Ausgabe 12/2010 - Was Wirtschaft treibt

Das App-Genie

- Yuri Selukoff ist der wichtigste Apple-Entwickler. Durch seine Ideen hat der Konzern viel Geld verdient. Doch wer er wirklich ist, wie er aussieht, wo er Programmieren gelernt hat und was er sonst tut - bei Apple wissen sie es nicht. Sie kennen eine Adresse und den Telefonanschluss in Moskau, doch nicht seine Stimme. Seine E-Mails erlauben Rückschlüsse auf einen souveränen, gebildeten Menschen. Und natürlich ist da seine Software, die App GoodReader mit dem Ordner, in den ein grünes Auge eingelassen ist. Es ist eine der aktuell am weitesten verbreiteten Anwendungen auf iPhone und iPad.

Selukoff trifft sich nicht mit Leuten von Apple, besucht keine Tagungen von Programmierern. Er bloggt nicht, schreibt nicht in Foren, hat keinen Account in einem sozialen Netzwerk. Und er redet nicht mit Journalisten. Bittet man ihn um ein Gespräch, schreibt er: "Es tut mir leid. Ich bin derart beschäftigt. Es ist unmöglich, mich zu treffen oder auch nur telefonisch zu erreichen." Gut möglich, dass das stimmt. Für einen Termin mit Apple-Chef Steve Jobs würde er eine Ausnahme machen, vielleicht.

Immerhin: Er beantwortet E-Mails, immer nachts, auf Englisch und ohne einen einzigen Rechtschreibfehler. Kein persönlicher Kontakt. Er will es nicht und braucht es nicht. "Es ist großartig, nicht Teil eines Großkonzerns zu sein, mit Plänen, Meetings, Briefings, Terminen, Büros und dem ganzen Zeug, das ich so sehr hasse", schreibt er einmal. Und: "Ich kann alles in meiner Wohnung machen. Genau so, wie ich es haben will."

So ist Yuri Selukoff ein Star auf dem Markt der kleinen Programme für Apple-Telefone und Tablet-PCs geworden.

Seine Geschichte klingt wie ein Märchen aus der App-Economy. Vor drei Jahren bekam er ein iPhone der ersten Generation in die Hand. Er fand es wunderbar. Dumm nur, dass dem Taschenrechner darin das Prozentzeichen fehlte. Keine große Sache, nicht mehr als eine Nachlässigkeit von Apple, aber Selukoff störte es. So sehr, dass er anfing, einen Taschenrechner für das Mobiltelefon zu programmieren. Er nannte ihn GoodCalculator, den guten Rechner. Als Apple wenig später den App-Store einrichtete, stellte er seinen guten Taschenrechner dort ein. Weil auch viele andere iPhone-Nutzer einen kompletten Taschenrechner vermissten, kauften schließlich Zehntausende den GoodCalculator für 99 Cent. 70 Prozent von jedem Verkauf gehen an Selukoff, 30 Prozent an Apple. Es lief also nicht schlecht für den Hobby-Programmierer in Moskau.

Apple ist anders. Deshalb ist auch der App-Store anders, über den alle Anwendungen für iPad und iPhone verkauft werden. Jahrelang hatte das Unternehmen aus seinen Kunden Missionare gemacht. Nun macht Apple aus seinen Missionaren App-Entwickler. Deren Zahl schätzt der Branchendienst 148apps.biz auf 57 000, und das bei mehr als 280 000 Programmen. "Gerade die vielen kleinen Anbieter machen den Charme des App-Stores aus", sagt Apple-Sprecher Georg Albrecht. Brauchte man in der New Economy eine gute Idee und einen Geldgeber, reicht in der App-Economy die gute Idee. Um mit kleinen Apps für iPhone und iPad reich zu werden, braucht es kein Diplom in Informatik, keine Management-Kenntnisse, kein Kapital, keinen wohlklingenden Namen, keine guten Beziehungen. Es genügt, einfach anzufangen. In Selukoffs Worten: "Im App-Business geht man als 20-jähriger armer Student, der gerade genug zum Leben hat, zu Bett. Und wacht reich und berühmt auf."

Der Morgen, an dem er in seiner Moskauer Wohnung reich und zumindest halbwegs berühmt aufwachte, liegt noch nicht lange zurück. Nach dem Erfolg des Taschenrechners beauftragte ihn eine Fluggesellschaft, ein kleines Programm zu schreiben. Es sollte den Piloten die Handbücher der Maschinen auf dem iPhone anzeigen. Noch gab es keine App, die so umfangreiche Dokumente bewältigt hätte, ohne abzustürzen. "Also schrieb ich einen Reader, der dieses Problem löste", teilt Selukoff mit. "Heute gibt es kaum noch ein Programm, das das nicht kann."

Die Finanzkrise kam, die Fluglinie stoppte die Entwicklung. Doch Selukoff mochte, was er da tat. Er dachte an seinen Taschenrechner, nannte seinen Dokumenten-Leser GoodReader und stellte auch ihn in den App-Store. Nicht bloß Piloten sollten sperrige Dokumente auf ihrem Mobiltelefon lesen können. Auch 100 000 andere Nutzer fanden die Anwendung auf Anhieb reizvoll und kauften den Reader. Es konnte gar nicht besser laufen für Selukoff, der sich inzwischen als Vollzeit-Programmierer selbstständig gemacht hatte, ganz im Vertrauen auf seine eigentümliche Partnerschaft: mit Steve Jobs. Gleichgültig, welches Produkt der Marketing-Messias zum Welterfolg machte - iPhone ebenso wie iPad - es lohnte sich immer auch für Yuri Selukoff, der völlig unbekannt in seiner Moskauer Wohnung saß und an den Apps kräftig mit verdiente.

Was die ungleichen Partner verbindet, sind nicht nur die Apps.

Auch in ihrer Unnahbarkeit und Verschlossenheit ähneln sie sich. Wer sie nach Details zu ihrer Zusammenarbeit fragt, nach Zahlen oder Verträgen, erntet nur Schweigen. Apple antwortet auf diese Fragen nicht, Selukoff auch nicht.

Lücken finden ist eine Lust

Jede Anwendung für das iPhone muss durch den App-Store, einen Teil des iTunes-Store, wo man Musik und Bücher in digitaler Form kaufen kann. Apple behält 30 Prozent von jedem Verkauf. Dank dieses Geschäftes ist der Konzern auf dem besten Weg, das nach Börsenwert größte US-Unternehmen zu werden. Auch Yuri Selukoff verdiente gutes Geld mit dem App-Store. Doch ihn begannen die Beschränkungen zu stören, mit denen Apple das iPhone abschottete.

Der russische Programmierer nutzte die Möglichkeiten, die der Konzern mit seinen neuerdings 46 600 Mitarbeitern aus ökonomischen Überlegungen ungenutzt ließ. Er wollte die Dokumente auf seinem iPhone betrachten, die ihn interessierten. Also entwickelte er den GoodReader weiter, sodass er auf dem iPhone alle Dateiformate anzeigt, nicht nur diejenigen, die Apple erlaubt. Man kann nun Musik damit hören und Microsoft-Word-Dokumente lesen. Es entstand ein Programm, das die Möglichkeiten des iPhones nutzt und sich mit anderen Computern übers Internet, über drahtlose Netzwerke und E-Mail verbindet, ohne Einschaltung der Mautstelle bei Apple.

Etwa Musik: Die kann man mit iTunes nur vom eigenen Computer auf sein iPad übertragen. Mit Selukoffs GoodReader gelingt das von jedem Computer. Braucht man bei Apple jedes Mal ein Kabel, erledigt der GoodReader die Übertragung drahtlos. Selukoff schreibt: "Ich verwende heute meine gesamte Zeit darauf, den GoodReader weiterzuentwickeln. Ich unterbreche die Arbeit nicht für einen einzigen Tag." Natürlich gibt es nicht nur sein Programm. Aber es ist das mit Abstand erfolgreichste. Selukoff, der Entwickler des guten Leser-Programms, findet sich plötzlich in einer Zwickmühle wieder. Seine Software schafft Offenheit, wo Apple Kontrolle will. Er ist aber zugleich davon abhängig, dass der Konzern das Programm verkauft.

Apple steckt in der gleichen Zwickmühle. Das Unternehmen hat Lücken gelassen. Selukoff hat sie gefunden und besetzt. Aufgrund seiner Marktmacht könnte Apple eigentlich diktieren, welche Apps auf seinen Geräten laufen dürfen. Doch der GoodReader ist viel zu erfolgreich, um ihn jetzt noch aus seiner Nische zu vertreiben. Dank der gegenseitigen Abhängigkeit funktioniert die Partnerschaft weiter. Das zeigt auch das Beispiel iPad. Apple-Fans auf der ganzen Welt schauten zu, als im April 2010 die auf eine riesige Leinwand projizierte Hand von Steve Jobs über den kleinen Bildschirm des neuen Lesegeräts glitt. Es war ein ideales Gerät zum Schmökern. Apple aber beschränkte das Vergnügen. iPad-Besitzer sollten das Programm iBooks nutzen, das mit dem Apple-Shop verbunden ist, einen Kopierschutz unterstützt und nur Bücher anzeigen kann. Was die meisten iPad-Nutzer vermissten, war ein guter Reader für das Lesegerät, der diese Beschränkungen aufhob.

Selukoff hatte ihn. Und so wurde sein GoodReader zur meistverkauften App in den USA, in Frankreich, Kanada, Spanien, Deutschland und Russland. Apple setzte im vierten Quartal 4,2 Millionen iPads ab, Analysten erwarten 25 Millionen verkaufte Tablets im Jahr 2011. Bei fast jedem Exemplar profitiert auch Selukoff. Sein Reader gehört immer zu den ersten zehn Apps, die von Neubesitzern heruntergeladen werden. Er schreibt: "Freie Zeit, verreisen, Urlaub machen - damit ist es nun vorbei. Jetzt kann ich nur noch arbeiten."

Sein Alter gibt der Programmierer nicht preis, doch er ist ganz sicher nicht mehr ganz jung. Nach seinen Angaben ist er in der Zeit geboren, als der digitale Urknall noch als Beben zu spüren war. Als er ein Junge von 12, 13 Jahren war, brachte ihm sein Bruder aus dem Computerkurs der Universität ein paar Hausaufgaben mit. Die ließ er Yuri lösen.

Mit 15 Jahren besorgte er sich das erste Fachbuch aus der Bibliothek: eine Anleitung, wie man einen Compiler für die Programmiersprache C schreibt. Selukoff entschloss sich, es zu versuchen. Er erinnert sich: "Ich hatte damals keinen Zugang zu einem Computer. Also nahm ich einen Stapel Papier und schrieb den Code darauf." Auch die Apps schreibt er in einer modernen Version der Programmiersprache C.

Als professioneller Entwickler hat er nie gearbeitet. Seinen Mails zufolge versuchte er sich als Musik-Manager und baute ein Unternehmen zur CD-Herstellung auf. Er schreibt: "Es ist einfacher, eine Funktion für Anmerkungen an PDF-Dokumenten zu programmieren, als jemandem zu erklären, warum ich Tag und Nacht am Computer verbringe, statt rauszugehen und Spaß zu haben. Für mich ist das, was ich tue, Spaß."

Je mehr er sich offenbart, desto deutlicher wird: Sein Versteckspiel ist nicht kokett, keine Attitüde. Selukoff versteht sich nicht als öffentliche Person. Er ist einer, der mit den Bedingungen der traditionellen Arbeitswelt offenbar nicht zurechtkommt, der in der App-Entwicklung eine Nische für sich gefunden hat. Dazu passt, dass er selbst der Zusammenarbeit mit Fachkollegen konsequent aus dem Wege geht. In der Selbstdarstellung steht zwar: "Goodi-Ware ist ein internationales Team aus Software-Entwicklern." Tatsächlich besteht die Firma allein aus ihm. "Ich kann das nicht", schreibt er. "Ich habe es mal mit einem Programmierer versucht. Danach habe ich mir geschworen: Das werde ich nie wieder tun. Nein, danke, nie wieder."

Durch die App-Economy ist Selukoff in zwei Jahren reich geworden. Die Nutzer lieben seine Programme. Täglich kämpft er mit Apple um neue offene Funktionen. Der GoodCalculator und GoodReader sollen nur der Anfang gewesen sein. Er möchte die Lücken unbedingt nutzen, die Apple gelassen hat. "Ich habe noch jede Menge Ideen, um die Anwender zu überraschen." -

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