Ausgabe 03/2011 - Was Unternehmern nützt

Am Start zur neuen Kreidezeit

- Eine gute Idee wäre nichts wert ohne Menschen wie Carolina Schweig. Wer die Verpackungsingenieurin in Ellerbek bei Hamburg besucht, trifft eine freundliche Frau, die hartnäckig sein kann, wenn es drauf ankommt. Wie bei ihrer neuesten Entwicklung, einem Joghurtbecher. Sie stellt ihn auf den Tisch. Klein, weiß und unscheinbar, unterscheidet er sich auf den ersten Blick nicht von den Milliarden Bechern, die jedes Jahr in Deutschland produziert, benutzt, ausgelöffelt und in den Müll geworfen werden. Doch Schweigs Becher besteht nur zur Hälfte aus Polypropylen, das aus Erdöl gewonnen wird.

Zur anderen Hälfte ist es Calciumcarbonat, das sich in Kreidefelsen und Kalkstein findet und von dem es auf der Erde reichlich gibt. Weil die Becher dünner sind als jene aus Plastik, kommen sie mit etwa 60 Prozent weniger Erdöl aus. Das ist gut, denn Öl ist knapp. Und teuer.

Der hohe Kreideanteil bewirkt außerdem, dass für die Herstellung des Bechers weniger Energie nötig ist. Um Kunststoff zu verarbeiten, muss man ihn nämlich erhitzen. Steckt weniger Kunststoff im Material, ist auch weniger Hitze nötig. Außerdem leitet die Kreide, die dem Kunststoff beigemischt wird, die Hitze besser. Und sie stabilisiert den Becher. Um das zu demonstrieren, stellt Schweig den Kreidebecher und einen seiner Plastikkameraden nebeneinander. Tatsächlich fühlt sich der Kreidebecher rauer und zugleich fester an. Er lässt sich weniger leicht zerknautschen. Und er zerbricht nicht so schnell, wenn er aus dem Einkaufskorb auf den Boden fällt.

Trotz aller Vorteile ist er kaum teurer als gewöhnliche Becher. Seine Erfinderin sagt über ihn: "Das ist kosteneffiziente Hightech, neuer Industriestandard und ein Best-Practice-Beispiel für eine nachhaltige Verpackung." Die Neuerung entstand aus der Not heraus und wäre beinahe gescheitert, hätte Carolina Schweig nicht so dafür gekämpft.

Die Geschichte des Bechers beginnt mit einer Krise rund 300 Kilometer von Hamburg-Ellerbek entfernt, in den Hoffnungsthaler Anstalten in Lobetal bei Berlin. Seit Pastor Bodelschwingh die Einrichtung im Jahr 1905 gegründet hat, um verarmten Berlinern Arbeit und Obdach zu bieten, wird in Lobetal Milch hergestellt, gewöhnliche Milch. Doch in den vergangenen Jahren sank der Milchpreis immer weiter, die Landwirtschaftsbetriebe der Hoffnungsthaler mit ihren 200 Milchkühen machten Verlust, die Schließung drohte.

Experimente mit Eierkartons

Also heuerte das gemeinnützige Unternehmen, das rund 2900 behinderten, psychisch und suchtkranken Menschen Arbeit gibt, im Jahr 2008 einen neuen Molkereimeister an: Michael Kuper. Der war zuvor im nahen Ökodorf Brodowin für die Produktion von Biomilch verantwortlich. "Ich habe vorgeschlagen, von konventioneller Milch auf Biomilch umzusteigen und daraus etwas zu machen, das bis dahin in Brandenburg nicht hergestellt wurde", sagt er. "Biojoghurt." Hergestellt aus Zutaten, die überwiegend aus der Region stammen.

Kuper schrieb einen Geschäftsplan und setzte knapp 2,9 Millionen Euro für eine neue Molkerei und die Entwicklung von Produkten und Marke an. Im Frühjahr 2008 stimmten die Gesellschafter zu. Danach stellte er die Bauanträge, überlegte sich einen Namen für das neue Baby (Lobetaler Bio) und stand zuletzt "vor der spannenden Frage: Wie wollen wir den Joghurt eigentlich verpacken?".

Kuper fragte Carolina Schweig, mit der er einige Jahre zuvor Schlauchbeutel für die Milch aus dem Ökodorf Brodowin entwickelt hatte. Sie experimentierten mit Pappschachteln und Eierkartons. "Wir wollten eine Verpackung, die nachhaltiger und umweltverträglicher ist als ein gewöhnlicher Plastikbecher", erinnert sie sich, "aber auch eine, die dem Kunden sofort signalisiert, was drin ist."

Also keine Pappschachteln, Kartons und Schlauchbeutel, auch keine Becher aus nachwachsenden Rohstoffen, wie Stärke aus Mais. Das Duo wollte weder Lebensmittel für Verpackungen verschwenden, noch riskieren, dass in der Verpackung des Biojoghurts Gentechnik steckt.

Auch Mehrwegverpackungen aus Glas fielen durch. "Gläser muss man zurücknehmen und reinigen. Das ist teuer", sagt Kuper. "Und Gläser können kaputtgehen und unsere behinderten Mitarbeiter verletzen." Zudem seien Gläser bei Kunden unbeliebt und nur umweltverträglich, wenn man sie nicht über weite Strecken transportieren müsse.

Kuper und Schweig wurde klar: Es gab keine ideale Lösung - nur einen Kompromiss aus Umweltverträglichkeit, Design, leichtem Umgang und Kosten. Eine möglichst ökologische Einwegverpackung also, die sich problemlos recyceln ließ und dazu so besonders sein sollte wie der Joghurt, der in ihr abgefüllt werden würde.

Auch die Hülle zählt

Wer sich mit Carolina Schweig unterhält, versteht schnell, warum ein besonderes Produkt eine besondere Verpackung verdient und warum die nicht einfach nur ein Behälter ist, wie man ihn halt braucht, um eine Ware zu portionieren und zu transportieren. "Menschen achten sehr auf das Drumherum. Was wir attraktiv finden, kaufen wir", sagt sie. "Umgekehrt lässt eine missratene Verpackung ein Produkt floppen, selbst wenn es noch so gut ist."

Sie beschäftigt sich beruflich seit mehr als 20 Jahren mit nichts anderem als Schachteln, Tuben, Dosen und Bechern. Es beginnt an der Fachhochschule München, wo sie sich wegen ihres Interesses an Chemie und Mathematik für Verfahrenstechnik und Papier- und Kunststoffverarbeitung einschreibt. Während des Studiums arbeitet sie an einer DI N-Norm für die Wulste von Faltschachteln aus Wellpappe, von Experten Rillungen genannt. Klingt für Laien verschroben, aber von nun an lassen Verpackungen sie nicht mehr los.

Nach dem Diplom heuert die Ingenieurin 1987 zunächst bei Beiersdorf (Nivea, Tesa) an und dann bei Colgate-Palmolive, wo sie eine harte Nuss knacken muss: Für Zahnpasta entwickelt sie eine neuartige Kunststoffstandtube, für die sämtliche Produktionslinien erneuert werden müssen. "Eine neue Verpackung verändert sämtliche Abläufe in einem Unternehmen", sagt Schweig.

Später baut sie für den Kakaohersteller Van Houten eine Abteilung auf, die sich mit nichts anderem als der Konzeption neuer Verpackungen beschäftigt. Und auch als sie mit ihrem Mann 1997 nach Mexiko zieht, bleibt sie ihrem Thema treu. Als selbstständige Verpackungsberaterin entwickelt Schweig für den Nahrungsmittelhersteller Unilever einen neuen Margarinebecher, der sich praktischer stapeln und deswegen billiger transportieren lässt als seine Vorgänger.

Im Jahr 2000 kehren Schweig und ihr Mann mit dem Ingenieurbüro zurück nach Deutschland. Schnell ist sie wieder im Geschäft mit Käseschachteln, Q-Tip-Kartons, Eisteeflaschen und Cremedöschen.

Viel Kreide und etwas Talk

Auch für die Lobetaler sucht sie hartnäckig nach einer passenden Idee. Und wird im Frühjahr 2009 fündig, als in Biesenthal, gleich neben der Baumschule der Hoffnungsthaler Werkstätten, der Grundstein für die Molkerei gelegt wird. Bei einer Konferenz spricht sie mit einem Chemiker von RKW Sweden darüber, wie man einen Kunststoff mit höherem Kalkgehalt fertigen könnte. Das Unternehmen, das zur deutschen RKW Group gehört, stellt seit Jahren Kunststoff mit Mineralien wie Kreide her, zurzeit rund 25 000 Tonnen pro Jahr. Die Idee, darin Joghurt zu verpacken, hatte noch niemand.

Schweig berichtet Kuper davon, er ist angetan - schließlich ließe sich das Material problemlos recyceln: Es kann im Gelben Sack entsorgt werden. Infrarotanlagen in den Recyclingstationen erkennen den Stoff und sortieren ihn zu den anderen Polypropylen-Verpackungen, die gehäckselt, erhitzt und zu Granulat verarbeitet werden. "Also haben wir uns für diese Variante entschieden", sagt Kuper. "Frau Schweig hat sich so lange reingehängt, bis ein Becher daraus geworden ist."

Die Ingenieurin ruft bei RKW Sweden in Helsingborg an. Ob sie ein paar Joghurtbecher als Muster für eine kleine Biomolkerei produzieren würden? Der damalige Leiter des Werks reagiert kühl. "Also habe ich ihn genervt", erzählt Schweig. Sie kontaktiert Kunden von RKW, um über die an Proben der Kunststoffe heranzukommen. Kurz darauf trifft eine ungehaltene Mail aus Helsingborg ein: Unterlassen Sie das, schreibt ihr die RKW. Nur wenn Sie mir helfen, antwortet Schweig aus Ellerbek. Einer ihrer früheren Chefs habe sie mal mit einem Frettchen verglichen, sagt sie und grinst. Bei RKW haben sie anfangs ähnlich empfunden. "Es hat ordentlich gerappelt", erinnert sich der Werksleiter, "aber wir haben uns ausgesprochen und entschieden: Wir machen das zusammen."

Die nächste Hürde: Joghurt ist säurehaltig und könnte die Kreide im Kunststoff angreifen, warnt der Hersteller und schlägt vor, auf der Innenseite der kreidehaltigen Folie eine zusätzliche talkhaltige Schicht aufzutragen. Talk ist ein Mineral, das in Kunststoffen als Trennmittel eingesetzt werden kann. Dadurch wird die Becherfolie geringfügig dicker, etwa 0,8 Millimeter, hält dafür aber dicht.

Schweig braucht einen Prototypen für Tests, doch den will RKW nur herstellen, wenn die Lobetaler dazu einen förmlichen Auftrag erteilen. Die wiederum wollen zuerst echte Muster sehen. So ging es wochenlang nicht vor und nicht zurück, sagt Schweig. "Ich dachte, das Projekt scheitert doch noch."

Zuletzt geben sie in Schweden nach, denn sie sind neugierig geworden. Ohne Musterauftrag ziehen sie auf einer ihrer Maschinen ein paar Meter Kunststofffolie für die neuartigen Becher. Und die Lobetaler legen los, testen Stabilität, Dichtigkeit und Haltbarkeit.

Im Labor werden einige Probebecher mit 40 Grad warmem Essig befüllt und eine Woche lang hingestellt, zum sogenannten "Migrationstest". Mit dem beruhigenden Ergebnis: Weder wandern die Inhaltsstoffe nach außen, noch löst die Säure zu viel Kreide aus der Hülle. Auch beim Abfüllen der Becher in der Molkerei gibt es keine Probleme.

Kleines Budget, große Pläne

Kuper ist zufrieden und beauftragt Ende 2009 die ersten zwei Millionen Becher - so viele Joghurts sollen in Biesenthal im ersten Jahr mit Natur- und Fruchtjoghurt abgefüllt werden. Pünktlich zur Eröffnung der Molkerei im Januar 2010 kommen die Becher an, nach monatelanger Arbeit, die sich weder für Carolina Schweig noch für RKW Sweden finanziell gelohnt hat. "In dem Becher steckt ungemein viel Herzblut", sagt der Molkereichef Kuper. "Wenn Frau Schweig jede Stunde abgerechnet hätte, wäre die Entwicklung des Bechers für uns nicht bezahlbar gewesen." Gerade einmal 4000 Euro umfasste das Budget für die Entwicklung, für Muster, Reisen, Flüge, Telefonate, Kurierservice und Material.

Das zählt nun nicht mehr. Wenn Carolina Schweig berichtet, wie sie um den Becher gekämpft hat, wie "cool" sie die neue Marke findet, merkt man, was ihr das Projekt bedeutet. Dass sie auf eine Fortsetzung der Geschichte vom Kreidebecher hofft, für mehr Produkte, auch bei anderen Molkereien und Bioproduzenten.

Auch bei der RKW Group haben sie ihre anfängliche Skepsis überwunden. War es zunächst eher etwas für den Posten PR und Marketing, könnte sich nun ein neues Geschäft entwickeln. Mit Frau Schweig sei ein neues Projekt in Arbeit. Lobetal hat eine neue Millionen-Charge nachbestellt. "Womöglich kommen ja Aufträge von anderen Molkereien nach."

Auch Michael Kuper wäre das recht. Aktuell zahlt er 2,7 Cent pro Becher, etwa so viel wie für solche aus Plastik. Setzten auch andere das neue Material ein, sänke der Preis. Dem Milchindustrie-Verband zufolge isst jeder Deutsche rund 18 Kilogramm Joghurt im Jahr - 120 Becher pro Kopf. "Was da mit kreidehaltigen Bechern an Erdöl eingespart werden könnte", sagt Kuper, "wäre doch revolutionär."

Die ersten Interessenten sind längst da. Bei der Biofach, einer Messe für ökologische Konsumgüter, erkundigten sich am Stand der Lobetaler mehr Besucher nach dem Becher als nach dem Biojoghurt. Die International Dairy Federation, der internationale Dachverband der Milchindustrie, zeichnete ihn als beste Verpackungsinnovation aus. In der Kategorie "Beste Um-welt-Initiative" belegte er Platz zwei, bei mehr als 170 Einsendungen aus 29 Ländern. -

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