Ausgabe 06/2010 - Schwerpunkt AUF SICHT

Die Marktlücke

- Es begann mit einem Batterietester, klein, schwarz und praktisch. Doch als der kaputtging und sich Michael Ollmann Ersatz beschaffen wollte, war es vorbei mit praktisch: Er fand keinen Ersatz, nicht in den Läden der Umgebung, nicht im Internet. Zwar gab es unzählige Angebote darunter aber keinen Händler, der einen vertrauenerweckenden Eindruck machte und vernünftige Konditionen bot. "Das muss doch einfacher gehen", sagte sich Ollmann, "schneller und sicherer."

Gesagt, getan. Inzwischen besitzt Ollmann nicht nur einen neuen Batterietester, sondern auch gemeinsam mit seinen beiden Studienkollegen Stephan Peltzer und Patrick Kötter ein Online-Einkaufszentrum namens Yatego. Und das soll bieten, was Ollmann im Internet vermisst hat. Nicht nur einen Ort, wo man genau das findet, was man sucht - seien es nun Gaskartuschen für den Campingkocher oder ein Trabant 601 Kombi im Maßstab 1:43. Sondern auch einen Ort, wo der Einkauf unkompliziert, die Ware einwandfrei und bei Fragen oder Problemen jemand ansprechbar ist. Der traditionelle Einzelhändler, nur online.

Geschäftsführer Peltzer bezeichnet Yatego als "solides, konservatives Unternehmen", redet von Bodenständigkeit und Verantwortung. Es wird schnell klar, dass es der 32-Jährige ernst meint mit den alten Werten: Sollen andere jugendlichen Charme versprühen - Yatego will für Kunden und Shop-Betreiber vor allem ein verlässlicher Partner sein. Das sind ambitionierte Ziele. Erst recht im Internet, dem nach wie vor der Ruf anhaftet, Gauner und Ganoven anzuziehen. Auch Peltzer hat das schon zu spüren bekommen: "Wenn wir ehrlich sind, ist doch jeder von uns im Internet schon mal reingefallen."

Seine Plattform will sich dagegen als sicherer Hort profilieren. "Mit uns soll niemand schlechte Erfahrungen machen", sagt Peltzer. Was reichlich verwegen klingt, wenn man bedenkt, dass die Firma selbst gar nichts verkauft. Sie ist Marktplatz für mehr als 8600 unabhängige Händler, die auf der Plattform einen virtuellen Verkaufsstand mieten. Doch Peltzer denkt langfristig: "Yatego soll es auch in zehn Jahren noch geben." Und das ist nur denkbar, wenn die Endkunden zufrieden sind, auch wenn die Plattform ihren Umsatz mit dem Vermieten der Shops an die Händler macht.

Nun ist schon klar, dass auch Yatego keine absolute Sicherheit bieten kann. "Es wäre vermessen, zu behaupten, es habe noch nie unzufriedene Kunden gegeben", sagt Peltzer. Genau dann aber beginnt die Arbeit, die den Unterschied macht. Bei Reklamationen wird Yatego aktiv: Sind sie begründet, wird ein Shop vorübergehend geschlossen. Geschieht dies mehrfach, fliegt der Händler raus. Das ist laut Peltzer zwar nicht Alltag, "aber es ist auch kein außergewöhnlicher Schritt". Und da man sich bei Yatego bewusst ist, dass hinter Unstimmigkeiten oft Kommunikationsprobleme stehen, leistet sich das Unternehmen eine eigene Schlichtungsstelle.

Wer auf der Plattform handeln will, muss einen internen Qualitäts-Check überstehen, der über die branchenüblichen Zertifikate, Labels und den Beleg abgesicherter Zahlungsverfahren deutlich hinausgeht. Zugelassen werden nur gewerbliche Anbieter. Der Leumund eines jeden wird, soweit möglich, überprüft, Secondhand-Ware nicht akzeptiert. Bei Shops mit mehr als 250 Artikeln begutachten Yatego-Mitarbeiter zudem deren Präsentation: Sind Bilder vorhanden, ist die Beschreibung verständlich, sind die Waren sinnvollen Kategorien zugeordnet?

Missfällt der Auftritt, bekommt der Kunde eine Absage - und bei Großunternehmen sind Absagen sogar Programm. Denn Yatego versteht sich ausdrücklich als Handelsplatz für kleinere Händler. "Die großen", sagt Peltzer, "machen ihr Geschäft auch ohne uns."

Die kleinen Firmen nicht unbedingt: Vielen Einzel- und Familienunternehmen fehlt es an Zeit, Geld oder Motivation, einen eigenen Online-Shop aufzubauen und zu betreuen. Eine virtuelle Verkaufsfläche zu mieten ist da der wesentlich billigere und einfachere Weg, denn Yatego setzt auf kalkulierbare Kosten. Je größer der Shop, umso höher die Miete, keine Beteiligung am Umsatz, keine Abgabe pro Klick.

Zudem gilt: "Was ein Händler nicht schafft, übernehmen wir." Und das geht ziemlich weit. So ist es schon vorgekommen, dass einer der gut 100 Yatego-Mitarbeiter eigens ein Computerprogramm für eine völlig verzweifelte Shop-Betreiberin schrieb - andernfalls hätte sie bei jedem einzelnen ihrer 4000 eingestellten Artikel von Hand einen neu geforderten Standardsatz ergänzen müssen. Daran ist besonders bemerkenswert, dass die Händlerin die neue Software für eine Konkurrenz-Plattform brauchte, bei der sie ebenfalls einen Shop betreibt. Aber sie wissen schon, was sie tun, bei Yatego. So etwas vergesse keiner so schnell, ist Peltzer überzeugt.

Solch eine Service-Haltung ist in der Internetbranche nicht eben üblich, zahlt sich aber aus. Im Jahr 2003 gegründet, hat das Online-Shoppingcenter die Zahl seiner Händler von Jahr zu Jahr verdoppelt; das Gleiche gilt für Besucherzahlen und Umsatz. Im Jahr 2008 erwirtschaftete Yatego mit der Vermietung virtueller Ladenflächen rund 3,5 Millionen Euro Umsatz, der Reingewinn belief sich auf 250 000 Euro. Damit ist Yatego bei den Einkaufsportalen hinter Ebay und Amazon die Nummer drei - wenn auch weit abgeschlagen. Die beiden Großen bewegen sich beim Umsatz im Milliarden-Euro-Bereich.

Dennoch ist die Firma für die Nummer drei im Markt erstaunlich unbekannt. Und auch wenn man das nun langsam ändern will, vom bisherigen Weg der Bodenständigkeit weicht das in St. Georgen im Schwarzwald angesiedelte Unternehmen nicht ab. Kein virales Marketing, kein ausgefallenes Werbegetrommel. "Wir konzentrieren uns auf unser Geschäft", sagt Peltzer. "Wenn wir das gut machen, dann haben wir auch Erfolg."

Bekannter werden will man deshalb mit einer Serviceline für Käufer, mit der Yatego genau das macht, was viele Konkurrenten lieber vermeiden: Man zeigt Gesicht, ist ansprechbar und bietet Hilfe, wenn ein Kunde mit der Such- oder Bestellfunktion nicht klarkommt. Für alles andere sind die einzelnen Shop-Betreiber zuständig, die Produktdetails, Liefer- oder Zahlungsbedingungen kennen. Und wenn mal ein Irrläufer in der Serviceline landet, hilft das Team um Leiterin Kathrin Schmieder, soweit möglich, auch. "Viele, die anrufen, wollen lediglich die Bestätigung, dass sie alles richtig verstanden haben."

Viele, aber längst nicht alle. So rief kurz vor Weihnachten eine Dame an, die nach einem Geschenk für ihre Tochter suchte. Barbie-Sachen sollten es sein, sie sollten pünktlich zum Fest unterm Baum liegen und den Kinderträumen wie auch dem Budget der Mutter entsprechen. Stück für Stück wurde das Gewünschte bei verschiedenen Händlern zusammengesucht. "Das war eine ziemliche Übung", sagt Kathrin Schmieder. Aber effektiv. Die Dame hat sich bereits wieder gemeldet.

Die Tochter hatte Geburtstag.-

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