Ausgabe 09/2010 - Gute Frage

Weshalb ist Alkohol hierzulande erlaubt, Haschisch jedoch verboten?

• Acht Wochen noch, dann könnte in Kalifornien eine echte Gras(wurzel)-Revolution ausbrechen. Nachdem an der Westküste rund 600 000 Unterschriften für ein Referendum gesammelt worden waren, werden Kaliforniens Wähler am 2. November über eine landesweite Freigabe von Cannabis entscheiden. Setzen sich die Befürworter durch, darf im größten US-Bundesstaat jeder Erwachsene die weiblichen Blüten der Cannabis anbauen und konsumieren.

Die Chancen für eine Liberalisierung stehen nicht schlecht. Dass die Befürworter in Umfragen führen, liegt nicht nur daran, dass der Pleitestaat mit der Legalisierung mehrere Hundert Millionen Dollar an Gerichts- und Gefängniskosten sparen würde. Die Drogenliberalen haben auch eine ganze Reihe nüchterner Argumente auf ihrer Seite.

Wer sich regelmäßig am Cannabis-Wirkstoff THC berauscht, riskiert Herz- und Kreislaufprobleme, Lungenerkrankungen, psychotische Schübe und Blackouts. Das ist eines der Ergebnisse einer Übersichtsstudie*, für die australische Forscher kürzlich den weltweiten Wissensstand ausgewertet haben. Neun Prozent aller, die jemals gekifft haben, entwickeln demnach eine Abhängigkeit. Das ist ein beachtliches Risiko. Im Vergleich zu anderen Substanzen ist es jedoch gering. Rund 140 000 deutsche Raucher bezahlen jedes Jahr ihre Abhängigkeit mit dem Leben. König Alkohol bringt – die Todesfälle durch betrunkene Autofahrer nicht eingerechnet – Jahr für Jahr etwa 73 000 Bundesbürger unter die Erde. Jedes Jahr werden hierzulande 26 000 Kinder und Jugendliche mit Alkoholvergiftungen in Krankenhäuser eingeliefert und 4000 Säuglinge mit dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) geboren – einer schweren körperlichen und geistigen Behinderung, die als Folge von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft auftritt – die Bundesrepublik hat, mit anderen Worten, ein echtes Drogenproblem.

Dennoch dürfen die mächtigsten Drogendealer ihren Stoff zur besten Sendezeit bewerben. Dennoch ist der Alkohol, den sich nach offiziellen Schätzungen 9,5 Millionen Bundesbürger in gesundheitlich bedenklichen Mengen hinter die Binde gießen, für jeden Erwachsenen frei erhältlich. Dennoch sieht Mechthild Dyckmans, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, keinen weiteren Handlungsbedarf gegen Suff und Rausch. Alkoholkonsum gehöre nun einmal zur Kultur und sei "aus unserem gesellschaftlichen Leben nicht mehr wegzudenken" wiegelte die FDP-Abgeordnete kürzlich öffentlich ab. Wo? Auf einer Pressekonferenz des Bundesverbandes der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure (BSI) in Frankfurt.

Harte Worte findet Deutschlands oberste Suchtexpertin lediglich gegen jene Drogen, die Politiker meinen, wenn sie von Drogen sprechen. Für die Bundesregierung sei eine Freigabe von Cannabis tabu, erklärt Dyckmans via Abgeordnetenwatch.de. Ein Interview zum Thema lehnte sie ab. Und weiter: Zwar sei auch der Konsum von Tabak und Alkohol mit erheblichen Gesundheitsrisiken verbunden. "Das kann aber kein Argument dafür sein, diesen bestehenden Gesundheitsrisiken durch eine Legalisierung von Cannabis noch weitere hinzuzufügen."

Dabei muss man kein Quartalskiffer sein, um die Kriminalisierung von Cannabis für kontraproduktiv, kostspielig und verlogen zu halten. Im Gegenteil: Es reicht, Kosten und Nutzen der geltenden Verbotsstrategie einmal klaren Kopfes aufzurechnen. Was wäre beispielsweise, wenn der Staat die Summen, die er in einem aussichtslosen Kampf verpulvert, in Aufklärung und Hilfe für Betroffene investierte? Wie wäre es, wenn Polizei und Justiz sich nicht mehr mit jährlich rund 130 000 Anzeigen wegen "illegaler Einfuhr oder Handel von Cannabis" herumschlagen müssten, indem man Haschischraucher genauso wenig kriminalisiert wie Schnapstrinker? Was, wenn der Staat den Handel selbst kontrollierte, anstatt ihn Dealer-Netzwerken zu überlassen?

Geholfen wäre damit auch jenen, die im verlorenen "Krieg gegen die Drogen" an vorderster Front kämpfen. In Mexiko haben in den vergangenen vier Jahren bei Auseinandersetzungen der Kartelle mindestens 14 000 Menschen ihr Leben verloren, in Kolumbien finanzieren sich Terrorarmeen durchs Kokaingeschäft. "Durch den illegalen Drogenhandel entstehen Korruption und Gewalt", kritisierte César Gaviria, der ehemalige Präsident Kolumbiens, kürzlich in einem brand eins-Interview (05/2010). Gaviria rechnete vor, wie der Preis für ein Kilo Kokablätter von 300 Dollar, die ein Bauer in den Anden erlöst, dank Kriminalisierung und künstlicher Verknappung auf 100 000 Dollar beim Endkunden in den USA oder Europa klettert. Die Traum-Marge von 33 000 Prozent* landet in den Taschen von Drogenkartellen, für die, so Gaviria, "es nichts Besseres gibt als einen hohen Preis". Das ist ein Zusammenhang, den jeder halbwegs helle Drogenkurier verstehen kann. Nicht aber die bundesdeutsche Drogenbeauftragte.

"Märkte entstehen durch Angebot und Nachfrage, nicht durch Verbote. Und die organisierte Kriminalität würde auch nicht plötzlich verschwinden, wenn Cannabis legalisiert würde", behauptet Frau Dyckmans – was etwa so lebensfern ist wie die These, die US-Mafia habe ihre glänzenden Geschäfte während der Prohibition nicht dem Alkoholverbot, sondern dem unstillbaren Durst der Trinker zu verdanken gehabt.

Andernorts ist man längst ehrlicher, mutiger und weitsichtiger. Während in Kalifornien die Referendumsvorbereitungen in die letzte Runde gehen, arbeitet Kopenhagens Stadtregierung an einem Handelsmonopol für Cannabis. "Wir müssen feststellen, dass das Verbot fehlgeschlagen ist", räumt Kopenhagens Sozialbürgermeister Mikkel Werming ein. Anders als in den Niederlanden, wo Kunden Hasch erwerben dürfen, Verkäufer sich aber auf dem illegalen Markt eindecken müssen, will Kopenhagens Stadtverwaltung von Produktion bis Konsum alles legalisieren und auf diese Weise den illegalen Handel beenden. Orientieren könnte sich dieses Modell am Systembolaget, Schwedens staatlichen Alkoholläden. Sollte Dänemarks konservativliberale Regierung ihren Widerstand aufgeben, wird man in Kopenhagen Haschkekse oder Joints genauso kaufen können wie eine Stange Lucky Strike oder eine Flasche Johnny Walker. Was natürlich genauso ungesund und daher unvernünftig wäre. Aber genauso wenig kriminell.

*Wayne Hall, Louisa Degenhardt: "Adverse health effects of non-medical cannabis use". The Lancet, Nr. 374, 2009

Anzahl der Alkoholabhängigen 1 300 000
Anzahl der Raucher 16 000 000
Anzahl der Cannabisraucher 600 000
Jährlicher volkswirtschaftlicher Schaden durch Rauchen in Euro 40 000 000 000
Jährlicher volkswirtschaftlicher Schaden durch Alkoholkonsum in Euro 24 000 000 000
Polizeilich registrierte jährliche Fälle illegaler Einfuhr und Handel von Cannabis 132 519
Jährliche Drogentote (meist durch Überdosis Heroin) 1449
Jährliche Sterbefälle durch passives Rauchen 3300
Alkoholtote pro Jahr 73 000
Tote pro Jahr durch die direkten Folgen des Rauchens 140 000

Quellen: Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2009, Drogen- und Suchtbericht 2009, Jahresbuch Sucht 2010; alle Zahlen beziehen sich auf die Bundesrepublik

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