Ausgabe 01/2009 - Schwerpunkt Wirtschaft neu

Rezessiönle

- "Na, wie geht's dir?", haucht Vera mit samtener Stimme. Der Gast, gerade triefend vor Nässe aus dem Regen reingekommen, schaut wohlwollend in Veras üppiges Dekolleté. "Wat koss dat denn, wemmer jetz wat trinken?", fragt der Rheinländer. "Piccolo 50 Euro", bellt Karin, die resolute Geschäftsführerin der "Madame Bar", eines, nun ja, Nachtlokals in Reutlingen, mit nikotinschwarzer Stimme. "Fuffzich Euro für e Piccolöche? Ihr seid wohl jeck! ", sagt der Gast und rückt ein Stück weg von Vera. Die Chefin tauscht den Piccolo schnell durch ein noch kleineres Fläschchen aus. "Mischgetränk" steht auf dem Etikett. "Hier, unser Finanzkrisen-Piccolo. Ist die Hälfte drin, kostet dafür auch nur die Hälfte." Vera zeigt noch ein bisschen mehr von dem, was sie hat, der Rheinländer flammt auf wie ein Zündholz. Und bestellt.

Den Mikro-Piccolo gebe es erst seit ein paar Wochen, erzählt die Chefin. "Das hab' ich mir einfallen lassen, damit die Gäste überhaupt noch was bestellen", sagt sie und berichtet, wie die Finanzkrise in der Madame Bar ankam, ach was, wie sie einschlug wie eine Bombe. Eine Nachtbar sei eine krisenfeste Sache, dachte sie bis vor Kurzem: "Gehurt und gesoffen wird immer." Das stimmte auch lange. Es kamen Chinesen, Briten, Japaner, Amerikaner, Inder und Deutsche. Tagsüber hatten sie im Auftrag ihrer Firmen in den Reutlinger Fabriken zu tun, abends fanden sie, hormonell bedingt, den Weg in die Bar. Der Schampus floss, die Zimmer waren gut belegt. Und jetzt? "Tote Hose." Karins Damen langweilen sich auf dem Sofa, der Strom der nachtschwärmenden Geschäftsreisenden ist versiegt. Außer dem Kölner hockt nur Gregor am Tresen, offenbar ein Stammgast, aber der ist schon eingeschlafen über seinem Bier und zu nichts zu gebrauchen.

Reutlingen, 30 Kilometer südlich von Stuttgart, 110 000 Einwohner. Eine Musterstadt im Musterländle, strotzend vor Kraft, das größte Wirtschaftszentrum zwischen Stuttgart und dem Bodensee. Eine Stätte gesättigten Wohlstands, nicht nur aus Gelsenkirchener Sicht. Reutlingen hat fast so viele Einwohner wie Wolfsburg, hängt aber nicht auf Gedeih und Verderb am Wohl eines einzigen Unternehmens wie die Volkswagen-Stadt. Die städtischen Wirtschaftsförderer sind stolz auf eine gesunde Mischung aus großen Industriebetrieben, kleinen Hightech-Schmieden, bodenständigem Handwerk und solidem Einzelhandel. Neben Automobilzulieferern wie Bosch, der Reiff-Gruppe - einem Reifen- und Räder-Spezialisten - ist Reutlingen Stammsitz von Willi Betz, Europas größtem Straßenspediteur. Das Fördertech-nik-Unternehmen Still Wagner ist hier beheimatet ebenso wie Firmen aus der Biotechnologie und Medizintechnik wie etwa die Retina Implantat AG oder die Tetec AG, die köpereigenen Gewebeersatz erforscht und herstellt.

Als das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung vor knapp drei Jahren die Zukunftsfähigkeit deutscher Regionen untersuchte, erhielt der Landkreis Reutlingen Bestnoten in den Kategorien verfügbares Einkommen, Wirtschaftskraft und Erwerbs tätigkeit und landete auf Platz 17 von 439. Nicht mal der Niedergang der einst dominierenden Textilindustrie in den sechziger und siebziger Jahren konnte Reutlingen etwas anhaben: So schnell, wie die alten Fabriken dichtmachten, siedelten sich neue Unternehmen an. 2006 zählte Reutlingen 5000 Betriebe mit rund 46 000 Beschäftigten. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 3,5 Prozent. Vor zehn Jahren war sie gut zweieinhalbmal so hoch.

Doch wie steht es um die Zukunftsfähigkeit einer Stadt in der derzeitigen Krise, die sich über das Land legt wie eine Folie aus Zellophan? Was heißt Krise überhaupt für eine wohlhabende und erfolgsverwöhnte Stadt wie Reutlingen, für Fabriken und Autohäuser, Tischler und Metzger, Juweliere und Nachtbars? Wie sieht es aus in einer deutschen Stadt, sechs Wochen nach der Diagnose Rezession? Wird sofort runtergeschaltet? Kommt es schlimmer als je zuvor? Oder offenbart sich die Krise im Ländle in ihrer Light-Variante, als Rezessiönle? Das Beben erreichte den mit Abstand größten Arbeitgeber der Stadt gleich nach den Sommerferien. Wulf Siepert arbeitet seit 1969 bei Bosch, seit 1972 ist er im Betriebsrat. Er hat schon einige Flauten der Autokonjunktur mitgemacht, 1976, 1982, 1992 und 2001, "aber so einen extremen Einbruch wie jetzt hab' ich noch nicht erlebt". Rund 7000 Bosch-Mitarbeiter fertigen in Reutlingen Automobilelektronik, vor allem Getriebesteuerungen, Antiblockiersysteme und elektronische Stabilisierungsprogramme. Schon Wochen bevor die großen Autohersteller im Oktober und November ankündigten, dass sie bald die Bänder anhalten würden, war der Auftragseingang bei Bosch zurückgegangen, anfangs um 15 Prozent gegenüber dem Plansoll, dann um 25 und schließlich um 50 Prozent.

Auch Zukunftsbranchen haben es schwer, wenn ihren Kunden der Geldhahn zugedreht wird

Mit der Finanzkrise habe der derzeitige Einbruch allerdings denkbar wenig zu tun. "Ich hab' das immer schon gesagt: So viele Autos, wie die bauen, kannste gar nicht verkaufen." Aber wer bei Daimler oder BMW hört schon auf den knorrigen Betriebsrats-Vize eines Zulieferers? Schuld seien die Politiker, deren endloses Gezerre um Abgas-Grenzwerte und Kfz-Steuer die Kunden massiv verunsichert habe. "Die Leute wissen nicht, welches Auto sie kaufen sollen. Einen Diesel? Einen Benziner? Einen Hybrid? Also lassen sie es erst mal bleiben." Vor allem die PS-wuchtigen Spritfresser sind kaum noch verkäuflich. Das wiederum schlägt direkt durch auf Bosch in Reutlingen; in den großen Karossen wird schließlich die meiste Elektronik verbaut.

Am anderen Ende der automobilen Wertschöpfungskette und im Süden der Stadt spürt der BMW-Händler Frank Menton den gleichen Effekt. Er verkauft deutlich weniger Fahrzeuge der 5er-Reihe, sonst immer gern als Dienstwagen genommen, dafür entsprechend mehr 1er- und 3er-Modelle als sonst. Der Absatz des schweren X5, ein Zwitter aus Limousine und Geländewagen, ist praktisch zusammengebrochen. "Das ist sicher ein Effekt der Finanzkrise", sagt er, "so etwas will man sich im Moment nicht leisten." 70 000 Euro für einen X5 48i mit 355 PS wollen derzeit offenbar nicht so viele Reutlinger ausgeben.

Seit Wochen warte er "täglich auf den großen Knall, dass ich den ganzen Tag allein in der Ausstellungshalle stehe und kein Kunde kommt". Bislang ist nichts dergleichen passiert, das Jahr 2008 wird er sogar mit einem satten Plus abschließen. Beim Umsatz, nicht beim Gewinn. An den Neuwagen verdient Menton immer weniger. Die ruinösen Rabattschlachten lassen die Marge schrumpfen. "Wenn die Finanzkrise jetzt voll auf die Verkaufszahlen durchschlägt", da ist Menton sicher, "werden etliche Autohändler, die ohnehin schon ums Überleben kämpfen, in die Insolvenz gehen." Es wird wohl eine Menge arbeitsloser Autoverkäufer geben in Reutlingen.

Bei Bosch sind Kündigungen noch kein Thema. Die Mitarbeiter haben genug Überstunden auf ihren Arbeitszeitkonten, die jetzt abgestottert werden. Außerdem lässt der Konzern seine Beschäftigten kurzarbeiten. Das bedeutet: Im Zweigwerk Reut-lingen-Rommelsbach ruht für 400 Werker die Arbeit schon seit 18. November vollständig, das Hauptwerk bleibt vom 22. Dezember bis 2. Januar geschlossen. Möglicherweise wird es darüber hinaus noch mehr Kurzarbeit geben.

Eine Zeit lang hatten Werksleitung und Betriebsrat gehofft, dass sie Beschäftigte aus der Autoelektronik vorübergehend in der Halbleiterfabrik schräg gegenüber einsetzen könnten. Doch dann schlug die Finanzkrise auch dort ein: Sony und Samsung stornierten ihre Aufträge für die Produktion von Prozessoren für Spielekonsolen. Jetzt braucht die Halbleiterfabrik keine Aushilfskräfte mehr, genauso wenig wie die Fabriken von Bosch Rexroth in Horb und Elchingen, 50 und 80 Kilometer entfernt, wo Antriebs- und Steuerungssysteme produziert werden. Auch dorthin wollten die Reutlinger Mitarbeiter ausleihen. "Heute Morgen kam die Meldung, dass Bosch Rexroth die Vereinbarung storniert hat", berichtet Wulf Siepert. "Die brauchen keine Leute mehr von uns. Die setzen jetzt ihre befristet Beschäftigten vor die Tür."

Als Dieter Manz den Chefs von Bosch vor sieben Jahren mitteilte, dass er sie nicht mehr beliefern würde, waren die konsterniert. Bis dahin hatte der Reutlinger Automatisierungsspezialist gut von seinem besten Kunden Bosch gelebt. Aber dann entschied der Unternehmer: weg mit allem, was mit Auto zu tun hat.

Innerhalb von sechs Monaten kappte die Manz Automation AG sämtliche Lieferbeziehungen zur Autobranche.

Dieter Manz hatte Spannenderes, Zukunftsträchtigeres im Visier als das mühselige Autogeschäft, bei dem die Konzerne ihre Zulieferer knechteten, was die wiederum an ihren Lieferanten ausließen. Die Fotovoltaik, mit der Manz sich schon seit Ende der achtziger Jahre immer wieder beschäftigt hatte, begann golden zu glänzen und verhieß traumhafte Wachstumsraten. Und auch das Geschäft mit LCD-Flachbildschirmen, die zweite Manz-Domäne, gewann plötzlich rasant an Fahrt.

2008 versprach für ihn ein tolles Jahr zu werden. In den ersten neun Monaten konnte er den Umsatz, dank des Solar-Booms, im Vergleich zum Vorjahr verdreifachen. Manz beliefert mittlerweile fast alle großen Solarzellenhersteller mit Automatisierungstechnik. In der Hoffnung auf weiteres Wachstum begann er noch im Frühjahr mit dem Bau einer 20 Millionen Euro teuren Produktionshalle mit Büro- und Konferenzteil, in der 300 neue Mitarbeiter Platz finden sollen. Besser gesagt: finden sollten.

"Erstmals in unserer Firmengeschichte sehen wir, dass die Auftragseingänge zurückgehen", sagt ein zerknirschter Dieter Manz. Beim LCD-Geschäft wundert ihn das nicht. "Einen neuen Fernseher kauft, wer sonst keine Sorgen hat. In schlechten Zeiten wird das schnell zurückgestellt." Aber auch Fotovoltaik-Aufträge sind deutlich zurückgegangen. Zum Glück reicht das Auftragspolster noch bis Mitte 2009. Eine Menge Projekte, darunter viele in China und Indien, sind angebahnt, aber es fehlt die entscheidende Unterschrift. Beunruhigend viele Kunden zögern die Auslieferung bestellter Anlagen um Monate hinaus. "Wir dachten, dass wir verschont bleiben würden. Das Thema Klimawandel und erneuerbare Energien bleibt ja auf der Tagesordnung."

Manz bleibt nicht verschont, weil seinen Kunden das Geld ausgeht. Eine neue Solarzellenfabrik kostet bis zu 500 Millionen Dollar. Und für solche Summen gibt es, trotz bester Aussichten für die Branche, derzeit kein Geld von den Banken. Ähnlich geht es dem Strickmaschinenproduzenten Stoll, dem einzigen Unternehmen, das die Textilindustrie-Tradition Reutlingens noch hochhält. Stoll liefert überwiegend nach China. Eine Strickmaschine kostet im Schnitt 35 000 Euro, die Chinesen ordern in der Regel gleich 100 bis 200 Maschinen auf einmal. Kredite für solche Investitionen in eine unsichere Zukunft sind zurzeit nicht zu bekommen. Also herrscht auch bei Stoll Auftragsflaute.

Wie lange wird die Krise andauern? Das fragt sich Dieter Manz derzeit täglich - und seine Investoren fragen es ihn auch. Er kann ihnen nur eine Antwort geben: "Ich weiß es nicht."

Ulrich Häfele stellt sich die gleiche Frage wie Dieter Manz, aber der Leiter der Reutlinger Agentur für Arbeit liebt es anschaulich. "Ist es nur ein leichter Schnupfen", beginnt er, "oder haben wir es mit einer schweren Grippe zu tun?" Da auch er die Antwort nicht kennt, hält er ein Notprogramm bereit. Es sei ja zumindest theoretisch möglich, dass sich nach Weihnachten viele Krisenopfer bei ihm melden. In diesem Fall will er seine Mitarbeiter kurzfristig so umsetzen, dass kein arbeitsloser Reutlinger auf sein Geld warten muss.

Bis vor Kurzem war Häfele noch Verwalter von Knappheit.

Die Arbeitslosenquote im Zuständigkeitsbereich seiner Arbeitsagentur, zu dem auch das benachbarte Tübingen und das Umland gehören, liegt bei 3,5 Prozent. Das ist nahezu Vollbeschäftigung. Fabrikherren wie Dieter Manz, aber auch Handwerksmeister suchten händeringend nach Fachkräften, die sie auf dem heimischen Arbeitsmarkt kaum noch bekamen. Wer in Reutlingen keinen Job hat, fällt auf.

Auch das Vorzeigestädtchen muss nun sparen. Aber nur dort, wo es nicht wirklich wehtut

Das Beben in den Fabriken vor Ort kommt bei Ulrich Häfele bislang nur als leises Grollen an. Ein wenig nachdenklich wurde er erstmals, als er im Sommer feststellte, dass die Arbeitslosigkeit nicht mehr in ganz so großen Sprüngen sank wie in den Monaten zuvor. Im November registrierte seine Agentur zum ersten Mal seit Jahren wieder einen leichten Anstieg der Arbeitslosenzahlen um 155 auf 9019 Menschen ohne Job. Aber Häfele weiß, dass es dabei nicht bleiben wird; Daimler hat schon angekündigt, im kommenden Jahr 150 000 Autos weniger zu bauen. Seine Faustregel: "Wenn Autohersteller und ihre Zulieferer in der Region Stuttgart 10 000 Leute entlassen, sind 2000 aus dem Bezirk Reutlingen dabei."

Angesichts der Auftragseinbrüche bei Bosch und den anderen Automobil-Zulieferern in der Region hatte Häfele schon für November mit deutlich mehr Arbeitslosen gerechnet. Aber viele Firmen haben in der Vergangenheit Puffer aufgebaut, die den Aufprall - zumindest vorübergehend - abmildern. Auf den Arbeits zeitkonten haben sich in den fetten Jahren Hunderttausende von Stunden angehäuft, die jetzt abgebaut werden. Außerdem hatten bis Ende November schon 37 Unternehmen für insgesamt 1170 Beschäftigte Kurzarbeit beantragt. Wenn das nicht reicht, prognostiziert Häfele, "sind als Nächstes die Leiharbeiter betroffen". Im Boom kam man ohne sie nicht aus. "Aber in den vergangenen Wochen haben uns immer mehr Firmenchefs informiert, dass sie auf den Einsatz von Leiharbeitern kurzfristig verzichten."

Das derzeitige Problem von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch ist eine 14 mit sechs Nullen. 14 Millionen Euro - um diese Summe sind die Gewerbesteuereinnahmen schon 2008 zurückgegangen. Im Zeichen der herannahenden Krise haben etliche Unternehmen ihre Vorauszahlungen an die Stadtkämmerei sofort reduziert. Und im kommenden Jahr werden noch einmal mehr als sieben Millionen Euro Gewerbesteuer fehlen. Der im Sommer aufgestellte städtische Haushalt für die nächsten zwei Jahre ist nur noch Makulatur. Dabei liegen fast 300 Änderungsanträge der Ratsfraktionen und Gemeindevertretungen vor; fast alle sind mit zusätzlichen Ausgaben verbunden. Auf der Wunschliste stehen drahtlose Mikrofone für die Fest- und Turnhalle, ein Wohnmobilstellplatz, eine Glocke für die Leichenhalle, Hinweisschilder für den Rundwanderweg und ein "verglaster Anbau für die Unterbringung von alten Feuerwehrgeräten". Nun werden die bereits gedruckten Anträge wohl im Altpapiercontainer landen.

Im Reutlinger Rathaus wurde in den vergangenen Wochen eine Krisensitzung nach der anderen einberufen. Es ging immer um die eine Frage: Wo können wir sparen? Schwimmbäder schließen, Leistungen runter, Gebühren rauf? Präsentiert die Oberbürgermeisterin den Reutlingern jetzt eine Liste der Grausamkeiten? "Nein, so würde ich das nicht nennen", sagt sie in beruhigendem Ton. "Wir wollen auch in der Krise die gestaltende Kraft bewahren." Ein Verzicht auf die geplante Sanierung der Altstadt - man könnte es auch "Verschönerung" nennen - würde den Etat in den kommenden Jahren um 14 Millionen entlasten. Genauso viel kostet auch die neue Stadthalle, die jetzt gebaut werden soll, allein in den nächsten zwei Jahren. "Es wäre doch ein verheerendes Signal, wenn wir diese Investitionen strichen", sagt die Verwaltungschefin. Die Stadt halte an beiden Projekten fest.

Reutlingen zieht nicht den Stecker, sondern dreht nur den Regler etwas herunter. Die Budgets der Ämter werden um 2,7 Millionen Euro gekürzt; jetzt müssen die Dezernenten und Amtsleiter überlegen, wie die Summe zusammenkommt. Etliche Bauvorhaben, etwa die Modernisierung der Rathaus-Tiefgarage oder die Betonsanierung am Rathaus, stehen nun auf der Warteliste, das verschafft Luft und spart 3,3 Millionen Euro im kommenden Jahr. Und erstmals seit einigen Jahren lebt die Stadt auch wieder ein bisschen auf Pump. Mitte November hatte die Oberbürgermeisterin den Gedanken an eine neue Schulden noch strikt zurückgewiesen. Jetzt erscheinen sechs Millionen Euro Erborgtes offensichtlich weniger schlimm.

Plötzlich wird geklagt - allerdings auf hohem Niveau. Der Standard wird gesenkt, aber es wird keine Schwimmhalle geschlossen und auch kein Jugendtreff. Nar renzünfte können fest mit Zuschüssen rechnen, Plastikbeutel für Hundekot gibt's weiterhin gratis. Dafür werden die Grünanlagen in Zukunft wohl nicht mehr so oft gemäht, die Schulen seltener geputzt. Und die Bauhof-Arbeiter werden auch mal das eine oder andere Schlagloch flicken. Früher wurde gleich die ganze Straße neu asphaltiert.

Im städtischen Finanzausschuss soll jemand allen Ernstes vorgeschlagen haben, bei der Marktplatz-Sanierung auf den favorisierten Belag aus Granit zu verzichten und den Platz einfach mit Asphalt zu überziehen. Es gab eine hitzige Debatte und ein Ergebnis. Der bayerische Granit wurde gestrichen. Der Marktplatz wird jetzt wahrscheinlich mit Granit aus Portugal bepflastert.

Peter Voss, Vorsitzender der Einzelhandelsvereinigung RT-Aktiv ist froh, dass es beim Granit geblieben ist. "Reutlingen muss attraktiv bleiben", postuliert Voss, dem das exquisite Juweliergeschäft Depperich gehört. "Nur dann funktioniert der Einzelhandel. Und ohne gesunden Einzelhandel gehen die Städte kaputt." Man kenne das doch zur Genüge aus anderen Städten: öde, fast menschenleere Kaufzonen, die von Ein-Euro-Läden, Handy-Shops und den städtischen Trinkern dominiert werden.

Ein solches "trading down", so Voss, habe man nicht zugelassen. Das Angebot in den Schaufenstern spiegelt gehobenen Wohlstand wider - und mit die höchste Kaufkraft in ganz Baden-Württemberg. Inhabergeführte Fachgeschäfte prägen das Bild. Wer italienische Schuhe für 400 Euro sucht oder gern die Auswahl unter zwei Dutzend Sorten Olivenöl hat, muss nicht nach Stuttgart fahren. Depperich etwa, wo eine IWC Portugieser für 5600 Euro noch zu den preiswerteren Uhren gehört, sei "bundesweit eines von ganz wenigen Juweliergeschäften in diesem Luxus-Segment in einer Stadt von der Größe Reutlingens".

Die Umsätze im Einzelhandel seien derzeit noch stabil, sagt Voss, "weit besser, als die wirtschaftliche Lage dargestellt wird". Kein Wunder, die Arbeitslosigkeit ist noch nicht zu spüren, und die Leute haben trotz Krise im Moment noch wieder mehr Geld in der Tasche. Heizöl und Benzin sind billig wie lange nicht, die Inflation niedrig, für die Metall-Beschäftigten gab es im November, Dezember und Januar je 510 Euro zusätzlich. Und im Februar und Mai stehen jeweils 2,1 Prozent Lohnerhöhung an. Die Bordkapelle spielt munter drauflos. Wer weiß, ob das da vorne überhaupt ein richtiger Eisberg ist.

Voss selbst, er traut es sich kaum zu sagen, profitiert als Juwelier von der Finanzkrise. Allein im Oktober lag sein Umsatz 30 Prozent über dem Vorjahresniveau. Etliche Gutsituierte haben offenbar die Flucht in die Sachwerte angetreten. "Ich habe Kunden, deren Aktiendepot seit Anfang des Jahres 50 Prozent an Wert verloren hat. Und bevor es noch weiter in den Keller rauscht, leisten sie sich jetzt lieber für 15 000 oder 20 000 Euro die Uhr, von der sie schon immer geträumt haben." -

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