Ausgabe 03/2011 - Schwerpunkt Die bewegte Mitte

Der Zukunft zugewandt

brand eins: Gibt es eine neue Mitte? Und was ist neu an ihr?

Daniel Gardemin: Historisch betrachtet ist sie nicht mehr ganz frisch, nämlich rund hundert Jahre alt. Neu ist sie im Vergleich zur hierarchie- und traditionsorientierten Mitte. Während die einen am Bewährten und Erreichten festhalten, machen sich die anderen den beständigen Wandel zu eigen.

Wie kam diese neue Schicht auf die Welt?

Als Folge der industriellen Revolution. Die vorindustrielle, ständische Gesellschaft war noch einfach aufgebaut. Es gab neben der winzigen Elite ein Oben - heute würde man obere Mitte dazu sagen. Das waren maximal 30 Prozent der Bevölkerung. Rund 70 Prozent der Menschen gehörten zur Unterschicht. Mit der Industrialisierung und der damit einhergehenden Verstädterung bildeten sich das Proletariat und ein bereits damals so genannter neuer Mittelstand heraus. Dazu zählten Beamte, freie Berufe, kaufmännische und technische Angestellte sowie Werkmeister in den Großunternehmen. Diese neuen Gruppen machten in den zwanziger Jahren rund 18 Prozent der Bevölkerung aus. Der Anteil hat sich übrigens im Laufe der Zeit kaum verändert.

Wie sehen die gesellschaftlichen Verhältnisse heute in Deutschland aus?

Die gesamte Mitte, also alter und neuer Mittelstand, bildet den produktiven Kern der Gesellschaft. Zu ihr zählen, je nach Definition, etwa 70 Prozent der Bevölkerung. Sie besteht aus unteren und oberen, modernen und traditionellen Milieus, die nebeneinander existieren. Zehn bis 20 Prozent der Menschen gehören zur Führungsschicht. Und ungefähr ebenso viele zu den Deklassierten. Diese grobe Gliederung gilt erstaunlicherweise in etwa für alle reifen Industrieländer.

Nur dürfte sich die neue Mitte von heute dramatisch von derjenigen der zwanziger Jahre unterscheiden.

Die Lebensverhältnisse sind anders, aber die Lage und die Motive der Menschen sind erstaunlich ähnlich: Es handelt sich um Leute, die Neuland betreten haben und mit den Etablierten um Positionen und Lebensentwürfe streiten. Was in den zwanziger Jahren der Werkmeister war, ist 50 Jahre später der IT-Fachmann. Auch für ihn gibt es zunächst kein Berufsbild, keine vorgezeichnete Karriere, keine Tradition, an der er sich orientieren kann. All das müssen er, seine Kollegen und Kolleginnen sich erarbeiten. Ähnliches gilt für die therapeutischen und Beratungsberufe, die ihre Branchen selbst erfunden haben. Typisch für die obere neue Mitte ist ein hoher Anteil von Selbstständigen und Kleinunternehmern, für die untere neue Mitte ein hoher Anteil an Dienstleistungsberufen, die stark dem Wandel der Arbeitsgesellschaft unterworfen sind. Insgesamt ist die neue Mitte der dynamische Motor der Gesellschaft - und deshalb besonders interessant.

Nicht zuletzt für die Politik: Man denke nur an den damaligen Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder, der bei der Bundestagswahl 1998 mit Erfolg auf diese Gruppe setzte.

Die Idee stammt ursprünglich von Willy Brandt, der den Ausdruck neue Mitte 1972 erstmals beim Dortmunder Wahlparteitag der SPD verwendete. Die damalige aufstrebende wissenschaftliche und technische Intelligenz fühlte sich davon auch angesprochen. Diese Leute dachten und denken nicht konservativ, sondern schon allein aus beruflichen Gründen modern. Ohne sie kann auch die CDU keine Wahlen mehr gewinnen.

Gibt es eine Geisteshaltung, die diesen Mittelstand eint?

Ganz wesentlich ist die Leistungsorientierung - und der Wunsch, für das, was man schafft, anerkannt zu werden.

Das klingt nach dem idealen FDP-Wähler.

Stimmt aber nicht, weil die Selbstbeschränkung der Liberalen auf das Monetäre - nach dem Motto "mehr Netto für alle" - an der modernen Lebenswirklichkeit vorbeigeht. Geld um des Geldes willen und Statussymbole haben für viele an Bedeutung verloren. Selbstverwirklichung, die Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren, gute Bildung für die Kinder zählen mehr als ein dickes Auto. Es gibt einen Trend zur gesunden Lebensweise, zu Fitness, ja zu einer gewissen Askese. Auch hier reichen die Wurzeln weit zurück. Schon im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert differenzierte sich die Gesellschaft aus. Man denke nur an die Lebensreform- und Frauenbewegung, an Freikörperkultur, Vegetarismus, den Jugendstil in Kunst und Architektur. All dies kehrte mit der Studentenbewegung in den sechziger Jahren in neuer Form wieder und wirkt bis heute. Die Gesellschaft ist im Ergebnis vielfältiger geworden. Was auch bedeutet: Wer sie lediglich von unten nach oben sortiert, wird ihr nicht gerecht.

Auf die zwanziger Jahre folgte erst einmal die nationalsozialistische Gewaltherrschaft: Die Gesellschaft wurde "gleichgeschaltet", ein großer Teil der Intelligenz vertrieben oder ermordet. Für das Westdeutschland der Nachkriegszeit prägte der Soziologe Helmut Schelsky dann den Begriff von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Gab es die eigentlich wirklich, oder handelte es sich um Kleinbürgers Wunschtraum?

Einerseits war sie durchaus gewollt. Die alte Elite war diskreditiert, Deutschland wegen seiner Verbrechen während der NS-Zeit in der Welt verhasst; es schien opportun, den Kopf einzuziehen. In Westdeutschland konzentrierte man sich ganz auf den Wiederaufbau. Es gab mehr als genug zu tun und viele Aufstiegsmöglichkeiten. Die Leute stürzten sich erst in die Arbeit und dann in den Konsum, einige nutzten auch die neuen kulturellen Freiheiten. Andererseits waren die Unterschiede bei Einkommen und Lebensstilen tatsächlich viel geringer als heute: Die fünfziger Jahre wirken aus unserer Perspektive grau. Was aber nicht bedeutet, dass die Gesellschaft damals statisch gewesen wäre. So kamen Millionen Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und wurden hier erstaunlich gut integriert. Ich selbst stamme aus einer solchen Familie. Und dann begann auch die Anwerbung der sogenannten Gastarbeiter, die blieben und unser Land auch im wahrsten Sinne des Wortes ungemein bereichert haben.

Wirklich? Die Integration von Einwanderern gilt vielen als weniger gelungen.

Zu Unrecht. Wenn man bedenkt, dass Menschen mit sehr geringer Bildung als Hilfsarbeiter hierherkamen, haben ihre Kinder und Enkel enorme Aufstiege geschafft. Die meisten zählen mittlerweile zur unteren Mittelschicht, haben mittlere Bildungsabschlüsse, arbeiten in Pflege- und anderen Dienstleistungsberufen, als Bürokräfte, Facharbeiter oder Kleinunternehmer. Sie werden gern übersehen, weil sie keine Trendsetter sind und auch nicht negativ auffallen. Sie sind stolz auf das, was sie erreicht haben. Allerdings auch in Sorge, materiell über die Runden zu kommen und nicht abzurutschen. Ihren Kindern die faire Chance zu einem weiteren Aufstieg zu geben ist nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen eine immens wichtige Aufgabe für unsere gesamte Gesellschaft. Denn heute haben in westdeutschen Großstädten im Schnitt mehr als 40 Prozent der Neugeborenen einen Migrationshintergrund.

Ist die derzeitige Debatte über Bildung eine zwischen der neuen und der alten Mitte?

Es ist ein Kernstreitpunkt. Die traditionellen, konservativen Milieus verteidigen ihren Status - und beispielsweise das wenig durchlässige dreigliedrige Schulsystem. Die moderne Mitte hat demokratischere Vorstellungen von Bildung: Die Kinder sollen gleiche Chancen haben, sich frei entfalten und den Aufstieg aus eigener Anstrengung schaffen können, so wie die Eltern ihn auch geschafft haben.

Der moderne Mensch scheint sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Ist mit ihm überhaupt Staat zu machen?

Tatsächlich sind die Leute, über die wir sprechen, vor allem am eigenen beruflichen Erfolg orientiert und müssen das auch sein man denke nur an die jüngste Krise. Viele haben wenig Zeit, sich darüber hinaus zu engagieren; etliche verzichten zugunsten der Karriere auf Kinder. Es ist auch so, dass die Zahl der Nichtwähler sowohl bei den modern als auch bei den traditionell Eingestellten hoch ist. Was aber nicht heißt, dass die Menschen an den Verhältnissen desinteressiert wären. Sie fühlen sich von den Parteien nur nicht vertreten.

Was fehlt ihnen denn?

Teilhabe über den Wahltag hinaus. Es sind nicht nur die sogenannten Wutbürger, die mehr Mitsprache fordern, als unsere repräsentative Demokratie vorsieht. Wenn die Politik darauf nicht reagiert, koppelt sie sich von der Gesellschaft ab oder öffnet den politischen Raum für extreme Kräfte. Bereits heute gibt es Stadtviertel, in denen nur noch 10 oder 15 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgeben. Daneben beobachten wir in unserer aktuellen Studie zur politischen Partizipation von Einwanderern eine hohe Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement, also Ehrenamt und Selbsthilfe. Dieser Beitrag muss anerkannt werden.

Der Aufstand in Tunesien, Ägypten und anderen arabischen Ländern gilt als bürgerliche Revolution. Sehen Sie das ebenso?

Ja. Je höher die Bildung, desto größer der Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe. Die Ideen der Aufklärung sind nach wie vor lebendig und auf Dauer von keinem Potentaten zu unterdrücken. Die Menschen, die in den arabischen Ländern auf die Straße gehen, wurden von den gleichen Wünschen getrieben wie die modernen, reflektierenden Menschen hierzulande. Sie möchten, dass das Versprechen der demokratischen Leistungsgesellschaft - gerechte Entlohnung, gerechte Bildungschancen, gerechte Teilhabe - erfüllt wird. Und sie wollen nach eigener Fasson glücklich werden.

Gilt das auch für Sie?

Ja. Obwohl - beziehungsweise weil - ich keine klassische Karriere gemacht habe. Als universitärer Mitarbeiter bin ich nicht fest angestellt, sondern arbeite projektbezogen und außerdem als Dozent in zwei Städten. Daneben betreibe ich als Alleinunternehmer noch eine Hausverwaltung, was meine Grundsicherung finanziert. Und ich kümmere mich gemeinsam mit meiner Lebensgefährtin um meine drei Kinder. Ich bin also vielfach beschäftigt, was mich sehr erfüllt. Und betrachte das als Privileg.-

Daniel Gardemin,

Jahrgang 1967, hat an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover Sozialwissenschaften studiert und 1997 über die "Mentalitäten der neuen Mitte" promoviert. Seine Schwerpunkte sind Sozialstruktur- und Wahlanalysen. Derzeit erforscht er Gesellschaftsbilder und politische Partizipation von Menschen ausländischer Herkunft.

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