Ausgabe 07/2009 - Editorial

Balance-Akt

• Vermutlich ist es immer so. Was man nicht hat, hätte man ganz besonders gern. So ist es kein Wunder, dass zurzeit ein Begriff Hochkonjunktur hat, der jungen Menschen als Synonym für Ödnis erscheinen muss: Stabilität. Die Währung, die Wirtschaft, die Zukunftserwartung, das Leben. Stabiler soll das alles werden, weil das ewige Auf und Ab irgendwie nervt.

Was war das schön, als die Entwicklungslinien der Wirtschaft wie des Lebens noch stabil nach oben verliefen. Das ließ sich gut rechnen, gut planen. Und jetzt? Wer traut sich noch, auch nur das vierte Quartal zu prognostizieren? Oder sich darauf zu verlassen, dass die Renten der heutigen Berufsanfänger sicher sind?

Da hilft es, den Blick zu wenden. Denn dann stellt man fest, dass die ökonomisch stabilen Zeiten eigentlich schon seit den siebziger Jahren Vergangenheit sind (S. 40). Seither stehen wir auf einer recht wackeligen Wippe, die nur mit Steuermilliarden halbwegs im Gleichgewicht blieb. Und jetzt, da der Staat an seine Grenzen gerät? Hilft nur Beweglichkeit. Denn wer in ängstlicher Starre stehen bleibt, verhungert und kippt ab.

Zu jenen Ländern, die sich am schnellsten bewegen müssen, gehört Island, jener kleine Wirtschaftswunderstern, der gerade mit lautem Getöse vom Himmel fiel. Das hätte zu Schockstarre führen können oder zu hektischer Wirbelei. Eine isländische Gruppe aber macht sich dafür stark, erst mal nachzudenken und zu experimentieren: Nach dem Neubeginn soll es um mehr gehen als um Geld (S. 60). Afrika dagegen stürzt ab, ohne jemals oben gewesen zu sein. Und ausgerechnet dort entwickelt sich ein Investitionsmodell, das dem Wort "Beteiligungsgesellschaft" zu ganz neuem Glanz verhelfen könnte (S. 100). Den Meisterkurs in Sachen Beweglichkeit aber hat Venezuela vor sich. Mit Ölreichtum gesegnet, könnte das Land eigentlich ein Hort der Stabilität sein – und läuft genau deshalb Gefahr, eher unbeweglich den Kapriolen des Ölpreises ausgesetzt zu sein (S. 68).

Zu viel zu haben ist eben kein Garant für Stabilität. Auch, wer alles will, am besten gleich, kann leicht aus der Balance geraten.

Es geht, wie so oft, um das richtige Maß. Das gilt für das komplexe Verhältnis zwischen Mensch und Maschine genauso wie für die Frage, wie sich das eigene Unternehmen entwickeln soll. Die stabile Maschine ist so selten wie ein Unternehmen, das schnurgerade seine Entwicklungslinie zieht. Wo das so scheint, lohnt es sich, genauer hinzusehen: In aller Regel haben sich da Menschen ganz schön bewegt (S. 52, 80, 86).

Stabilität entsteht durch Beweglichkeit. Das zeigt sich gerade dort, wo wir Statik vermuten. Bei jenen hoffnungslosen Optimisten zum Beispiel, die sich in diesen Zeiten ein Häuschen bauen (S. 76). Oder im Modellversuch der Bremer Heimstiftung, die zeigen will, dass trotz knapper Kassen auch im hohen Alter noch eine Menge geht (S. 92).

Oder in unserem Körper. Denn eine stabile Gesundheit, so weist Christian Weymayr nach (S. 50), ist nichts weiter als ein Phantom: "Unser Leben ist ein fortwährender, atemberaubend kühner Balance-Akt."

Stillstand ist im Leben nicht vorgesehen. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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