Ausgabe 05/2010 - Schwerpunkt Irrationalität

Die Liebe zum Sowohl-als-auch

- Mag schon sein, dass die Bibel recht hat und Gott die Welt in sechs Tagen erschuf. Und wer weiß, vielleicht sind wir von den Geistern unserer Ahnen umgeben. Womöglich ist unser ganzes Leben nur ein Trugbild. Das und noch vieles mehr ist denkbar. Weder Physik noch Philosophie können uns letzte Gewissheit geben, was möglich ist und was nicht. "Ich sage nie, das geht nicht", sagt der Physiker Martin Lambeck, emeritierter Professor an der Technischen Universität Berlin. Er hat schon einige Lehrsätze der Physik, die er seinen Studenten jahrzehntelang vortrug, revidieren müssen. Es ist also nur konsequent, alles zu glauben.

Geht es um unsere Gesundheit, glauben wir besonders leicht. Zum einen, weil wir uns in der Not an jeden Strohhalm klammern. Zum anderen, weil wir über den menschlichen Organismus immer noch wenig wissen - und umso trefflicher spekulieren können. Die Verbreitung medizinischer Verfahren, die sich jenseits der Wissenschaft bewegen, belegt die Überzeugung vieler Menschen, dass man kein Heilsversprechen von vornherein ausschließen sollte. Schließlich kann man, so sagen sie, nicht alles zwischen Himmel und Erde erklären.

Wie beispielsweise die Homöopathie und die anthroposophische Medizin. Beide stellen Behauptungen auf, die den Erkenntnissen der heutigen Physik widersprechen. So postulierte vor mehr als 200 Jahren Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, dass durch wiederholtes Schütteln und Verdünnen einer Substanz eine geistartige Kraft freigesetzt wird, deren Stärke selbst dann noch zunimmt, wenn die Ausgangsmaterie vollständig verschwunden ist. Diese geistartige Kraft wird dabei nur aus der Wirksubstanz, nicht jedoch aus den Verunreinigungen des Lösungsmittels freigesetzt. Das sind Grundsätze, deren Nachweis die Physik revolutionieren und, wie Lambeck seit Jahren betont, etliche Nobelpreise einbringen würden. Dessen ungeachtet, verschreiben Ärzte und Heilpraktiker streng nach Hahnemanns Lehre homöopathische Mittel, die keine Wirk-Materie, sondern nur noch Wirk-Geist enthalten. Zwar bemühen Theoretiker der Homöopathie gern die Quantenphysik, um die Wirkung des Geistes zu erklären, doch übertragen sie dabei atomare Phänomene eins zu eins auf den Makrokosmos - ganz so, als würde man behaupten, ein Jumbojet könne auf der Stelle fliegen, wenn man ihn wie einen Kolibri baute, nur eben größer.

Die anthroposophische Medizin, vor etwa hundert Jahren von Rudolf Steiner begründet, geht ebenfalls von immateriellen Wirkungen aus, die obendrein einer "spirituellen Kosmologie" folgen. So befand Steiner: "Eisen ist der Regulator des Zusammenhangs zwischen physischem Leib und ätherischem Leib einerseits und astralischem Leib und Ich-Organisation andererseits." Nicht zufällig wird Steiner von seinen Anhängern als der größte Esoteriker des 20. Jahrhunderts gefeiert.

An Parallelwelten zu glauben ist völlig normal

Die Anthroposophie kennt auch Heilpflanzen, die aber nicht durch Versuche ermittelt werden, sondern durch die "Pflanzenbetrachtung" nach der Lehre des großen Meisters. Es sei Steiners "geniale Entdeckung", heißt es in einer anthroposophischen Schrift, "wenn er sagt, eine Pflanze sei dann Heilpflanze, wenn die Dreigliederung von Wurzel-Blatt-Blüte/Frucht gestört sei". Das ist, wenn man die Erkenntnisse der Physik nicht gelten lässt, eine rationale Behauptung. Umgekehrt gilt: "Wenn das alles stimmt", so Martin Lambeck, "ist nicht nur die heutige Physik unvollständig, sondern die ganze abendländische Wissenschaft seit Galilei."

Vielleicht ist sie das ja, vielleicht aber auch nicht. So vernünftig es also ist, alles für möglich zu halten, so vernünftig ist es auch, sich am Wissen der heutigen Physik zu orientieren. Schließlich spricht vieles dafür, dass die Schwerkraft auch morgen noch wirkt und die Äpfel dann nicht nach oben und die Australier nicht nach unten fallen. Ebenso ist die Annahme plausibel, dass die Welt nicht verschwindet, wenn man die Augen schließt. Und die Erfahrung lehrt, dass man nur satt wird, wenn man wirklich isst. Selbst der Gläubige muss zugeben, dass man umso betrunkener wird, je mehr Wein man konsumiert.

Entsprechend rational ist es auch, davon auszugehen, dass Belladonna C30, ein beliebtes homöopathisches Mittel, in längst materiefreier Verdünnung ebenso kein Belladonna mehr enthält wie Nux vomica C30 keine Nux vomica. Und dass deshalb beide Präparate identisch sind. Ein Umetikettieren der Homöopathie-Fläschchen in der Apotheke hätte demnach keinerlei Folgen, und die stundenlange Suche des Homöopathen nach dem richtigen Präparat ist zwar gut gemeint, aber letztlich für die Katz.

Zu solch einem klaren Bekenntnis zur Physik wollte sich der Gesetzgeber nicht durchringen und räumte der Homöopathie und der anthroposophischen Medizin 1976 im Arzneimittelgesetz eine Sonderstellung ein: Mittel, die nach den Prinzipien der beiden Schulen hergestellt werden, benötigen für ihren Wirksamkeitsnachweis nur einen sogenannten Binnenkonsens. Es genügt für ihre Zulassung, dass die Anhänger sie für wirksam halten. Dazu stellte die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft fest: "Deutsche Politiker missachteten den Sachverstand der gesamten medizinischen Wissenschaft, indem sie der Binnenanerkennung sogenannter alternativer Therapierichtungen zustimmten."

Was die Kommission so erboste, war die vom Gesetzgeber festgeschriebene Parallelwelt, in der jene physikalischen Gesetze offenbar nicht zählen, an die sich die Pharmakonzerne mit ihren chemischen Arzneimitteln strikt zu halten haben. Dieses Sowohl-als-auch - das eine tun und das andere nicht lassen -, dieses gleichberechtigte Nebeneinander von Glaube und Physik, ist unvernünftig. Denn es widerspricht jeder Ratio, dass ein physikalisches Gesetz im einen Fall gelten soll und im anderen nicht.

Im Alltag lässt sich dieses Nebeneinander nur mit einer gehörigen Portion Schizophrenie bewältigen. Wenn ein Fahrlehrer seine Schüler vor engen Kurven unter Berufung auf die Gesetze der Physik warnt und abends die Horoskop-Hotline anruft. Wenn eine Mutter ihr Kind, das weinend aus einem Traum mit bösen Geistern erwacht, damit tröstet, dass es keine Geister gibt, und am nächsten Tag, wenn das Kind krank ist, auf die geistartigen Heilkräfte der Homöopathie vertraut. Wenn ein Richter einen Angeklagten freispricht, weil der zur Tatzeit nachweislich an einem anderen Ort war, selbst aber an Fernheilung glaubt. Wenn ein Sänger mit seinen Stimmbändern Schallwellen produziert, statt seinen Gesang per Gedankenwellen an die Zuhörer zu übertragen, und sich trotzdem beim Heilpraktiker einer Bioresonanztherapie unterzieht. Wenn die Techniker Krankenkasse ihren Versicherten homöopathische Behandlungen spendiert und ihr ehemaliger Vize-Vorstand sagt, man müsse den Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen "entrümpeln".

Es scheint eine zutiefst menschliche Eigenschaft zu sein, sich an Irrationalem nicht zu stören. Verdächtig ist nur, wer die Physik konsequent in Abrede stellt und beharrlich versucht, durch Wände zu gehen oder kraft seiner Gedanken zu schweben - das ist der Spinner und Sektierer. Und verdächtig ist der notorisch Vernünftige, der sich an die Physik hält - das ist der bedauernswerte Kopfmensch. Fein raus ist, wer nicht alles hinterfragt. Der weiß zwar nie genau, woran er ist, aber wenn er sich am Mainstream orientiert, wird er schon richtig liegen. Hauptsache, er folgt dem gesellschaftlichen Konsens der Irrationalität. -

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