Ausgabe 08/2010 - Was Wirtschaft treibt

Strom im Napf

- Am Anfang war nicht das Pferd, sondern der Hund. Jedenfalls in Amerika, wo die Indianer den Hund als Lastentier nutzten. Er war nicht so stark wie später das Pferd, aber ein paar Habseligkeiten auf zwei Stangen hinter sich herschleifen konnte er allemal. Nun, ein halbes Jahrtausend später, kommen sie in den USA erneut auf den Hund. Nur ist es jetzt ein Wesen ganz aus Stahl und Kunststoff: der "Big Dog".

Der "Große Hund" wird von der Waffenschmiede Boston Dynamics im Auftrag der Darpa gefertigt, der Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums. Er ist also eine Ausgeburt des Militärs. Und so sieht er auch aus. An ihm ist nichts Haariges, Schmusiges oder auch nur Schlappohriges mehr, er hechelt nicht, sabbert nicht, wedelt nicht mit dem Schwanz und riecht nicht nach Hund. Er riecht nach Motorenöl, und wenn er auf seinen Stahlbeinen durchs Gelände stakst, dröhnt er, wie eine Maschine eben dröhnt. Seinen Weg findet er mithilfe eines Satel-liten-Navigationssystems. Als Lasttier ist der 76 Zentimeter hohe und 100 Kilogramm schwere Big Dog seinen Artgenossen aus Fleisch und Blut überlegen. Er kann vier schwere Rucksäcke oder notfalls einen verwundeten Soldaten in Kampfausrüstung schleppen. Mit einer Laufstrecke von 20 Kilometern am Stück stellte er 2008 einen Weltrekord für vierbeinige Roboter auf. Davon bekäme so mancher echte Fiffi heiße Pfoten.

Obwohl Big Dog Technik pur ist, bewegt er sich wie eine lebendige Kreatur. Strauchelt er auf Glatteis, so fängt er sich wieder, und selbst einen kräftigen Tritt in die Flanke balanciert er tänzelnd aus. Wenn er leichtfüßig Abhänge, Kiesbette und sogar Schnee überwindet, sieht er zumindest aus der Ferne einem großen Hund ähnlich - und doch lässt einen sein Anblick erschaudern: Er hat keinen Kopf. So wirkt er wie ein Abgesandter aus der Welt der Toten. Was er ja auch irgendwie ist.

Späher für den Kampfeinsatz

Der kopflose Hund ist nicht das einzige künstliche Wesen aus den Werkstätten der Militärs. Von Boston Dynamics stammt auch RHex, ein tief gelegter Wühler in Schweinsgröße, der in seinen Bewegungen an ein sprintendes Krokodil erinnert. Auf sechs rotierenden Schaufelbeinen, die ihn flappend vorwärts wuchten, durchquert er Unterholz, Morast und Tümpel. Anders als Big Dog scheint er dabei kaum auf Balance zu achten. Denn verliert er einmal das Gleichgewicht und poltert eine Geröllhalde hinab, marschiert er unten einfach weiter. RHex ist Metall gewordener Überlebenswille. Auch Riesenheuschrecken und -schaben, Libellen, Schlangen und Fische bevölkern das Bestiarium der Militärs. Der dachsgroße Precision Urban Hopper etwa schleudert sich mit einem Katapultmechanismus über siebeneinhalb Meter hohe Zäune, die beschwänzte Riesenschabe Rise hievt ihren zwei Kilogramm schweren Körper an Wänden und Bäumen senkrecht hinauf, und Fluggeräte von Hummel- bis Vogelgröße schwärmen zur Aufklärung in die Lüfte aus.

Die nahe liegende Aufgabe solcher Tierroboter ist die Unterstützung im Kampfeinsatz. Sie sollen spähen und schleppen, Minen entschärfen und ferngelenkt angreifen. Ist die Technik erst einmal erprobt, lassen sie sich auch für zivile Zwecke nutzen. Beim Stopfen des Öllecks im Golf von Mexiko haben Roboter zwar versagt, doch auf lange Sicht halten Forscher den Einsatz künstlicher Tiere bei Katastrophen für hilfreich. Schlangenroboter könnten bei Erdbeben nach Überlebenden suchen, Vogelroboter verseuchte Gebiete aus der Luft erkunden und Hunderoboter Eingeschlossene mit Nahrung versorgen.

Der Nutzen, ob militärisch oder zivil, ist es dabei wohl nicht allein, der uns solche Geschöpfe ersinnen lässt. Eine wichtige Triebkraft ist sicher auch die Faszination, die Roboter in Tier- oder Menschengestalt auf uns ausüben. Wir begeistern uns sowohl für die scheinbar lebende Materie selbst als auch für unseren eigenen Genius, der die tote Materie zum Leben erweckt. Dafür spricht, dass dieser Schöpfergeist den Menschen seit jeher umtreibt. Schon in der Antike haben Wasser und Druckluft Statuen scheinbar zum Leben erweckt und ausgeklügelte Feder- und Hebelmechanismen später Metallgeschöpfe komplexe Handlungen vollziehen lassen. So soll im 18. Jahrhundert der geniale Erfinder Jacques de Vaucanson zur Belustigung des französischen Hofes eine lebensgroße Ente aus Metall konstruiert haben, die Körner aufpickte, sie hinunterschluckte, verdaute und als kleine Häufchen wieder ausschied.

Spielkameraden für die Kleinen

Begründet wurde die Tradition der heute elektronisch gesteuerten Robotertiere von - wie könnte es anders sein - einem Hund. Aibo von Sony dackelte 1999 erstmals durch die Welt, und das nicht nur zur Freude der Kinder wohlhabender Eltern, sondern auch zur Freude der Forscher. Denn mit Aibo stand ihnen eine voll funktionsfähige Roboter-Hardware zur Verfügung, die sie mit ihrer Software ausstatten konnten. Im jährlichen Wettstreit um den "Robo Cup", bei dem Entwickler ihre Roboterknechte im Fußball gegeneinander antreten lassen, gab es folgerichtig eine eigene Aibo-League, in der zwei Mannschaften äußerlich identischer Hunde um den Ball kämpften. Dabei gewannen nicht die besten Techniktüftler, sondern die besten Programmierer.

Nach 150 000 verkauften Exemplaren hatte Aibo 2006 ausgebellt, verdrängt von attraktiveren Spielgefährten. Martialische humanoide Kampfroboter und natürlich auch Tiere nahmen seinen Platz ein. Star unter den mechanischen Haustieren ist aktuell der Roboter-Dinosaurier Pleo, der Kinder wie Erwachsene rührt und begeistert. Ein Redakteur der "Wirtschaftswoche" schrieb über "eine kleine Sensation", mit der "das Verhältnis zwischen Mensch und Maschinen eine neue Qualität erreicht". Ein anderer stellte Pleo in der Sparte Unterhaltungselektronik in eine Reihe mit dem iPhone. Äußerlich ähnelt der Roboter einem frisch geschlüpften Camarasaurus-Baby, doch in seinem Innern nistet Hightech. Mithilfe von 38 Sensoren kann er sehen, riechen, hören, Berührungen spüren und seine Lage bestimmen. 14 Motoren unter seiner grünen und braunen Haut lassen ihn tapsen, fiepen, buckeln, sich strecken, mit den Augen plinkern und mit dem Schwanz wedeln.

Zwar spult Pleo in Wirklichkeit nur Programme ab, doch sein Verhaltensrepertoire - inklusive Neugierde - ist so vielfältig, als hätte er Persönlichkeit und Charakter. Damit ganz bestimmt keine Langeweile aufkommt, bekam er als Bauchnabel einen US B-Port verpasst. So kann das Herrchen neue Persönlichkeiten aufspielen, wie sie die Fangemeinde ins Internet stellt. Das Modul "Pleosaurus Rex" etwa macht aus ihm ein wild fauchendes Ungeheuer, während man im Watchdog-Modus Anschleichen spielen kann. Doch das Tier brachte seinem Hersteller Ugobe kein Glück - im April 2009 war er pleite. Pleo überlebte diesen ökonomischen Meteoriteneinschlag und schlüpfte bei Innvo Labs mit Sitz in Hongkong und Nevada unter. Auch dort ist man mächtig stolz auf den kleinen Kerl: "Das beste Kompliment", sagt Innvo-Labs-Chef Derek Dotson, "das ich bekomme, ist, dass Pleo ein Teil der Familie geworden ist."

Noch eine Stufe plüschiger ist die Baby-Robbe Paro. Doch was wie eine Kuschelrobbe für Kleinkinder wirkt, ist ein sogenannter therapeutischer Roboter. Sein Biotop ist das Altenheim, dessen Bewohner er animieren soll. Tiere in der Verhaltenstherapie einzusetzen ist nicht neu. Sie sollen Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen entspannen und motivieren, sie vitaler und kommunikativer machen. Unproblematisch ist der Einsatz echter Tiere nicht - man denke an Allergien, Hygiene und einen Rest Unberechenbarkeit. Kein Wunder, dass gleich mit dem Erscheinen des Roboterhundes Aibo die Idee aufkam, künstliche Wesen einzusetzen. Forscher der Saint Louis University machten die Probe aufs Exempel und untersuchten die Reaktionen von 38 Senioren. Das Ergebnis überraschte selbst die Skeptiker: Aibo verringert die Einsamkeit der Heimbewohner ebenso gut wie ein echter Hund - nur dass er keine Parasiten überträgt, nicht haart und fusselt, keine Häufchen macht und garantiert auch niemals zuschnappt.

Die Roboter-Robbe will Strom, keine Milch

Trotzdem eignet sich die Maschine nur bedingt als Tierersatz. Zu Robotertieren fühlen sich vor allem Menschen hingezogen, die früher selbst keine Tiere hatten, also nicht wissen, welche Verhaltensweisen man von einem Hund erwarten darf. Denn ein Roboterhund muss im Vergleich mit einem echten Tier enttäuschen, sagt Barbara Klein, Professorin am Fachbereich für Soziale Arbeit und Gesundheit der Fachhochschule Frankfurt am Main. Bei einer Robbe ist das wohl anders. Kaum jemand hat eine Ahnung, wie sich ein Heuler verhält. Die Erwartungen sind entsprechend niedrig - und werden selten enttäuscht.

Der Frust wird sich auch daher in Grenzen halten, weil Paro allerlei kann. Die Kuschelrobbe ist am Tag aktiv und am Abend müde, sie benimmt sich wie ein echter Heuler und ist lernfähig. Ruft jemand ihren Namen, wendet sie sich ihm zu; wer mit ihr kuschelt, erlebt sie heiter und freundlich, aber wenn man sie nicht ausreichend beachtet, motzt sie. Wenn sie hungrig ist, bettelt sie - statt Milch bevorzugt sie dann jedoch Strom, den sie über einen als Schnuller getarnten Stecker einsaugt.

In den USA und in Japan ist die Spezies schon heimisch geworden. Mehr als 1000 Tiere, die das japanische Intelligent Systems Research Institute seit 2004 in Handarbeit hat produzieren lassen, gingen vor allem in diese beiden besonders robophilen Länder. In Deutschland ist Paro kaum bekannt. Eines der seltenen Exemplare ist im Besitz von Barbara Klein. Seit zwei Jahren testen ihre Studenten ihn in Seniorenheimen. Die Erfahrungen seien "sehr positiv". Genaueres will Klein erst nach systematischen Untersuchungen sagen. Dann wird sich zeigen, ob Paro auch bei uns Menschen in Pflegeheimen aufblühen lässt. In Japan gelingt es ihm, wie Studien bewiesen haben.

Doch ob Paro jemals in deutsche Heime einzieht, muss offen bleiben. Anders als in Japan, wo man kaum Berührungsängste mit Robotern kennt, verbreitet die Ankunft des unschuldigen Dauerschmusers in Deutschland überwiegend Erschrecken, als stünde Godzilla vor der Tür. So provozierte die kleine Meldung "Roboter-Robbe auch für deutsche Altenheime?" im Internetportal des Technik-Verlags Heise 94 Zuschriften. Zwar hießen manche Paro als Hilfe bei der Pflege dementer Angehöriger willkommen, doch die meisten reagierten sehr ablehnend. Es sei, schrieb einer, "soziale Onanie", alte Menschen "mit totem Spielzeug ruhigzustellen".

Aber alles Unken hilft nichts, die toten Tiere sind da. Sie schicken sich an, wichtige Nischen zu besetzen: als Gefährten im Kampf, im Spiel und in der Einsamkeit. Vielleicht werden sie bald weitere erobern: als mechanische Goldfische, die in stiller Zier ihre Bahnen durch Aquarien ziehen, als künstliche Pferde, die uns beim Ausritt über Stock und Stein tragen, oder als intelligentes Haustier, das uns bei der Heimkehr mit Gebell begrüßt und gleich die Leine fürs Gassigehen holt - damit wir Auslauf bekommen, wohlgemerkt. Bis Big Dog jedoch als Schoßhund durchgehen kann, braucht er noch eine Extraportion Charme mit einem kuscheligen Fell, einem wedelbereiten Schwanz und einem treuen Blick. Auf das Sabbern, Müffeln und Häufchen könnte man ja verzichten. -

Buchtipp:

Christian Weymayr und Helge Ritter:
"
Roboter - Was unsere Helfer von morgen heute schon können"

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