Ausgabe 03/2010 - Schwerpunkt Logistik

Das Huckepack-Prinzip

- 1988 war Simon Berry als Entwicklungshelfer im Nordosten Sambias unterwegs, als ihm beim Anblick einer Limonadenflasche eine lebensrettende Idee kam. Damals starb jedes fünfte Kind in der Region vor seinem fünften Geburtstag. Oft waren Krankheiten die Ursache, die sich mit Medikamenten für wenige Cent hätten behandeln lassen: Rehydrierungssalze gegen die Folgen von Durchfall etwa. "Nur gab es keine Möglichkeit, die Arzneien in diesen entlegenen Winkeln zu verteilen", sagt Berry.

Andere Produkte fanden den Weg. Wann immer der Brite in einem Dorf eintraf, "lautete spätestens die dritte Frage, ob ich eine Cola haben wolle". Da ging ihm ein Licht auf. "Wir hatten keine Ahnung, wie die Flaschen dorthin gekommen waren. Doch wenn Cola dort landet, Medikamente aber nicht, dann muss man einfach beides zusammen verschicken." Arzneimittel könnten huckepack in Coca-Cola-Kisten mitreisen.

Eine so einfache Lösung, dass Berry sich fragt, warum das noch niemandem zuvor eingefallen war. Man müsste doch nur den Konzern mit dem größten Vertriebsnetz der Welt für das Vorhaben gewinnen. Tatsächlich geschah 20 Jahre lang nichts dergleichen. Nach den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO starben in diesem Zeitraum weltweit 30 Millionen Kinder allein an den Folgen von Durchfallerkrankungen - mehr als durch Aids, Malaria und Masern zusammen.

Berry versuchte zunächst, von Afrika aus für sein Vorhaben zu werben. Dort stand ihm ein Fernschreiber zur Verfügung, Telefon gab es nicht. Briefe brauchten drei Wochen bis zum Empfänger, oft kamen sie gar nicht an. Seine Bemühungen, mit Coca-Cola Kontakt aufzunehmen, waren vergeblich, und als das erste seiner drei Kinder im schulpflichtigen Alter war, beschloss er mit seiner Frau Jane, nach England zurückzukehren.

Die Idee lebte in einem Winkel seines Gehirns weiter, während er als Berater für die britische Regierung und für Nichtregierungsorganisationen arbeitete. Erst im Frühjahr 2008 besann sich Berry wieder auf sein altes Vorhaben. Seitdem lässt es ihn nicht mehr los. Er schrieb darüber in seinem Blog und auf der Internetseite des Nachrichtensenders BBC. An jedem Samstagnachmittag läuft dort im vierten Radioprogramm eine Sendung mit dem Namen iPM, für die Zuhörer Themenvorschläge machen können. Anschließend versuchte Berry zwei Wochen lang bei Coca-Cola den richtigen Ansprechpartner zu finden, prallte aber immer an den freundlichen Telefonstimmen ab, die ihn vertrösteten. Er gründete bei Facebook eine Gruppe, die sich mit dem Konzept befasste, und "inner halb von zwei Wochen standen 200 Menschen hinter der Kampagne. Unter ihnen war eine Reihe Entwicklungshilfe-Experten. Das hat mir Sicherheit gegeben, dass es eine gute Idee ist." Ein griffiger Name wurde auch schnell gefunden: Colalife.

Es ist die Radiosendung der BBC, die seiner Sache schließlich doch bei den richtigen Leuten Gehör verschaffte. Die Redaktion hat dem Weltkonzern eine schriftliche Absichtserklärung entlockt, mit dem Initiator zu sprechen. Zwei Wochen später war Berry auf dem Weg nach Brüssel zur europäischen Coca-Cola-Zentrale, um sich dort mit Salvatore Gabola zu treffen, dem Verantwortlichen für Aktionärsfragen. "In vier Wochen hatten wir mehr erreicht als in den 20 Jahren zuvor", sagt Berry. Im vergangenen Frühjahr willigte Coca-Cola ein, das Konzept in Tansania zu testen.

"Am Anfang dachte ich, dass es ausreichen würde, den richtigen Leuten von der Idee zu erzählen, und dann geschähe der Rest ganz automatisch. Ich wollte mich dann wieder anderen Dingen zuwenden." Die Wirklichkeit war komplizierter. Simon Berry musste lernen, dass es eben nicht ausreicht, einen Menschen in entscheidender Position zu gewinnen, um das größte Vertriebsnetz der Welt mit einzuspannen. Er hatte die 13000 Menschen nicht einbezogen, die dafür sorgen, dass die Coke-Flaschen in die Läden kommen. Manual Distribution Centres (MDC) heißen diese feinsten Verästelungen des Vertriebs, die in Eigenregie etwa 450000 Verkaufsstellen in Afrika mit der Limonade beliefern.

"Diese gesamte Kette muss berücksichtigt werden", sagt Euan Wilmshurst, Manager für internationale Zusammenarbeit bei Coca-Cola. "Jedes Glied darin verdient etwas Geld damit, Coca-Cola zu verkaufen. Das ist der Erfolgsfaktor dieses Systems, deshalb ist es so stabil und weitreichend. Aus diesem Grund müssen wir die möglichen Auswirkungen sehr genau prüfen, bevor wir etwas anderes als unsere eigenen Produkte transportieren. Für Colalife können wir keine Ausnahme machen."

Berry ist mittlerweile auf weitere Probleme gestoßen - und hat eine Lösung parat: "Coca-Cola kann nicht einfach Medikamente verteilen. Das Unternehmen würde sich zu Recht dem Vorwurf aussetzen, sich in Angelegenheiten einzumischen, von denen es keine Ahnung hat. Auch Colalife kann nicht bestimmen, welche Medikamente nun wohin verteilt werden müssen. Dafür brauchen wir eine unabhängige Institution, die sich zwischen Gesundheitsexperten mit Kenntnissen über die lokalen Begebenheiten und dem Konzern einklinkt."

Mit der Academy for Educational Development (AED), einer international agierenden Hilfsorganisation, hofft er den richtigen Vermittler gefunden zu haben. Im Auftrag von Coca-Cola untersucht AED zusammen mit Logistikexperten derzeit die Umsetzung der Colalife-Idee.

Damit ist die Arbeit für den Erfinder noch lange nicht getan. Auf allen Kanälen, die das Web bietet, wirbt er mit beachtlicher Resonanz für die Initiative. In der Facebook-Gruppe diskutieren inzwischen mehr als 8000 Menschen. "Sie alle helfen, die Idee besser zu machen", schwärmt Berry von der gemeinschaftlichen Anstrengung. "Mein ursprünglicher Gedanke war, eine Cola-Flasche durch einen Pappzylinder zu ersetzen, der Rehydrierungssalze gegen den Wasserverlust bei Durchfall enthalten sollte. Dann kamen Vorschläge, dass auf diese Weise auch andere Medikamente, Kondome, Saatgut für Bauern oder Netze gegen Malariamücken transportiert werden könnten." Alles, was klein und leicht genug ist, nicht gekühlt werden muss oder akut benötigt wird, eignet sich zur Mitreise in einer Cola-Kiste.

Ein ehrenamtliches Designerteam nahm sich den Zylinder vor -und kam schnell zu dem Schluss, dass es geschickter wäre, den ungenutzten Raum zwischen den schlanken Flaschenhälsen auszufüllen, statt eine Flasche weniger zu transportieren und so den Gewinn des Lieferanten zu schmälern. So wurde die zweite Generation des "Aidpod" genannten Behältnisses geboren, die wie ein länglicher Keil zwischen den Flaschen klemmt. Noch in diesem Jahr soll von der weiter verfeinerten dritten Generation eine Kleinserie für den Test produziert werden. Wenn das System in Afrika erst einmal funktioniert, stellt sich Berry vor, es auf andere arme Länder etwa in Asien zu übertragen.

Den Inhalt der Lieferungen sollen jeweils Gesundheitsexperten vor Ort festlegen. Colalife wolle nicht mit Einheitspaketen an den lokalen Einrichtungen vorbei agieren, sondern ihnen die Transportplattform für regional zugeschnittene Lieferungen anbieten, sagt Berry. Auch was mit der Hilfsfracht am Ziel geschieht -ob sie in Dorfläden verkauft, an alle Einwohner verteilt oder an einen medizinisch geschulten Helfer vor Ort adressiert wird -, "das alles muss lokal entschieden werden und nicht aus der Distanz einer Zentrale. Das Einzige, was standardisiert sein wird, ist der Aidpod in der Kiste."

Wenn im Juni sein aktueller Vertrag mit der britischen Regierung ausläuft, will Simon Berry Vollzeit für sein Projekt arbeiten und nicht mehr nur in den Nachtstunden. Verschiedene Stipendien sollen dann seinen Lebensunterhalt sichern, während seine Frau Jane nach Sponsoren suchen soll, um die 85000 Euro aufzutreiben, die voraussichtlich für die Entwicklung und Produktion der ersten Aidpods notwendig sein werden. Auch die inzwischen zu Grafikern ausgebildeten Kinder unterstützen die Initiative des Vaters und haben Youtube-Filme erstellt, die das Colalife-Prinzip erklären.

Ein Familienunternehmen also? "Weit mehr als das: Wir haben 10000 Helfer. Ohne sie werden wir es nicht schaffen."-

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