Ausgabe 11/2010 - Schwerpunkt Vergessen lernen

Gedächtnisspiele

Wenn also die Erinnerung, statt die Menschen zu erlösen, sie nur vor sich hertreibt und zu Wiederholungstätern macht - wie wäre es dann, wenn wir es mit dem Gegenteil versuchen würden, mit dem Vergessen?
Henryk M. Broder

1. Die Totale Erinnerung

Vor 20 Jahren verfilmte der niederländische Regisseur Paul Verhoeven eine Kurzgeschichte des amerikanischen Autors Philip K. Dick namens "We Can Remember It For You Wholesale" - auf Deutsch: "Erinnerungen en gros". Unter dem Titel "Total Recall - Die Totale Erinnerung" wurde der Streifen ein Kassenschlager.

An den Plot sollten wir uns erinnern: Da gibt es ein großes Unternehmen namens Rekall. Das verkauft Menschen Erinnerungen nach Maß, falsche Erinnerungen, ein fiktives Gedächtnis. Wer aus seinem Leben aussteigen will, um beispielsweise Schafhirte in Island zu werden, kriegt von Rekall eine kleine biografische Infusion - und schwupp, schon kommen einem Rejkjavik und Umgebung total vertraut vor. Wer ein richtig guter Mensch sein will, kann sich eine Instant-Version des Gedächtnisses von Mutter Teresa einpflanzen lassen. Jeder erinnert sich an das, was er will. Und die Persönlichkeit? Ach so, ja, die. Die wird überschätzt, wenn es ums Erinnern geht. Ehrlich.

In Wahrheit ist unser Gedächtnis ein Flickenteppich aus einigen wenigen Fakten, einer Menge Halbwahrheiten, durchwirkt mit Verdrehungen und Verdrängungen. Und das gilt nicht nur für die Großvätergeneration, die ab 1945 an einem posttraumatischen, exakt die vergangenen zwölf Jahre umfassenden Gedächtnisschwund litt. Die persönliche Geschichte ist immer ein falscher Fünfziger. Das weiß jeder, der schon mal eine Autobiografie gelesen hat, von Politikern oder Managern beispielsweise. Deine gesammelte Geschichte, deine Persönlichkeit, dein Gedächtnis? Kannst du vergessen. Kauf dir ein neues.

2. Früher, als alles besser war

So etwas gibt's nicht nur im Kino. Es gibt genügend Leute, die versuchen - im Durchschnitt höchst erfolgreich -, uns eine neue Erinnerung anzudrehen. Und kaufen wir so was nicht gern? Aus den vielen kleinen Gedächtnisschwindeleien ist ein großer Markt geworden, der des kollektiven Gedächtnisses. Gern vergessen wir, wie es wirklich war, und nehmen dafür, wie wir es gern gehabt hätten. Den wahren Rekalls nützt es, dass Menschen ein mieses Gedächtnis haben. Sie vergessen schnell. Woran sie sich erinnern, sind meist Extreme. Früher war alles besser. Die Sommer immer sonnig. Die Winter immer weiß. Die Leute einfach netter. Und alles geordneter. Dass nichts so ist, wie es war, liegt daran, dass es nie so gewesen ist.

Nehmen wir mal die DDR. Aus der wurde in den zwei Jahrzehnten, die seit ihrer Auflösung vergangen sind, im Gedächtnis vieler Bürger eine wenn schon nicht optimale, so doch weitgehend gemütliche - staatliche Lenkungsgemeinschaft mit Kinderkrippen und festem Einkommen für alle. Und wenn der Historiker Werner Abelshauser in seiner "Deutschen Wirtschaftsgeschichte seit 1945" zu Recht schreibt, dass die "Geschichte der Bundesrepublik vor allem ihre Wirtschaftsgeschichte ist" - und in diesem Umstand "jene Stabilität und Handlungsfreiheit, die der Republik von Weimar gefehlt haben", erkennt, dann haben das heute die meisten Bundesbürger vergessen. Sie halten die Marktwirtschaft für eine Bedrohung. Und hoffen auf den starken Staat, der es richten soll. Ist es nicht merkwürdig, woran sich die Leute erinnern - und woran nicht?

Dass es der "starke Staat" war, der erst die Voraussetzung für die Teilung in DDR und BRD schuf, haben die Leute einfach vergessen. Matte Synapsen fantasieren sich eine "gute alte Zeit" umso stärker herbei, je weniger man sich die Gegenwart bewusst machen will. Das Biedermeier, in dem Metternich die Bürger ermunterte, sich untereinander zu bespitzeln wie später bei Mielke - eine gemütliche Zeit. Und herrlich auch die industrielle Gründer-Ära, in der Gewalt, Schmutz, Krankheit und Armut zwar irgendwie ganz normal waren, aber sonst alles recht kommod zuging. Die sechziger Jahre waren hip, die Zeit des Beats - was so viel wie Schlag bedeutet, den man von seinen Eltern oder Lehrern verpasst bekam, wenn die Haare über den Hemdkragen wuchsen. Und einige erinnern sich gut an ihre Zeit im heroischen Kampf gegen Atomkraft und Wiederaufrüstung. Da ging es um die Sache, oder? Oder ging man nicht doch eher deshalb auf Anti-AKW-Demos und Ostermärsche, weil es zu Hause langweilig war und man endlich eine Freundin wollte? Wie steht es doch in der Nähe von Wackersdorf an einen Zaun gepinselt: "Wer damals nicht Bob Dylan sang, kam niemals an ein Mädchen ran."

Wir lernen: Früher war alles besser, insbesondere das Gedächtnis. Wer braucht denn da noch Hollywood?

3. Das gnadenlose Gedächtnis

Die Wirklichkeit ist eine Operettenweisheit aus der "Fledermaus" von Johann Strauß' Sohn: "Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist."

Wer nichts vergisst oder vergessen kann, ist eine arme Socke. Alle alten Fehler, Entscheidungen, die eingebettet waren in einen sehr komplexen Zusammenhang, sie wären immer noch präsent. Das wäre eine Art Gehirnlähmung. Der Mensch lebt nicht von der Erinnerung, er irrt sich nach vorn. Unvergesslich? Die Konsequenz daraus wäre fatal. Das Gewicht der Vergangenheit machte unser heutiges Leben platt. Der traurige Ausnahmesatz "Ich kann es nicht vergessen" würde zum trostlosen Normalfall. Wir könnten uns alles merken. Nichts ginge verloren.

Eigentlich verehren wir Bürger des Informationszeitalters eine solche Fähigkeit. Doch was wäre denn, wenn wir wirklich ein "fotografisches Gedächtnis" hätten?

Der russische Psychologe Alexander Luria hat dieses Phänomen schon in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts untersucht: an seinem berühmten Patienten Solomon Schereschewski - dem Mann, der nichts vergessen konnte. Schereschewski arbeitete als Journalist und fiel auf, weil er sich in keinem Gespräch jemals Notizen machen musste. Er merkte sich das Gesagte einfach so. Er verblüffte seine Umgebung mit Gedächtniskunststückchen, etwa dem Memorieren endloser Zahlenketten, und trat damit auch in Varietés auf. Schereschewski wurde eine Berühmtheit.

Josef Stalin war begeistert. Der Mann, der nichts vergessen konnte, das war ein neuer, ein sowjetischer Mensch. Ein gewaltiger, lebendiger Wissensspeicher, mit dem sich leicht beweisen ließ, wozu der Sozialismus imstande war. Stalin befahl Luria, sich um Schereschewski zu kümmern, alles zu dokumentieren, was dessen gewaltiges Gedächtnis anging. Suchen Sie das System, Genosse Luria! Und lehren Sie die Sowjetmenschen, wie sie es anwenden können!

Kein Zweifel: Luria steckte in der Zwickmühle. Schereschewski war bloß ein trauriges Phänomen, kein Modell. So konnte Luria nur aufzeichnen, wie Solomon Schereschewski verzweifelt zu vergessen suchte, was sich in seinem Kopf anhäufte. Doch das klappte nicht. Der Mann, der nichts vergessen konnte, starb depressiv und elend. Kaum jemand erinnert sich noch an ihn.

Jill Price hat es besser als ihr Vorgänger, aber nicht leicht. Die Amerikanerin dient Forschern seit Jahren als wichtigstes Studienobjekt. Ihr brillantes Gedächtnis lässt sie mühelos erinnern, was sie heute vor 30 Jahren, gegen 11.30 Uhr, getan hat. Ist das großartig? In einem Gespräch mit "Spiegel Online" sagte sie über ihre Fähigkeiten: "Die Erinnerungen sind wie ein endloser, wirrer Film, der mich völlig überwältigen kann. Und es gibt keine Stopptaste (...) Bei mir bleiben die seelischen Wunden immer frisch. (...) Und ich vergesse auch keinen Streit, kein böses Wort, das jemals zu mir gesagt wurde."

Es gibt nur wenige Menschen wie Jill Price. Doch die totale Erinnerung ist nicht immer nur ein persönliches Schicksal. Wie erinnern sich Gemeinschaften, Kulturen, Unternehmen? Was können sie sich merken? Oder genauer: Was wollen sie vergessen und was nicht?

4. Das Ende der (falschen) Erinnerung

Gehen wir noch einmal zurück in das Jahr 1990. Das hat gute Gründe. Das Jahr, in dem Total Recall erschien, war ein Jahr, in dem die kollektive Erinnerung der meisten Menschen auf dieser Welt schwer erschüttert wurde. Um es genauer zu sagen: Die Welt musste sich ein neues Gedächtnis zulegen. Das alte taugte nicht mehr. Vor 20 Jahren endete der Kalte Krieg. Die Blöcke lösten sich vollständig auf. Jahrzehntelang war die Welt in Hier und Drüben geteilt. In West und Ost, die großen Bruchstücke der Weltideologien des 20. Jahrhunderts. Solange sich die meisten im Jahr 1990 lebenden Menschen erinnern konnten, hatte diese Ordnung bestanden. Sie lieferte den Rahmen für richtig und falsch, für den jeweiligen Blick auf die Geschichte und Gegenwart. Das hat alles einen Sinn: Es schafft Ordnung und Sicherheit. Das war für die meisten wichtiger als die globale Bedrohung durch eine Konfrontation der Supermächte. Sicherheit geht vor.

Diese Sicherheit besteht aus dem gemeinsamen Bewusstsein, dem kollektiven Gedächtnis. Es ist das, woran wir uns erinnern, wenn von "wir" die Rede ist. Und das verschwand ziemlich schnell, in Ost und West in wenigen Monaten.

Nur in den ersten Tagen herrschte Begeisterung. Bald legte sich die Euphorie. Eine merkwürdige Stimmung breitete sich aus. Die Menschen schienen verstört zu sein, beinahe bewusstlos. Diese Begriffe kommen in Geschichten und Beschreibungen von damals sehr häufig vor. Sie sind mehr als ein Wortspiel.

Erinnerung ist nichts anderes als Bewusstsein. Wenn das nicht mehr zur Realität passt, muss man eine Bilanz erstellen, abrechnen und dann einen Schlussstrich ziehen. Nach dem Vergessen kommt das Neue.

Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama nannte das 1992 "Das Ende der Geschichte". Das kann man leicht missverstehen. Nicht die Geschichte endet, sondern nur die klassische Vorstellung davon. Geschichte, das kollektive, kulturelle Gedächtnis einer Gemeinschaft, wird von jeher als Kampf definiert, um Macht, Besitz und Anerkennung etwa. So wurde das seit der Antike verstanden, so haben es die einflussreichen deutschen Philosophen Hegel und Marx gelehrt. Letzterer meinte sogar, dass alle persönliche Erfahrung letztlich gar nichts zähle.

Bewusstsein, Erinnerung kann man die Leute lehren, ein schöneres Wort für eintrichtern. An dieser irren Idee haben sich die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts - mit und ohne Berufung auf Marx - reichlich bedient, und viele tun es bis heute. Freiheit, Demokratie und Offenheit aber waren nie einfach nur schöne Begriffe. Sie haben Funktionen, sie ergeben Sinn. Sie stehen dafür, dass es eben nicht eine Doktrin gibt, der man sich unterordnen muss. Sie stehen für Vielfalt, Meinungsfreiheit, Gedankenfreiheit. Auch die Freiheit, sich seiner eigenen Erfahrungen bedienen zu dürfen. Die Gedanken sind frei - und damit alles, was ihnen folgt. Hier setzt Fukuyama an. Denn im Jahr 1990 war - nach dem Faschismus - mit dem Staatssozialismus auch die zweite extreme Form der Unfreiheit zusammengebrochen. War es nicht Zeit für eine neue, dritte Option? Eine wirklich liberale Gesellschaft, die ihr altes Gedächtnis, ihre alten Vorurteile und Sichtweisen auf die Welt vergessen musste, um neu anzufangen? Was ist daraus geworden? Ist es nicht schade, dass es Rekall nur im Kino gibt?

5. Die große Erinnerungsprothese

Es gibt allerdings Leute, die behaupten, ein neues kollektives Gedächtnis gebe es längst. Ein faires, freies, von allen geteiltes Gedächtnis. Eine gemeinsame Erinnerung. Wir nennen es Internet. Auch das entstand vor etwa zwei Jahrzehnten.

Die ersten Digeratos redeten nicht zufällig von einem Welt- oder Menschheitsgedächtnis, wenn sie technischen Laien das Netz erklären wollten, von einem System der globalen Erinnerung also. Schon 1945, lange bevor das Internet technisch realisiert ist, beschreibt der amerikanische Wissenschaftsorganisator Vannevar Bush in seinem Artikel "As We May Think" (Wie wir denken könnten) dieses System. Er nennt es "Memex" die Abkürzung von "Memory Extender", Gedächtnis-Erweiterer. Computer und Netzwerke, so die These, sind nichts weiter als "ein vergrößerter Anhang unseres Gedächtnisses". Eine Erinnerungs-Prothese also.

Das klingt nun wie die Erfüllung eines alten Menschheitstraums. Mit dem Bewusstsein kommt das Vergessen. Das ist gut, wenn man Fehler vergisst. Und schlecht, wenn man Lösungen immer wieder neu suchen muss. So schafft sich der bewusste Mensch ein künstliches Gedächtnis aus Sprache, Schrift, Bild, Ton, Technik - die Kultur eben. Was wir an Welt wahrnehmen, ist fast ausschließlich das Produkt dieses Gedächtnisses, das wie eine gewaltige Konservenbüchse des Erinnerns ist. Dieses Konservieren erhöht die Haltbarkeit.

Rein theoretisch geraten in diese Büchse nur Sachen, die man wirklich immer wieder brauchen kann, die für die Menschheit immer nützlich sind. Doch nichts ist ewig haltbar. Immer wieder geraten Moden, Gesinnung, Zeitgeist in die Büchse. Der französische Philosoph Maurice Halbwachs, der in den zwanziger Jahren den Begriff des "Kollektiven Gedächtnisses" prägte, wusste das. Die Frage lautet: Woran sollen wir uns erinnern, was behalten wir, was vergessen wir? Und wer hat Interesse daran, dass wir uns ganz bestimmte Sachen merken - andere nicht? Welches Gedächtnis sollen wir haben?

Hilfreich ist dabei eine Definition der deutschen Kulturwissenschaftler und Ägyptologen Aleida und Jan Assmann, die den Begriff des kulturellen Gedächtnisses geprägt haben. Wir finden diese Form von dokumentiertem Erinnern in alten Mythen, in der Geschichtsschreibung, Erzählungen, Sagen, in Büchern wie der Bibel, dem Talmud und dem Koran, aber auch in Regeln und Gesetzen. Dieses kulturelle Gedächtnis ist "die Tradition in uns, die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewusstsein, unser Selbst- und Weltbild prägen", schreibt Jan Assmann.

Die entscheidenden Wörter sind "gehärtet" und "Wiederholung". Das gemeinsame Gedächtnis wird durch knallhartes Auswendiglernen dressiert. Eine gewaltige Gebetsmühle, deren Mantra "So war es" lautet - und dabei immer ein "So ist es!" meint. Hat man das nicht schon immer gesagt und gedacht? Steht es so nicht in der Bibel, im Koran?

Das ist das Problem mit dem kollektiven Gedächtnis. Es macht aus einer Erinnerung einen Wahrheitsanspruch. Dabei galt noch nie anderes als das: In die Konservenbüchse des kollektiven Erinnerns kommen nur die guten Geschichten wer seine Story am besten erzählen kann, hat gewonnen und wird konserviert. Aber es geht immer auch darum, die Büchsen zu öffnen, die bisher achtlos an der Seite enden.

Genau deshalb gibt es das Lernen. Dieser Vorgang überprüft das kollektive Gedächtnis auf seine aktuelle Richtigkeit. Ohne diese Bearbeitung, diese Neuinterpretation, wären die Erinnerungen reichlich nutzlos, bestenfalls jene Geschichten von früher, die Opa erzählt - während wir gähnen. Lernen - und damit Bildung - hat nur ein Ziel, die Geschichte zu kennen, aber an ihr zu zweifeln. Also etwas Neues daraus zu machen. Nicht etwas, das so sein soll, wie es immer schon war.

6. Die Diktatur des Stückwerks

Doch von dieser einfachen - und so wichtigen -Formel haben wir uns weit entfernt. Wer Lernen sagt, meint meistens Auswendiglernen, Reproduzieren. Ein guter Schüler und Student ist einer, der den Inhalt lehrergerecht - also eins zu eins herunterrattert. Was mit tumbem Memorieren beginnt, endet in monotonen Wiederholungsübungen im Beruf. In seinem Buch "Theorie der Unbildung" schreibt der Philosoph Konrad Paul Liessmann: "Bei allem, was Menschen heute wissen müssen und wissen können, fehlt diesem Wissen jede synthetisierende Kraft. Es bleibt, was es sein soll: Stückwerk - rasch herstellbar, schnell anzueignen und leicht wieder zu vergessen."

Kritik und Skepsis gelten heute als dubios denn sie halten vom "effizienten" Wiederholen ab. Dass dabei, wie Liessmann richtig erkennt, die Probanden mit wohlfeilen Versatzstücken an scheinbar "Wissenswertem" so angefüttert werden, dass "sie das meiste - aus reinen Kapazitätsgründen" gleich wieder vergessen - ist eine andere Geschichte. Dieses Vergessen ist Überforderung. Und dieses Vergessen hat nichts mit dem wichtigen und so notwendigen Begriff des "Nichtwissens" zu tun, den Systemtheoretiker wie Niklas Luhmann und Heinz von Foerster propagierten. Dieses "Nichtwissen" ist das Fundament von Lernen, von Innovation und Problemlösung. Für jeden kreativen Prozess muss man erst mal erkennen, dass man etwas "nicht weiß".

Der Psychiater und Organisationsberater Fritz B. Simon hat das mal so gesagt: "Wissen hat doch heute die Verfallszeit von Südfrüchten - Wissen ist ein anderes Wort für Lernbehinderung geworden (...) Solange ich glaube, dass ,ich weiß', muss ich ja nichts mehr lernen." Nur das "Ich weiß nicht" eröffnet die Chance zu neuen Erkenntnissen.

Das ist richtig, passt aber nicht zur herrschenden Praxis. Machen wir uns nichts vor. Die Zahl der bornierten und selbstgerechten Alt-Wissens-Träger ist nicht kleiner geworden. Überall wieseln sie herum, diese kleinen Auswendiglerner. Ihr Wissen ist nichts wert, blockiert aber die Entwicklung. Ihr kollektives Gedächtnis bestätigen sie sich ständig selbst, durch ihre Milieus, die sie nicht verlassen, denn da könnte man ja mal etwas hören oder auf etwas stoßen, das nicht zum sorgfältig gepflegten Gedächtnisgarten passt. Selbstgerechtigkeit und Wiederholung machen aus ihren Erinnerungen ein Dogma. Kein Wunder: Wer nichts vergessen kann und will, hat irgendwann keinen Platz mehr im Oberstübchen. Das Gedächtnis gleicht einem Schrottplatz. Das falsche Erinnern ist der Feind des Denkens.

In diesem Sinne leben wir in einer Zeit der Unbildung, und Liessmann ist nicht der Erste, dem das aufgefallen ist. Vor 40 Jahren appellierte ein großer Wissenschaftler und Nobelpreisträger an die Schüler seines ehemaligen Münchener Gymnasiums, eindringlich, skeptisch und kritisch zu bleiben, die eigenen Erfahrungen nicht ohne Hinterfragen dem kollektiven Gedächtnis unterzuordnen: "Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles vergessen hat, was man gelernt hat", nannte es Werner Heisenberg.

Bildung ist, was man ist. Kann man das vergessen?

7. Smart Phones statt Smart People

Aber sicher, kein Problem. Hauptsache, man vergisst keinen Termin. Selbstvergessen, aber tüchtig wird der Kampf gegen das Nicht-Erinnern an allen Fronten und mit jedem erdenklichen Mittel geführt: Computer, Assistenten, Archive, Time-Planner-Systeme, die nicht die Zeit planen, sondern nur erinnern sollen. Da machen alle mit, auch wenn sie murren. Das funktioniert, weil niemand etwas vergessen will. Vergessen ist Schwäche. Ein Leistungsträger merkt sich etwas. Was, ist zweitrangig.

Das ist die To-do-Listen-Gesellschaft. Eigentlich ist der Begriff "To-do-Liste" schon absurd. Denn man tut nichts mehr, man erinnert sich nur noch daran, etwas tun zu wollen. Vielfach bleibt bei aller Planung dann eh keine Zeit, um noch zu "machen", also zu handeln und zu entscheiden. Wenn es Probleme gibt, wird zuerst einmal eine To-do-Liste erstellt.

Man kennt das aus Betrieb, Familie, Nachbarschaft und öffentlichen Räumen: Je öfter es klingelt, desto weniger ist dahinter. Wir haben die Technik, uns alles zu merken. Aber wissen wir mehr?

Noch vor einigen Jahrzehnten führten beherzte Pädagogen einen Kampf gegen den Einsatz von Taschenrechnern an Schulen. Die Kinder verlernten das Kopfrechnen, hieß es - und damit die Fähigkeit zum selbstständigen Abstrahieren. Aus dem Vergessen - dem Ver-Lernen - ist mittlerweile vielfach ein Nie-Gewusst geworden. Die alten Lehrer nannte man damals fortschrittsfeindlich. Heute wächst schon die zweite Generation heran, die sich gleich die Kugel geben kann, wenn sie ihr Smart Phone verliert. In diesem Teil steckt das ganze Leben: Telefonnummern, Adressen, Mails. Wer heute sein Handy verliert, verliert zugleich seinen Kopf. Smart ist nur das Telefon. Und der Benutzer?

Doch keine Angst. So smart sind die Dinger nicht. Memex kann sich nicht alles merken, jedenfalls nicht ordentlich. Im Jahr 2008 hörte Google Incorporated auf, die Zahl der von ihrer Suchmaschine verwalteten Dokumente zu zählen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Menge der verfügbaren Dokumente die Zahl von einer Billion Einheiten überschritten. Wo Maschinen zu zählen aufhören, sind Menschen natürlich schon lange überfordert. Aber es fällt noch nicht einmal auf. Die Gedächtnis-Prothese liefert ja alles. Merken kannst du vergessen, Alter. Das kollektive Gedächtnis des Internets ist natürlich nicht besser, demokratischer oder netter als seine auf Papier gespeicherten Vorgänger. Aber es verstärkt Effekte bis ins Extreme. Papier ist geduldig, das Internet hingegen ist lethargisch.

Beide Medien nehmen alles auf, ob überprüft oder nur behauptet. Aber die Art und Weise, wie sich falsche Nachrichten und Behauptungen im Netz verbreiten und sich so dauerhaft durchsetzen, selbst wenn das Original längst gelöscht ist, macht einen entscheidenden Unterschied aus. Es ist eben nicht nur wichtig, was man sagt, sondern auch wann und unter welchen Umständen. Memex aber tut so, als ob es eine einzige Gegenwart gäbe, keinen Kontext mehr, nur mehr ein riesiges Informationsmeer. Was haben wir vor drei, vier Jahren gesagt und gedacht? Und heute? Stimmt das noch? Wahrscheinlich nicht.

Das Internet aber vergisst nichts. Es wärmt unsere Irrtümer genauso auf wie unsere früheren Positionen, so richtig sie im Kontext waren, und serviert sie so, dass jeder glaubt, die ganze Sache sei eben frisch gekocht worden. Dabei ist alles Konserve - mit gefälschtem Haltbarkeitsdatum.

Die Gnade des Vergessens hat bisher jeden menschlichen Prozess am Laufen gehalten. Jeder hat das Recht darauf, dass ihn sein Geschwätz von gestern, wie es Konrad Adenauer nannte, heute nicht mehr interessieren muss. Dabei geht es nicht um Beliebigkeit oder andere Haltungsschäden, sondern um Entwicklung, Lernen und Fortschritt.

Das Weltgedächtnis des Internets ist auf ständige Wiedervorlage geschaltet. Es führt vor und macht so Vergangenheit und Entwicklung zu bloßen Statisten.

Da berichtet ein Datenbankexperte aus Hamburg von den verzweifelten Versuchen eines Politikers, sein "Geschwätz von gestern" ungeschehen zu machen. Vor zehn Jahren machte er sich für die "neue Wirtschaft" stark. Heute gilt das in seiner Partei als "neoliberales Geschwätz". Was er sagte, ist nicht falsch, nur der Geschmack hat sich geändert. Es ist nicht mehr "opportun". So wird man leichte Beute des Parteifreunds. "Im besten Fall kriegen wir so etwas bei Google ein wenig nach hinten gereiht. Aber mehr ist nicht drin", sagt der Datenbankexperte: "Das Netz vergisst nichts."

Ist das nicht gut? Müsste sich nicht jeder genau überlegen, was er sagt, wann auch immer? Das wollen wir doch! Wie immer führt die Moral zu schweren Haltungsschäden. Denn statt Rückgrat wird Unverbindlichkeit zur Norm. Was schon im Fernsehzeitalter üblich war, das allgegenwärtige "jein" und "vielleicht", wird zum allgemeinen Ton. Wer nichts sagt, kriegt auch keinen Ärger. Man kann die Produkte dieser Entwicklung täglich bestaunen. Sie steigen in höchste Funktionen und Ämter auf. Sie stehen für nichts, denn sie haben keine Geschichte zu erzählen. Das ist die Lösung für alle Gedächtnisprobleme. Wer nichts tut, keine Widersprüche erregt, braucht sich an nichts zu erinnern - denn da ist nichts. Das ist das Ende der Geschichte. Kein Inhalt, kein Widerspruch, nirgends.

8. Die Bewusstlosen

Nicht wenige reagieren im Internet aber ganz anders. Wo es keine Geschichte gibt, kann man ganz ungeniert das kollektive Gedächtnis zum Stammtisch der Gefühle machen. Ohne Rücksicht auf Verluste beleidigen, diskreditieren, denunzieren. Macht ja nix! Ist ja "nur das Internet". Vergessen wir's.

In der frühen Wissensgesellschaft gehen die Leute mit Menschen und ihrem neuen Rohstoff, Informationen und Wissen, so brutal und gedankenlos um wie einst die Industriekapitalisten mit Arbeitern und Umwelt. Der Maschinenmensch hat kein Bewusstsein, keine Geschichte, nur ein Programm, genau genommen eine Endlosschleife. In der dreht das kollektive Unbehagen seine Runden. Wenn man die ersten Personal Computer mit zu vielen Daten fütterte, blinkte am Monitor die Meldung "Out of Memory" auf. Der Speicher ist voll. Da hilft nur eines. Strom aus. Neustart. Die Folge: Die alten Daten sind futsch.

Einer Gesellschaft, die das, was ist, nur an dem misst, was war, ist so ein überforderter, alter PC. Out of Memory - da geht nichts mehr. Wer zieht den Stecker?

Damit erschöpfen sich aber auch schon die unzähligen Vergleiche zwischen mechanischem Computergedächtnis und menschlichem Erinnern. Hans Markowitsch, einer der renommiertesten Gedächtnisforscher der Welt, Professor an der Universität Bielefeld und Verfasser zahlreicher Standardwerke zum menschlichen Memory-System, winkt sowieso gleich ab: "Das Gehirn ist kein Computer. Es ist nicht darauf angelegt, sich alles zu merken. Es muss vergessen, und außerdem: Mehr als fünf, sechs Wissenspunkte kann sich sowieso kein Mensch merken. Das genügt auch." Da kichert das Smart Phone (kurz bevor wir ihm den Akku ziehen).

So wenig Gedächtnis soll genügen? Und was ist dann das kollektive Gedächtnis wert, wenn das persönliche schon so schwach auf der Brust ist? Woran soll man sich orientieren? Ach, winkt Markowitsch ab, "die wenigsten richten sich in ihrem Alltag am kollektiven Gedächtnis aus. Dafür hat man doch gar keine Zeit." Die meisten können sich an die Geschichte nicht erinnern, weil sie sie nie gekannt haben.

Was heißt das nun? Eben, so Markowitsch, dass wir uns "umstandsabhängig erinnern. Wenn wir unser Gedächtnis bemühen, dann hängt es davon ab, unter welchen Umständen wir etwas gelernt haben, uns etwas gemerkt haben. Waren die gut besetzt oder schlecht? Wer eine Sache unter negativen Begleitumständen kennengelernt hat, behält sie auch in schlechter Erinnerung. Das funktioniert auch umgekehrt."

Da liegt es nahe, die Erinnerung als das zu behalten, was sie ist, das Konglomerat aus ein bisschen Realität und viel Einbildung. Markowitsch hat diese "False Memories", die "falschen Erinnerungen", wissenschaftlich erforscht. Schon lange ist bekannt, wie sich Erinnerungen im Laufe der Zeit verändern. Kann man also auf sein Gedächtnis wirklich bauen? Und kann man das Schicksal anderer Leute von einer Erinnerung abhängig machen, die höchst unzuverlässig ist? Genau das tut man immer wieder - bei Zeugen vor Gericht etwa, aber auch bei "Zeitzeugen". Jeder erzählt "seine Geschichte". Auf das Gedächtnis allein ist kein Verlass.

Das hat auch gute Seiten, sagt Markowitsch: "Vergessen ist eine der wichtigsten intellektuellen Leistungen. Ein Zuviel an Erinnern ist falsch, macht krank und unglücklich - und vor allem", so fasst er den Sinn seiner Arbeit zusammen: "Es behindert jede Form von Entwicklung."

9. Die vergangene Zukunft

Unternehmer, die nicht vergessen können, was mal richtig war, scheitern ebenso wie jene, die aus ihren Fehlern nur eines gelernt haben: Alles vermeiden, was zu einer Neuauflage führen könnte. Dabei sollten wir etwas anderes nicht vergessen, mahnt Markowitsch: "Wir predigen immer noch viel zu viel Wissensakkumulation, die aber nichts bringt. Entscheidend ist doch: Wie komme ich an Wissen ran, und was mache ich daraus? Man muss nicht wissen, sondern können." Damit wird das Vergessen das, was erst die Voraussetzung für "kognitive Flexibilität" bildet, wie er sagt. Oder anders: "Vergessen sorgt dafür, dass wir lernen können und kreativ sind."

Die alte Geschichte bringt uns nicht mehr voran. Wer sich, wie diese Gesellschaft, keine neue zutraut, hat eigentlich nur ein Mittel: Rekall. Gibt's noch was? Denken wir nach.

Der Historiker Bernd Roeck empfiehlt etwas anderes: Geschichte. Roeck, der an der Universität Zürich lehrt, weiß: "Wir leben in einer Welt voller falscher Schlussfolgerungen." Das alte kollektive Gedächtnis mit seinen linken wie rechten Helden, Zahlen und Taten führt auf den Holzweg. "Geschichte betreiben heißt, sich mit den Träumen und Projekten, mit den Hoffnungen und den Ängsten unserer Vorfahren zu beschäftigen", sagt er und weiter: "Geschichte bedeutet, die Bedingungen menschlichen Daseins in den verschiedenen Gesellschaften kennenzulernen. Sie erklärt uns, wer wir sind, indem sie rekonstruiert, wie wir geworden sind. Das ist eine Art ,vergangene Zukunft'."

Und natürlich: Geschichte wiederholt sich nicht. Jedenfalls nicht exakt. Und gerade deshalb kann man aus ihr lernen - "woraus sonst?", fragt Roeck. Deshalb hat er in Zürich den Lehrgang "Advanced Studies in Applied History" etabliert, in dem Banker, Techniker, Naturwissenschaftler, Manager und Unternehmer lernen, wie man mit Geschichte Zukunft macht. Es sind, sagt Roeck, Menschen, die von "kurzlebigen Motivationskursen genug haben - und auch von den kurzsichtigen Antworten, die zu enge Fachgebiete geben müssen. Geschichte ist eine intellektuelle Software, mit der sich die Komplexität der Welt und ihrer Dinge erschließen lässt." Die hilft, den zu engen Blick der falschen Erinnerungen zu überwinden. Man redet über "die Geschichte der Gier" oder was "Religion für die Wirtschaft bedeutet". Vor dem Hintergrund von Finanzkrise und dem Wiedererstarken des Fundamentalismus sind das elementare Fragen.

Wäre es denn so schlecht, wenn einige, die gern die Erinnerung an die Vergangenheit beschwören, sich mal wirklich mit ihr auseinandersetzten? Das hieße, im Sinne der angewandten Geschichte, nachzusehen, was Menschen ticken lässt - und nicht, wie man sie ticken macht.

Die wahre Geschichte also, das, was man sich merken sollte, die Träume, die Hoffnungen, die Ängste und Wünsche von Menschen. Das ist unsere Geschichte.

Den Rest kann man vergessen. -

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