Ausgabe 02/2009 - Schwerpunkt Kommunikation/PR

Im Supermarkt der Superkräuter

- Apotheken sind so etwas wie die Supermärkte der Gesundheitsindustrie, mit Regalen voll bunter Packungen und einem Tresen mit Fachpersonal dahinter. Sie führen Hochwertiges, aber auch allerlei Ramsch. Bei der Werbung für ihre Produkte gibt es jedoch einen gravierenden Unterschied: Während bei Bier und Käse möglichst einfache Slogans zum Kauf verführen sollen, bedienen sich die PR-Strategen bei Salben und Säften aus dem Vokabular der Wissenschaft. Ob zu Recht oder Unrecht, spielt keine Rolle. So lenkt bei vielen Produkten ein Blendwerk aus Fachgeschwurbel vom schlichten Inhalt ab: Der Kunde soll nicht verstehen, er soll beeindruckt sein. Diese paradoxe PR, einen simplen Inhalt aufwendig zu verschleiern, wirkt frappierend gut. Das Bestürzende daran: Sie wirkt nicht nur beim Laien, sondern auch in Fachkreisen. Und sie hat System.

I. DIE WÄCHTER

Ein Beispiel: Das "Praktiker-Kolleg 2008 mit Juliane Sacher" scheint eine ganz normale Fortbildungsveranstaltung zu sein. Der Werbeprospekt weist Frau Sacher als Fachärztin für Allgemeinmedizin aus, die Sachverständige der H IV/Aids-Kommission des Bundestages war, Vorträge und Seminare im In- und Ausland hält, Veröffentlichungen schreibt und Gast bei "Talk im Turm" war. Im Kolleg will sie über die "Essenz aus 30 Jahren Schwerpunktpraxis mit Schwerstkranken" referieren. Die Teilnahme wird mit Fortbildungspunkten der Ärztekammer honoriert.

Doch der Schein trügt: Juliane Sacher bewirbt die Inhaltsstoffe eines Präparats, das mit einem pharmakologisch gezielt wirkenden Medikament so wenig zu tun hat wie eine brennende Kerze mit der globalen Erderwärmung - theoretisch vielleicht schon etwas, doch praktisch nichts. Denn das Präparat Viathen-T, um das es geht, ist nichts weiter als eine Gewürzmischung, mit Zucker und Mineralien zu Tabletten gepresst, 90 Stück zu 39,90 Euro. Es ist ein Nahrungsergänzungsmittel, kein Medikament. Und doch strotzt der Prospekt vor wissenschaftlichen Begriffen aus der Medizin, Biologie und Biophysik.

Die Ärztekammern haben sich davon blenden lassen. Dabei sind sie die Wächter über die ärztliche Qualität in ihrem Bundesland. So vergeben sie Zertifikate für Veranstaltungen, bei denen sich Mediziner fortbilden können. "Ziele der Fortbildung", schreibt die Bundesärztekammer vor, "sind Sicherstellung und kontinuierliche Verbesserung der Behandlungsqualität. Regelmäßiger Fortbildung kommt daher eine große qualitätssichernde Bedeutung in der Medizin zu." Ärzte müssen in fünf Jahren 250 Fortbildungspunkte sammeln. Für das "Praktiker-Kolleg" wurden bei den Ärztekammern Hamburg und Berlin Fortbildungspunkte beantragt - und anstandslos sechs genehmigt.

Dabei hätte ein Blick auf die Homepage von Juliane Sacher erkennen lassen, wes Geistes Kind sie ist: Sie hält für erwiesen, dass ein gestörtes Gleichgewicht zweier Zelltypen des Immunsystems, TH1 und TH2 genannt, die eigentliche Ursache vieler schwerer Krankheiten ist. Die beiden Lymphozyten-Typen gibt es wirklich, aber ihre vermeintlich zentrale Bedeutung ist Tausenden hoch qualifizierter Pharmaforscher bislang entgangen. Sacher macht die TH1/TH2-Inbalance auch für Aids verantwortlich. Während die Wissenschaft längst das HI-Virus als Ursache von Aids akzeptiert und inzwischen wirksame Therapien entwickelt hat, leugnet Juliane Sacher, dass H IV überhaupt jemals isoliert wurde. Sie wischt die Erkenntnisse der gesamten internationalen Forschergemeinschaft vom Tisch und beruft sich stattdessen in dem Aufsatz "Aids - das Virus, das es nicht gibt" auf eine Art Erweckungserlebnis: "... bis der Medizinalrat Dr. Heinrich Kremer es mir erklärt hat". Das Licht, das ihr damals aufging, erleuchtet nicht jeden. So sagt Gerd Fätkenheuer, Professor und Leiter der Klinischen Infektologie der Uniklinik Köln, über Sacher und ihre Ideen: "Es gibt immer unbelehrbare Menschen und leider auch solche mit einer ärztlichen Approbation. Der Unsinn ist so grob, dass jedes detaillierte Eingehen darauf müßig ist."

Sachers Haltung gegenüber Aids, die in der Parallelwelt der verschrobenen Forscher und Esoteriker durchaus Zustimmung findet, ließe sich noch kopfschüttelnd hinnehmen, wenn sie nicht von den bekannten und mittlerweile äußerst wirksamen Therapieschemata abriete: "Betroffene müssen sich nicht zwangsläufig in die Chemie-Maschinerie der Schulmedizin begeben." Verschlimmert sich der Zustand ihrer todkranken Aids-Patienten, wiegelt sie ab: "Wir sollten uns nicht gleich bei jedem Problemchen verrückt machen - und schon gar nicht machen lassen."

Als brand eins im Fall Sacher bei den Ärztekammern nachhakte, war die Bestürzung groß. "Oh Gott, ist ja unglaublich", entfuhr es einer Mitarbeiterin der Ärztekammer Hamburg beim Blättern in den Unterlagen. Schlüsselbegriffe wie Köhnlechner-Preis, benannt nach dem Juristen und Heilpraktiker Manfred Köhnlechner, hätten skeptisch machen und die Veranstaltung als Paramedizin erkennen lassen müssen. Eine restriktive Prüfkaskade soll Pannen dieser Art eigentlich verhindern. Kommen der Fachabteilung Zweifel, ob die Veranstaltung die geforderten Qualitätskriterien erfüllt, werden die Fälle an den Geschäftsführer der Fortbildungsakademie, Carsten Leffmann, einen promovierten Internisten, weitergereicht. Ist auch der sich nicht sicher, landet der Antrag bei einem Gremium, das endgültig entscheidet.

Doch das "Praktiker-Kolleg" passierte die unterste Prüfebene unbeanstandet. "Wir sind etwas alarmiert", so Leffmann. Obwohl sich das Fortbildungswesen zu einem wahren "Massengeschäft" mit jährlich 14 000 Veranstaltungen allein in Hamburg ausgewachsen hat, lesen und prüfen die Mitarbeiter der Fortbildungsakademie jeden einzelnen Antrag. Dennoch "kann es sein, dass mal etwas durchflutscht". Im Fall der Sacher-Veranstaltung wohl deshalb, weil die Ankündigung "relativ wissenschaftlich daherkommt". Nun will Leffmann darauf drängen, dass dem Kolleg die Fortbildungspunkte rückwirkend aberkannt werden.

Kleiner Trost für die Hamburger: Den Berliner Kollegen erging es nicht besser. In einer dreiseitigen Antwort schildern sie detailliert den Ablaufplan für die Prüfung. Allein das Schaubild mit einem "Algorithmus zur Beantragungspraxis von Anträgen auf Fortbildungszertifizierung" füllt eine halbe Seite. Im Fall Sacher habe die "Qualitätssicherung leider nicht vollständig funktioniert". Mit seiner "teils fehlenden, teils fraglichen wissenschaftlichen Fundierung der Fortbildungsinhalte" hätte das Kolleg nicht genehmigt werden dürfen. Auch die Berliner Fachabteilung lässt den "unglücklichen Ausreißer" nicht auf sich beruhen: "Wir werden die Veranstalterin unmittelbar über unseren Fehler informieren und klarstellen, dass die Zertifizierung zu Unrecht erfolgte."

II. DIE FIRMA

Bleibt die Frage: Sind die Ärztekammern einem kühl kalkulierten Betrug aufgesessen? So einfach ist es nicht. Eher zufällig und ziemlich "blauäugig", wie er selbst sagt, ist der promovierte Jurist Frank Breitkreutz Chef der Viathen Healthcare GmbH geworden. Ein Verwandter war Patient bei Juliane Sacher, und sie empfahl das Präparat, das damals noch Biomun hieß. Der Entwickler von Biomun suchte nach einem Hersteller für sein Präparat. Breitkreutz stieg aus der Anwaltskanzlei aus und übernahm mit seinem Vater die Firma Biomun, die sie im vorigen Jahr in Viathen Healthcare GmbH umbenannten.

Breitkreutz ist ein entwaffnend offener und sympathischer Mann. Man glaubt ihm, wenn er sagt: "Ich will helfen und nicht abzocken." Um sich von den "schwarzen Schafen der Branche" abzusetzen, pocht er auf Wissenschaftlichkeit. Von der Wirksamkeit seiner Präparate ist er überzeugt. Auch davon, dass sich die positiven Ergebnisse aus den Laborexperimenten, Tierversuchen und den wenigen Versuchen mit Menschen auch in größeren Studien bestätigen ließen, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Eine, wohlwollend betrachtet, naive Annahme: Denn von Tausenden Substanzen, die in den Laboren der Pharmaindustrie vielversprechend abschneiden, übersteht nur ein kleiner Bruchteil den Prüfmarathon bis zum Medikament.

Und doch ist Breitkreutz kein Fantast. Er stützt sich auf die Expertise von Ärzten und Forschern. Neben Juliane Sacher verbürgt sich auch die Borreliose-Spezialistin Petra Hopf-Seidel für die Wirksamkeit von Viathen-T. Die promovierte Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie betreibt in Ansbach eine Privatpraxis und nimmt - anders als Sacher - am öffentlichen wissenschaftlichen Leben teil: Sie ist aktives Mitglied der Deutschen Borre-liose-Gesellschaft, die sich von einer Patienteninitiative zu einer ernsthaften Fachgesellschaft gewandelt hat.

Petra Hopf-Seidel hat das Buch "Krank nach Zeckenstich" verfasst, in dem sie unter anderem Viathen-T als "hilfreich und wirksam" beschreibt. Sie grenzt das Mittel sogar explizit gegen den "grauen Gesundheitsmarkt" und seine Präparate ab, "deren Wirksamkeit schwer zu beurteilen ist". Obwohl die Borreliose-Gesellschaft Hopf-Seidels Buch empfiehlt, hat sie Viathen-T nicht in ihre Therapieleitlinien übernommen. Über die Gründe äußert sich der Vorstand schriftlich: "Die Deutsche Borreliose-Gesellschaft stützt ihre Meinung grundsätzlich auf evidenzbasierte Studien oder bei Ausstehen derartiger Daten auf den wissenschaftlich begründeten internationalen Konsens. Für das Präparat Viathen sind diese Voraussetzungen nicht gegeben." Und doch durften auf der Jahrestagung der Gesellschaft im April 2008 Hopf-Seidel "Neue Wege in Diagnostik und Therapie" aufzeigen und Toni Gradl über "bioaktive Quantenpunkte" fabulieren.

III. DER ENTWICKLER

Frank Breitkreutz setzt vor allem auf Toni Gradl, den Entwickler von Viathen-T, den er für einen international anerkannten Spitzenforscher hält. Gradl ist promovierter Mikrobiologe und wird in den Personalunterlagen des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München von Januar 1976 bis August 1977 als Projektmitarbeiter geführt. Er ist kein Aufschneider und Luftikus. Er ist ein Sucher, ein Tüftler und, wie er von sich sagt, ein "Zweifler". Er schabt nicht an der Oberfläche, er gräbt in der Tiefe. Stutzig macht, dass er das auf vielen Fachgebieten tut, von der Physik über die Landwirtschaft und Biologie bis zur Medizin. Sogar in der Meteorologie widerspricht er dem Establishment. Alles scheint sich ihm auf wundersame Weise zu erschließen und in ein zumindest für ihn stimmiges Gesamtbild zu fügen. Gradl ist so etwas wie ein Universalgelehrter in einer wissenschaftlichen Parallelwelt, die sich zwar aus Versatzstücken der wirklichen Welt bedient, sie aber nach eigenen Gesetzen zusammenbaut.

Um die Wirksamkeit von Viathen-T zu erklären, liest sich das dann so: "Die Stärkung der zellulären Immunität (TH1) fördert das Potenzial des Körpers, Krebszellen auf natürliche Weise zu eliminieren. Procyanidin, das die Lipoxygenase (LOX) hemmt, hebt die Blockade der Apoptose auf. Durch die Regulierung des aus Arachidonsäure gebildeten Prostaglandin-2 wird eine Förderung der Angiogenese durch Prostaglandin vermindert. Dies gilt auch für den Immun-Escape-Mechanismus der Krebszellen." Selbst gestandenen Immunologen dürfte bei diesem Wortgestöber schwindelig werden. Hans-Joachim Gebest jedenfalls, promovierter Arzt und Leiter des Krebsinformationsdienstes am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, ist fassungslos: Das "entbehrt jeder Grundlage". Doch Patienten sind dafür empfänglich. In etwa jeder fünften Anfrage an den Krebsinformationsdienst geht es um Präparate wie Viathen-T.

Dass eine Tablette Viathen-T etwa nur so viel Hopfen enthält wie ein Fingerhut Bier und trotzdem wirken soll, liegt laut Gradl an der Bindung an Siliziumdioxid, die "seine physiologische Wirksamkeit ca. um das 50-Fache erhöht". Begründung: "Wenn der Steuerstoff Halbleitercharakter hat, kann man ihn mit einem Nanokristall zu einem Quantenpunkt verbinden, der jetzt die elektromagnetischen Wellen teilkohärent abstrahlt." Für Mathias Lübben, Biophysiker und Privatdozent an der Universität Bochum, ist das eine "Perry-Rhodan-mäßige Fantasterei". Das habe ein "Halbschlauer" geschrieben, der die Begriffe schon mal gehört,3 sie aber merkwürdig vermischt habe, um mit dieser "Scheinkompetenz Leute zu übertölpeln".

Eine Reaktion, die Gradl offenbar kennt - und mit der er auf seine Art umgeht: Wer widerspricht oder auch nur nachfragt, ist ferngesteuert, um den Weg für noch mehr "Pharmazombies" frei zu machen. Ob die große Mehrheit der Wissenschaftler etwas akzeptiert, weil es durch nachvollziehbare Studien belegt ist, interessiert ihn nicht. Statt seine Thesen öffentlich zu diskutieren, schottet sich Gradl ab: "Die Anzahl der Personen, an deren Urteil und Kritik mir etwas liegt, ist äußerst beschränkt." Wozu sich austauschen? Am Ende wird ohnehin er Recht bekommen: "Die Ideen sind in die Welt gesetzt und nur noch zu bremsen, aber nicht mehr aufzuhalten."

So viel Überzeugung steckt an. brand eins porträtierte Gradl 1999 als einen "angesehenen Mikrobiologen", der sich mit seiner Firma Elorisan GmbH und 15 Mitarbeitern anschickte, die Umwelt- und Ernährungsprobleme der Welt zu lösen. Ein Börsengang, hieß es, sei "lediglich eine Frage der Zeit". Auch würden bereits "H IV-Patienten aus Gradls Forschung Hoffnung schöpfen". Ein Jahr später tauchte Elorisan im Portfolio der Investmentfirma TFG Venture Capital auf, die mit einem Beteiligungsvolumen von 280 000 Euro 17 Prozent der Anteile an Elorisan hielt. Danach aber findet sich keine Spur mehr des angeblich so prosperierenden Unternehmens. Heute ist Gradl Mitgesellschafter der Firma Sabine Maurer GmbH.

IV. DER MARKT

Wenn das Blendwerk aus Wissenschaftsgeklingel so leicht aufzudecken ist, wieso hat ein Mittel wie Viathen-T überhaupt eine Chance? Die Antwort: weil solche Mittel nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind.

Der Markt ist gewaltig: Die Internetapotheke DocMorris führt allein 7733 Nahrungsergänzungsmittel von 782 Firmen. Zum Vergleich: In Deutschland sind 8798 Präparate zugelassen, aufgeführt in der sogenannten Roten Liste. Wer ein Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt bringen möchte, muss dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit lediglich ein Etikett des Präparats schicken. Die Werbung für das Mittel darf nicht unterstellen, dass "bei einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Ernährung im Allgemeinen die Zufuhr angemessener Nährstoffmengen nicht möglich sei". Ausnahmen gelten für Schwangere: Sie sollen zusätzlich Folsäure einnehmen, um das Risiko von Missbildungen des Kindes zu verringern.

Fundierte Empfehlungen stützen sich auf wissenschaftliche Studien, für die die sogenannte evidenzbasierte Medizin klare Qualitätskriterien definiert. Nur mithilfe dieser Studien lässt sich einschätzen, ob etwas die erwünschte Wirkung hat. Das funktioniert genauso für alternative Verfahren und Präparate, wie Edzard Ernst und Simon Singh in ihrem Buch "Trick or Treatment" belegen. Ernst war einst selbst als Homöopath tätig und ist seit 1993 Professor für Komplementärmedizin an der University of Exeter. Fazit des Buches: Auch in den wenigen Fällen, in denen alternative Verfahren nachweislich Wirkung zeigen, gibt es bessere und sicherere schulmedizinische Methoden. Denn Heilpflanzen sind auch für die Pharmaindustrie eine nahe liegende Quelle für neue Präparate. Nur dass sie den eigentlichen Wirkstoff isolieren, um ihn besser dosieren, von unerwünschten Substanzen trennen und durch chemische Veränderungen verbessern zu können. Max Pittler, Doktor der Medizin und der Philosophie, bis vor Kurzem stellvertretender Direktor in Exeter und nun am Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen in Köln, kennt die Begründungen für alternative Präparate zur Genüge. Für ihn bilden sie "nur einen Rauchvorhang, um das Ganze in Pseudowissenschaftlichkeit zu hüllen".

Doch es scheint so, als könnten alle Bücher dieser Welt, alle Hurrikane und Tsunamis, alle Pfeilfroschgifte und Knollenblätterpilze das Vertrauen der Menschen in die sanfte Natur nicht erschüttern. Neben Vitaminen und Mineralstoffen kaufen sie deshalb naturheilkundliche, alternative und komplementärmedizinische Präparate, im festen Glauben, sich Gutes zu tun. Wie fest der Glaube sein muss, zeigt das Beispiel Homöopathie: Die gängige C30-Potenz entspricht der Verdünnung eines Tropfens Wirkstoff in einer Menge Wasser, die keine Badewanne fassen könnte, kein Ozean, nicht einmal das gesamte Wasser des Universums; selbst wenn jedes Sonnensystem zehn erdähnliche Planeten hätte, reichte deren Wasser nicht aus, um in einem Schritt eine C30-Potenz herzustellen.

V. DAS SYSTEM

Nicht nur Laien sehen Wissenschafts- und Parallelwelt weitgehend als gleichberechtigt an. Die unheilvolle Verquickung hat System. ___Beispiel Gesetzgeber: Er hat Ausnahmen von den strengen Arzneimittelprüfrichtlinien definiert: "Bei homöopathischen und anthroposophischen Arzneimitteln ist das wissenschaftliche Erkenntnismaterial entsprechend dem Selbstverständnis und der Eigenerfahrung der jeweiligen Therapierichtung zu bewerten." Das heißt: Die Mittel brauchen nur in ihrer Welt zu wirken, die großen und teuren Zulassungsstudien dürfen sie sich schenken. Für Robert D. Schäfer, den Geschäftsführenden Arzt der Ärztekammer Nordrhein, gibt es dafür nur einen Grund: "Irrationalität".

___Beispiel Medien: Die "Heilkraft der Natur" scheint oft als Wirknachweis zu genügen. Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", die größte lokale Tageszeitung Deutschlands, beschäftigt als verantwortliche Medizinredakteurin eine Heilpraktikerin, die in einer wöchentlichen Kräuter- und Kügelchen-Kolumne ihre Botschaft verkündet. Das ist so, als würde ein Astrologe Börsentipps geben.

___Beispiel Ärzte: Viele akademisch gebildete Mediziner bieten Paramedizinisches und Spirituelles an, wie mitunter fantasievolle Zusatzqualifikationen auf ihren Praxisschildern verraten. Auch das soeben erschienene "Neue Hausbuch der Gesundheit" des Bestsel -ler-Mediziners Dietrich Grönemeyer stellt homöopathische, ayurvedische und Traditionelle Chinesische Medizin auf eine Stufe mit Verfahren, die ihre Wirksamkeit wissenschaftlich nachweisen müssen. Wie das Beispiel Juliane Sacher zeigt, kann ein Patient nicht immer darauf vertrauen, dass Fachärzte die Grenzen unwissenschaftlicher Verfahren erkennen, geschweige denn respektieren.

___Beispiel Apotheker: Sie sehen sich mit ihrer Kompetenz gern auf Augenhöhe mit den Ärzten, dabei sind sie besonders anfällig für das lukrative Geschäft mit Kügelchen, Cremes und Säften. Das "apothekenübliche Zusatzsortiment" macht zwar nur 5,2 Prozent des Apothekenumsatzes aus, aber die beträchtlich höheren Gewinnmargen helfen beim Überleben.

Deshalb funktioniert gerade in Apotheken die paradoxe PR: Jedes noch so kümmerliche Kraut scheint der abendländischen Medizin einen phänomenalen Durchbruch zu bescheren. Als Beweis werden Floskeln wie von einem Wühltisch für Wissenschaftstermini benutzt. So bewerben derzeit manche Apotheken schaufenstergroß eine Antifaltencreme namens Botoina. Botoina und Falten? Klingelt da nicht etwas? Richtig: Es gibt ein hochwirksames Medikament gegen verschiedene Leiden, das aber in Frauenmagazinen als "Faltenkiller" Karriere machte. Botox-Plagiate sind nicht neu, aber Botoina scheint eines der dreistesten zu sein. So wird Botoina wie Botox in Spritzen angeboten, obwohl es wie jede Hautcreme oberflächlich aufgetragen wird. Auch muss der Kunde die Creme aus einem Fläschchen, die dem von Botox zum Verwechseln ähnlich sieht, in die Spritze aufziehen.

Gregor Huesmann kennt solche Spielchen. Der promovierte Apotheker aus Marburg hat vor Jahren für Schlagzeilen gesorgt, als er in seiner Apotheke auf Pappschildern ein Präparat als "Scheiß des Monats" bezeichnete. Damit wollte er seiner Beratungspflicht nachkommen und die Kunden vor unsinnigen Produkten warnen, die sich hochwissenschaftlich vermarkten, tatsächlich aber nur eine einzige Wirkung haben: den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Huesmann wurde mit Klagen überzogen und musste die Aktion einstellen. 2001 schrieb er das "Schwarzbuch Wundermittel", in dem er weitere Absonderlichkeiten aufdeckte. Um sich dem Gewinndruck zu entziehen, hat er die von ihm vor mehr als 20 Jahren gegründete Lahn-Apotheke inzwischen verkauft und ist jetzt ihr Angestellter. Bei der Arbeit hält er sich an die juristische Vorgabe, auf öffentliche Aussagen zur Wirksamkeit von Präparaten zu verzichten und Kunden nur individuell zu beraten. Und davon lässt er sich nicht abbringen, denn: "Der Apotheker muss frei sein in seiner Entscheidung." Eine Freiheit, die sich viele nicht leisten können und offenbar auch nicht wollen. So sind die Supermärkte der Gesundheitsindustrie besser bestückt denn je. -

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