Ausgabe 10/2009 - Das geht

Energie aus der Unterwelt

• In Stauseen und Flüssen kann Wasserkraft saubere Energie erzeugen. Was wäre, wenn saubere Energie aus schmutzigem Wasser käme, dem Abwasser in der Kanalisation? An dieser Idee tüftelt der Leipziger Diplom-Ingenieur Gerold Seyfarth seit mehr als vier Jahren – mit Erfolg. Seit 2008 ist die Erfindung des 41-Jährigen patentiert.

Der Ingenieur für Arbeits- und Kraftmaschinen führt an der Tafel das System vor, zeichnet Flüsse, Fallhöhen und seine Turbine: eine archimedische Schraube, die sich um einen Kegel windet. Wenn die Kegelschraube ins Wasser gesenkt und von der Strömung gedreht wird, wandelt der eingebaute Generator die Drehbewegung in Strom. Genutzt werden kann die Turbine in Flüssen und Bächen, in Wehren - und in der Kanalisation.

Angefangen hat alles mit Fischen. Mit wenig Geld, viel Improvisation und ohne Genehmigung baute Gerold Seyfarth zu DDR-Zeiten Aquarien und verkaufte selbst gezüchtete heimische Süßwasserfische. Doch nach der Wende stiegen die Kosten für Strom und Wasser drastisch: Er musste sein Unternehmen schließen. Als er von hohen EU-Fördermitteln für industrielle Fischzuchtanlagen erfuhr, machte er sich daran, eine professionelle aufzubauen. Tropische Speisefische sollten es diesmal sein, denn die verkauften sich besser. Allerdings musste das Wasser ständig beheizt werden: Das war energieaufwendig. Also suchte der Ingenieur nach einer Technik, mit der er Strom erzeugen konnte. Schließlich kam er auf eine Turbine - eine, die ungefährlich war für Fische, an der kein Treibgut hängen blieb und die auch bei geringer Fließgeschwindigkeit des Gewässers Strom produzierte.

Aus seiner Zeit als Bauleiter für Pumpanlagen, Klärwerke und Abwassersysteme in Ost-Berlin wusste er: Das war die richtige Technik auch für den unterirdischen Einsatz, denn dort fließt das Wasser langsam, und es gibt viel Treibgut. Gemeinsam mit anderen Entwicklern aus dem sächsischen Erfinderclub Signo gründete Seyfarth drei Unternehmen: die Aqinergy für die unterirdische Energiegewinnung, eine Produktionsfirma sowie die International River Energy GmbH für den Einsatz der Kegelschraube in Flüssen und Wehren.

Seither sucht Seyfarth Kunden, die sich für seine Turbine interessieren. Im thüringischen Niedertrebra hat er eigens eine Testanlage gebaut. Neben 36 in- und ausländischen Firmen hat sich auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Thüringer Wasserkraftwerke, Sven Richter, die Erfindung vorführen lassen. Sein Urteil: „Wenn die Wirkungsstärke nur halbwegs stimmt, ist da ein riesiges Potenzial.“ Eines, das Martin Tremel, Bürgermeister von Niedertrebra, schon davon träumen lässt, etwa 20 Wohnhäuser und die Straßenbeleuchtung mit Strom aus der Ilm zu versorgen. Für den kleinen Ort reichte eine 50-Kilowatt-Turbine. Liefern kann Seyfarth aber auch Turbinen von 5 bis 300 Kilowatt.

Auf die Idee, die Kegelschraube unterirdisch einzusetzen, kam der Erfinder, weil die Genehmigungsverfahren in überirdischen Gewässern zäh verliefen: „Da habe ich mir gesagt: Wenn's über der Erde so viele Probleme gibt, gehen wir halt unter die Erde.“ Die so erzeugte Energie soll zur Versorgung der Stadtwerke beitragen, ins Stromnetz eingespeist werden oder in Zukunft aus Zapfsäulen von Elektrotankstellen fließen. Als Abnehmer für die Erfindung kommen in Deutschland rund 2000 Städte infrage, in deren Abwassersystemen die Turbinen arbeiten könnten. Eine schöne Idee – Strom aus der Unterwelt.

Noch aber reagieren viele potenzielle Nutzer skeptisch. „Sie glauben ja gar nicht, was da unten alles rumschwimmt“, sagt Stephan Natz, Unternehmenssprecher der Berliner Wasserbetriebe. „Alles, was Menschen irgendwie in Toiletten stopfen können, landet in der Kanalisation.“ Seyfarth hat das bedacht: Die Turbinen könnten mit kleinen Messern versehen werden, die Feststoffe im Abwasser zerhäckseln. Bisher übliche Hochdruckspülungen verstopfter Siele würden überflüssig. Technisch sei es ebenfalls machbar, den eingebauten Generator zum Motor umzupolen und die Turbine für regelmäßige Spülung der Kanäle einzusetzen. Ebenso widerspricht der Ingenieur dem Einwand, in vielen Kanälen fließe nicht genügend Wasser. Man müsse, sagt er, eben den richtigen Einsatzort bestimmen.

Einen Experten hat die neue Technik bereits überzeugt: Der technische Leiter der Stadtwerke Zeitz, Andreas Husemann, plant in der kleinen Stadt südwestlich von Leipzig eine Pilotanlage mit wissenschaftlichen Studien zur Leistung der Turbine im Abwasser. „Das ist eine gute Sache“, sagt Husemann. Ab Ende dieses Jahres, aber spätestens Anfang 2010 soll es in Zeitz erstmals Strom aus der Kanalisation geben.

Wenn sich der Modellversuch bewährt und Seyfarth weitere Wasserwerke überzeugen kann, will ihm seine Hausbank bei der Finanzierung der Geschäftsidee helfen. Mit 100.000 Euro könnte er die Produktion aufnehmen. Für die Anlage in Zeitz hofft er auf Fördermittel des Landes Sachsen-Anhalt und den Einstieg privater Investoren. Und irgendwann, wer weiß, hat er vielleicht wieder Zeit für sein Hobby: die Fische. ---

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