Ausgabe 12/2010 - Schwerpunkt Familie

Gleichung mit Unbekannten

- Für Mütter und Väter ist die aktuelle US-amerikanische Fernsehserie "Mad Men" wie ein Blick auf einen anderen Planeten. Sie spielt in den frühen sechziger Jahren, also gehen die Männer morgens ins Büro, die Frauen bleiben mit den Kindern zu Hause. Der Mann verhandelt, raucht und kämpft, abends kommt er heim, der Braten dampft auf dem Tisch, und die Gattin fragt, wie sein Tag war. Er küsst die schlafenden Kinder, schenkt sich einen Whiskey ein und liest die Zeitung.

Es liegt nahe, die Popularität des TV-Dramas in Deutschland - gerade unter aufgeklärten Zuschauern - damit zu erklären, dass sich Männer von heute solche Zeiten geruhsam zementierter Geschlechterrollen zurückwünschen. Beim Tresengespräch mit Vätern gesteht der eine oder andere nach dem dritten Bier dann auch, dass alles einfacher wäre, bügelte jemand seine Hemden und müsste er nicht morgens früh um acht vor der Arbeit mit den Kleinen in die Kita hetzen. Politisch total unkorrekt, natürlich. Am nächsten Tag freut sich der Mann dann, Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen und eine selbstbewusste, ausgeglichene Zweitverdienerin an seiner Seite zu haben.

Und doch bezieht die Serie ihren Charme nicht zuletzt aus dem größtmöglichen Kontrast zur modernen Arbeitswelt, die Familien mit früher ungekannten Problemen konfrontiert, für die es keine tradierten Verhaltensmuster gibt. Arbeitszeiten werden immer flexibler, also muss man nachts und am Wochenende erledigen, was tagsüber liegen blieb. Moderne Kommunikationstechnik und bessere Betreuungsangebote machen es einfacher, Familie und Job unter einen Hut zu bringen. Also arbeiten beide Elternteile und jonglieren im Kampf mit Projekten, Deadlines, fragmentierten Job-Biografien und permanenter Erreichbarkeit ihre Termine.

Zwischen Home Office, Kita und maximaler Mobilität wurschteln sich berufstätige Mütter und Väter so durch - das Handy in der einen Hand, den Windeleimer in der anderen. Der Tag beginnt und endet mit gegenseitigem Kalendervergleich und harten Verhandlungen über jede halbe Stunde. Im Vergleich zur bieder regulierten "Mad Men"-Welt ist das ein Riesenfortschritt. Und oft ist es irrsinnig nervenaufreibend.

Stese Wagner arbeitet in Berlin als Werbetexterin. Vor etwas mehr als einem Jahr bekam die 38-Jährige ihren Sohn Robert. Sie war zuvor bei Jung von Matt, bei TBWA und der Agentur Heimat - früher fest, zuletzt freiberuflich. "Ich wurde immer als Feuerwehr geholt", sagt sie. Eine normale Buchung ging so: Anruf Freitagabend - kannst du? Ab Montag früh dann "eine Woche durchschrubben", dafür gab es Tagessätze von bis zu 750 Euro. "Mit Kind funktioniert das natürlich überhaupt nicht mehr."

Doch ohne Zwölf-Stunden-Tage und ständiges Auf-Abruf-Sein geht es in ihrer Branche offenbar nicht. Dabei könnte sie sich als Texterin die Konzepte für Kampagnen, TV-Spots, Plakate und Anzeigeneigentlich auch zu Hause ausdenken oder abends, wenn das Kind schläft? "In der Theorie", sagt sie, "ist das alles super." In der Praxis wollen viele Agenturen die Leute doch lieber im Büro sehen. "Das ist so ein Kontrollfreak-Ding. Halbe Stellen gibt es in der Werbung auch fast nicht." Überhaupt: "Mit Kind wird man kaum noch gebucht." Wagner sagt, sie mache jetzt nur noch vergleichsweise kleine Projekte. "Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben den Krankenschwestern-Steuersatz." Sie versucht, für Bekannte zu arbeiten - kennt sie den Auftraggeber gut, kann sie offen sagen, dass sie den Drei-Tage-Job auf eine Woche strecken wird. "Es muss viel Verständnis da sein."

Ein paar Mal hat sie versucht, sich dem gnadenlosen Rhythmus ihrer Branche trotz Kind anzupassen: "Morgens, wenn ich los musste, hat Robert noch geschlafen, und abends, wenn ich nach Hause kam, schon wieder." Verdient hat sie wieder richtig gut, hätte also eine Tagesmutter bezahlen können. Bis vier wäre der Sohn in der Kita, dann holte ihn die Kinderfrau ab, der Vater wäre ab sieben dran, wenn er Feierabend hat. "Ich käme um 21 Uhr nach Hause, das Kind wäre wegorganisiert." Sie muss den Satz eigentlich nicht hinzufügen, tut es dann aber doch, trocken: "Das will man ja nun auch nicht dauernd."

Roberts Vater ist auch in der Werbung, fest angestellter Kreativdirektor. Wahrscheinlich wäre es einfacher, wenn er auch Freiberufler wäre. "Oder Lehrer." Vielleicht, sagt sie, sollte sie sich auch wieder fest anstellen lassen oder den Beruf wechseln. "Werbung ist eine Junge-Leute-Branche." Auftraggeber unter 30 haben wenig Verständnis für die Nöte einer Familie.

Einfach aus der Welt schaffen lassen sie sich ohnehin nicht. Der Vater des Kindes hat sieben Monate Elternzeit genommen - "ich kenne sonst niemanden, der das gemacht hat", lobt ihn Wagner. "Nachmittags auf dem Spielplatz sitzt doch höchstens ein Mann unter zehn Frauen." Spätestens wenn das zweite Kind da ist, so ihre Erfahrung, fällt allerdings auch bei noch so gleichberechtigt denkenden Paaren das Kartenhaus zusammen. Zu Hause bleibt dann, wer weniger verdient, und das ist meist - noch immer - die Frau. Als Wagner von Bekannten hört, dass es in manchen Firmen Betriebskindergärten gibt, sehnt sie sich kurz nach festem Urlaub, pünktlichem Feierabend, und wenn das Kind krank wäre, bliebe man eben mal zu Hause. "Im Moment bin ich eigentlich auf alle mit geregelter Jobsituation neidisch."

Familienfreundlichkeit gilt als Wettbewerbsvorteil

Flexible Arbeitsformen wirkten nach außen hin modern, sagt Claas Triebel, Psychologe und Autor eines Buches mit dem Titel "Mobil, flexibel, immer erreichbar". Studien zeigten aber: "Macht einer Projektarbeit und ist viel unterwegs, bedeutet das für den anderen meist einen besonders starken Rückfall in klassische Geschlechterrollen." Triebel ist Experte für Laufbahnberatung und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr München. Er hat herausgefunden: "Wenn eine Seite unregelmäßige Rhythmen hat, plant man die ganze Zeit und bekommt weniger auf die Reihe." Ergebnis, in der Regel: "Der Mann strabanzt durch die Gegend, die Frau bleibt zu Hause."

Männer steckten selten zurück. Die moderne Arbeitswelt mache das nicht unbedingt besser, oft schlechter, sei sie doch "geprägt von atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Immer muss man schon den nächsten Job akquirieren, weil man nicht weiß, wie gut der aktuelle läuft." Also lade man sich automatisch zu viel Arbeit auf. "Auch wenn man der Familie zuliebe weniger machen möchte, ist es gerade jetzt immer schlecht."

Laut Triebel kann die heute mögliche Flexibilität in der Arbeitswelt schaden oder nutzen. Schlecht ist die, in der Menschen an ständig wechselnden Orten und in großer Unsicherheit ihr Geld verdienen. Gut sind individuelle Arbeitszeiten und die Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten. Dass Unternehmen das Modewort von der Work-Life-Balance zunehmend ernst nehmen und benutzen, um Mitarbeiter anzulocken, sei ein gutes Zeichen, sagt er. "Aber eben nur dann, wenn es nicht mehr Zugriff auf das Individuum bedeutet. Es muss dem Menschen mehr Freiheit schaffen, nicht weniger. Sonst - und das ist oft der Fall - ist es ein Trojanisches Pferd."

Bei der sächsischen Komsa AG scheint es damit zu klappen: Das Unternehmen, das mit Telekommunikation und IT knapp 700 Millionen Euro im Jahr umsetzt, bietet seinen 1300 Mitarbeitern eine werkseigene Kita und organisiert Arzttermine am Arbeitsplatz. Alle können innerhalb der Teams ihre Anwesenheiten individuell vereinbaren. Jungen Eltern stellt das Unternehmen einen kompletten Heimarbeitsplatz, bietet ihnen sogenannte alternierende Telearbeit an, also das abwechselnde Arbeiten von zu Hause oder in der Firma, und übernimmt die laufenden Kosten für die Technik. "So können die Mitarbeiter mit dem Unternehmen in Kontakt bleiben, ohne ständig ins Büro zu gehen", sagt die Unternehmenssprecherin Katja Förster. "An Meetings muss man vielleicht trotzdem teilnehmen, aber vieles machen die Muttis und Vatis dann abends von zu Hause aus. Dadurch sind die Wiedereinstiegszeiten in den Job viel kürzer geworden."

Für so viel Familienfreundlichkeit hat Komsa diverse Preise bekommen, von der Hertie-Stiftung zum Beispiel. Der Freistaat Sachsen verlieh dem Firmenchef Gunnar Grosse 2007 den Verdienstorden des Landes. Die Großzügigkeit der Firma in Hartmannsdorf nahe Chemnitz ist durchaus kalkuliert. Denn um Fachkräfte, die auch in Metropolen Jobs fänden, dorthin zu locken, muss man sich etwas einfallen lassen. "Andere bauen eine Oper, wir investieren in Mitarbeiterfreundlichkeit", sagt Grosse, der eines der europaweit führenden Unternehmen seiner Branche leitet. "Wir sind ja hier nicht am Nabel der Welt", ergänzt Förster. "Argumente wie freie Arbeitszeitgestaltung oder das Home Office für junge Eltern helfen schon sehr, qualifizierte Mitarbeiter auch aus den alten Bundesländern anzuziehen."

Die Firma liegt damit im Trend. "Work-Life-Balance wird derzeit zu einem strategischen Thema für viele Personalabteilungen", sagt die Professorin Jutta Rump, Expertin für Personalmanagement an der Fachhochschule Ludwigshafen am Rhein. Zwar funktionierten Heimarbeit und flexible Arbeitszeiten in der Produktion oder im Einzelhandel nicht. Doch für Wissensarbeiter je nach Rechnung schon zwischen 40 und 50 Prozent aller Jobs in Deutschland - seien es große Themen. Von kleinen Firmen bis zum Großkonzern würden Mitarbeiter neuerdings mit der Aussicht auf mehr Kontrolle über die eigene Zeit angeworben.

Ob Deutsche Bank oder Daimler, BMW, SAP oder die Stadtverwaltung Wolfsburg - sie alle experimentieren mit flexiblen Arbeitsmodellen. Werden Angestellte nicht mehr jeden Tag an den Schreibtisch gezwungen, sind sie in der Regel motivierter, produktiver, kreativer und loyaler - vor allem weil sie Job und Privatleben besser ausbalancieren können. Laut Studien schätzen 80 Prozent der deutschen Unternehmen Familienfreundlichkeit als wichtig ein, 2003 waren es nur 46 Prozent.

Auch die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder fordert darum eine neue Arbeitskultur. Mit dem Elterngeld habe ein Umdenken eingesetzt, sagt sie. Früher haben nur 3,5 Prozent aller Väter Elternzeit genommen, jetzt sind es 21 Prozent. "Es muss möglich sein und darf nicht zu schrägen Blicken führen, wenn Führungskräfte - Männer wie Frauen - früher nach Hause möchten, weil sie Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen." Flexible Arbeitszeiten sind laut Schröder "der Dreh- und Angelpunkt für eine gelungene Vereinbarkeit von Beruf und Familie", die nicht länger als Privatangelegenheit angesehen werden dürfe, "sondern als wichtiges gesamtgesellschaftliches Anliegen". Zusammen mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) wirbt ihr Ministerium unter dem Motto 'Familienbewusste Arbeitszeiten' bei Unternehmen für mehr "vollzeitnahe Teilzeit-Arbeitsplätze mit 30 bis 35 Stunden Wochenarbeitszeit".

Microsoft Deutschland ist da schon drei Schritte weiter. Hier gibt es viele Formen von Teilzeitmodellen, Jobsharing und virtuelle Teams, die per Internet kooperieren. Wer von zu Hause aus arbeiten möchte, bekommt die technische Ausrüstung gestellt. "Die Generation Y hat andere Werte", so Brigitte Hirl-Höfer, Personalchefin des Unternehmens. Familie rücke wieder mehr in den Mittelpunkt, das merke man besonders bei den Vätern. "Wir vereinbaren darum mit jedem Mitarbeiter bestimmte Ziele. Wie die erreicht werden und wo, ist zweitrangig."

Arbeitende Eltern brauchen vor allem Disziplin

Auf diese Weise erwirtschaftet der drittgrößte Microsoft-Ableger außerhalb der USA nicht nur gute Renditen, sondern wurde auch wiederholt zu einem der beliebtesten Arbeitgeber Deutschlands gewählt. "Eine familienfreundliche Personalpolitik rechnet sich nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Unternehmen", sagt Hirl-Höfer. "Sie verringert Fluktuation und Stress, liefert höhere Erträge bei mehr Effizienz." Mit einer Frauenquote von 26 Prozent liege Microsoft über dem Schnitt der IT-Branche hierzulande. Ein Drittel aller Neueingestellten sei weiblich, auf der Chef-Ebene seien es noch mehr: "Ab Januar 2011 wird das hiesige 13-köpfige Management-Team des Unternehmens aus sieben Frauen und sechs Männern bestehen, zehn davon haben Kinder."

Klingt alles nach schöner neuer Arbeitswelt. Doch die hat ihren Preis. Im Büro sind Kinderlose neidisch auf Eltern, die immer eine gute Ausrede haben, früher zu gehen und später zu kommen - und die liegen gebliebene Arbeit den Kollegen überlassen. Die superflexiblen Mütter und Väter sind ständig erreichbar, stets gehetzt und haben nie Feierabend. Das tut Familien nicht gut. "Samstags gehört Vati mir", plakatierte der DGB 1956. Heute gehört Vati am Wochenende oft dem Blackberry.

Die Microsoft-Personalchefin Hirl-Höfer sagt dazu: "Flexible Arbeitszeiten schaffen Freiräume in der Gestaltung für Mitarbeiter, aber sie fordern auch ganz klar die eigene Disziplin." Etwa wenn man dem Chef beibringen muss, dass das Handy mal aus ist. "Außerdem", ergänzt sie, "reden wir von einer Generation, die mit Computer und dem Internet aufgewachsen ist. Digital Natives sind diese Prozesse gewohnt."

Die neue Arbeitswelt ist also auch Verhandlungssache, und das ist ein Fortschritt, denn wer den ganzen Tag im Büro sitzen muss, hat gar nichts zu verhandeln. Die Zeiten der Präsenzkultur gehen aber wohl dem Ende zu, schon weil viele Chefs die Mütter nicht mehr missen wollen. "Frauen haben seit Jahren bessere Schulabschlüsse und sind im Studium erfolgreicher", sagt Jutta Rump. Die Volkswirtschaft könne es sich nicht leisten, auf die eine Hälfte des Arbeitsmarktes zu verzichten, sagt die Forscherin, "insbesondere wenn diese Hälfte besser ausgebildet ist". Dies gelte vor allem im Hinblick auf Führungspositionen. Rump: "Hier ist in Deutschland der Frauenanteil bis zum Alter von etwa 35 Jahren recht hoch, im klassischen Familiengründungsalter sinkt er dann aber rapide."

Dass mehr weibliche Arbeitskräfte dem Geschäft zugutekommen, zeigt eine Studie der US-Frauenorganisation Catalyst, die die 500 größten Aktiengesellschaften Amerikas untersucht hat. Firmen mit den meisten Frauen im Vorstand erzielten im Vergleich zu denen ohne weibliche Mitglieder eine bis zu 53 Prozent höhere Eigenkapitalrendite. In Deutschland arbeiten derzeit aber nur vier Frauen im Vorstand eines Dax-30-Unternehmens. Ähnlich schwach vertreten sind sie mit 2,3 Prozent auch im operativen Management: EU-weit sind es 4,2 Prozent. Das Institut Prognos schätzt eine zusätzliche Wertschöpfung von 83 Milliarden Euro, wären Frauen zwischen 25 und 50 Jahren in gleichem Umfang erwerbstätig wie Männer. "Unternehmen, die an der üblichen Alternative Vormittagsjob oder starre Vollzeit festhalten, werden schmerzhafte Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen müssen", prophezeit die Ministerin Schröder.

96 Prozent der berufstätigen Eltern wünschen sich flexiblere Arbeitszeiten. Für 90 Prozent der Beschäftigten zwischen 25 und 39 Jahren mit Kindern ist Familienfreundlichkeit ebenso wichtig wie das Gehalt oder sogar wichtiger. "Und doch praktizieren noch mehr als die Hälfte der Paare in Deutschland das Alleinverdienermodell", so Rump. "Nur 29 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren sind erwerbstätig." Zwar steige mit dem Alter der Kinder auch die Zahl der Frauen, die in den Beruf zurückkehren. "70 Prozent von ihnen tun dies allerdings in Teilzeit."

Denn neben flexiblen Arbeitszeiten fehlt es vor allem an der Möglichkeit, die Kinder auch mal wegzugeben. Zwar ist das Betreuungsangebot für unter Dreijährige in Westdeutschland seit 2006 um 75 Prozent gewachsen, doch das reicht nicht. Die Ministerin Schröder will bis 2013 gerade mal für jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Kita-Platz bereitstellen, selbst dieses Ziel gilt als ambitioniert und kostet: "Die vier Milliarden für den Kita-Ausbau wurden darum von den Haushaltskonsolidierungen ausgenommen."

Wer Kind und Karriere will, braucht auch für den älteren Nachwuchs eine Ganztagsbetreuung. Das Familienministerium kritisiert darum die in Deutschland verbreitete Halbtagsschule: "Es bedeutet für die Vereinbarkeit natürlich einen enormen Unterschied, ob eine Mutter ihr Kind um 16 Uhr von der Schule abholt oder ob sie um eins zu Hause sein und Mittagessen kochen muss." Hier seien vor allem die Länder gefragt.

Immer öfter verlassen sich berufstätige Eltern aber nicht auf politische Absichtserklärungen und verlangen stattdessen vom Arbeitgeber, für die Kinderbetreuung zu sorgen. Man kann sich darüber streiten, ob solche gesellschaftlichen Aufgaben von der Privatwirtschaft getragen werden sollten. Empirisch und ganz praktisch ist aber für immer mehr Firmen die Mitarbeiter-Kita mit langen Öffnungszeiten ein hervorragendes Differenzierungsmerkmal im Kampf um gut ausgebildete Mitarbeiter, hat Frank Zopp vom Trägerverein Fröbel e. V. festgestellt: "Unternehmen gehen Kooperationen mit Trägern ein, um qualifiziertes Personal zu halten", beschreibt er die aktuelle Entwicklung.

So betreut sein Verein am Potsdamer Platz in Berlin Kinder der Mitarbeiter von Sony, Daimler, Toll Collect und N24, die alle hier Büros haben. Die Nachfrage ist groß, das Angebot wird jetzt von 100 auf 160 Plätze erweitert. Zopp sieht auch bundesweit einen erheblichen Bedarf an Betreuung für kleine Kinder. Jüngere Leute gingen heute selbstbewusster mit diesem Thema um, sagt er, "auch wegen der Vätermonate. Da gibt es einen Bewusstseinswandel - der politische Fokus auf Familienpolitik trägt Früchte."

Fröbel betreibt bundesweit mehr als 100 Kindergärten, Horte und Beratungszentren, hat 1800 Mitarbeiter, die sich um fast 10 000 Kinder kümmern - "mit steigender Tendenz", so Zopp. "Gegenwärtig bauen wir allein in Berlin drei neue Kindergärten, im Filmpark Babelsberg, im Wissenschaftspark Potsdam-Golm und am Wissenschaftsstandort Berlin-Adlershof." Wäre der Verein nicht gemeinnützig, man dürfte von einem Bombengeschäft sprechen.

"Gerade kleine und mittelständische Betriebe fürchten sich vor immensen Kosten für betriebseigene Kinderbetreuung", weiß Jutta Rump. Die Verantwortlichen seien dann oft überrascht, wie günstig sich das machen ließe. Und falls nicht, wäre vielen Mitarbeitern schon damit geholfen, mal Arbeit mit nach Hause nehmen zu können, wenn es eng wird. "Gerade diese Maßnahme ist für Betriebe kostenneutral, für den Einzelnen aber unbezahlbar."

Sicher ist: Zurück an den Herd führt kein Weg

Eine Untersuchung von Deutsche Bank Research sieht die ganze Entwicklung optimistisch. Im Jahr 2020, so die Kernaussage, würden Frauen deutlich besser dastehen als heute, denn, so ein Fazit in schönstem Personaler-Jargon: "Die wachsende Projektwirtschaft, zunehmende Wissensintensität und rasche virtuelle Vernetzung haben zu einer Verbreitung flexibler Arbeitsmodelle geführt."

Für die Studienleiterin Claire Schaffnit-Chatterjee ist das mehr als nur eine fromme Hoffnung: "Viele Mütter würden auch heute schon gern arbeiten, wenn sie ein alternatives Arbeitsmodell wählen könnten. Der Job ist für diese Frauen wichtig, aber die Verbindung mit dem Kind auch." Mithilfe von Smartphone, Laptop und Internet auch mal von zu Hause oder unterwegs zu arbeiten ist für sie "praktisch der einzige Weg", beides halbwegs unter einen Hut zu bekommen. Nach ihren Zahlen bieten schon zwei Drittel der deutschen Arbeitgeber so etwas an, es werde aber nur selten in die Unternehmenskultur integriert. Mitarbeiter, die danach fragen, "werden häufig stigmatisiert und müssen mit Nachteilen für die Karriere rechnen".

Sie selbst hat zwei Kinder und nutzt flexible Arbeitszeiten mit Telearbeit, um mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Natürlich hat das seine Grenzen - "Kundentermine kann man schlecht auf 23 Uhr legen". Und natürlich gibt es Nachteile: Kein eindeutiger Feierabend, der Job beeinflusst das Privatleben viel stärker als bei klassischen Büroarbeitern. Aber, so Schaffnit-Chatterjee mit Blick auf Unternehmen und Gesellschaft: "Es geht kein Weg zurück. Alle müssen sich anpassen und, wenn nötig, Grenzen setzen." Die gebürtige Französin hat zehn Jahre in Kanada gelebt, bevor sie mit Ehemann und Kindern nach Deutschland zog: "Ich war überrascht, dass man sich hier entschuldigen muss, wenn man als Mutter arbeiten will."

Ein Manager stellt fest: Nicht alles ist machbar

Oder als Vater dafür, dass man trotz Job auch mal Zeit für die Familie haben will. Alexander May ist daran fast kaputtgegangen. Der heute 39-Jährige war Manager bei einem großen Markenartikler. May heißt nicht so, mag seine Geschichte aber nur unter Pseudonym erzählen. Er gehörte zum oberen Führungskreis des Unternehmens, der weitere Aufstieg schien programmiert, vorausgesetzt, er hielte sich an die Regeln - und die lauteten: global mobil zu sein.

Sechsmal muss er für den Job umziehen, zweimal kommt seine Familie nicht mit. Erst geht es von Frankfurt in die Beneluxstaaten; dort werden seine beiden Kinder geboren. 2003 dann nach München, die Kinder sind zweieinhalb und eins, da geht so ein Umzug gerade noch. Trotzdem: "Das ist immer ein Wahnsinnsaufwand", sagt er. "Gerade mit Kindern: Hat man Freunde, sind Großeltern in der Nähe, wer kann helfen? Das muss man sich jedes Mal neu aufbauen." Nach drei Jahren dann das Angebot, in den Nahen Osten zu gehen, als Direktor - wieder eine Beförderung. Die älteste Tochter kommt aber gerade in die Schule, da zieht seine Frau zum ersten Mal nicht mit.

Also macht er einen Deal mit dem Arbeitgeber: "Drei Wochen da unten, eine Woche zu Hause." Wie lange kann eine Familie so etwas aushalten? May weiß schon nach sechs Monaten, dass er nicht verlängern wird. "Die Kinder vermissen einen irgendwann nicht mehr", sagt er. "Das ist praktischer, aber natürlich auch traurig. Sie behandeln einen wie die Großeltern, die sie zweimal im Jahr sehen." In der Partnerschaft fangen beide an, ihr eigenes Leben zu leben, "es entstehen Paralleluniversen".

Nach einem Jahr steht die Scheidung im Raum. May nimmt ein halbes Jahr Auszeit und geht auf Reisen - nun aber mit der Familie. "Das war gut", sagt er, "das hat uns ganz schnell wieder zusammengeschweißt." Aber irgendwann muss er zurück und wieder ins Ausland. Er soll als Direktor nach Südeuropa gehen, und weil er ehrgeizig ist, sagt er auch dieses Mal nicht nein. "Da bin ich immerhin jedes Wochenende nach Hause geflogen. Aber man kriegt halt nichts von den Kindern mit." Im Unternehmen auf eine Position zu wechseln, wo man nicht so viel auf Achse sein muss, wäre ohne Zurückstufung nicht möglich.

2008 kündigt May, macht sich in der Konsumgüterindustrie selbstständig. Nach kurzer Zeit merkt er, dass dieser Schritt vor allem für sein Privatleben richtig war. Zwar arbeitet er netto ähnlich viel wie zuvor, unter der Woche acht bis zehn Stunden pro Tag, aber die vielen Reisezeiten fallen weg: Früher fing eine Geschäftsreise oft schon am Sonntagnachmittag an, regelmäßig war er abends nicht vor zehn zu Hause oder morgens um sechs schon wieder auf dem Weg zum Flughafen. "Heute kann ich immerhin entscheiden, wann, wo und mit wem ich arbeite. Diese halbe Stunde morgens und abends, die ich unter der Woche mit meiner Frau und den Kindern verbringe, ist wahnsinnig wichtig für die gemeinsame Routine."

Jetzt kommen vorm Aufstehen die Kinder noch mal ins Bett, und alle kuscheln für ein paar Minuten. "Wir denken immer, dass in der digitalen Welt alles machbar ist", sagt May, "aber vieles passiert doch über Berührungen, in die Augen schauen. Das sind magische Momente. Diese stille Routine im Alltag schafft erst Familienbindung - das kann man durch Telefonate und E-Mails nicht auffangen."

Zu Hause laufe es heute gut wie nie, dafür müsse er nun finanziell Abstriche machen. Im alten Job hat er eine "ansehnliche sechsstellige Summe" verdient, jetzt stecke er alles Vermögen in die neue Firma. Früher sind sie zweimal im Jahr verreist, nach Bali zum Beispiel. "Können wir uns gar nicht mehr leisten. Da saß man aber auch nur am Strand und hat seine Mails gecheckt. Dann lieber jetzt mit dem Jungen durch den Wald."

May ist "raus aus der Komfortzone". Er hat gemerkt, dass Familie seine große Herausforderung ist. In seinem ehemaligen Job wäre eine verantwortliche Vaterrolle ohne Gesichtsverlust nicht möglich gewesen. "Wenn man ganz nach oben will, darf man keine Kompromisse eingehen. Man macht Karriere, je mehr man bereit ist, Dinge zu tun, die nicht jeder tun will. Heute heißt das vor allem: Mobilität."

Geliebte Menschen machen glücklich, das ist Mays zentrale Erkenntnis. "Wir arbeiten uns blöd für viel Geld, wir kaufen uns iPods und Autos und vergessen darüber das eigentlich Wichtige. Wir haben Facebook, aber immer weniger Zeit für andere." Er sagt, er sei immer noch sehr ehrgeizig, aber versuche, das in größerem Kontext zu sehen. "Arbeit und Karriere sind toll, aber das muss doch auch von 9 bis 17 Uhr gehen."

Im Zweifel würde er sich heute immer für die Familie entscheiden. "Vor 10 oder 20 Jahren wäre ich mit solch einer Einstellung ein Querulant gewesen, der sich rechtfertigen muss. Heute stoße ich oft auf Neugier." May klingt ein bisschen pathetisch, wenn er seinen neuen Lebensentwurf beschreibt. Wenn er vom Familienglück spricht, das still sei und unsexy, vom Mut zur Stille und von Antennen für diese sanfte Form von Zufriedenheit.

Seine Managerkollegen von früher schmunzeln vermutlich schon über die Wortwahl. Alexander May ist ein Beispiel dafür, was in keiner erbaulichen Ministeriumsbroschüre steht, aber jeder schnell merkt, der Kinder bekommt: Familie hat ihren Preis. Karriere auch. Ob die Gleichung aufgeht, muss jeder für sich selbst entscheiden. -

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