Ausgabe 11/2010 - Schwerpunkt Vergessen lernen

Vorwärts - und nichts vergessen!

-Auch Blogger scheinen sich zuweilen die wohl berühmteste und wunderbarste Sentenz des russischen Fabeldichters Iwan Andrejewitsch Krylow zur Maxime zu machen. "Ei schau doch, was das Möpschen kann: Es bellt den Elefanten an!", textete Krylow einst. "Bei unserem Schulsystem stehen Bestnoten im Vordergrund. (...) Nicht fürs Leben lernt man, sondern für das nächste Examen", miesepetert es 200 Jahre später im Blog zu einem Artikel im Zürcher "Tages-Anzeiger". "Schade, dass es an den heutigen Kantonsschulen möglich ist, mit Kurzzeitbüffeln zu reüssieren", kläfft ein anderer, während ein Dritter ganz genau zu wissen meint: "Sie hat eigentlich nicht aus Interesse am Stoff oder zur Wissensvermehrung gelernt, sondern nur für die Noten."

Sie, das ist Kim Borsky, gerade 18 Jahre alt geworden, Tochter eines Chirurgen und einer Krankenschwester aus der 12 000-Einwohner-Gemeinde Rüti bei Zürich. Die junge Frau hat etwas Außergewöhnliches vollbracht: Sie hat alle neun Abiturprüfungen (in der Schweiz sagt man Matura) an der Kantonsschule in Wetzikon mit der Traumnote "6" abgeschlossen. Bei den Eidgenossen ist die "6" die bestmögliche, die "1" die schlechteste Zensur.

Ein kleiner, mit Kim Borskys Foto garnierter Artikel im Lokalteil des "Tages-Anzeigers" griff die Geschichte der "Supermaturandin" auf - genug Munition für einige Dutzend Blog-Kommentare. Einige machten aus ihrer Bewunderung keinen Hehl ("Wow, ich bin beeindruckt! Chapeau!"), andere gaben Sachfremdes und orthografisch Fragwürdiges zu Protokoll ("Diese junge Dame ist sehr hüpsch"), wieder andere sahen sich durch Kim Borskys Traumnoten in ihrer Meinung bestätigt, dass es mit dem Leistungsniveau an den Gymnasien nicht mehr weit her sein kann ("Ich wage zu behaupten, das Matura-Niveau hat heute massivst abgenommen").

Einige besonders hämische Kommentare wären der Maturandin wohl erspart geblieben, hätte sie nicht freimütig erzählt, wie sie sich auf die mündlichen Prüfungen vorbereitet hatte: 14 Bücher in 14 Tagen - da witterten einige natürlich oberflächliches Pauken fürs Kurzzeitgedächtnis. Zu allem Überfluss hatte sie der Schweizer Schülerschaft auch noch Tipps gegen allzu ausschweifende Prüfungsvorbereitung gegeben. "Nur das lesen, was die Lehrer sagen!", zum Beispiel. Eine solche Aussage ruft naturgemäß die Zweifler und Neider auf den Plan.

Aber vielleicht haben sie auch recht, die Möpschen. Ist Borsky ein mit hoher Intelligenz und Merkfähigkeit gesegnetes Naturtalent oder der Prototyp des Schmalspurlerners und Schnellvergessers, der Wissen auf ein Verbrauchsgut reduziert und am Tropf der schnellen Google-Recherche hängt? Schließlich findet man im Netz vermutlich zu jedem Shakespeare-Sonett mittlerweile eine Interpretation. Hat sie die Schule nach elf Jahren (die vierte Klasse hat sie übersprungen) mit gut geerdetem Wissen verlassen, mit weltzugewandter Klugheit oder lediglich mit der cleveren Strategie für Bestnoten, dem zeitsparenden Arrangement atomisierter Wissenssplitter, die genauso schnell wieder aus den Gehirnwindungen hinausdiffundieren, wie sie hineingekommen sind?

"Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt", schreibt Kant in der Kritik der reinen Vernunft, "und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen." Für wen gilt dieser denkwürdige Satz in diesem Fall - für Kim Borsky oder für die Lästerer?

Der Weg zu einer Antwort führt nach London, genauer in ein unscheinbares Reihenhaus im graumäusigen Stadtteil Hanwell nordöstlich des Flughafens Heathrow. Dort wohnt Borsky seit ein paar Wochen. Sie gönnt sich ein halbes Jahr Auszeit zum Luftholen nach den Prüfungen und dem anschließenden Hype um ihr Traumabitur. Als Au-pair in einem typischen englischen Mittelschicht-Haushalt kümmert sie sich um die beiden Jungen der Familie, wäscht, bügelt, hilft beim Frühstück und saugt die Böden. Vielleicht muss sie irgendwann auch die alte Matratze wegräumen, die im Vorgarten liegt. Derzeit hat sie noch ein paar Probleme mit der Umstellung auf englische Ernährungsgewohnheiten, die sich tendenziell am Kalorienbedarf von Bergarbeitern orientieren. Auch den großzügigen Einsatz der Mikrowelle ist sie von daheim nicht gewohnt.

Die fünf Abiturklausuren liegen jetzt fast ein halbes Jahr zurück, die mündlichen Prüfungen folgten sechs Wochen später. Dazwischen lag ein Familienurlaub auf Mallorca mit vielen Büchern im Gepäck. Doch dann fand die Prüfungsliteratur nicht den Weg aus dem Koffer, und auch nach der Rückkehr wollte die Lernmotivation sich nicht einstellen. Irgendwann hatte Kim Borsky noch 14 Tage Zeit und 14 ungelesene Bücher vor sich liegen. Es gab kein Entrinnen mehr. Hat sie sich einen genauen Plan gemacht, welche Kapitel, welche Seiten wann durchgeackert werden? "Nein", sagt sie, "ich habe mir nur überlegt, wie viel Zeit ich mir für jedes Buch leisten kann, damit ich durchkomme." Sie las von morgens bis abends - und wenn sie merkte, dass sie im Pensum hinterherhinkte, arbeitete sie bis zwei oder drei Uhr früh oder stand bei Tagesanbruch auf. "Aber dafür hatte ich es vorher locker." Erfrischend pragmatisch klingt das.

Sie weiß, dass viele ihr vorwerfen, nur das Kurzzeitgedächtnis zu nutzen

Wie wäre es denn, wenn sie die Prüfungen jetzt noch einmal machen müsste? Wären die Noten noch genauso gut? "Im Prinzip ja", sagt sie ohne Zögern. Mathematik, Deutsch, Französisch und auch die Latein-Übersetzung aus Caesars "De bello Gallico" würden ihr kein Problem bereiten. "Vielleicht habe ich ein paar Daten und Begriffe vergessen, eine Jahreszahl oder den lateinischen Namen einer Krankheit, aber das Wichtigste ist noch genauso präsent wie bei den Prüfungen." In Biologie beispielsweise, beim Thema Viren, "da hab' ich noch ganz genau das Arbeitsblatt vor Augen, wie der Bakteriophage an dem Bakterium andockt und was er dann mit der Zelle macht". Wie er seine DNA in das Bakterium injiziert, wie im Inneren der Zelle neue Phagenbestandteile produziert werden und wie die Zelle schließlich gesprengt wird und neue Phagen freigesetzt werden. "Das weiß ich vermutlich auch in zehn Jahren noch." Selbst an weit Zurückliegendes kann sie sich fast lückenlos erinnern, an Mathearbeiten aus der ersten Gymnasialklasse etwa. Sie hat sich immer gewundert, wenn Mitschüler schon ein paar Stunden nach der Arbeit nicht mehr wussten, was der Lehrer bei Aufgabe 1b oder 2c verlangte.

Sie weiß, dass viele ihr unterstellen, ausschließlich auf das Kurzzeitgedächtnis zu setzen. Auch die Blog-Kommentare hat sie gelesen. "Die mich da kritisieren, sprechen sicher aus eigener Erfahrung", vermutet sie. "Wenn sie ein Buch gelesen haben, wissen sie wahrscheinlich drei Wochen später nichts mehr davon." Bei ihr dagegen komme es nicht darauf an, "ob ich zwei Wochen vor der Prüfung mit dem Lernen beginne und den Stoff Schritt für Schritt immer wieder repetiere oder ob ich mich einen Tag vorher hinsetze und auf den Punkt konzentriere".

Den Stoff von 14 Büchern in 14 Tagen so lernen, dass es für die Bestnote reicht - das verlangt trotzdem nach einer Erklärung. "Ich habe bei der Auswahl der Literatur aufgepasst, dass es 3 kurze Bücher sind", sagt Borsky, die sich als langsame Leserin bezeichnet. "Und dass sie mir vom Inhalt her zusagen, damit ich mich nicht durchquälen muss." Auf ihrer Leseliste für die Deutsch-Prüfung standen beispielsweise Lessings "Emilia Galotti", "Katz und Maus" von Grass, "Die Leiden des jungen Werther" von Goethe und Wedekinds "Frühlings Erwachen".

Hat sie das tatsächlich alles gelesen? Die ganze "Emilia Galotti", vom ersten Auftritt des Prinzen Hettore Gonzaga bis zur Ermordung Emilias durch ihren Vater? Oder hat sie doch nur Königs Erläuterungen per Google aufgepeppt, wie Blogger ihr unterstellten? Die Suche nach "Emilia Galotti Interpretation" liefert immerhin 17 000 Ergebnisse. "Nein" beteuert Kim Borsky, "ich habe alle Bücher gelesen, von der ersten bis zur letzten Zeile." Anders lasse sich Literatur nicht erschließen. "Wenn ich dann eine Textstelle bekomme und die nicht einordnen kann, ist die Prüfung gelaufen." Erst einmal macht sie sich selbst Gedanken, über die Charaktere oder über die Symbolik, "und dann erst schaue ich nach, was andere sich dazu überlegt haben".

Ausgerechnet in dem Fach, in dem sie unbedingt die Bestnote wollte, wäre sie fast gescheitert

Beim Lernen hält die junge Frau sich fast immer an die Schulbücher - weil sie didaktisch besser aufbereitet seien als etwa die meisten Wikipedia-Einträge, die oft Vorwissen voraussetzen. Da gehe man allzu leicht im Hin- und Herklicken von Link zu Link verloren. Und außerdem: "Der Lehrer wird doch auch eher das Buch anschauen und sich überlegen, welche Fragen er stellt."

"Lesen" ist für die Jungmeisterin der Ökonomie des Lernens ein Sammelbegriff für einen Prozess der Lektüre, des Separierens, Entschlackens und Fokussierens. Während sie liest, arbeitet sie mit Textmarker, trennt Wichtiges von Nebensächlichem, macht sich Notizen, verfasst kleine Zusammenfassungen und kurze Personencharakterisierungen, schreibt wichtige Seitenzahlen raus und sucht im Internet nach Zusatz-Informationen. Weniger Prüfungsrelevantes, Biografisches zum Autor etwa oder historische Hintergründe eines Dramas sondert sie nach dem ersten Lesen aus. "Wenn ich es einmal gelesen habe, bleibt es im Gedächtnis. Im nächsten Lerndurchgang kann ich es beiseitelassen."

Ausgerechnet in dem Fach, in dem sie unbedingt die Bestnote schaffen wollte, wäre sie fast gescheitert. Bei der schriftlichen Maturaprüfung in Mathematik war sie derart übermotiviert und nervös, dass sie sich gleich bei der ersten Aufgabe verhedderte und für ein paar Minuten einen totalen Blackout hatte. "Ich wusste auf einmal nichts mehr", erinnert sie sich an jene panikerfüllten Minuten. Nachdem sie alles beiseitegelegt und zehn Minuten dagesessen hatte, ohne an Mathematik zu denken, fand sie die Auffahrt auf die Autobahn zur Bestnote wieder.

Ihre heutige Lernstrategie hat sie vor einigen Jahren aus der Erfahrung des Breitwand-Paukens destilliert. "Früher hab' ich es gemacht wie die meisten: immer wieder das Gleiche gelesen, bis es saß. Das hat viel Zeit gekostet, und trotzdem habe ich manches nicht verstanden." Auch damals schrieb sie gute Noten. Dann kamen mehr und mehr Fächer hinzu, die Stoffmenge wuchs, außerdem kostete ihr Fechttraining Zeit. In der achten Klasse stellte sie ihre Strategie um, begann zu filtern, Zusammenhänge zu erschließen, die sie sich selbst immer wieder erklärte, und die Auswendig-Paukerei auf Zahlen, Namen und Details zu beschränken. Sie registrierte, dass ihre Zensuren noch besser wurden - obwohl sie weniger Zeit fürs Lernen investieren musste.

Ein Blogger prophezeit ihr "ein brutales Erwachen" an der Universität. Sie dagegen hat ein Grundvertrauen, dass sie auch im Studium - sie schwankt noch zwischen einer Naturwissenschaft, Medizin oder Wirtschaftswissenschaften - nicht allzu viel erschüttern kann. "Zwei Monate durchlernen vor dem Semesterende, das wird mir nicht so schwerfallen." Zuversicht gibt ihr die Erfahrung aus dem Selbstlernsemester im elften Schuljahr, eine Spezialität an der Wetzikon-Kantonsschule: Der Schulunterricht wird auf wenige Stunden am Morgen reduziert, den Großteil des Stoffes inklusive der Vorbereitung auf die Klausuren müssen die Schüler sich selbst erarbeiten. Borsky war fast ein wenig traurig, als das Semester, das sie im harten Wechsel von Phasen des konzentrierten Lernens und Freizeit organisierte, zu Ende war.

Im Gespräch mit ihr hat man keinen Moment den Eindruck, dass da eine junge Frau sitzt, die Kraft ihrer Intelligenz zwar viel versteht, aber nur wenig weiß. Keine Spur Schmalspur. Im Gegenteil - sie singt durchaus glaubwürdig ein Loblied auf ein fundiertes Allgemeinwissen. Natürlich weiß sie, dass sie ihr Wissen über Caesars Gallischen Krieg wohl nie mehr wird anwenden können. Na und? "So etwas gelesen zu haben ist doch keine vertane Zeit. Man kann schließlich nicht nur lernen, was einem nützt."

Starke Worte. In Geografie etwa hat sie unterschiedliche Arten von Wolken zu unterscheiden gelernt. "Und dann ist man ein oder zwei Jahre später auf dem Weg nach Hause, sieht zum Himmel und erkennt, dass ein Gewitter aufzieht. Wenn es am Abend losbricht, ist es faszinierend, dass man sein Wissen anwenden konnte." Sie findet den Gedanken unerträglich, sich in einem Gespräch mit der Rolle der Schlechterwisserin zu bescheiden. "Bestimmte Dinge sollte man einfach wissen", sagt sie. "Ich kann doch während eines Gesprächs nicht mal eben den PC anschalten und bei Wikipedia nachsehen, weil ich keine Ahnung habe."

Jenen ihrer Mitschüler, die keine Ahnung hatten, die sich schwertaten mit dem Lernen, habe sie stets geholfen. Nie hat sie den Unterarm über ihre Klassenarbeit gelegt, damit der Banknachbar keinen Blick darauf werfen kann, fast immer ihre Hausaufgaben zum Abschreiben herausgerückt. Und wenn jemand vor den Prüfungen nicht klarkam, war sie am Telefon oder im Chat zur Stelle. "Das bringt mir auch selbst viel", erklärt Kim Borsky, "beim Erklären merke ich nämlich, ob ich den Stoff tatsächlich verstanden habe." -

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