Ausgabe 05/2010 - Schwerpunkt Irrationalität

Warten auf den Eiermann

1. Hühner

Es gibt Sachen, die werden mit der Zeit immer besser. So ein Fall ist der 1977 mit dem deutschen Titel "Der Stadtneurotiker" in die Kinos gebrachte Film des amerikanischen Regisseurs Woody Allen. Der wurde als Komödie verkauft. Mittlerweile haben sich die Zeiten geändert. "Der Stadtneurotiker" ist zum Lehrfilm geworden. Warum?

Ganz einfach - zum einen zeigt uns das Werk, dass das, was in den siebziger Jahren noch abweichendes Verhalten war, heute zum Alltag gehört. Was einst als neurotisch galt, ist längst normal. Vor allem, dass Menschen sich nicht verstehen und ihre Probleme lösen können, weil sie in abgeschlossenen kleinen Welten leben. Und je mehr die handelnden Personen versuchen, über den anderen aus ihrer Perspektive - und keiner anderen - nachzudenken, desto mehr gerät der Karren in den Dreck. Nun ist der Sinn aller Vernunft eine gute Lösung. Das gilt immer, privat, politisch, ökonomisch - immer und überall. Doch geht das mit Leuten, die ständig das, was sie kennen, für wahr, richtig und real halten, während alle anderen irgendwie Kopfkino gucken?

Und wie witzig ist eigentlich aus der aktuellen Perspektive das, was Woody Allen am Ende seines Films zum Besten gibt? Ein Mann kommt zum Psychiater und sagt: "Herr Doktor, mein Bruder ist irre, er denkt, er ist ein Huhn." - "Na, dann lassen Sie ihn doch einweisen." - "Würd' ich ja gern. Aber ich brauche die Eier."

Ist das komisch?

Die Sache mit den Eiern, die kennen wir gut. Geschäftsmodelle, bei denen alles vorkommt, nur kein Gewinn, Politik und Bürger, die sich an ihrer Welt und ihrem System festklammern. Leute, die auf Routine setzen, weil sie sonst nichts haben -und meinen, das Leben wäre eben so. Und all diese Menschen und Systeme haben Brüder, die sich für ein Huhn halten - und die unaufhörlich gackern, in Unternehmen, im Management, im Alltag. Die etwas tun, durchaus auch angestrengt und sehr ernsthaft, deren Ziel längst nicht mehr mit dem übereinstimmt, was sie tatsächlich machen. Die die bestehenden Ordnungen, Regeln, Gesetze, Methoden und Leitlinien für absurd halten, für unvernünftig, weil sie eben nicht mehr dazu da sind, die versprochenen Ziele zu erreichen: dem Bürger zu dienen, dem Kunden, miteinander gut auszukommen, weil man gemeinsam nach den besten Lösungen sucht.

Warum tun sie das? Weil sie die Eier brauchen.

2. Wenn Debile rechnen

Wie es mit der Vernunft, dem Rationalen, steht, erfährt man in einer solchen Lage durch Wörter, die besonders gern benutzt werden. Wörter, die eine gemeinsame Vorstellung beschreiben sollen, in Wirklichkeit aber nur eine persönliche Gesinnung zum Ausdruck bringen. Das deutsche Wort, das so tut, als ob es eine Gemeinschaft gäbe oder gemeinsame Interessen, heißt Gerechtigkeit. Wenn man es ausspricht, verändert sich der Sinn unmerklich. Jeder hört ganz persönlich Folgendes: Ungerechtigkeit. Ein Gefühl. Mit Rechnen und anderen Werkzeugen der Vernunft kommt man dagegen nicht an. Nehmen wir mal die Kopfpauschale. Bei Kopf assoziieren die meisten eine Gemeinheit, eine neoliberale Schweinerei, irgendetwas mit Enthaupten. Schon das spricht Bände dass sich viele nicht vorstellen können, mit einem Kopf auch noch was anderes zu tun, als ihn abzuschlagen, zum Beispiel. Die Kopfpauschale ist eigentlich ein sehr überschaubares Modell. Alle zahlen das Gleiche - rund 150 Euro pro Monat für eine Krankenversicherung. Das hat viele gute, vernünftige Effekte. Überschaubarkeit, eine Entflechtung des Kassensystems, von dessen Komplexität nur die profitieren, die sich daraus seit jeher schamlos bedient haben.

Aber die Gerechtigkeit? Nun, alle, bei denen der neue Pauschalbetrag höher liegt als das, was sie bisher bezahlt haben, erhalten einen Ausgleich aus Steuergeldern. Das zahlen also die Leute, deren Kopfpauschale gegenüber den Kassenbeiträgen, die sie heute zahlen, auf den Einheitssatz sinkt. Das ist rational, logisch, vernünftig. Mit anderen Worten: in Deutschland praktisch unmöglich.

Da helfen Erfahrungswerte aus anderen Ländern so wenig wie einfache und einfachste Rechnungen, die die Befürworter der Kopfpauschale aufmachen. Deutschland, so zitiert der "Spiegel" den Kieler Krisenforscher Frank Roselieb, habe sich verändert: Das Land sei "überdrehter als früher, latent aufgeregt" und benehme sich "wie eine Zwölfjährige auf dem Schulhof".

Da ist was dran. Ein Land, das weltweit gelegentlich noch den Ruf einer naturwissenschaft-lich-rationalen Nation hat, wird von immer mehr Realitätsflüchtigen bevölkert. Was gesinnungstechnisch nicht ins Weltbild passt, wird rigoros als Feindbild bekämpft. Zickenkrieger überall.

Als richtig gilt, was der Publizist Anton Kuh einst ironisch meinte: Wozu sachlich, wenn's auch persönlich geht?

Und wozu, bitte schön, vernünftig, logisch und schlüssig argumentieren, wenn es sich doch nicht rechnet? Das gilt nicht nur für zwölfjährige Mädchen, sondern auch für etwas ältere Jungs, etwa den bayerischen Gesundheitsminister und CS U-Politiker Markus Söder. In Sachen irrationales Palaver hat es Söder trotz harter Konkurrenz von Parteifreunden wie Feinden zu hoher Meisterschaft gebracht. Befragt, weshalb die Kopfpauschale ungerecht sei, sprach er: "Weil sie dem Gerechtigkeitsgefühl nicht gerecht wird." Da kreischen die Zwölfjährigen aufgeregt. Dass man mit so was nicht nur durchkommt, sondern auch noch regelmäßiges Gehalt kriegt, sagt schon einiges über den aktuellen Zustand aus.

Derlei erinnert an den bisherigen Tiefpunkt öffentlicher Vernunftdebatten aus dem Wahlkampfjahr 2006. Damals geriet der Steuerexperte und ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof in seiner Rolle als designierter Wirtschaftsminister ins Visier des politischen Gegners. Kirchhof hatte statt des berüchtigt komplizierten deutschen Steuersystems - das stets mit dem Hinweis auf soziale Gerechtigkeit verteidigt wird - ein simples Flat-Tax-Modell vorgeschlagen - jeder zahlt 25 Prozent Einkommensteuer.

Ein Viertel. Leicht zu rechnen. Und deshalb nicht zu verstehen. Denn sofort ging es los: Warum zahlt die Krankenschwester so viel wie der Generaldirektor? Dass 25 Prozent von 500 000 Euro nicht ganz genau das Gleiche sind wie ein Viertel von 50 000? Schwamm drüber. Und dass für Niedrigverdiener hohe Freigrenzen vorgesehen waren? Egal. Nichts ist dumm genug, um die eherne Regel der Sozialstaatswirklichkeit zu erhalten: Vernunft kann Illusionen zerstören - und damit die Eier gefährden.

Wer hat nun eigentlich Schuld an diesem Schlamassel? Typen wie Söder? Dummschwätzende Opportunisten? Ach, nicht doch! Schuld ist - natürlich - der Kapitalismus. Der Markt. Die Neoliberalen. Zwar weiß kaum jemand im Lande, was das eigentlich ist - was angesichts der flächendeckenden Überforderung bei der 25-Prozent-Frage jetzt auch nicht mehr so überrascht. Aber genau das ist ja der Witz. Der Bruder gackert, und die Leute warten auf seine Eier.

3. Vernunft ist spießig

Nun gibt es weit und breit in ganz Europa kein Land, in dem der Wohlstand der Bürger so eng an sein ökonomisches System gekoppelt ist wie in Deutschland. Doch ein großer Teil der Leute lebt in einer eigenen Welt. Nach einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann Stiftung, veröffentlicht im Februar 2010, meinen ganze 58 Prozent der Bevölkerung, dass die "wirtschaftlichen Verhältnisse nicht gerecht" seien -und zwar grundsätzlich nicht gerecht.

Die Politik der Gefühle ist zurück. Die Vernunft wird durch den Hühnerstall getrieben. Theoretisch ist alles ganz einfach. Seit der Aufklärung hatte man die Vernunft als Problemlöser propagiert. Wenn die Menschen nur ausreichend Fakten und Tatsachen für ihre Entscheidungen hätten, dann würde alles gut. Dann käme am Ende Vernunft und der gute Mensch heraus. Vernunft, das Finden guter Lösungen, dient dem Erkennen und Nutzen der Welt, wie sie ist. Es ist eigentlich eine simple Anpassungsleistung, eine evolutionäre Notwendigkeit.

Tatsächlich aber ist das Vernünftige schon lange in Misskredit geraten. Das Rationale hat nämlich einen entscheidenden Haken: Man muss es leider selbst denken. Und was dabei herauskommt, ist nichts Romantisches und Spektakuläres, sondern einfach eine überschaubarere Umwelt. Und was erschwerend hinzukommt: Vernunft, Ratio - das ist in der deutschen Kultur seit jeher etwas zutiefst Anstrengendes und Langweiliges. Nehmen wir mal deutsche Philosophen, deren Lieblingsgegenstand stets die Ratio war. Vertreter dieses Berufsstandes galten und gelten als echte Spaßbremsen. Der deutsche Philosoph ist ein Kopfingenieur. Er formuliert trocken und sperrig. So kommt es, dass der Volksmund das Wort "vernünftig" für Dinge benutzt, die vor allen Dingen eines sind: zutiefst langweilig und trostlos. "Sei vernünftig", sagen Eltern zu ihren Kindern - wenn es um Verbote geht.

Insgeheim gelten aber jene, die gegen alle Vernunft handeln - und gelegentlich Glück haben -, als wahre Helden des Alltags. Authentisch ist, wer Hirn, Logik und Verstand stecken lässt - und in Talkshows lieber von Befindlichkeiten schwafelt. Wer nicht rechnen kann, muss sich nicht schämen. Man kann ja "rein gefühlsmäßig" zustimmen. Dann ist man erleichtert. Auch andere haben ihre Wirklichkeitskonstruktionen. Wie beruhigend.

Und so lebt man in der Als-ob-Welt.

Man verwechselt ständig Wirklichkeit mit Realität. Wirklichkeit ist eine subjektive Sache. Das ist das, was wir von der Welt wahrnehmen, der Teil der Realität, der in unserem Bewusstsein angelangt ist. Dieser Teil ist naturgemäß klein -und das ist auch nicht weiter schlimm, solange das Bedürfnis besteht, die Menge ein wenig und immer wieder zu erhöhen. Vor allen Dingen ist es ganz nützlich, sich den Unterschied zwischen der eigenen Wirklichkeit, also unserer Vorstellung von der Welt, und der Realität an sich deutlich zu machen, wo immer das geht. Doch genau diese Übung ist aus der Mode geraten. Die Wirklichkeit ist die Realität - und basta.

Je weiter sich der moderne Mensch von der Realität - der Natur - entfernt, desto merkwürdiger wird seine Ansicht über diese Natur der Dinge - und die anderen. Die eigene Konstruktion wird mit der Außenwelt verwechselt. Wozu führt das? Zu einer Zunahme der Feststellung "Das ist so - und aus." Zu Intoleranz also. Aber auch: zu immer verkopfteren Produkten und Dienstleistungen, die die kleine eigene Welt ihrer Konstrukteure widerspiegeln, aber nicht mehr die Bedürfnisse der Menschen, für die sie eigentlich gemacht sind. Zu Unternehmen, die ihre eigene kleine Welt für den einzigen Hort der Realität halten. Das ist schlecht fürs Geschäft. Und damit schlecht für die Menschheit.

4. Das Karussell der Unvernunft

Die zunehmende Innenwelt, die Als-ob-Realität, funktioniert als geschlossenes System. Vernunft führt zu guten Lösungen. Unvernunft, Irrationalität zu Abarbeiten, Bürokratie und Stumpfsinn. Und das hat viel mit Routine und Pflichterfüllung zu tun. Zeigen, dass man es hinkriegt. Irgendwie.

Horst Krüger (Name geändert), ein Vertriebsmanager aus Frankfurt am Main, hat da seine Erfahrungen. Vor Kurzem saß er - mit Hunderten Kollegen - bei der Jahrestagung seines Berufsverbandes. Die einleitenden Worte sprach der Vertreter eines Ministeriums. Bei der Gelegenheit servierte der Politiker gleich mal neue Vorschriften, Regeln, Normen fürs Gewerbe. "Da ging's in den Stuhlreihen los, Getuschel, manche tippten sich mit dem Zeigefinger an die Stirn, murmelten ,Quatsch' und ,Blödsinn'." Ein bisschen Unruhe. Etwas Widerstand.

Eine halbe Stunde später, erinnert sich Krüger, saßen Politiker und Verbandsfunktionäre mit Managern am runden Tisch. Und als ob nichts gewesen wäre, bemühten sich die Leute, die die neuen Vorschriften noch kurz zuvor als sinnlos und teuer erkannt hatten, um redliche Pflichterfüllung. Es geht nicht darum, das System zu verändern dazu müsste man einfach mal Nein sagen. Es geht darum zu zeigen, dass man das System beherrscht - so sinnlos es auch sein mag. "Das weiß jeder", sagt Krüger, "aber jeder macht auch mit. Wer da ausschert, gilt als leistungsschwach."

So funktioniert die kleine Welt des irrationalen, geschlossenen Systems. Und wie durch ein Wunder gibt es immer wieder Zeichen, dass man das "Richtige" tut.

In seinem 1983 erschienenen Bestseller "Anleitung zum Unglücklichsein" liefert der Psychotherapeut und Kommunikationsforscher Paul Watzlawick das perfekte Gleichnis für die in ihrem System gefangenen Irrationalen. Auch Watzlawick wählte für das Lächerliche die Erzählform des Witzes: "Ein Mann sitzt vor dem Haus und klatscht alle zehn Sekunden laut in die Hände. Da kommt ein Spaziergänger vorbei und fragt: ,Warum tun Sie das?' Der Mann antwortet: ,Wegen der Elefanten.' ,Aber hier gibt es doch gar keine Elefanten.' Da klatscht der Mann wieder kräftig in die Hände und sagt: ,Na also! Eben deshalb!'"

Dieser Mensch, kein Zweifel, hat sich seine Welt und seinen Sinn zurechtgeschustert - doch wem nützt es, wenn jemand gegen Elefanten anklatscht, die es nicht gibt?

5. Homunculus oeconomicus

Wie vernünftig kann der Mensch eigentlich sein? Wie rational ist er?

In der Wirtschaft, so schien es lange, verwandeln sich aus Interesse und Eigennutz seichte Gefühle in harte Logik. Das ist die Welt des Homo oeconomicus. Der Wirtschaftsmensch. Die letzte Hoffnung der Aufklärung. Der ist, so der deutsche Philosoph Eduard Spranger im Jahr 1914, ein Mensch, der "in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt". Total vernünftig also - und ganz anders, als es die Religionen, die meisten Philosophien und Ideologien predigten. Statt Zweifel Klarheit. Statt Esoterik, Glaube, Unsicherheit und Angst ein klarer Nutzen. Statt Ahnungen Wissen und Informationen. Abwägen. Entscheiden.

Das Konzept ließ hoffen, was der Dichter Peter Handke in den siebziger Jahren befürchtete: "Die Unvernünftigen sterben aus." Der Kaufmann galt längst als sachliche Größe in der Gesellschaft.

Die Frage, nicht nur im Schatten der Finanzkrise, ist: Wo ist der Homo oeconomicus geblieben? Gibt es ihn überhaupt? Ja. Und zwar in zwei Welten.

Die eine ist diejenige der Leute, die nicht rechnen wollen oder können. Für die Kapitalismus eine unbekannte, böse Kraft ist. Sie brauchen das Bild vom kalten Homo oeconomicus, um Illusionen zu behalten und zu verbreiten. Kalt, technisch und im Zweifelsfall unmenschlich muss dieses Wesen sein. Das macht Angst - und bringt ideologisches Kleingeld.

Die zweite Welt, in der der Wirtschaftsmensch nach diesem Schema existiert, ist das Labor der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler. In ihren Labors haben sie ihn hundertfach nachgewiesen - eigennützig, vernunftbegabt, rational. Solange man die Welt im Labor künstlich ließ. In der wirklichen Welt aber gibt es eben niemanden, der stets und immer über "vollständige Informationen" verfügt und "danach rational handelt", so die Betriebsanleitung des Homo oeconomicus. Er ist eine Konstruktion, die in der Realität "zu einem Homunculus oeconomicus" werde, wie der Ökonom Fritz Machlup spöttisch sagte, zu einer "Marionette, mit bloß ein paar menschlichen Zügen ausgestattet, die für bestimmte Erklärungszwecke ausgewählt wurde".

Der Wirtschaftsmensch ist eine Konstruktion aus der alten Welt, die Gegensätze brauchte und die es nicht schaffte, Sowohl-als-auch zu denken - und bis heute im Entweder-oder gefangen bleibt. Beide Lager zeihen sich unentwegt der Unvernunft: die, die komplexes, methodisches, naturwissenschaftlich basiertes Denken ablehnen, weil es ihnen zu hoch ist oder aus anderen, meist ideologischen Gründen nicht in den Kram passt, und diejenigen, die sich hinter Zahlenwerken und Formeln verschanzen, die vermeintlich die Welt erklären - aber dann doch so danebenliegen, dass es jeder bemerkt. In beiden Welten existieren dann irrationale, geschlossene Systeme. Es wird gegackert. Dann warten sie auf die Eier. So vergeht die Zeit.

6. Kosten versenken

Es geht auch anders.

Im Jahr 2002 erhielt der amerikanische Ökonom Daniel Kahneman den Wirtschaftsnobelpreis "für das Einführen von Einsichten der psychologischen Forschung in die Wirtschaftswissenschaft, besonders bezüglich Beurteilungen und Entscheidungen bei Unsicherheit". Kahnemans Fach nennt sich Verhaltensökonomik und beschäftigt sich mit allem, was im Gegensatz zum theoretischen Modell des Homo oeconomicus steht. Wie kommt es zu irrationalem Verhalten an den Finanzmärkten? Warum entscheiden sich Menschen mit und ohne "ausreichende" Informationen - für oder gegen etwas?

Kahneman selbst hat darauf hingewiesen, dass er nicht der "Entdecker der Psychologie" in der Wirtschaft ist. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein beschäftigten sich führende Ökonomen eben immer wieder auch mit dem "menschlichen Faktor", der abseits kalter Modelle wie dem Homo oeconomicus stand. Rationalität ist keine theoretische Sache. Doch die Zahlenfetischisten gewannen die Oberhand. Ihre technokratischen Epigonen haben uns die Finanzkrise eingebrockt. Nicht etwa deshalb, weil sie sich irrational verhalten oder "gezockt" hätten. Das ist gern wiederholter Unsinn. Sie haben im Gegenteil alles streng nach Lehrbuch gemacht. So, wie man sich verhalten soll. Das ist allerdings nicht vernünftig.

Und doch, weiß Professor Michael Fallgatter von der Bergischen Universität Wuppertal, weitverbreitet. Fallgatter beschäftigt sich vor allem mit dem Moment des Irrationalen in der Wirtschaft. Unermüdlich versucht er, in klaren, verständlichen und vor allen Dingen hochvernünftigen Sätzen und Beispielen Menschen zu zeigen, dass Wirtschaft nicht reine Vernunft ist - sondern auch ganz anders geht. "Irrationalität zum Anfas sen" nennt Fallgatter das. Und das liegt am System.

"Nehmen wir mal das Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler", sagt Fallgatter und lacht, "das kennt jeder. Da stehen die ganzen Sachen drin, die für unser gutes Geld im Laufe des Jahres verschwendet wurden, pure Unvernunft also, irrationales Handeln, das viel kostet, nicht wahr?" Und dann erklärt er, was daran der Haken ist. Wenn die aufgebrachten Steuerzahlervertreter etwa monieren, dass irgendwo in der Pampa zwischen Schwerin und Berlin eine Brücke über eine Autobahn führt, die keinen Anschluss hat, dann ist das natürlich "totale irrationale Verschwendung, ein Skandal - ein klassischer Fall von versenkten Kosten, sunk costs, wie wir Wirtschafter sagen", sagt Fallgatter. Nur: Das sei gleichsam "Unfug", wie er hinzufügt. "Irgendwann hat mal jemand diese Brücke geplant, weil man dachte, man braucht sie. Und irgendwann hat mal jemand festgestellt, dass sie eigentlich unnütz ist, weil sie niemand benutzen wird - oder sie keinen Sinn ergibt. Deshalb hat man das Projekt abgebrochen, statt auch noch Zubringerstraßen dazuzubauen. Das ist sehr vernünftig. Und es spart eine Menge Geld."

Diese Einsicht ist nicht schwer: Zwi schen Projektierung und Freigabe einer Brücke vergehen Jahre. Die Bedingungen ändern sich. Doch die meisten Politiker, Planer, Unternehmer und Manager würden es - genauso wie der Bund der Steuerzahler - als dramatischen Gesichtsverlust und groben Fehler sehen, wenn sie von einer Sache, die sie mal angefangen haben, auch wieder die Finger lassen würden. Wer bei uns etwas anfängt, macht es auch fertig. Erst die Sache, dann alle anderen und schließlich sich selbst. "Was uns fehlt, sind Leute, die so vernünftig sind, dass sie Fehler bemerken, Irrtümer einsehen und den Schaden begrenzen", sagt Fallgatter.

Doch diese Leute, die "Helden der Vernunft", wie Fallgatter sie nennt, behandeln wir schlecht. Wir nennen sie Fehlentscheider, Missmanager, Verlierer. Sie sind die Dummen. Die anderen hingegen, die nicht aufhören, bis der Arzt kommt, bilden unser gesellschaftliches Leitbild, denn sie erscheinen "konsequent", "ausdauernd" und "diszipliniert". Und wenn dann doch mal Zweifel auftauchen, wird sofort der Sachzwang zitiert - die Eier des Bruders, der glaubt, er sei ein Huhn: "Die Leute sind einem Strom an Entscheidungen verhaftet, dem sie nicht entrinnen können, obwohl sie schon merken: Das ist unlogisch, das nützt nicht, das schadet eher. Sie machen weiter, weil das System so ist - so irrational und so selbstverständlich. Wir haben nicht gelernt, damit umzugehen."

Im öffentlichen Dienst, sagt Fallgatter noch dazu, sei das die Regel. Aber er erkenne zunehmend das geschlossene, irrationale Denken auch in Unternehmen und anderen Organisationen. "Man wirft gutes Geld schlechtem nach, weil man sich nicht ändern will und darf. Und die wenigsten sind bereit, eine andere Rationalität zu denken." Die Unvernünftigen sterben aus? Fallgatter sieht eher das Gegenteil: "Die Akteure ändern sich nicht. Nur die Schäden werden größer und die Intervalle, in denen man merkt, dass etwas nicht stimmt, kürzer."

Wir brauchen die Eier. Aber Vorsicht: die Elefanten!

7. Was Trottel erwarten

Einbildung und Echtwelt, subjektive Wirklichkeit und Realität - eigentlich müsste es krachen, wenn sie aufeinandertreffen. Doch wir lernen immer wieder: Auch Doofes lebt lang. Eine geheimnisvolle Kraft scheint dafür zu sorgen, dass die Unvernünftigen mit einer ganz besonderen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet sind. Je blöder die Konstruktion, desto stabiler. Idioten lieben ihre Ordnung.

In seinem Werk "Die Macht der Dummheit" aus dem Jahr 1985 hat der französische Philosoph André Glucksmann, der Dummheit und Irrationalität synonym verwendet, geschrieben: "Der Nomenklatur der Dummen ist nichts unmöglich, also gibt es das Unmögliche an sich nicht, also besteht eine (vorherbestimmte) Harmonie zwischen dem, was der Trottel erwartet, und dem, was eintritt." All das sieht dann ganz normal, systematisch, irgendwie logisch aus, wie Glucksmann weiter schreibt, denn "die Dummheit kann bis ins Unendliche ordnen und klassifizieren, ohne in ihrem Tun je auf Grenzen zu stoßen: Grundvoraussetzung dafür ist, dass die einfache Syntax, die sie benutzt, ein Formulieren dieser Grenzen nicht zulässt."

Das Irrationale ist also fleißig, es sieht ganz normal aus. Und wer Glucksmanns Definition liest, der wird auch bemerken, dass das Dumme und Trottelige natürlich auch dort um sich greifen kann, wo Zahlen, Fakten und naturwissenschaftliche Methoden das Weltbild formen. Ausgerechnet! Messen, wägen, prüfen - die Welt, die Realität so darstellen, wie sie ist. Das galt als große Hoffnung gegen Irrationalität und Wirklichkeitskonstruktion.

Doch da wird Werkzeug mit Anwender verwechselt. Zahlen sind objektiv, ihre Interpretation ist es nicht. Da drehen Wissenschaftler, auch unbewusst, die Ergebnisse von Studien in die ihnen genehme Richtung, ganz selbstverständlich. Debatten darüber werden nicht geführt - wo käme man da hin? Transparenz und offener Diskurs könnten Wunder wirken gegen das Irrationale, nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch überall sonst. Doch genau das wird mit der eigenen Syntax, der nach innen gekehrten Sprache, dem ständigen Definieren von vermeintlichen Wahrheiten verhindert. Über das Irrationale kann man nicht verhandeln, nicht reden. Idioten genügen sich selbst.

Karl Popper hat in seinem Text "Alles Leben ist Problemlösen" mal die Vorbedingungen der Freiheit beschrieben. Die Freiheit ist letztlich das Ziel der Vernunft. "Der Rationalist ist einfach ein Mensch, dem mehr daran liegt zu lernen, als recht zu behalten."

Doch Idioten kennen keine Zweifel. Sie haben immer recht. Sie haben es nicht nötig, mit anderen zu streiten. Das führt zu nichts - außer Illusionsverlust. Das ist keine Polemik. Das ist Wissenschaft.

Manche Gehirnforscher deuten die Ergebnisse ihrer Arbeit genau in diese Richtung. Wir haben zwar genug Informationen, mehr, als wir zur Entscheidung benötigen, aber leider, leider - die Kapazität unseres Gehirns reicht nicht aus, um damit fertig zu werden. Die Realität ist schließlich kein Labor, in der Realität gibt es Zeitdruck, Überraschungen und ständige Abweichungen vom Plan. Immer wieder fließen neue Informationen zu den vorhandenen hinzu, machen sie überflüssig oder formen mit ihnen ein neues Bild. Wie soll man da richtig entscheiden? Das ist ein Grund, weshalb so viele die Systeme, von denen sie ahnen oder bereits wissen, dass sie irrational sind, nicht verlassen. Cogito ergo sum - ich denke, also bin ich? René Descartes kannte unsere Parteien nicht, keine Landesbanken, Manager und Bürokraten. Die Vernunft liegt auf Eis.

Susan Greenfield, eine der führenden Neurowissenschaftlerinnen, verblüffte beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Jahr 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, mit einer für ihr Fach typischen Einsicht. Man wisse zwar bis heute nicht bis ins Detail Bescheid darüber, wie Gehirn und Bewusstsein beschaffen seien, aber eines stehe fest: "Logik ist so ziemlich das Letzte, womit sich unser Gehirn beschäftigt. Das Gehirn rechnet nicht, es will sich bloß wohlfühlen." Genau das, so die Wissenschaftlerin und ihre Kollegen, sei die Ursache der Finanzkrise gewesen.

Greenfields Analyse hat zwei Haken: Sie fordert zum intellektuellen Schlendrian auf, der ohnehin ganz im Trend liegt. Und gleichsam lässt sich die Sache mit dem Wohlfühlen beliebig interpretieren. Und damit missverstehen.

Denn wenn nun die alte Doktrin von der harten Rationalität, vom lupenreinen Homo oeconomicus und dem vernünftig denkenden Menschen sich eben nicht als hundertprozentig wasserdicht herausstellt, dann ist die Alternative schon in Sichtweite. Wir kennen diese Leute: Wer sich von der Vernunft und der ihr zugrunde liegenden Arbeit, das systematische Fragen, kritische Nachhaken und Zweifeln am Bestehenden, überfordert fühlt, ist längst abgedriftet in die wunderbare Wohlfühlwelt des Sinnlichen. Hier leben die Gesinnungsmenschen. Mal sind sie Esoteriker, mal überzeugte Weltretter, die die einzige Wahrheit gepachtet haben, und, nicht zu vergessen, brave Routinearbeiter, die keine Fragen stellen, was der Sinn der ganzen Sache sein soll. Sie alle wollen sich bloß wohlfühlen - also ihr Weltbild bestätigt sehen. Wissen kann solche Weltbilder gefährden. Deshalb lässt man es lieber gleich. Und man kann sich bei jeder Blödheit darauf berufen, dass Leute wie Susan Greenfield doch längst festgestellt hätten, dass sich Logik nicht lohne.

8. Bauchgefühle

Kann das alles gewesen sein über die Unvernunft und die Vernunft? Sind wir Gefangene unseres fehleranfälligen, faulen, nach Komfort und Zustimmung suchenden Gehirns? Gibt es keine Alternative zur alten Welt des extremen Rationalismus, der sich leicht ins Gegenteil verkehrt, und einer Haltung, bei der Nichts-Kapieren die Welt beschreibt?

Doch. Der neue Realismus ist schon auf den Beinen. Gerd Gigerenzer ist einer der Forscher, die sich ihm verschrieben haben. Der Psychologe, Autor und Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung ist bekannt für seine grundlegenden Arbeiten zum Thema begrenzte Rationalität und Heuristiken, also der Fähigkeit, mit unzureichenden Informationen und unter Zeitdruck zu guten Entscheidungen und Lösungen zu kommen. Wie im wirklichen Leben also, das weder Labor noch Esoterik-Shop ist.

"Das Problem ist doch, dass wir zu viel auf Logik setzen, dabei ist die nur ein Werkzeug, ein Instrument für Entscheidungen, die wir treffen müssen", sagt er. Ebenso wichtig, das wird Gigerenzer nicht müde zu sagen, sei die Intuition, das berühmte Bauchgefühl. "Wir sind umzingelt von Menschen, die behaupten, sie könnten jede Situation analytisch und rational beurteilen - Berater, Lebenshilfeautoren und viele andere. Allein für Prognosestudien werden weltweit 200 Milliarden Euro ausgegeben." Solche "Scheinsicherheiten kosten viel Geld. Vernünftiger wäre es aber, wenn wir den Menschen und künftigen Generationen den Umgang mit Risiken und Unsicherheiten beibringen würden, die eben einmal zur Welt gehören."

Derlei bringt Gigerenzer auch Beifall von der falschen Seite ein. Sein Buch "Bauchentscheidungen" wurde schnell in Fernsehen, Radio, Zeitungen und in zahllosen Blogs zitiert. Na endlich, so der Tenor der meisten Rezensenten, da haben wir es: Nachdenken und Wissen - kannst du alles vergessen. Rationales Wissen braucht man nicht. Lernen, Sammeln, Verstehen - alles für die Katz. Lass deinen Bauch sprechen! Die Resultate kann man zunehmend beobachten: eine Politik der Gefühle, die nicht einmal mehr so tut, als habe sie rationale Gründe. Und Bürger, die mal alle elf gerade sein lassen, weil sie nicht mehr auf zehn zählen können.

Darauf antwortet Gigerenzer so wie einst der Medienforscher Marshall McLuhan in Woody Allens "Der Stadtneurotiker". Nachdem ein Typ seiner Freundin an der Kinokasse den Sinn der Arbeit McLuhans "erklärt" hat, tritt McLuhan aus dem Off auf ihn zu und stellt klar: "So einen Unsinn habe ich nie gesagt."

Darauf legt auch Gerd Gigerenzer Wert: So einen Unsinn hat er nie gesagt. Der Bauch ist nicht alles. "Das Bauchgefühl hilft dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen, und zwar jenen Leuten, die viel wissen, die statistisches Wissen haben, also eine solide Grundlage für Entscheidungen. Die besten Bauchentscheidungen treffen Experten." Auch das: eine Tatsache. Die Realität.

Wer das nicht hören will, kann weiterhin nur fühlen. Und auf die Eier warten. -

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