Ausgabe 12/2009 - Was Unternehmern nützt

Do you speak Globish?

- "Die Weltsprache ist nicht Englisch. Die Weltsprache ist schlechtes Englisch", sagt der Linguist David Crystal. Tatsächlich: Koreaner verhandeln mit Chilenen in schlichter Sprache; beide können es nicht besser, sie wursteln sich durch. Beherrscht einer der Gesprächspartner besseres Englisch, nimmt er sich zurück - wenn er klug ist. Denn gutes Englisch schadet dem Geschäft. Die globale Kommunikation ist in der Praxis nämlich oft nur dann Erfolg versprechend, wenn sie sich auf dem kleinsten gemeinsamen Sprachnenner abspielt.

Das schmerzt den Könner, aber er weiß aus der Begegnung mit Zuwanderern daheim: Mit gewähltem Ausdruck ist nichts zu erreichen. Der Franzose Jean-Paul Nerrière machte das zu seinem Erfolgsrezept. Lange Jahre reiste er für die Marketingabteilung von I BM durch die Welt. Und kam mit koreanischen Kunden besser zurecht als seine New Yorker Kollegen, weil er sein Englisch auf das Notwendigste eindampfte und sich so mit den Kunden auf Augen höhe verständigte.

Wobei sich - vereinfacht gesagt - in der Wirtschaft zwei kommunikative Situa tionen unterscheiden lassen. Der Gedankenaustausch zwischen Entwicklern oder die Verhandlung eines Joint Venture verlangen ausgefeilte Sprachkenntnisse; wer da nicht mithalten kann, wird über den Tisch gezogen. Die Abwicklung von Verkäufen oder die Lieferung von Ersatzteilen dagegen läuft besser auf einem niedrigen Sprachniveau; die Verständigung gelingt mit genormten Floskeln. Andernfalls kommt es leicht zu teuren Missverständnissen.

Diese gängige Praxis ist im Grunde die Obergrenze dessen, was 99 von 100 Schülern der englischen Sprache für ihre Karriere erwerben müssen. Was darüber hinausgeht, ist oft des Guten zu viel, weil es die Fähigkeit zur Verständigung nicht verfeinert, sondern blockiert. Die Sprachfertigkeit eines Muttersprachlers ist ohnehin kaum zu erreichen. Nur sehr wenige Lernwillige erreichen ein Niveau, auf dem sie es bei Verhandlungen sprachlich mit einem Native Speaker in puncto Wortspielereien, Sprichwörtern und Doppeldeutigkeiten aufnehmen können.

Es ist paradox, aber die Lücke zwischen dem Hochniveau und der Globalsprache klafft umso breiter, je eifriger sie der Schüler zu schließen sucht. Je besser das Englisch, desto schwieriger wird die Beschränkung auf das globale Gebrauchsenglisch. Gutes Englisch ist ein Luxus, eine Quelle kultureller Freude, so nützlich wie gutes Italienisch oder gutes Tschechisch.

Der wirtschaftlich vernünftige Zielpunkt liegt lange vor dem kulturellen Traumziel, und er heißt Globish. Es wird weltweit gesprochen und geschrieben, auch der Erwachsene erlernt es in überschaubarer Zeit. Wer das begreift, erspart sich und seinen Kindern die Hysterie um das zeitige Englischlernen.

Anders sieht es aus für Forscher und Entwickler, Kreative, Unternehmer und Diplomaten. Sie stehen vor der Frage, welchen Aufwand ihr angestrebtes Hoch niveau rechtfertigt. Würden Sie in Schanghai ohne Dolmetscher antreten? Im Englischen tun sie es, trauen sich viel, wenn nicht alles zu. Dabei gibt es für solche Fälle Dolmetscher und Übersetzer, die eine Sprachfertigkeit erlangt haben, die allen anderen verschlossen bleibt.

Noch aber gibt es davon zu wenige, und deshalb werden zukunftsbewusste Gesellschaften künftig Zigtausende von Dollar und Euro in die Ausbildung solcher Experten investieren. Die Japaner machen vor, dass sich solcher Aufwand auszahlt. Denn gerade in Wirtschaft und Wissenschaft wird der Verzicht auf professionelle Sprachkenntnis um ein Vielfaches teurer.

Sprachfertigkeit zwischen Hochenglisch und Globish bietet nach oben zu wenig und nach unten zu viel für erfolgreiche Kommunikation. Englisch und Globish sind daher so streng zu unterscheiden wie Mutter und Tochter, sonst durchsetzt globische Vereinfachung die englische und die deutsche Kultursprache zugleich. Das wäre fatal, denn die Muttersprachen müssen wir auch im globalen Dorf, schon aus wirtschaftlicher Vernunft, funktionsfähig erhal ten. Um Deutsch ist es schlecht bestellt, wenn etwa ein Ministerpräsident Englisch als "Umgangssprache des Facharbeiters" verlangt. Diese undifferenzierte Förderung der Fremdsprache gedeiht nur auf Kosten der Muttersprache. Übrig bleibt dann ein Deutsch zum Bierholen, auf dem Niveau unseres Englischs, auch zum Bierholen.

Esperanto war gestern. Heute spricht man Globish

Zu tun ist dreierlei: Erstens sollten wir Globish als Zwecksprache ohne höhere Ansprüche begreifen. Zweitens sollten wir Englisch als eines von vielen Lernzielen betrachten, und zwar als weniger wichtig als Mathematik und Musik und ungeeignet als erste Fremdsprache - pädagogisch sinnvoller sind Französisch, Latein oder Polnisch. Drittens müssen wir die Lücke bei den Dolmetschern schließen. Ihre Diens te dienen der Infrastruktur einer Wissensgesellschaft mehr als die Autobahnen.

Befreit vom Eifer um frühes Englisch, gewinnt die Muttersprache ihr Recht zurück. Deutsch ist kein Luxusfach, es ist die Grundlage, den Geometrielehrer zu verstehen, den Klavierlehrer, auch den Englischlehrer. So genießen wir befreit den Umgang mit unserer Kultur und der unserer Nachbarn und finden nüchtern unsere Antworten: Wie teuer ist welches Englisch? Es gibt nur eine vernünftige Begründung, dass Kinder Fremdsprachen lernen: die pädagogische Sinnfälligkeit (bei Einwanderern die schiere Notwendigkeit). Für die künftigen Bürger im Hochlohnland brauchen wir Lehrer, die Freude an Musik und Mathematik vermitteln und am Reichtum der Kultur, der sich in den Sprachen offenbart, in der eigenen und in fremden.

Globish ist kein Primitiv-Englisch. Es eignet sich zum Verfassen von Handbüchern und Bedienungsanleitungen, zur Korrespondenz und Gesprächsführung. Es liefert die höchste Trefferquote des Verstehens unter Menschen verschiedener Sprachfähigkeiten. Globish füllt einen definierten Raum zwischen der englischen Hochsprache und dem Basic English des Sprachwissenschaftlers Charles K. Ogden.

Den Maßstab für sprachliche Zweck mäßigkeit liefert der Sprachexperte Wolf Schneider. Information, so sagt er, heißt nicht "Ich will etwas mitteilen", nicht einmal "Ich will mich bemühen, etwas verständlich mitzuteilen", sondern: "Ich bin verstanden worden."

Und genau hier liegt der Vorteil von Globish gegenüber Englisch. Das globische Vokabular umfasst 1500 Wörter; es wird durch Vereinbarung erweitert: durch Kombination von Wörtern, durch Hinzufügen von Silben und durch phrasale Verben, die man auswendig lernen muss. Globish übernimmt Namen und Titel, internationale Wörter (police, pizza) sowie die Fachbegriffe der Gesprächspartner.

Die Rechtschreibung entspricht der englischen. Globish verwendet Buchstaben, Zeichen und Zahlen des Englischen, ebenso die Tage, Monate und andere Zeit-und Ortsbestimmungen. Es beruht auf den Grundlagen englischer Grammatik, allerdings mit wichtigen Vereinfachungen: Man vermeidet doppelte Verneinungen, Über-und Untertreibungen, Humor, Idiome, Beispiele - man bleibt bei der Sache.

Globish beschränkt sich auf die aktive Stimme; Passiva werden vermieden, müssen aber wie Konditionale und Konjunk tive verstanden werden. Deutlich muss werden, wer genau was tut. Globish besteht aus Sätzen mit höchstens 15 Wörtern.

Globish hört sich an wie Englisch, allerdings ist jeder Akzent erlaubt. Es gibt so viele regionale Tönungen, wie es Völker gibt, die einander auf Globish begegnen. Die Aussprache begnügt sich mit weniger Lauten als Englisch (das gelispelte th muss man nicht beherrschen), wichtig ist die richtige Silbenbetonung. Sie muss jedoch mit jeder Vokabel eingeübt werden.

Globish ergänzt man durch Gesten, Illustrationen und Präsentationen. Kommunikationstrainer empfehlen sowieso: Wichtiges wiederholen, prüfen, ob man verstanden wurde; die Frage wiederholen, bevor man antwortet. Als geschlossenes System ist Globish leicht zu lernen. Es besteht aus korrektem Englisch, vermeidet aber viele seiner Schwierigkeiten.

Englisch-Könner müssen die Kröte schlucken: Globish verzichtet auf alles, was der Sprache Farbe verleiht. Das fällt ihnen keineswegs leicht.

So müssen selbst Engländer Globish lernen. Diese Erfahrung machen sie Tag für Tag. -

Globish vermeidet alle Metaphern. Ganz im Gegensatz zur Hochsprache, die davon lebt.

Dass bereits ein kleiner Wortschatz zur Verständigung genügt, beschrieb bereits der Sprachwissenschaftler Frederick Bodmer: "Ein Grundvokabular von 1700 Wörtern ist ausreichend für eine gewöhnliche Konversation und eine vernünftige Diskussion über irgendein Problem in jeder europäischen Sprache." ( "Die Sprachen der Welt", S. 11, lange vergriffen, jetzt wieder erhältlich).

Vollständig in globischer Sprache verfasst ist "Globish The World Over" von Jean-Paul Nerrière und David Hon. Zwei Kapitel daraus sind kostenlos herunterzuladen bei www.globish.com.

"Man kann sich in einer fremden Sprache nur unfrei ausdrücken. Im Zweifelsfall sagt man lieber, was man richtig und einwandfrei zu sagen hofft, als das, was man eigentlich sagen will. Oder man sagt, was man zu sagen glaubt, aber es wird anders verstanden, als es gemeint war." (Franz Molnar)

Brüsseler Dolmetscher legen für die Sprecher gelegentlich Handzettel aus: "Bitte benutzen Sie Ihre Muttersprache! Wir verstehen sonst nicht, was Sie sagen möchten."

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