Ausgabe 01/2009 - Schwerpunkt Wirtschaft neu

Grundeinkommen

„Der Wind muss aus der Gesellschaft kommen“

brand eins: Herr Werner, im Frühjahr 2005 haben wir zum ersten Mal über das Grundeinkommen gesprochen, eine alte Idee, der Sie neuen Schwung geben wollten. Was hat Sie an der Entwicklung seither am meisten überrascht?

Götz Werner: Zunächst der Sog, der durch dieses Interview ausgelöst worden ist. Er war so stark, dass ich mich seit zwei Jahren aus der Führung meines Unternehmens immer mehr zurückgezogen habe. Und nun bin ich, wie der "Spiegel" einmal schrieb, hauptberuflicher "Wanderprediger" für die Idee des Grundeinkommens geworden.

Und was noch?

Dass 95 Prozent der Menschen zwei Menschenbilder haben: eines von sich und eines von ihren Mitmenschen. Hundertfach ist mir inzwischen die Frage gestellt worden, die eigentlich eher eine Behauptung ist: Aber mit einem Grundeinkommen arbeitet doch keiner mehr?! Ich habe immer gleich zurückgefragt: Was würden Sie denn tun? Und kein einziges Mal habe ich bisher gehört: Na, ich würde genau das machen - mich auf die faule Haut legen. Sondern alle haben gesagt: Klar, ich weiß, was ich tun würde. Ich habe schließlich Ziele, Aufgaben. Aber die anderen!

Immerhin legt auch die Wissenschaft immer wieder neue Studien vor, wonach Menschen, so man sie alimentiert, nicht mehr arbeiten wollen.

Sehen Sie sich diese Studien genauer an. Wenn ich Sie unter Androhung von Nahrungsentzug, also Einkommen, verpflichte, für 800 Euro einen mühsamen Job zu machen, und Ihnen dann sage, Sie könnten auch ein Grundeinkommen in gleicher Höhe kriegen - dann sagen Sie auch: Da gehe ich nicht mehr hin.

Dennoch wird Ihre Hoffnung, dass ein Grundeinkommen die Eigeninitiative weckt, von vielen nicht geteilt.

Rollen wir das mal auf. Es gibt körperlich behinderte Menschen, die brauchen unsere Unterstützung. Dann gibt es geistig behinderte Menschen, die brauchen unsere Unterstützung. Und in Zukunft werden wir immer mehr Menschen haben, die sozial behindert sind, die mit ihrem Leben nichts anfangen können -und die brauchen auch unsere Unterstützung. Denn deren Probleme lösen wir sicher nicht, wenn wir sie unter menschenunwürdigen Druck setzen.

Möglicherweise bräuchten sie eher Sozialarbeit als Geld.

Sicher, aber gerade Sozialarbeit wird heute, ohne Grundeinkommen, nicht im notwendigen Maße ausgeübt. Die Eltern kümmern sich nicht genug um die Kinder, die Familie nicht um die Alten - wir konzentrieren uns voll und ganz auf die produktive Arbeit, weil die das Einkommen bringt. Und wir vergessen, dass die reproduktive Arbeit, also das Erziehen und Entwickeln von Menschen, die Voraussetzung für produktive Arbeit ist - nur leider gilt sie bei uns als unproduktiv. Deshalb wird zum Beispiel, wenn der Gewinn schrumpft, erst mal die Ausbildung zusammengestrichen. Das ist wie das Sägen am Ast, auf dem man sitzt.

Warum ist das so schwer zu vermitteln?

Den Menschen fehlt die Fantasie, sich eine Gesellschaft mit Grundeinkommen vorzustellen. Wenn mich jemand beschimpfen will, nennt er mich Utopist - dabei ist das für mich das größte Lob, das man bekommen kann. Denn alles, was für uns heute selbstverständlich, notwendig, lebenswichtig ist, hat mal als Utopie begonnen. Es ist noch gar nicht so lange her, da war es eine

Utopie, Auto zu fahren, zu fliegen oder in jedem Haushalt einen Kühlschrank zu haben. Und es wäre das Schlimmste, was uns passieren kann: dass wir die Fähigkeit verlieren, Unvorstellbares träumen zu können.

Das Träumen hat in diesen schwierigen Zeiten nicht eben den besten Ruf.

Wenn wir nicht mehr träumen, sind wir der Zukunft ausgeliefert. Nur wenn wir uns Zukünftiges vorstellen können, können wir es gestalten - andernfalls gestalten es andere für uns.

Und warum ist das Grundeinkommen so schwer zu denken?

Das ist in erster Linie eine Frage des Menschen- und Weltbildes. Wenn ich der bösen Nachbarin, die so ganz anders lebt als ich selbst und die in meinen Augen eine Schlampe ist, das Grundeinkommen nicht gönne, dann werden wir es sicher nicht einführen können. Und dann gibt es auch noch Gegenargumente, auf die man so leicht gar nicht kommt. Ute Kumpf zum Beispiel, S PD-Bundestagsabgeordnete und nach eigenem Bekunden Frauenrechtlerin, sagte vor rund 250 Zuhörern, sie sei gegen das Grundeinkommen, weil das eine Herdprämie ist! Ich bat sie, das zu erklären. Na, wenn die Frauen ein Grundeinkommen bekämen, könne es passieren, dass die dann alles vergäßen, wofür die Frauenbewegung gekämpft habe, und wieder zurückkehrten und sich ihrer Familie widmeten. Das aber dürfe auf keinen Fall sein.

Wenn Menschen tun, was sie wollen, tun sie nicht immer, was wir wollen. Was haben Sie Ute Kumpf geantwortet?

Dass der Kampf für das Frauenrecht offensichtlich längst nicht mehr das Mittel, sondern zum Zweck geworden ist.

War das eine Ausnahme, oder begegnen Ihnen solche Widerstände öfter?

Natürlich gibt es Widerspruch, Diskussionsbedarf - alles andere wäre bedenklich. Aber die Idee geistert keineswegs nur in kleinen Zirkeln hoffnungsloser Spinner herum: Sie wird an vielen Stellen diskutiert und weitergedacht, und zwar deutlich sachlicher und fantasievoller als noch vor zwei Jahren.

Daniel Häni, einer der Schweizer Streiter für das Grundeinkommen, hat allerdings eine Art Stagnation ausgemacht - nach einer Welle der Begeisterung scheint das Thema in der Schweiz inzwischen wieder in den Hintergrund zu treten (siehe brand eins 08/2008).

Das ist normal. Wenn die Medien das Thema einmal abgehandelt haben, ist es für sie erst mal durch. Aber solche Veränderungen verbreiten sich nach Art des Schwelbrandes. Man riecht immer mal was, aber man sieht nichts. Und irgendwann ist der Punkt erreicht, da steht das ganze Haus in Flammen. So war das auch bei der Wende 1989: Ich kenne keinen, der am 9. November um 18 Uhr gesagt hat, dass in der Nacht die Mauer geöffnet würde. Aber wenn eine genügend große Zahl von Menschen das Neue denken kann, ist es für den Rest der Bevölkerung evident. Dann macht man am Morgen das Fenster auf, schaut raus - und die Welt sieht anders aus.

Immerhin ist das Thema mittlerweile in fast jeder Partei angekommen. Freut Sie das?

Es ist nützlich, wenn darüber nachgedacht wird. Es wäre schädlich, wenn die Idee zu schnell parteitaktisch genützt würde. Deshalb mache ich um Politiker einen großen Bogen, sobald ich merke, dass sie ein Betätigungsfeld suchen. Ich würde im Moment auch keinem Politiker raten, sich für das Grundeinkommen einzusetzen, um in den Bundestag zu kommen oder Ministerpräsident zu werden.

Warum nicht?

Das ist wie beim Segeln. Man braucht den Wind, und der muss aus der Gesellschaft kommen. Erst wenn er da ist, fahren Politiker ihren nassen Zeigefinger aus und sagen: Oho, jetzt müssen wir aber die Segel anders setzen, jetzt wird es Zeit, sonst werden wir bei der nächsten Wahl abgestraft.

In den vielen Interviews, die Sie zum Thema gegeben haben, kommt immer ganz schnell die Finanzierungsfrage. Und dann ist da, neben einer gewissen Faszination für das Thema, immer auch die Sorge zu spüren, sich mit zu viel Zustimmung lächerlich zu machen.

Es gibt drei Möglichkeiten, das Neue zu Fall zu bringen, das erleben Sie auch im Unternehmen. Die erste ist die bayerische: "Das tun wir nicht mal ignorieren!" Die zweite: "Wir kämpfen dagegen! " Das sind die Besten, denn die müssen sich beim Kämpfen auf das Thema einlassen - und das kann dazu führen, dass sie vom Saulus zum Paulus werden. Und die dritte Möglichkeit ist: Man macht das Neue lächerlich, lacht den, der es will, vom Hof. Das war schon bei den alten Griechen eine beliebte Methode.

Bleibt die Finanzierungsfrage, mit der sich die Debatte um das Grundeinkommen ebenso leicht torpedieren lässt.

Das ist ein interessantes Phänomen. Bevor ich mich selbstständig gemacht habe, war ich mal auf so einem Kreativ-Seminar bei der Industrie- und Handelskammer. Da war ich 26 und habe gelernt, was ich bis heute beherzige: Wenn jemand mit einer neuen Idee kommt, erst mal zu untersuchen, was alles FÜR die Idee spricht. Erst wenn man das eine Weile gemacht hat, wird gesammelt, was dagegen spricht.

Eine bekannte Regel ...

... die dennoch selten angewandt wird. Normalerweise kommt einer mit einer Idee, die zwangsläufig etwas Neues, also Ungewöhnliches ist. Nun müsste man sich darauf einlassen. Das fällt vielen Menschen schwer, aber sie müssen etwas sagen, etwas möglichst Kluges, schließlich sind sie wer. Und dann kommt: "Sagen Sie mal, haben Sie das schon mal durchgerechnet?" Und damit haben sie das Neue erst mal abgewürgt.

Schon richtig, aber so unbegründet ist die Frage nicht.

Angenommen, Sie träumten von einem Einfamilienhaus. Und dann käme einer und sagte: "Da will ich jetzt aber mal wissen, was das genau kostet! " Dann müssten Sie für Ihre Rechnung schon jetzt genau festlegen, wo jeder Wasserhahn hinkommt. Beim Grundeinkommen geht es eben nicht um eine wirtschaftswissenschaftliche Veranstaltung, sondern um einen Kulturimpuls. Und in der Kultur ist möglich, was wir wollen - nicht nur, was sich rechnet.

Trotzdem ist die Geldfrage eine, bei der sich die Diskussion immer wieder festfährt. Etwa wenn es darum geht, dass Sie, der Millionär, auch ein Grundeinkommen bekommen sollen.

Das bekomme ich doch längst, genauso wie Josef Ackermann und alle gut verdienenden Menschen. Wir alle bekommen das in Form des Freibetrages, der ein festgelegtes Existenzminimum von der Steuer befreit.

Wenn allerdings, wie in Ihrer Utopie mitgedacht, die Steuer in erster Linie über die Konsum-, also Mehrwertsteuer erhoben wird, kann es keinen Freibetrag mehr geben.

Nein, dann bekommt ihn jeder Bürger ausbezahlt - ganz praktisch als Mehrwertsteuerbonus in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens. Denn das ist die Grundidee auch des heutigen Steuersystems: dass die Grundbedürfnisse steuerfrei gestellt werden. Darüber bin ich überhaupt erst auf das Grundeinkommen gestoßen: über die Einsicht, was Steuer ist, will und kann.

Nämlich?

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Steuern zahlen und tragen. Als ich noch Angestellter war, hat meine Frau nur interessiert, was ich netto nach Hause bringe. Als ich dann ein junges, expandierendes Unternehmen hatte, habe ich schnell begriffen, dass nur der Nettogewinn zählt, wenn ich Eigenkapital bilden und das Unternehmen entwickeln will. Einen Nettogewinn erziele ich aber nur, wenn ich die Steuer einkalkuliere - andernfalls mache ich keinen Gewinn und muss auch keine Steuern zahlen. Im Grunde denkt jeder so: Wer ein Gehalt aushandelt oder sein Geld zur Bank bringt, will wissen, was netto herauskommt. Das heißt: Wir rechnen in netto, jammern aber in brutto.

Steuern zahlen wir trotzdem.

Aber wir tragen sie nicht. Das tun wir erst, wenn wir konsumieren - die Steuer, die vom Gehalt abgeht, haben wir verkalkuliert.

Ist das nicht eine sehr feine Unterscheidung für einen Tatbestand? Das Geld ist weg!

Man muss Wirtschaft als Prozess sehen, nicht als Aneinanderreihung von Tatbeständen. Und im Prozess ist die erste Frage: Was sind überhaupt Steuern? Sie steuern das Maß, in dem ich als Individuum von meinem Konsum zurücktreten muss, damit die Gemeinschaft konsumieren kann. Das geschieht in einem bestimmten Teilungsverhältnis, das wir die Staatsquote nennen.

Nehmen wir die Selbstversorgungswirtschaft: Da haben wir als Familie unseren Acker bestellt, geerntet - und dann kamen die staatlichen Steuereintreiber und haben uns den Zehnten abgenommen. Die verbliebenen 90 Prozent waren herzlich wenig, es herrschte immer Mangel und hat gerade zur Selbstversorgung gereicht. Wir waren Prosumenten, wir produzierten und konsumierten es gleich wieder. Wenn aber doch mal was übrig blieb, trugen wir es zum Markt - deshalb heißt es Marktwirtschaft. Produzierte jeder Einzelne genauso viel, wie er verbraucht, wäre das Subsistenzwirtschaft; zur Marktwirtschaft wird es erst, wenn wir etwas für andere tun. Und weil das heute der Normalfall ist, können wir nicht länger unsere Ernte, heute unser Einkommen, besteuern, sondern müssen den Verbrauch besteuern.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.

De facto sind wir ihn längst gegangen. Denn wenn ich das Glas hier für zwei Euro verkaufe und die Staatsquote 50 Prozent beträgt, ist klar, dass von den zwei Euro einer für die Gemeinschaft ist und einer in Form von Nettoeinkommen und Nettogewinn bei denen bleibt, die es hergestellt und verkauft haben.

Sie sagen, wir haben eigentlich schon eine Konsumsteuer, weil in dem einen Euro Staatsquote meine Einkommensteuer genauso drin ist wie Ihr Steueranteil am Gewinn?

Und die Krankenversicherung, die ganze Infrastruktur, alles, was wir gemeinschaftlich machen.

Wenn das so ist - wozu dann noch eine reine Konsumsteuer?

Weil wir im Moment die Steuer dort ansetzen, wo Werte geschaffen werden, also bei der Arbeit. Dadurch wird die Inlandsproduktion teurer, was auf die Preise durchschlägt. Zudem würden sich bei einer reinen Konsumsteuer alle Steuerschlupflöcher schließen, vom Abbau der Steuerbürokratie mal ganz abgesehen.

Aber wenn die Steuer nur vom Konsum abhängt - brauchen wir dann nicht immer mehr Wachstum, um die Staatskasse zu füllen?

Wachstum haben wir aus zwei Gründen. Erstens: Weil Unternehmer erfolgssüchtig sind - natürlich wollen Sie die ganze Menschheit mit brand eins beglücken. Und ich will, dass alle die tolle dm-Zahnpasta benutzen. Und zweitens: weil es sich mit Wachstum leichter managen lässt. Das Leben besteht aus Wachsen und Schrumpfen, aber Erwachsenwerden ist leichter als Altwerden. Und Wachstum ist leichter zu managen als ein Schrumpfungsprozess. Mit einem Grundeinkommen wäre das übrigens einfacher: Wenn mir da ein Markt wegbricht, muss ich zwar auch Menschen entlassen - aber sie fallen nicht ins Bodenlose.

Und woher soll deren Grundeinkommen dann kommen?

Von den Gütern und Dienstleistungen, die wir herstellen.

Kann man sich die dann noch leisten?

Eher als heute, wo die Menschen auch entlassen werden, aber keine echte Grundsicherung und keine Perspektive mehr haben.

Dennoch ist schwer vorstellbar, dass genug erwirtschaftet wird, um das Grundeinkommen zu finanzieren.

Die Frage ist: Was ist genug? Mit dem Wachstum der vergangenen Jahre ging auch eine ungeheure Anspruchsinflation einher. Irgendein Institut hat ausgerechnet: Wenn Vater, Mutter und drei Kinder auf der Basis des Lebensstandards von 1968 lebten, reichte es, wenn der Vater dafür 25 Wochenstunden arbeitete.

Also zurück in die sechziger Jahre?

Natürlich nicht. Es hilft nur, sich das bewusst zu machen. Aber zudem haben uns die Wachstumsjahre und das Streben nach Fortschritt eine ungeheure Produktivitätsentwicklung gebracht: 1958, als meine Mutter unser erstes Auto kaufte, hatte ein VW Käfer noch 17 Monate Lieferzeit. Und vor drei Jahren hat Bernd Pischetsrieder, damals noch Vorstandsvorsitzender von Volkswagen, gesagt: Das Problem der europäischen Autoindustrie bestehe darin, dass wir 15 Millionen Autos produzieren können, für die es keine Käufer gibt.

Die Frage bleibt: Hätten wir bei zurückgehendem Konsum genug Steuern, um ein Grundeinkommen zu finanzieren?

Ja. Denn angenommen, wir wären mit der Hälfte der Konsumgüter zufrieden - dann bräuchten wir auch nur noch das halbe Grundeinkommen. Denn jeder Preis, den wir bezahlen, löst sich in Einkommen auf.

Das müssen Sie erklären.

Jede Leistung, jedes Produkt besteht aus dreierlei: aus der Idee zum Beispiel, ein Gefäß für Wasser zu entwickeln. Aus natürlichen Ressourcen - im Fall des Glases wären das Quarz und Energie. Und dann brauchen wir noch einen, der das herstellt. Der investiert seine Zeit und seine Fähigkeit, und damit er das kann, braucht er ein Einkommen. Das ist das Einzige, was das Glas hier kostete - alles andere ist gratis.

Die Idee vielleicht. Für Quarz und Energie müssen Sie bezahlen.

Nein, ich bezahle den, der die natürlichen Ressourcen für mich nutzbar macht - und da sind wir wieder beim Einkommen. Sie können jede Leistung durchgehen, Sie kommen immer wieder auf diese drei Dinge: Geist, Natur, Arbeit. Und je mehr Geist ich auf die Arbeit anwende, desto mehr natürliche Ressourcen spare ich. Das ist das ganze Geheimnis des Produktivitätsfortschritts: Geist einzusetzen, um mit weniger Einsatz an Rohstoffen und Arbeit mehr herzustellen. Und wenn Sie das mal durchdeklinieren, löst sich die ganze weltweite Wertschöpfung in Einkommen auf.

Das klingt deutlich handfester, als sich einem die Wirtschaft im Zeichen der Finanzkrise momentan präsentiert.

Unsere Gesellschaft hat zwei Probleme. Das eine nenne ich das Zauberlehrlings-Phänomen - wir rufen mit unserem menschlichen Drang nach "höher, schneller, weiter" permanent Geister, die wir dann nicht mehr loswerden. Und genauso gefährlich ist, was in dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern steckt. Die Leute haben Vertrauen und wollen gar nicht wissen, ob der Kaiser Kleider anhat. Und das geht so lange gut, bis irgendeiner kommt und sagt: Diese Immobilien sind doch gar nichts wert! Und schon ist die Subprime-Krise da.

Immerhin haben wir im Moment eine Menge Kaiser.

Sie meinen die Banker? Ich bin nicht sicher, ob die den Schwindel nicht auch geglaubt haben. Ich habe zum Beispiel mal bei einer Veranstaltung der Deutschen Bank gesagt, dass die Position "Eigenkapital" in der Bilanz nichts weiter ist als ein schwarzes Loch. Das kann man allein daran erkennen, dass sie des Wirtschaftsprüfers liebste Position ist: Dafür muss er nämlich nur die Aktiva von den Verbindlichkeiten abziehen - was übrig bleibt, ist das Eigenkapital, das aber gar nicht vorhanden ist. Damit verblüffen Sie Banker genauso wie Vorstandsvorsitzende.

Zurück zum Grundeinkommen - wo würden Sie anfangen?

Wir haben doch längst angefangen. Es ist allgemeiner Konsens, dass die Sicherung der materiellen Existenz bestimmter Gruppen eine gesellschaftliche Aufgabe ist. Und diese Gruppen sind Arbeitslose, Kinder und Rentner. Das Problem ist nur, dass wir das nicht besonders gut machen: Bei den Hartz-IV-Empfängern leisten wir uns den menschlich wie ökonomischen Widersinn der Bedürftigkeitsprüfung. Und bei Kindern und Rentnern steigt die Armut - was ich bei den Kindern, gesellschaftlich gesehen, für Dummheit halte. Und bei den Rentnern für groben Undank.

Und was änderte ein Grundeinkommen daran?

Besonders bei der Existenzsicherung von Kindern und Jugendlichen haben wir einen Mix an Zahlungsströmen, der vor allem Wohlhabenden zugute kommt. Das reicht vom Kinderfreibetrag bis zum Bau-Kindergeld - ich bekomme umso mehr, je mehr ich verdiene. Sieht man genau hin, erkennt man, dass alle Transfers weniger einer würdigen Existenzsicherung dienen als der Sicherung eines einmal erreichten Lebensstandards. Für dieses Denken ist übrigens das gerade eingeführte Elterngeld ein Paradebeispiel.

Wird die zurzeit heraufbeschworene Krise der Diskussion nützen?

Jede Krise nützt, weil sie für ein gesteigertes Bewusstsein sorgt. Schwankt der Boden, beginnt man, auf seine Schritte zu achten.

Wird das reichen, um genug Wind zu erzeugen? Noch mehr Vorträge schaffen Sie wohl kaum.

Ich bin zufrieden, wenn zehn Prozent der 500 Leute, die in einer Veranstaltung sitzen, anschließend sagen: Was der Werner da erzählt, verstehe ich zwar noch nicht, ich bin auch skeptisch, aber das mache ich jetzt zu meiner ergebnisoffenen Forschungsfrage. Denn mit den Fans aus der Südkurve ist beim Grundeinkommen nicht viel anzufangen. Wir brauchen Leute, die eigenständig denkend zu Erkenntnissen kommen können und nicht einfach nur glauben, weil das der Pfarrer gesagt hat, der Marx oder irgendjemand sonst. ---

Götz Werner, 64,

hat sich nie davon abhalten lassen, große Ziele zu verfolgen. So kam er als junger Mann zum Rudersport und brachte es zur Deutschen Meisterschaft im Doppelzweier. So gründete er 1973 ein Unternehmen und baute den dm-Drogeriemarkt zu einem Konzern mit 30 000 Mitarbeitern und 4,7 Milliarden Euro Umsatz aus. In den achtziger Jahren entwickelt er seine Vision einer gerechteren Gesellschaft, in der das bedingungslose Grundeinkommen eine entscheidende Rolle spielt. Wer sein Unternehmensmodell kennt, auf dem der Erfolg des dm-Drogeriemarktes beruht, merkt schnell, dass beide große Lebensthemen eng miteinander verbunden sind: Auf einem Fundament aus Verständnis und Respekt geht es für Werner darum, ein Unternehmen, aber eben auch eine Gesellschaft zu fördern, in der Persönlichkeitsentwicklung, Vertrauen und Kreativität gedeihen können.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Idee, die schon in Thomas Morus' Roman "Utopia" (1516) aufschien und seither von vielen Denkern immer wieder diskutiert wird. Danach soll jeder Bürger eine gesetzlich festgelegte und für jeden gleiche finanzielle Zuwendung erhalten, die für eine menschenwürdige Existenz ausreicht und ohne Gegenleistung gewährt wird. Vor allem die fehlende Gegenleistung wie auch die Finanzierungsfrage befeuern den Widerstand gegen diese Idee.

Die Finanzierung über eine Konsumsteuer ist eine vor allem von Götz Werner in die Diskussion eingebrachte Variante. Dahinter steht die Einsicht, dass eine Gemeinschaft, die immer weniger Leistung über Erwerbsarbeit erbringt, nicht länger alle staatlichen Leistungen über die Besteuerung von Erwerbseinkommen finanzieren kann.

Zudem setzen Einkommen- wie Gewerbe- oder Unternehmensteuern dort an, wo Werte geschaffen werden - sinnvoller sei die Besteuerung am Ende des Wertschöpfungsprozesses, also beim Konsum.

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