Ausgabe 07/2009 - Schwerpunkt Stabilität

Und gesundheitlich? Alles bestens!

-Die Gesundheit zu erhalten und im Krankheitsfall wiederherzustellen, ist Sache der Medizin. So denkt der Durchschnittsbürger. Der Durchschnittsarzt widerspricht ihm nicht. Doch beide irren. Eine stabile Gesundheit ist ein Phantom, dem wir nachjagen und das wir doch nie erreichen. Unser Leben ist ein fortwährender, atemberaubend kühner Balance-Akt. Vor dem Absturz bewahren uns komplexe biochemische Regelkreise - und nur selten die Medizin.

Denn seien wir realistisch: Jede Sekunde unseres Lebens ist ein kurzfristig erfolgreicher, aber letztlich aussichtsloser Kampf gegen den Verfall. Leben ist tote Materie, die sich spektakulär in Szene setzt. Sogar Materie ist, genau betrachtet, alles andere als stabil: Im Urknall, der Mutter aller Katastrophen, geboren, strebt sie einem gewaltsamen Ende zu. Wie unsere Sonne, der Motor allen Lebens auf der Erde: Sie ist ein vor sich hin explodierender Gashaufen, der eines Tages seine Trabanten verschlingen wird, die Erde inklusive. Und selbst die brave Erde zeigt dann ihr wahres Gesicht, wenn sie bebt und Feuer speit.

Hätte das Leben nicht einen Weg gefunden, in der Sekunde seiner Existenz wieder neues Leben hervorzubringen, es existierte gar nicht. Am stabilsten ist das Leben dann, wenn es Zeiten der Kälte oder Trockenheit in beinahe lebloser Starre überdauert. Uns Menschen sind nicht einmal solche Phasen relativ großer Stabilität vergönnt. Wie die meisten Säugetiere gehören wir zu den Modellen der Evolution, die keinen Energiesparmodus kennen, selbst im Schlaf laufen wir auf Hochtouren. Denn unser Organismus ist pausenlos damit beschäftigt, die Balance zu halten: Temperatur, Sauerstoffkonzentration, Hormonpegel, Zuckergehalt - alles muss stimmen. Zu viel ist tödlich und zu wenig sowieso. Regelkreise sorgen dafür, dass das Herz ausreichend pumpt, der Magen beizeiten knurrt und defekte Zellen Selbstmord begehen.

Gerät unser Körper außer Balance, spricht man von Krankheit. Gendefekte, Viren und Verletzungen stellen die Regelkreise auf mitunter harte Proben. Das geht nicht immer gut, aber erstaunlich oft - wenn es darauf ankommt, ist der Mensch enorm belastbar. Einige dieser ominösen Regelkreise fasst man unter "Immunsystem" zusammen. An ihm lässt sich schön illustrieren, was mit Balance gemeint ist.

Dass unser Immunsystem feindliche Eindringlinge abwehrt, ist an sich schon wunderbar, wirklich fantastisch aber ist, dass es uns dabei am Leben lässt. Das Immunsystem kann nämlich zwischen gesunden und von Viren befallenen Körperzellen unterscheiden und seine Zerstörungswut so fein dosieren, dass es uns schlimmstenfalls mit Fieber ins Bett wirft. Manchmal jedoch findet das Immunsystem diese Balance nicht: Dann attackiert es harmlose Blütenpollen oder körpereigenen Knorpel. Läuft eine Bakterieninfektion aus dem Ruder, kommt es zum gefürchteten Schock, der Patienten in wenigen Stunden dahinrafft.

Und was macht der Mensch, der Einfaltspinsel? Er geht in die Apotheke und kauft sich "immunstimulierende" Mittel. Schon die Idee ist töricht: Das Immunsystem mit seinen fein austarierten Regelkreisen mal eben anregen zu wollen, das ist etwa so, als wollte man ein Piano stimmen, indem man die Saiten mit dem Akkuschrauber so stramm wie möglich zieht.

Es gab eine Zeit, als Ärzte solche simplen mechanistischen Vorstellungen befolgten und im Namen Asklepios ihre Patienten mit Aderlass und Ausbrennen aufs Grausamste malträtierten. Die sogenannte heroische Medizin folgte blind den antiken Lehrmeinungen und zog wie zum Hohn die wenigen Überlebenden als Beweis für den Nutzen ihrer Torturen heran.

Doch es gab auch eine Zeit, als Ärzte so bescheiden waren, solche Allmachtsfantasien weit von sich zu weisen und die Patienten möglichst in Ruhe zu lassen. Dieser sogenannte therapeutische Nihilismus kam zwar den Patienten jener Zeit zugute, nicht aber den Ärzten, die sich damit überflüssig machten. Allein schon deshalb hatte er keinen Bestand.

Und heute? Die nihilistische Medizin ist zu Recht überwunden. Schließlich haben wir über den menschlichen Organismus viel dazugelernt. Wo wir Schwächen, Grenzen und Schäden der Regelkreise erkennen, ist die Medizin unter Umständen in der Lage, dem Körper aus seiner gefährlichen Instabilität herauszuhelfen. Sie dezimiert Bakterien, operiert verwachsene Herzen, ersetzt fehlendes Insulin und heilt bestimmte Tumoren. Auch die Zeiten der heroischen Medizin sind zum Glück vorbei. Schließlich kann die Wissenschaft heute klären, ob eine Behandlung wirklich mehr nützt als schadet.

Zwei grundsätzliche Probleme aber bleiben. Unser Gesundheitssystem unterstützt eine tendenziell heroische Medizin, da es Untersuchen, Verschreiben und Behandeln weit üppiger honoriert als das Gespräch mit dem Patienten darüber, dass Abwarten manchmal die bessere Option ist. Das ließe sich ändern.

Das zweite Problem geht jedoch tiefer: Es ist der fehlende Respekt vor den Leistungen unseres Organismus, der seine systembedingte Instabilität so perfekt austariert, dass wir sie für Stabilität halten. Statt den Balance-Akt bestenfalls mit Bewegung und Maßhalten ein wenig zu unterstützen, meinen wir, die vermeintliche Stabilität mit plumpen Maßnahmen erhalten oder wiederherstellen zu können.

Einen pfiffigen Weg übrigens beschreiten Menschen, die sich trotz bester Gesundheit regelmäßig von ihrem Heilpraktiker "einstellen" lassen oder bei Krankheit Kügelchen schlucken, denn sie ernten die Früchte beider Medizinrichtungen: das befriedigende Gefühl der heroischen Medizin, etwas getan zu haben, und das befriedigende Ergebnis der nihilistischen Medizin, den Organismus unbehelligt seine Balance selbst finden zu lassen.-

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