmt die Normalität die Macht. Sie tut das stets autoritär. Die Normalität wird zum Imperativ, alternativlos.

Dann gilt: Was nicht normal ist, ist falsch. Was nicht normal ist, muss weg. Was wir nicht kennen, das gibt es nicht - oder darf es nicht geben.

Das kennen Minderheiten aller Art, zu denen auch Erneuerer gehören, nur zu gut. Sie gelten als nicht normal. Zeiten, in denen das Normale seinen absoluten Anspruch erhebt, sind für die meisten Nichtnormalen ungemütlich. Dieses Normale, das sonst nichts zulässt, ist zu Recht in Verruf geraten. Eigentlich will heute niemand mehr normal sein.

_____ Wie ist die Welt wirklich beschaffen? Und immer führte diese Frage weiter zur nächsten, entscheidenden: Wie sieht das Normale aus?

Die Bezeichnung Normalo sagt da schon einiges aus: Ein durchschnittlicher, spießiger, durch nichts von anderen Langweilern unterscheidbarer Mensch ist damit gemeint. Das belegen Umfragen und Milieustudien schon lange. "Keiner will mehr Mitte sein", titelte die "Süddeutsche Zeitung" im vergangenen Jahr. Es ist nicht mehr normal, normal zu sein. Der Durchschnitt ist unten durch.

Lag die Wahrheit nicht mal in der Mitte? Wahrscheinlich steckt sie dort immer noch. Denn auch der Umgang mit der Normalität ist keineswegs normal. Hauptsache anders - das kennt man aus der Pubertät. Erwachsene hingegen können sich einigen. Vielleicht darauf, dass die Mitte mehr ist als ein Entweder-oder. Normalität könnte ja noch etwas anderes sein als ein Zwang. Ein Angebot möglicherweise, in dem mehr enthalten ist, als sich für einen Stil, einen Geschmack, eine Karriere und eine Haltung zu entscheiden. Eine offene Gesellschaft also, die aus Möglichkeiten besteht, nicht aus festen Abläufen. Das ist weder unverbindlich noch relativistisch, sondern einfach nur die Konsequenz aus allem, was die Mitte bisher so getrieben hat.

4. Der kleine Mann

Die alte Mitte stieg auf und ab zwischen zwei großen Transformationen: der industriellen Revolution, in der die Anfänge der Mitte liegen, die sich heute auflöst - und dem Jetzt, in dem die Industriegesellschaft ihre letzten Kräfte verliert und damit auch die Schwerkraft ihrer Mitte.

Der Mensch, der diese alte Mitte prägt, heißt Kleinbürger. Wer nach der Mitte fragt, der muss diesen kleinen Mann kennen und fragen, was er so alles erlebt hat. Etwa das: Der alte Adel und die Kirche verlieren an Kraft.

_____ In Deutschland fehlt der Citoyen, der freie Bürger, der seine Mitte aus sich selbst schöpft. Der weder der geborene Gewinner noch der geborene Verlierer ist. Kein Profiteur und kein Deklassierter. Einfach nur ein Bürger.

Die neue Macht liegt in den Händen der Großbürger. Das sind die Transformationsgewinner. Es sind Leute, die sich die Methoden und Technologien des Industriekapitalismus zunutze machen, Unternehmer, Kaufleute, Bankiers natürlich, aber auch jene, die Technik, Wissen und Erkenntnis um den Transformationsprozess schaffen, also Intellektuelle. Diese neue Elite spaltet sich vom alten Bürgertum ab und marschiert schnurgerade nach oben. Die Großbürger verdienen nicht nur viel mehr, sie übernehmen auch schnell die soziale und kulturelle Führungsrolle. Sie heben ab. Zurück bleibt ein großer Rest der einstigen alten Mitte, des Bürgertums also, das im Wesentlichen aus Handwerkern, Selbstständigen, Lehrern und Beamten besteht.

In den alten Zeiten waren sie mit den nunmehr neuen Herren auf Augenhöhe. Jetzt sind sie "deklassiert". Ihre alte Mitte gibt es nicht mehr. Dort, wo sie jetzt sind, ist alles anders. Der Kleinbürger ist ein merkwürdiges Wesen. Er hängt zwischen den Extremen seiner Zeit und kriegt nie die Füße auf den Boden. Er eifert den Großbürgern in allem nach. So wollen auch die Kleinbürger leben, reden, denken. Um den Klassenaufstieg zu schaffen, gehen sie bis zur Selbstverleugnung. Überanpassung und ein fanatisches Ordnungsgefühl prägen bald das Bild vom Kleinbürger, dem Spießer, dem kleinen Mann. Bei jeder Gelegenheit will er der beste aller Staatsbürger sein. Und der Staat, den er tragen will, dem er nie widerspricht, ist für ihn das Wichtigste. Der soll für Gerechtigkeit sorgen, die Deklassierung ausgleichen.

Der Kleinbürger will nach oben; nach unten tritt er. Er grenzt sich massiv von jenem Teil der Gesellschaft ab, der nun die unterste Klasse markiert, den Industriearbeitern, dem sogenannten Proletariat. Sie sind der Albtraum des Kleinbürgers. Hier sehen sie jeden Tag, was aus ihnen werden könnte.

Wer sich in die Welt der Kleinbürger von damals einliest, wer ihre Befürchtungen, Forderungen, Haltungen studiert, fühlt sich unwillkürlich ins Heute versetzt, in eine Gegenwart, in der Begriffe wie Hartz IV und Prekariat das sind, was dem Kleinbürger des 19. Jahrhunderts die Proleten waren.

Nicht alle Ängste des Mittelstands von heute sind eingebildet - und sie waren es für die Kleinbürger von damals auch nicht. Die industrielle Produktion setzte den Handwerkern zu. Billige Massenprodukte zerstörten ihre Existenz. Beamte und Lehrer waren vor der industriellen Revolution etwas Besonderes. Ihr soziales Ansehen war hoch. Doch die neue Ordnung brauchte viele Bürokraten und Lehrer, die neue Arbeitskräfte ausbilden, systematischer als je zuvor. Das hohe Wachstum der Industrie schrie nach Verwaltung. Kein System hat so viel Bürokratie erzeugt wie der Industriekapitalismus. Der Angestellte kommt zur Welt. Damals nennt man ihn noch anders: Privatbeamter. So fühlt sich auch die alte Beamtenklasse herabgesetzt. Es gibt massenhaft Konkurrenten. Aus Respektpersonen, die die Macht repräsentieren, werden Hungerleider, die zwar einen sicheren Posten, aber sonst nichts zu melden haben.

Das Bewusstsein des Kleinbürgers, des kleinen, staatstragenden Mannes, dreht sich nicht allein ums Geld. Im Laufe der Zeit verdienen Industriearbeiter kaum weniger als Beamte oder Angestellte. Aber der Stand. Die Klasse. Die Schicht. Das zählt. Mit den Proleten will der kleine Mann nichts zu tun haben. Er grenzt sich ab. Er ist beleidigt. Und das bleibt er auch.

5. Der Untertan

Großbürger, Kleinbürger, Industriearbeiter- diese Drei-Klassen-Gesellschaft, die miteinander nichts zu tun haben will, wird Deutschland stärker prägen als andere Nationen. In Frankreich, England und auch in den USA hat sich in diesen Zeiten noch eine andere Schicht herausgebildet: Bürger, die selbstbewusst und selbstständig denken, die nicht in das Klassen- und Standesdenken passen. Es sind Menschen, die pragmatisch mit Verantwortung umgehen und den Staat nicht als Übervater für alle irdischen Probleme anrufen. Diese Citoyens haben ein kühles Verhältnis zum System: Es soll funktionieren, eine Infrastruktur bereitstellen, eine Dienstleistung also, für die man die Verwaltung dann auch - über Steuern - bezahlt. Aber die Gestaltung des eigenen Lebens, Politik und Gemeinwohl sind nicht Angelegenheit dieses Infrastruktur-Managements. In Deutschland fehlt der Citoyen, der freie Bürger, der seine Mitte aus sich selbst schöpft. Der weder der geborene Gewinner noch der geborene Verlierer ist. Kein Profiteur und kein Deklassierter. Einfach nur ein Bürger.

_____ Der Kleinbürger war ein früher Wutbürger, einer, der im Zweifel - der ihn stets und zu jedem Anlass begleitete - dagegen war.

Der Publizist Thomas Schmid hat das so formuliert: "Es gab wenig Raum für ein freies Bürger- und Unternehmertum, und die Bürger selbst neigten dazu, sich in bangen Ahnungen über den eigenen Untergang zu ergehen. Die stille, aber bestimmte Bürgerart, sich den eigenen Angelegenheiten zu widmen, war im erregungsreichen Deutschland ohne große Chancen."

Erregungsreich. Eine Politik der Gefühle, und der falschen noch dazu, nährten die Weltsicht der alten Mitte, der Kleinbürger, des kleinen Mannes, der schon damals bei jeder Gelegenheit von Gerechtigkeit sprach - solange es um den eigenen Vorteil ging.

Der Kleinbürger war ein früher Wutbürger, einer, der im Zweifel - der ihn stets und zu jedem Anlass begleitete - dagegen war. Dass man nicht mehr den nötigen Respekt erhielt, nicht mehr so viel zu sagen hatte, daran musste ja nun wirklich jemand schuld sein, und zwar auf gar keinen Fall jene, die zu mächtig geworden waren, um ihnen noch die Stirn zu bieten. Der kleine Mann suchte nach anderen Sündenböcken und kriegte sie auch. Sein Bedürfnis wurde schon durch die frühen populistischen Parteien hervorragend bedient. Sie gaben dem kleinen Mann eine Stimme und bald die Mehrheit. Und wo die Mehrheit ist, ist die Mitte, die Mitte hat immer recht. Von dieser Logik lebt bis heute jede Partei.

Die Politik braucht den kleinen Mann: Er verlangt Führung, Sicherheit, Respekt, Recht, Ordnung. Alles Sachen, die sich hervorragend herstellen lassen, wenn man erst mal an der Macht ist. Im Jahr 1914 beschreibt Heinrich Mann in seinem Roman "Der Untertan" das Wesen des kleinen Mannes, der soeben mit Hurra-Gebrüll den Beginn des Ersten Weltkriegs bejubelt hat. Dieser Untertan ist unsicher, autoritätshörig und leicht zu manipulieren. Eine ideale Spielmasse für Diktatoren. Denn die bieten Erlösung durch die Aufhebung aller Unterschiede an. Die klassenlose Gesellschaft, die Volksgemeinschaft, eingebunden in einen fürsorglichen Staat. Der kleine Mann kriegt, was er verdient. Nicht die Extremisten haben diesen Wahnsinn möglich gemacht, sondern die Mitte.

6. Die goldene Mitte

Was sollte man mit diesen Leuten machen, nach 1945? Wie konnte man eine tragfähige, berechenbare Gesellschaft bilden, eine Mitte also, und das ohne Ideologie? Für die Architekten der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und die Theoretiker der Sozialen Marktwirtschaft, war die Antwort klar: Der "goldene Mittelweg" musste wortwörtlich genommen werden. Gold, das heißt Geld. Ludwig Erhard nannte das "Wohlstand für alle". Die Mitte wurde durch materielle Teilhabe gebildet.

Wenn die Leute erst mal mehr Geld in der Tasche hätten, kämen sie auch nicht mehr auf dumme Gedanken, so das Kalkül. Und der Zeitpunkt war gut gewählt: Ein praktisch vollständig zerstörtes Land mit Menschen, die auf die unterste Ebene ihrer Existenzbedürfnisse geworfen sind, hat ein massives Inte resse an materiellen Dingen. Es ging nicht mehr darum, wer man war oder sein könnte. Es ging um das, was man leistete. Produktivität und Materielles schufen eine neue Mitte.

So ganz ohne Pathos und Romantik entstand zumindest die beste Mitte, die Deutschland je hatte - nicht perfekt, aber auch nicht mehr selbstzerstörerisch und extrem wie die Mitte zuvor.

Dieses Modell war gut drei Jahrzehnte lang solide und tragfähig. Man fuhr Mainstream. Der Soziologe Helmut Schelsky nannte die neue Mitte die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft", eine auf den gemeinsamen Nenner gebrachte Gemeinschaft, die sich am neuen Wohlstand erfreute. In dieser Gesellschaft geschah Erstaunliches: Sie wurde durchlässiger, die "soziale Mobilität" stieg an. So nennen Soziologen den Umstand, dass sich einst klar voneinander getrennte Schichten austauschen. Angehörige der alten Unterschicht konnten in die Mitte aufsteigen. Facharbeiter fühlten sich bereits in den fünfziger Jahren durchaus als Teil des Mittelstandes. Dort waren auch die alten Kleinbürger gelandet, die Handwerker, die Beamten, die Lehrer. Aber auch vom alten "oberen Rand" strömten immer mehr in die Mitte, teilten deren Kultur, Sprache und Vorlieben. Eine Generation zuvor konnte man jemandem auf der Straße sofort ansehen, welcher Schicht er angehörte. In den sechziger Jahren musste man schon nachfragen.

Als das Wirtschaftswunder und damit die Nachkriegsmitte ihren Anfang nahm, gab es für die kleinen Leute Volkswagen, "Käfer", und für die großen Leute einen Daimler. Als diese neue Wohlstandsmitte an Schwung verlor, zu Beginn der siebziger Jahre, brachte Volkswagen das klassenlose Auto auf den Markt, den Golf. Den fuhren Millionäre und Arbeiter gleichermaßen.

Von der nivellierten Mitte hatte lange vor allen anderen die CDU profitiert, die das Modell mehr oder weniger erfand und in den Verkehr brachte. Doch es nützte zusehends auch der SPD, die sich 1959 in Bad Godesberg von ihrem alten Bild als Klassenpartei verabschiedete und sich, nachdem Willy Brandt zum Kanzler gewählt worden war, seiner Idee von einer "neuen Mitte" zuwandte. Diese "neue Mitte" war bereits das Amalgam der alten Klassen, Schichten, in denen ein neues Selbstbewusstsein herrschte: die Masse, die den Laden am Laufen hielt. Im Wesentlichen war das die Bundesrepublik, das Bild, das sie von sich selbst hatte - und das ihr Bild in der Welt prägte.

Drei Jahrzehnte nach Brandt versuchte sein Nachfolger Gerhard Schröder unter Einfluss der Politik des britischen Premierministers Tony Blair nochmals, die Neue Mitte als Leitmodell für die Gesellschaft zu promoten. Dass er das versuchte, zeigt nur, dass die Mitte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr als normal galt.

7. Geschlossene Gesellschaft

Märkte und Gesellschaften funktionieren nach den gleichen Prinzipien und Regeln. Wenn die Mitte, das Normale, die Grundversorgung ein gewisses Maß an Selbstverständlichkeit erreicht hat, dann wollen die Leute mehr. Sie verlangen Unterschiede. Sie wollen Differenz. Dass die Leute, die das tun, dabei nicht immer an Wirtschaft denken, ist eine andere Geschichte. Der Mainstream gilt seit 1968 ohnehin als verwerflich und dröge, die Mitte als spießig, zumindest bei der jungen Generation. Und die Eltern reagierten auf jeden Zweifel der Jungen an der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" geradezu entsetzt. Wie konnte man nur! Da haben wir es so weit gebracht! Solche Argumente fruchteten wenig, zumal sich auch noch die ersten Rostschäden am goldenen Mittelweg zeigten: Krisen, Konjunkturermüdungen, Rezessionen und - spätestens in den achtziger Jahren - wieder Arbeitslosigkeit.

Was ist aus dieser Nachkriegsmitte geworden?

Das fragt man am besten die Leute, die zu einer Generation gehören, die sie aus einer gewissen Distanz betrachten können, weil sie nicht mehr Teil dieser Mitte sind. Christopher Lauer zum Beispiel. Er wurde 1984 geboren, zu einem Zeitpunkt, als die nivellierte Mittelstandsgesellschaft schon ziemlich malade war. Lauer studiert in Berlin, und außerdem macht er Politik. Seit einiger Zeit ist er Mitglied im Bundesvorstand der Piratenpartei, einer Gruppierung, die die Angehörigen der alten Mitte nicht so richtig verstehen können und deren Slogan "Klarmachen zum Ändern" lautet. Piraten gibt es in Luxemburg, Österreich, Schweden und der Schweiz. Die Schnittmengen mit den etablierten Parteien, den Christ- oder Sozialdemokraten, den Liberalen und Grünen, sind ziemlich gering. Alle diese heute regierenden oder tonangebenden Parteien spielen innerhalb des Mittelfelds, gegeneinander, aber nach den gleichen Regeln. Sie bedingen einander. Keiner kann, nicht nur der Wahlarithmetik halber, ohne den anderen. Das liegt daran, dass sie alle Teil der alten Mitte sind.

_____ "Wir sind mit Krisen aufgewachsen, Umweltkrise, Web-Blase, 11. September, die Generationenkrise, die Krise des Arbeitsmarktes, des Rentensystems, der Krankenversicherung, die Finanzkrise, ach was" ...

Und Lauer selbst? Ist auch nicht vom Mars.Er kommt aus gutem rheinländischen Haus, hat gute Schulen besucht, gehobener Mittelstand also: "Ich war auf einer Privatschule, wo man uns erzählt hat, dass für uns im System alles geht, alles möglich ist. Wir müssen nur flexibel sein. Aber das ist Unsinn, das wussten wir gleich. Hier geht gar nichts mehr von dem, was sich die alte Mitte vorstellt. Die alte Mitte hat nämlich dichtgemacht, ihr Boot ist voll. Es ist eine geschlossene Gesellschaft, die sich mit sich selbst beschäftigt und deren Politik sich nur um sich selber dreht."

Interessant ist, dass Christopher Lauer das nicht wütend erzählt. Er ist nicht böse auf die alte Mitte. Es klingt eher wie das, was viele aus seiner Generation sagen, so wie sich das heute anhört, wenn die Jungen über die Alten reden. Nicht verbittert. Höchstens ein wenig mitleidig. Aber es sind eigentlich Geschichten aus einer anderen Welt. Was die alte Mitte bewegt hat, ist für Lauer und seine Generation nicht mehr relevant.

In Jugendstudien nennt man das den "neuen Pragmatismus", und da haben die Meinungsforscher vielleicht sogar recht. "Unsere Generation hört immer nur von den Krisen der alten Mitte. Wir sind mit Krisen aufgewachsen, Umweltkrise, Web-Blase, 11. September, die Krise des Arbeitsmarktes, des Rentensystems, der Krankenversicherung, die Finanzkrise, ach was", sagt Lauer, "da reicht Ihr Platz ja gar nicht aus."

Was von der Mitte übrig blieb, erscheint so als eine große Krisenbeschwörungsmaschine. Eine Gesellschaft, die ihre eigenen Verluste unter Einsatz aller Mittel beklagt. Das ist ihr Tagesgeschäft. Dafür hat Lauer keine Zeit: "Das sind nicht unsere Krisen. Wir können nichts dafür, dass diese Leute nicht nach vorn gucken, was es sonst noch geben könnte. Die brauchen ihre Krisen, damit sie den alten Zustand und die alten Verhältnisse aufrechterhalten können. Wo eine Krise ist, muss jemand helfen, um den Normalzustand wiederherzustellen. Dabei sichert sich jeder egoistisch seinen Teil, während das Ganze zerbröckelt. Die Mitte ist eine Wagenburg. Die wird verteidigt."

Nun ist es nicht neu, dass Menschen ungern auf etwas verzichten, was sie haben. Das wäre noch nichts Besonderes - aber die alte Mitte rettet sich eben nur rüber. Und alles, was sie, was ihre Menschen bewegt, hat mit Geld zu tun. Es rächt sich heute, dass das in der Nachkriegszeit richtige Konzept, alles auf den großen gemeinsamen Nenner des Materiellen zu setzen, nicht erweitert wurde, als die Menschen längst etwas anderes wollten.

In der jungen Generation genügen ein paar Scheinchen nicht mehr als Schmerzensgeld fürs Mitmachen, sie suchen mehr Sinn in ihrer Arbeit, nicht bloß ein Karrieremodell. Aufgeregt berichten Personalexperten davon, dass immer mehr hoch qualifizierte junge Mitarbeiter klarmachen, dass sie bei nächster Gelegenheit ihre Firmen verlassen werden. Nicht des Geldes wegen. Sie suchen eine Tätigkeit, in der es um mehr geht als um die Erfüllung des Plansolls, des Quartalsberichts, das ewig gleiche Rattenrennen.

Die alte Mitte ist ratlos. Sie hat immer schon Soziales mit Materiellem verwechselt. Sie tut es noch immer. Diese Gesellschaft hat einen Mainstream: Sozial ist, was Geld bringt. Mehr Kohle ist sozial, weniger Kohle unsozial. Asozial sind alle, die nicht bereit sind, sich ihr Leben für ein paar Kröten abkaufen zu lassen. Wertschätzung kann man abrechnen. Alles andere geht diese Gesellschaft nichts an. Und erstaunt stehen ihre Reste vor einer Welt, in der ihr alter Mainstream nichts mehr taugt. Einer Welt, die nicht mehr das Haben mit dem Sein verwechselt.

8. Die Mitten

Dass das immer noch nicht verstanden ist, liegt an einer unübersehbaren Verzagtheit im Umgang mit Veränderung und Vielfalt. Immer neue Ziele werden hektisch gesichtet, angepeilt - aber man will natürlich auch die schrumpfenden Reste der alten Zielgruppe nicht verlieren, während man sich beständig neue Zielgruppen einredet. Das Rücksichteln, der Wankelmut, der Zickzackkurs der Führungskräfte in Politik und Wirtschaft lässt die Zeiten unsicherer und unklarer wirken, als sie sind.

Aber ist das in einer komplexen Welt nicht normal? Oder zeigt das sture Festhalten von Managern und Politikern an einem längst vergangenen Mainstream nicht vor allen Dingen, dass sie sich viel zu weit von jenen Menschen entfernt haben, die ihr Leben selbst leben wollen?

Vor gut 30 Jahren stellten die Sozialforscher Jörg Ueltzhöffer und Berthold Flaig ihr Modell zur Erfassung sozialer Milieus vor, die unter dem Namen der Institute, die diese Methode anwenden, als Sigma- oder Sinus-Milieus bekannt geworden sind. Bereits in der ersten Runde erwies sich die Mitte als einheitliche Kraft als Schimäre: Schon 1980 haben die Forscher zwischen unten und oben neun Milieus ausgemacht. Seither gibt es immer wieder Revisionen, weil die sozialen Milieus kommen und gehen.

Bei der aktuellen Milieubesichtigung ist der harte Kern der nivellierenden Mittelstandsgesellschaft, die bürgerliche Mitte, auf überschaubare 14 Prozent der Gesamtbevölkerung geschrumpft. Noch interessanter ist, wie sich die Rolle des Geldes verändert hat, jenes Schmierstoffes, der die alte Mitte zusammenhielt: Geld spielt vor allem dort eine Rolle, wo es am seltensten anzutreffen ist - bei den Traditionalisten, die der alten Nachkriegsordnung verbunden sind, und im Prekariat. Dort also, wo die Politik den Leuten erfolgreich eingeredet hat, dass man mit Kohle alles regeln kann.

Im Sinus-Milieu von 2011 findet sich viel Erstaunliches, das mit der Wirklichkeit, die die Mainstream-Medien verbreiten, wenig zu tun hat. So ist in dieser Gesellschaft jede Menge Bewegung. Tempo und Dynamik finden sich vor allen Dingen dort, wo die "Besserverdienenden" sind. Hier herrscht eine hohe soziale Differenzierung. Da sind die Milieus, die sich sozialökologischen Ideen verpflichtet fühlen, da sind die liberalen Intellektuellen, die auf Selbstverwirklichung setzen, die Pragmatiker, die den Wandel für ganz normal halten, und die Expeditiven, die entdecken und ausprobieren wollen, was geht.

Die meisten dieser dynamischen Milieus sind alles andere als geschlossene Gesellschaften. Der umweltbewusste Unternehmer, der soziale Verantwortung ebenso lebt und der gleichzeitig die bestehenden Grenzen seines Geschäftes überwinden will, ist keine Konstruktion. Es gibt unterschiedliche Schwerpunkte. Aber vieles passt ausgezeichnet zusammen.

9. Mach dein Ding

Für den Markt- und Meinungsforscher Thomas Perry von der Mannheimer Q-Agentur für Forschung ist diese Entwicklung normal: "Die Jungen reden ganz selbstverständlich von Veränderungen, während die Alten überall nur Katastrophen sehen. Eine neue Gesellschaft muss aber experimentell und selbstständig sein, sich nicht an alte Strukturen hängen. Das ist heute vielleicht deutlicher als je zuvor. Genau das sehen wir in der Vielfalt der Milieus - und die bilden noch längst nicht alles ab." Nur aus der alten Welt betrachtet sieht das kompliziert aus, findet Perry: "Wenn diese die Rettung der alten Mitte beschwören, dann meinen sie eigentlich was anderes: Sie plädieren für ihre eigene Laufzeitverlängerung."

"Der Unterschied zwischen der alten Mitte und der neuen Gesellschaft ist einfach erklärt", sagt Perry. "Die Leute machen nicht mehr mit. Sie machen ihr Ding." Man muss nicht nach Stuttgart fahren, um das zu begreifen. Politik ist nicht länger die Aufgabe von Politikern, sondern von Bürgern. Diese Bürger sind nicht gegen den Staat - aber sie haben eine völlig andere Vorstellung von ihm als die normierte alte Mitte. Ihr Staat besteht nicht aus Aufpassern, Ideologen und Animateuren, sondern ist ein effizienter Dienstleister, der das Gemeinwohl im Auftrag der Bürger organisiert.

Das kann man auch von Christopher Lauer so hören: "Für mich zählt eigentlich nur, dass ich die vorhandene Infrastruktur nutzen kann, dass ich in der Lage bin, mich zu vernetzen - den Rest machen wir schon selbst", sagt er.

Lauers letzter Satz gibt Hoffnung auf eine neue Mitte, die keinen Mainstream mehr braucht, weil sie weiß, wo sie steht und wo sie hin will. Und in der jeder Einzelne weiß, wer er ist.

Braucht irgendjemand mehr Mitte? -

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