Ausgabe 01/2010 - Schwerpunkt Selber machen

Kapital gegen Unternehmer

brand eins: Herr Walger, ein Diplomand betritt Ihr Büro und sagt, er habe eine Idee für das ultimative Autoradio. Er wolle sich nach dem Studium selbstständig machen. Was raten Sie ihm?

Gerd Walger: Wenn die Idee gut ist, werde ich ihn ermutigen und ihm anbieten, ihn zu coachen.

Der Gründer braucht zuerst einmal Geld. Woher bekommt er es?

Die Banken fordern Sicherheiten für ihre Kredite. Die haben Gründer in den wenigsten Fällen zu bieten. Deshalb geben die Banken den Gründern in der Regel kein Geld. Also versuchen viele, für ihre Firma Risikokapital einzusammeln. Oft sind Beteiligungs gesellschaften die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen. Doch dann entsteht ein anderes Spiel.

Wie ist das zu verstehen?

Risikokapital-Investoren stecken Geld in Firmen, weil sie das Unternehmen mit Gewinn wieder verkaufen wollen. Dahinter steckt eine andere Logik als die des Gründers, der ein Produkt herstellen und vermarkten will. Das hat Folgen, die den meis ten Gründern nicht bewusst sind. Der Investor handelt mit Firmen. Für ihn zählt der möglichst hohe Wiederverkaufswert und der möglichst schnelle Wiederverkauf. Steige ich als Investor in eine Firma ein, spekuliere ich auf einen höheren Preis, der sich am Markt für Unternehmens käufe bildet. Wenn alle glauben, dass der Preis steigt, auch ohne dass ein Unternehmen etwas produziert, entsteht eine Blase. Der Gründer versteht unter Unterneh menswert etwas anderes: Er will sich mit seinem Unternehmen verwirklichen, er will etwas schaffen.

Es gibt also einen Widerspruch zwischen Kapital und Unternehmertum?

So ist es. Interessanterweise ist die Kapitallogik heute gegen das Unternehmertum gerichtet. Ich muss nichts produzieren, nichts Neues schaffen: In der Logik des Handels geht es um die Preisdifferenz am Markt und um die Umsatzgeschwindigkeit. Insofern steht diese Kapitallogik gegen das, was Unternehmertum heißt, und damit gegen das, was wir in Deutschland dringend brauchen.

Wenn ein Investor eine Firma teuer verkaufen will, muss diese Firma erfolgreich sein. Beide sitzen doch im selben Boot.

So formulieren es die Beteiligungsgesellschaften auch. Immer wieder wird dem Gründer gesagt: 'Wir haben dasselbe Interesse. Du willst den Unternehmenswert steigern - wir auch.' Aber der Gründer muss am Markt der Produkte reüssieren und nicht am Markt für Unternehmenskäufe.

Ist ein florierendes Unternehmen nicht die Voraussetzung für die Steigerung seines Wertes?

Im Handel ist die Geschwindigkeit, in der etwas umgesetzt wird, sehr wichtig. Der Aufbau eines Unternehmens aber braucht eine gewisse Zeit. Die Handelslogik verlangt jedoch ein viel schnelleres Wachstum, als man eigentlich in der Entwicklung eines Unternehmens erreichen kann. Das heißt, wir haben zwei Geschwindigkeiten. Und das führt zu Zielkonflikten.

Gründer haben oft keine andere Wahl, als sich mit Private-Equity-Gesellschaften einzulassen, weil ihnen sonst niemand Geld gibt.

Genau da liegt das Problem. Private-Equity-Gesellschaften halten eine Firma drei bis maximal fünf Jahre. In dieser kurzen Zeit können Sie als Gründer nicht wirklich erfolgreich werden. Oft genügt den Investoren eine Produktidee, und oft genug wird das Produkt nicht zu Ende entwickelt, bevor das Unternehmen verkauft wird.

Ein Gegenbeispiel ist die Allwettermarke Jack Wolfskin, die einer Beteiligungsgesellschaft gehört: Jeder kennt das Markenzeichen der Wolfstatze, in jeder Innenstadt gibt es Geschäfte. Das hat dem Unternehmen doch nicht geschadet.

Es wurde allerdings schon Anfang der achtziger Jahre gegründet, und nach 20 Jahren stieg die erste Beteiligungsgesellschaft ein. Die Frage ist, ob das Unternehmen sich neu wird gründen können, wenn der Schwung dieser Anfangsphase vorbei ist und der mittlerweile dritte oder vierte Investor seine Marge machen will. Un ternehmer zu sein bedeutet, die eigene Idee zu realisieren. Die deutsche Wirtschaft war wegen ihrer Unternehmer lange erfolgreich. Sie haben mit Produktinnovation und Qualität die Wirtschaft nach vorn gebracht. Auf diesen beiden Säulen aufbauend, haben sie einen weltweiten Vertrieb aufgebaut - Stichwort Export weltmeister. Insofern ist es schon eine wichtige Frage für die deutsche Wirtschaft, ob man nicht zurück zu den Wurzeln muss.

Muss man?

Die Krise konfrontiert uns mit der Frage, wie eine wirtschaftliche Strategie in Deutschland aussehen soll. Die Handelslogik ist keine Strategie. Es geht nicht darum, den Handel zu verteufeln. Aber wir brauchen Unternehmer, die Dinge entwickeln und produzieren. Genau damit waren wir in der Nachkriegszeit sehr erfolgreich: Es gelang uns, den Mittelstand zu schaffen, eine breite Schicht von Unternehmern, die die Gesellschaft gestützt haben. Dies bekommen wir heute - weil unser Finanz- und unser Bildungssystem nicht mehr richtig funktionieren - nicht mehr hin. Unsere Gesellschaft kommt in große Schwierigkeiten.

Nur weil Gründer es heute schwerer haben? Sie übertreiben.

Nein, wir brauchen Innovationen, und die kommen eben meist von jungen Firmen. Schauen Sie sich doch einmal um: Wir kommen besser durch die Krise als etwa Großbritannien, weil wir Substanz haben. Der Mittelstand ist unsere Substanz. Aber wir brauchen neue Firmen, neue Ideen, mehr Mittelstand.

Sind Mittelständler damit nicht überfordert? Sie können doch in die Entwicklung viel weniger Mittel stecken als ein großer Konzern.

Ich glaube schon, dass diese Innovationen am leichtesten von Gründern zu realisieren sind, weil große Strukturen dazu neigen, bestimmte Systematiken zu verfestigen: Sie wiederholen, was sie gut können, aber sehen nicht das Neue.

Wenn die Banken keine Kredite an Gründer geben und Risikokapital ein Unternehmen erstickt: Was kann man dann tun?

Die Dinge selber machen. Darin sind zwei entscheidende Momente enthalten: das Selbst und das Machen. Man muss sich fragen: Wer bin ich, was kann ich, und was will ich? Daraus wächst ein erfolgreiches Unternehmen.

Und die Finanzierung?

Ich muss dafür sorgen, dass ich mit meinen Produkten zügig an den Markt komme und mit ihnen eine Refinanzierung schaffe.

Wer kann denn so schnell schon Geld verdienen?

Unternehmer investieren das Geld, das sie haben, in die Entwicklung ihrer Produkte. Deshalb fangen die meisten Unternehmensgeschichten ohne Kapital an. Möglicherweise ist das Kein-Geld-Haben ein viel größerer Motor für die Entwicklung, als wenn man immer schon mit Kapital ausgestattet ist. Kapital ist für Entwicklung, Kreativität und Innovation nicht unbedingt nötig. Vielleicht sogar eher hinderlich. Möglicherweise braucht man weniger, als die meisten glauben.

Wenn einem während des Aufbaus eines Unternehmens das Geld ausgeht, ist das ein schwacher Trost.

Die Frage ist: Wie weit muss ich ein Produkt entwickeln, wie schnell kann ich es an den Markt bringen? Entwickler sind Perfektionisten. Sie tüfteln bis zum Geht-nicht-mehr. Es braucht eine ökonomische Stopp-Regel, die vorgibt: Jetzt bringst du dein Produkt auf den Markt, auch wenn es noch keine göttlichen Formen angenommen hat. Und damit finanzierst du das nächste Produkt.

Also noch einmal von vorn: Kommt ein Diplomand in Ihr Büro. Soll er sich nach all dem wirklich selbstständig machen?

Immer noch: ja. Die Kreativität des Unternehmers ist doch etwas Faszinierendes. Wir sind über viele Jahrzehnte in Deutschland in der Lage gewesen, Autos zu bauen, die kein anderer bauen konnte. Man muss immer schauen: Was ist das originäre Moment, das mich unvergleichlich macht? Das muss ich nach vorn bringen.-

Gerd Walger ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Witten / Herdecke, Mitgründer ihrer Wirtschaftsfakultät und Gründer des Instituts für Unternehmer- und Unternehmensentwicklung (I U U). Seit 30 Jahren berät er Gründer, Nachfolger und Unternehmer und sitzt in zwei Aufsichtsräten von inhabergeführten Firmen.

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