Ausgabe 04/2010 - Schwerpunkt Lebensplanung

Die Rache der Nerds

- Spätabends in einer Münchener Bar. Auf der Bühne steht ein DJ der besonderen Art. Statt Hip-Hop legt er Powerpoint-Folien mit komplizierten geometrischen Zeichnungen auf. Das Thema rockt: "Nikolaus Cusanus und das Problem der Kreisquadratur."

Dieser Cusanus lebte im 15. Jahrhundert, war Bischof, Philosoph und Mathematiker. Ein großer Geist, der sich am liebsten in Rätsel versenkte. Mit mathematischen Argumenten suchte er etwa zu beweisen, dass das menschliche Denken nicht ausreicht, um die Unendlichkeit Gottes zu fassen. Heute wäre Cusanus wahrscheinlich nicht bei der Kirche, sondern an irgendeiner Uni, bei Google oder Microsoft. "Ein Ur-Nerd", sagt Marco Böhlandt, der Vortragende, von Beruf Wissenschaftshistoriker an der Ludwig-Maximilians-Universität.

Gut hundert Leute sind zur "Nerd Nite" in die Schwabinger Bar "Die Repüblik" gekommen. Eingeladen via Facebook und Twitter, natürlich. Viele Studenten, ein paar Interessierte aus der Nachbarschaft, mehrheitlich Männer. Man trinkt, man diskutiert, man lacht. Ein älterer Typ mit Rauschebart und Nickelbrille meldet sich zu Wort, um schnell mal was über "platonische Körper" zu extemporieren. Ein paar schräge Vögel gehören bei der Nerd Nite dazu.

"Klassische Partys interessieren mich nicht", sagt Patrick Gruban. "Ich will etwas lernen, was Neues mitkriegen." In einer New Yorker Bar hörte der 35-jährige Web-Programmierer und Geschäftsführer des Software-Dienstleisters Codecuisine bei einer Nerd Nite vor ein paar Jahren hochinteressante Dinge über Abwassersysteme. Und über Würmer, die Menschen befallen. Gruban brachte die Veranstaltungsidee nach Deutschland. Seit Juli vergangenen Jahres findet sie im Monatsrhythmus statt. Das Konzept ist simpel: Drei Menschen tragen 20 Minuten lang ein meist ungewöhnliches Thema vor, mit dem sie sich intensiv beschäftigt haben. Über mathematische Spieltheorie und Poker. Über Träume als virtuelle Realität. Über Interpunktionszeichen - oder eben über Nikolaus Cusanus. Das Ganze nicht in einem drögen Seminarraum, sondern in der Kneipe, als Alternative zu Party und Kino, zur besten Sendezeit.

Schlau zu sein ist cool, so lautet die Botschaft. Selbstbewusst inszeniert sich da eine Avantgarde von Bescheidwissern und Auskennern des Internetzeitalters, die sich nicht länger hinter dem Rechner verstecken will. Selbstironisch spielt man mit dem alten Bild vom sozial gestörten Computer- und Mathegenie. Logo der Nerd Nite ist eine dicke Brille.

Der Nerd ist eine Art Archetyp der Informationsgesellschaft. Ein mythologisches Rollenmodell. Zugleich ein wandelndes Klischee - ein bisschen Technikschamane, ein bisschen Freak, ein bisschen armes Schwein. Was er wirklich ist, weiß niemand so genau.

Und doch meint jeder sie zu kennen. Das sind doch die, die alles über Computer und Internet wissen, aber schon in der Schule keine Mädchen abkriegen. Die sich von kalter Pizza ernähren, auf Rollenspiele stehen und auf Mister Spock, den emotionslosen spitzohrigen Superdenker aus "Raumschiff Enterprise". Auf Filme wie "Matrix" oder "Avatar". Die zwar ein paar Programmiersprachen beherrschen, aber auf Mode pfeifen und es mit der Körperpflege keinesfalls übertreiben wollen.

Laut deutschsprachiger Wikipedia steht der Begriff Nerd für "besonders in Computer oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen". Das US-Wörterbuch "Webster's" hat gleich zwei Definitionen parat. Zum einen handele es sich um eine "dumme, nervtötende, ineffektive oder unattraktive", zum anderen um eine "intelligente, aber einseitige Person, die von unsozialen Hobbys und Beschäftigungen besessen ist".

Dabei weiß man nicht mal mit Sicherheit, woher sich der Begriff ableitet. Ob es sich um das Akronym eines kanadischen Elektronik-Forschungsunternehmens handelt, um die Umkehrung von drunk zu knurd - oder doch um die Abkürzung von Non Emotionally Responding Dude. Und nerdig ist schon die ewige Debatte, was genau den Nerd eigentlich vom Geek unterscheidet - außer dass Letzterer bei Frauen besser ankommt.

Sicher ist nur, dass das Stereotyp aus den USA stammt. Ursprünglich apostrophierte man damit hochbegabte, aber unsportliche Jungs - als Gegenfigur zum Jock, dem athletischen, aber oberflächlichen Kumpeltyp und Mädchenschwarm. "Die Kids lernen früh, dass Nerds hässliche sexuelle Nieten sind", schreibt der Psychologe David Anderegg. Im Deutschen gibt es zum amerikanischen Begriff keine Entsprechung. Computerfreak, Sonderling, Streber, Fachidiot - nichts davon trifft den Punkt.

Was ist falsch daran, alles dafür zu tun, um Systeme zu verstehen?

Doch mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass manche von ihnen viel Geld verdienen. Dass ihre Ideen unsere moderne Welt prägen. Dass sie das Internet erfunden haben. Oder Google, den milliardenschweren Suchmaschinenkonzern. Und seit es die Piratenpartei gibt, mit ihrem Fokus auf Netzthemen und Informationsfreiheit, sind sie auch ein politischer Faktor. Neuerdings beschäftigen die Nerds sogar die Feuilletons - als unheimliche Macht, die mit ihren Algorithmen unser Denken manipuliert. Diese These vertritt zumindest Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", in seinem Buch "Payback". "Wenn wir der modernen Welt ein Gesicht geben wollen, reden wir von Wall-Street-Haien und Managern, aber wir sollten anfangen, über Nerds zu reden", schrieb Schirrmacher in der "FAZ".

Das ist zwar nicht falsch, aber leichter gesagt als getan. Denn es handelt sich weder um eine klar fassbare Subkultur noch um eine politische Bewegung oder ein Krankheitsbild. Man kann über sie nicht reden wie über Punks, die Grünen oder Diabetes. Nerd zu sein ist vielmehr eine Art zu denken. Ein "kognitiver Stil", wie das die Psychologen nennen. Eine Persönlichkeitsstruktur. Um wirklich zu verstehen, wie solche Menschen ticken, muss man ihren Denkmustern folgen, ihre Art von Rationalität durchschauen.

Nerds wollen wissen, wie Systeme funktionieren. Das können technische Geräte genauso gut sein wie wissenschaftliche Disziplinen, eine Körperzelle, ein Fußballspiel oder Schach. Um Systeme zu verstehen, muss man ihre Regeln analysieren. Was passiert, wenn man eine Komponente des Systems verändert. Wie sich ein Input auf den Output auswirkt. Wer Systeme versteht, kann sie beherrschen und verändern - und gegebenenfalls neue konstruieren.

Diese Art zu denken hat mit Kontrolle zu tun, weniger mit Gefühlen oder Empathie. Und manche extreme Nerds glauben, dass sie ihr Beziehungsleben ähnlich steuern können. Schon daraus nährt sich das Klischee: Es seien Menschen, die andere an "Maschinen erinnern", schreibt der US-Autor Benjamin Nugent in seinem Buch "American Nerd".

Nerds gibt es nicht erst, seit es Computer gibt. Einer der berühmtesten war Archimedes, der geniale griechische Mathematiker, der als Erster die Zahl Pi berechnete, die Hebelgesetze entdeckte und raffinierte Maschinen konstruierte. Wie es heißt, musste man den Kauz mitunter zur Körperpflege ermahnen. Als ihm eine mathematische Einsicht kam, soll er aus dem Badegehüpft und nackt durch Syrakus gelaufen sein. Und der Legende nach wurde er schließlich von römischen Soldaten umgebracht, als er in ein geometrisches Problem versunken war: "Störe meine Kreise nicht!" Viel besser kann man das Klischee nicht erfüllen.

Nerds waren zu allen Zeiten Mathematiker und Naturwissenschaftler, später Techniker und Ingenieure, Vogelkundler, Sammler aller Art. Praktisch immer waren es Männer. Doch lange rechneten und tüftelten sie in ihren jeweiligen Nischen. Als eigene Spezies tauchten sie nicht auf.

"Die Figur wurde erst sichtbar durch den Computer", sagt Mathias Mertens, Kulturwissenschaftler an der Universität Hildesheim. Plötzlich war da eine Technik, die diesen Denkstrukturen entsprach wie keine zuvor. Eine abstrakte Welt, aus glasklaren Regeln aufgebaut: aus Nullen und Einsen, aus wahr und falsch. Ein riesiger Spielplatz aus logischen Legosteinen, die erst zusammengesetzt werden mussten.

Nerds sind Spieler, sagt Mertens. Sie brauchen Regeln, an die sie sich halten können. Daher fühlen sie sich etwa in Computerspielen so heimisch wie andere in ihrer Lieblingskneipe. Games und Rollenspiele sind regelbasierte Welten, die man systematisch erschließen und kontrollieren kann - ganz im Unterschied zur realen Welt.

Ohne Regeln fühlen sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Deshalb können viele etwa mit Mode nichts anfangen, so Mertens. Geschmäcker kommen und gehen. Modetrends folgen keinen Algorithmen. Man kann sie so wenig vorhersagen wie ein Gespräch mit Unbekannten in der U-Bahn. Da können Missverständnisse entstehen. "In solchen Situationen stellen Nerds fest, dass es nichts gibt, an das sie sich halten können", sagt Mertens.

Auch deshalb sind sie die klassischen Eingeborenen des Internets. In Blogs und Foren, bei E-Mail und Twitter braucht man nicht auf Gestik, Mimik und andere Äußerlichkeiten zu achten. "Da kommt es auf den reinen Gedanken an", sagt Jens Ohlig, 36, Programmierer und langjähriges Mitglied des Chaos Computer Clubs Köln. Nerds hatten immer schon einen platonistischen Zug, die Vorstellung, dass der Geist unabhängig vom Körper existieren kann. Toll finden sie zum Beispiel, wie in "Avatar" ein Rollstuhlfahrer mit Gedankenkraft den künstlichen Leib eines drei Meter großen Alien steuert. Hartnäckig hält sich auch die Idee, das eigene Gehirn eines Tages auf eine Festplatte herunterzuladen - die Nerd-Version der Unsterblichkeit.

Ohlig läuft mit seinem Handy durch den Aschermittwochs-Trubel in der Bonner Innenstadt. Erzählt, dass er ein "klassisches Computerkind" gewesen sei, mit vier oder fünf Jahren angefangen und den Computer stets als "Denkmaschine" gesehen habe. Dass er sich auf Partys langweile, dass es allerdings besser sei, "seit es W-Lan gibt". Dass er Freiräume brauche, um "spielen" zu können. Übrigens habe er nicht Informatik, sondern Koreanisch studiert.

"Ein spannendes Projekt ist mir wichtiger als ein paar Euro mehr", sagt Ohlig. Schon einmal verließ er ein Unternehmen, weil er die vielen inhaltsleeren Meetings "psychisch nicht mehr ertragen konnte".

Wer sagt, dass nur Sozialkompetenz den Weg zum Erfolg ebnet?

Leute wie er wollen in Ruhe gelassen werden. Sich ihre eigene Welt schaffen. Sie sind Individualisten, die keine Anweisungen brauchen. Eine Aufgabe reicht. Gerade in Großunternehmen stoßen sie daher oft an Grenzen, sagt der Unternehmensberater Volker Hasewinkel, ehemaliger Leiter der Personal entwicklung bei der Deutschen Telekom: "Je größer der Organismus, desto mehr Regeln gibt es, die sie nicht verändern können."

Nerds verlassen sich nicht auf ihr Bauchgefühl. Sie wollen analysieren, berechnen, quantifizieren. Nicht einfach irgendwas behaupten, sondern es beweisen. Genau deshalb können sie unglaublich korrekt sein - bis hin zur Pedanterie. Ein falsches Bit kann ein System zum Absturz bringen, der geringste Fehler alles infrage stellen. Die Computerzeitschrift "c't" druckt daher zu jedem Artikel Fußnoten. Und wer den Furor der Leser kennt, wenn sie mal eine Ungenauigkeit finden, weiß, warum.

Diese Art zu denken kann bizarr wirken. Wenn ein Computerfreak eine Verspätung damit entschuldigt, er habe den richtigen Weg erst "iterativ einschachteln" müssen, mag das witzig klingen. Doch Google liefen schon mal ein paar Artdesigner davon, weil sie den Mess- und Datenwahn der Ingenieure nicht mehr ertragen konnten. Jeder Farbklecks, jedes Design, jede kreative Idee muss in die Mühlen der Marktforschung, schreibt der US-Autor Ken Auletta. In seinem Buch "Googled - The End of the World as We Know It" zeichnet er das Bild eines Nerd-Unternehmens, das besessen ist von Algorithmen, Funktionalität und Effizienz.

In seinem Häuschen in einem Münchener Vorort sitzt Sebastian von Bomhard, Mathematiker und Gründer von Spacenet, einem der ältesten Internetprovider Deutschlands. Heute zerlegt er erst mal die gängigen Nerd-Klischees. Die meisten kürzten sich vor Dummheit ohnehin quasi von selbst weg. Häufig handle es sich einfach "um den Versuch, von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken", sagt von Bomhard.

Eine Zeit lang wollte er Geigenbauer werden. "Bis ich erkannt habe, dass ich im Kopf besser bin als mit den Händen." Schon als Jugendlicher habe er nach "gesicherten Erkenntnissen" gesucht. Verschlang Wittgensteins "Traktatus", diese "Basta-Philosophie" aus durchnummerierten Lehrsätzen. Scheiterte am Versuch, Fermats letztes Theorem zu beweisen, eines der größten damals noch ungelösten mathematischen Probleme. Schließlich studierte von Bomhard Mathematik und Logik. Und machte die Erfahrung, wie es ist, wenn man sich über Monate so konzentriert, "dass die Welt um einen herum in Dunkelheit versinkt".

Die Ordnung und Klarheit der Mathematik fasziniert ihn immer noch. In jungen Jahren habe er es nicht ausgehalten, sich irgendeinen Blödsinn seiner Mitmenschen anzuhören. Erst spät hätte er gelernt, dass man zuhören müsse. In seinem Blog schreibt der Familienvater heute amüsant und klug über Politik, Gesellschaft und Kultur. Bei Spacenet standen anfangs Linux-Rechner herum, auf deren Bildschirmen nur ein Prompt-Zeichen blinkte. Frei konfigurierbar für jeden Mitarbeiter. Totale Wahlfreiheit, ein Traum für Nerds - ein Albtraum für jede Sekretärin. Schließlich ersetzte von Bomhard die Open-Source-Rechner durch nutzerfreundliche Macs. Ein Unternehmen, das nur auf seine Technik-Freaks höre, sagt er, sei ebenso wenig erfolgreich wie umgekehrt.

Ein Nerd zu sein - das heißt für von Bomhard, "sich für die Wahrheit kreuzigen zu lassen". Was ihn aufregt, das ist die Kombination aus Borniertheit und Ignoranz. Zum Beispiel bei der damaligen Justizministerin Brigitte Zypries, die von Kinderreportern einmal vor laufender Kamera gefragt wurde, welche Web-Browser sie denn kenne. Die Politikerin musste einen Mitarbeiter um Hilfe bitten: "Was ist schnell noch mal ein Browser?"

Das Video ist seither ein Running Gag im Web - und der Fall Zypries für Leute wie von Bomhard erledigt. Angesichts der "Zensursula"-Diskussion um Internetsperren fragte er sich: "Wie können diese Leute Entscheidungen treffen über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben?" Bei den Europawahlen hat er deshalb die Piratenpartei gewählt.

Der Vorwurf, die Piraten seien eine Nerd-Partei, stört Jens Seipenbusch, den Parteivorsitzenden, wenig. "Das sind sehr rationale, überdurchschnittlich gebildete Leute", sagt der Physiker gelassen. "Die wollen, dass Politiker von Dingen reden, von denen sie auch etwas verstehen." Und er weiß genau, dass darin die Chance der Piraten liegt, "die etablierten Parteien vor uns herzutreiben". Der Nerd, ein politisches Tier. Das macht manchen Angst.

Was ist verrückt daran, auf einem Gebiet herausragende Fähigkeiten zu haben?

Für die einen sind Nerds so etwas wie die letzten Mohikaner der Moderne. Unverdrossene und pedantische Wahrheitssucher, die auf Daten, Fakten und Logik pochen, die Letzten, die noch zwischen null und eins, zwischen Kompetenz und Inkompetenz unterscheiden können.

Andere fürchten, sie könnten mit ihren Zauberwaffen, den Algorithmen, unser Denken kolonialisieren. Tatsächlich habe der Nerd einen "totalitären Zug", sagt Kulturwissenschaftler Mertens. "Er tendiert dazu, seine Welt immer weiter auszudehnen: Was kann ich noch kontrollieren?" Nicht aus Bösartigkeit und Allmachtswahn, sondern aus "naiver Freude am Gelingen der eigenen Ideen". Beispiel Google: Man fängt einfach mal an, sämtliche Bücher der Welt einzuscannen oder Straßenzüge zu fotografieren. Weil es funktioniert - und die anderen das sowieso nicht zustande bringen. Und was kann man schon dagegen haben, dass Dinge funktionieren?

Doch viele Nerds erkennen selbst, dass sie ein empathisches Gegengewicht brauchen. Nicht alles lässt sich in Computer-Schemata pressen. Und manches, was funktionieren könnte, lässt man besser bleiben. Aus technischem Machbarkeitswahn ist schließlich auch die Atombombe entstanden.

Sie wirken mitunter verschroben, ja zwanghaft. Ihre Pedan terie kann nerven, ihre Logik kühl erscheinen, ihr Mangel an Empathie erschrecken. Es liegt deshalb nahe, ihre Art zu denken in die Nähe des Pathologischen zu rücken. Skurrile bis verstörende Beispiele gibt es genug. Der geniale Logiker Kurt Gödel zum Beispiel fand es völlig normal, die US-Einwanderungsbehörde bei seiner Befragung auf Inkonsistenzen in der amerikanischen Verfassung hinzuweisen. Der Nobelpreisträger William Shockley machte den einfühlsamen Vorschlag, Menschen mit einem IQ von weniger als 100 mit einer Geldprämie zur Sterilisation zu bewegen.

Und der österreichische Vermessungstechniker Franz Fuchs, der eigentlich Atomphysiker werden wollte, verschickte jahrelang akribisch gefertigte, hochkomplexe Brief- und Rohrbomben. In ellenlangen Bekennerschreiben rechnete er den Kriminaltechnikern unter anderem penibel die Fehlerquoten bei der Bestimmung der Sprengstoffe in den Bomben vor - auf die Nachkommastelle genau. Eines seiner Schreiben verschlüsselte er mit einem kryptografischen Algorithmus. Die österreichische Presse titulierte ihn als "Sonderling". Die Psychiater attestierten ihm diverse psychische Störungen.

Im Jahr 2001 berichtete das US-Magazin "Wired" von einer signifikanten Häufung von Autismus-Fällen im Silicon Valley. Das Magazin spekulierte sogar, das Asperger-Syndrom - eine Störung im autistischen Spektrum, die häufig mit höherer Intelligenz einhergeht - könne durch die Bevorzugung ähnlicher Partner innerhalb der Hightech-Szene weiter vererbt werden. Tatsächlich vermuten einige Neurowissenschaftler einen Zusammenhang zwischen Autismus und hoher naturwissenschaftlich-technischer Begabung. Rund neun von zehn Autisten sind Männer.

Schon Hans Asperger, der österreichische Kinderarzt und Entdecker des Syndroms, hielt Autismus für eine "Extrem variante der männlichen Intelligenz". In einer seiner Arbeiten aus dem Jahr 1943 beschreibt er Fälle von autistischen Jungen, die ihr ganzes Geld für chemische Experimente ausgaben, alles über den Aufbau komplizierter Maschinen wussten oder sich obsessiv mit der Konstruktion von Raumschiffen beschäftigten.

Eine ähnliche Hypothese vertritt heute der britische Neurowissenschaftler Simon Baron-Cohen. Nach seiner "Extrememale-brain"-Theorie könnte Autismus eine extreme Ausprägung des männlichen Hangs zum "Systemisieren" sein. Unter anderem fand Baron-Cohen Hinweise darauf, dass die Väter und Großväter von Autisten in technischen Berufen überrepräsentiert sind.

Warum reden so viele über Nerds - und kaum einer mit ihnen?

Allerdings ist Baron-Cohens Hypothese nur eine von mehreren konkurrierenden Autismus-Theorien. "Nicht jeder Nerd hat ein Asperger-Syndrom - und nicht jeder Mensch mit Asperger-Syndrom ist ein Nerd", sagt Inge Kamp-Becker, Autismus-Forscherin an der Universität Marburg. Während Autisten in ihrer sozialen Interaktion und durch ihr stereotypes Verhalten grundlegend beeinträchtigt seien, hätten Nerds oft einfach nur eine Vorliebe für bestimmte Themen. Ein weiterer Unterschied bestehe im Leidensdruck. Manche Technik-Freaks mögen regellose Situationen vielleicht nicht besonders, doch im Ernstfall kommen sie damit zurecht. Viele Autisten hingegen, sagt Kamp-Becker, sind selbst mit dem unkontrollierten Flügelschlag eines Insekts überfordert.

"Die Frage ist, was wir in Zukunft als kreative Leistung anerkennen", sagt Kulturwissenschaftler Mertens. Ob wir Mathematiker, Techniker und Programmierer als Kreative wertschätzen. Und ob wir bereit sind, extreme Persönlichkeitsmerkmale zu akzeptieren, statt sie gleich mal für krankhaft zu erklären. "Die Welt braucht mehr Asperger-Typen", proklamierte die autistische US-Wissenschaftlerin Temple Grandin: "Es waren schließlich nicht die sozialen Leute am Lagerfeuer, die den ersten Steinspeer erfanden."

Die Nerds haben jedenfalls begonnen, ihr eigenes Stereotyp zum Ehrentitel umzudefinieren, ihre vermeintlichen Macken zur Schlüsselqualifikation - und das Schlausein zum zeitgemäßen, hippen Lebensstil. Geld und Macht haben einige von ihnen schon. Jetzt fordern sie ihren Platz in der kulturellen Vielfalt der Welt. Ihr neues Selbstbewusstsein ist nicht nur Ausdruck eines Generationenwechsels. Es ist auch der Aufstand einer Form von Rationalität, ob einem die sympathisch ist oder nicht. Sicher ist: Die Welt braucht ihrenSachverstand, ihre Logik und Erfindungskraft. Und zwar nicht nur in den Entwicklungsabteilungen von Google & Co.

"Wir sollten über Nerds reden", forderte Frank Schirrmacher. Noch besser wäre es, mit ihnen zu reden und von ihnen zu lernen. Ein Kategorienfehler wäre es zu denken, dass die Feuilleton-Intelligenz die Intelligenz der Algorithmen ausbremsen kann. Wer Nerds in die Schranken weisen will, muss selber einer sein. Den bloßen Nerd-Versteher trifft der gnadenlose Spott der Szene. Vor allem, wenn er sich eine Blöße gibt. Wie Schirrmacher, als er oder sein Lektor in seinem Buch die Twitter-Tweets versehentlich - und ausgerechnet - mit "Tweeds" verwechselte. Wer solche Fehler macht, kann sich gleich zu Frau Zypries und ihrem Browser-Fauxpas gesellen. Die Rache der Nerds kann fürchterlich sein.

Ob es einem gefällt oder nicht: Bald werden diese Leute die Letzten sein, die noch ansatzweise verstehen, was unsere Hightech-Welt im Innersten zusammenhält. Und damit auch die Letzten, die bestimmte Probleme lösen können. Wenn Schirrmachers These stimmt, dass die Algorithmen unsere Gehirne manipulieren, dann wird es ein paar sachverständige Technikfreaks brauchen, um die wild gewordene Software wieder einzufangen.

Womöglich werden es wiederum Nerds sein, die ein Mittel gegenKrebs oder Alzheimer finden. Weil sie streng rational an das Problem herangegangen sind. Weil sie sich darin eingegraben, die Weltum sich herum vergessen haben. Weil sie keine Partys besucht, nur kalte Pizzen gegessen und womöglich die Körperpflege vernachlässigt haben. Weil sie vielleicht verschrobene Käuze mit seltsamen Umgangsformen sind, mit einer Tendenz ins autis tische Spektrum. Man muss mit ihnen kein Bier trinken gehen. Obwohl das lustig sein kann - und unendlich interessant.

Und ja, es gibt Frauen, die Nerds ziemlich erotisch finden.-

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