Ausgabe 06/2009 - Schwerpunkt Identifikation

The Impossible Project

Alles im weißen Rahmen

• Das Ende kam an einem sonnigen Samstag. Die Mitarbeiter trugen blaue Polo-Shirts, auch viele Ehemalige erschienen in den Firmenfarben, als sie sich im turnhallengroßen Bierzelt auf die Bänke setzten. Das Zelt war auf dem Parkplatz errichtet worden, direkt vor dem Werk, mitten in Enschede. Auf dessen Betonfassade glänzte der schwarze Schriftzug Polaroid im Sonnenschein. Zum vorletzten Mal. Die Monteure waren für Montag bestellt.

Auf der Bühne drückten der Bürgermeister und eingeflogene Polaroid-Manager ihr Bedauern aus. Das digitale Zeitalter sei nicht aufzuhalten, sagten sie, doch danke für die tolle Arbeit, das Büfett sei eröffnet. Es gab kalte Platten, Fischfilets, Hackbällchen, Kartoffelsalat. Auf der Bühne führten Kollegen Sketche auf. Es wurde viel gelacht, trotz des traurigen Anlasses.

Ein verrückter Österreicher soll ruhig gestellt werden - und lebt auf

Drei Jahre lang hatten sich die verbliebenen 185 Mitarbeiter auf diesen 14. Juni 2008 vorbereitet. Auf den Tag, an dem das Pola-roid-Werk von Enschede schließen sollte. Die Produktionsstraße würde kurz darauf die letzten Schachteln mit Sofortbildfilmen der Sorte T600 ausspucken, dann wäre es vorbei, endgültig. Vorbei mit dem Werk, vorbei mit den Arbeitsplätzen, aber auch vorbei mit den analogen Sofortbildern, die Polaroid einst Weltruhm und einige Milliarden Dollar Gewinn beschert hatten. Denn in Enschede wurden die weltweit letzten Filme mit dem berühmten weißen Rahmen produziert.



Polaroid-Retter Florian Kaps auf der brandeins-Konferenz mit einem selten skurrilen Interview. Es war ziemlich kalt in der Halle.

Weiter hinten im Zelt an der Theke stand Florian Kaps und hielt sich an einem Bier fest. Ein hoher Manager hatte ihn zum "Closing Event" eingeladen. Kaps kam aus Wien, von wo aus er im Internet Polaroidfilme verkauft. Neun Monate hatte der Mann mit dem Pferdeschwanz versucht, die Konzernleitung umzustimmen. Zu überzeugen, die Produktion nicht einzustellen. Oder ihm das Enscheder Werk zu verkaufen, damit er, der Wiener Filmhändler, sich seine Ware selbst herstellen könnte. Vergeblich. Bei Polaroid nannten sie Kaps irgendwann den verrückten Österreicher. Seine E-Mails beantworteten sie ausweichend, immerhin schickten sie ihm die Einladung zum Abschiedsfest. Dort sollte sich jemand um ihn kümmern und ihm sein Hirngespinst austreiben.

Dieser Jemand hieß André Bosman und stellte sich nun an der Theke dem verrückten Österreicher vor. Er sei der Produktionsleiter des Werkes, er habe schon viel von ihm gehört, sagte Bosman höflich. Und dachte dabei an die Worte eines Vorgesetzten aus der Konzernleitung. "André", hatte der ihn gebeten, "sag diesem Kaps, dass sein Vorhaben unmöglich ist." Wenn er, der Produktionsleiter mit fast 30-jähriger Erfahrung, Kaps dies plausibel mache, müsse der doch endlich aufgeben.

Beide bestellten ein Bier, und Kaps stimmte sein Klagelied an: "Unglaublich, in ein paar Wochen wird hier alles niedergerissen." - "Nein", antwortete Bosman betont sachlich, "der neue Besitzer der Werksgebäude hat sein Bauvorhaben gestoppt, wegen der Immobilienkrise. Die Maschinen wurden auch noch nicht zerstört." - "Wer sagt das?", fragte Kaps ungläubig. - "Ich", antwortete Bosman. "Ich bin auch der Clean-up-Manager und damit für das Zerstören der Maschinen zuständig. Die Leute mit den Flex-Werkzeugen kommen nächste Woche." - "Gibt es also noch eine Chance, die Produktion wieder aufzunehmen?" Bosman überlegte kurz, entschied sich, die Anweisung seines Chefs nicht zu befolgen, und sagte mit einem Lächeln: " Ja, ich denke, es gibt diese Chance. Mit einem kleinen, schlagkräftigen Team könnte man es binnen eines Jahres schaffen."

Als Edwin Herbert Land am 21. Februar 1947 in New York die Bühne der Optical Society of America betrat, sagte er kein Wort. Er drückte nur auf den Auslöser einer Kamera, zog den Film aus dem Gerät und hielt ihn hoch. Sprachlos beobachteten die Mitglieder der ehrwürdigen Gesellschaft, wie sich die Folie in Lands Händen zu verändern begann. Nach einer halben Minute wurden Schatten sichtbar, nach weiteren Augenblicken Konturen, der Schwarz-Weiß-Film schien sich zu entwickeln, in Echtzeit, vor ihren Augen. So was hatten sie noch nie gesehen. Nach 90 Sekunden posierte Land triumphierend neben dem fertigen Bild.

Zusehen, wie es sich entwickelt: Polaroidfilme
Der Ruhm von gestern: Die Polaroidverpackung, die es nie wieder geben wird

Der Studienabbrecher Land hatte das Sofortbild erfunden. Nach drei Jahren Forschung im Labor sollte er damit die Fotografie revolutionieren. Ab Weihnachten 1948 konnten die Amerikaner das Modell 95 im Laden kaufen - für 89,75 Dollar.

Lands Produkt sprach uramerikanische Instinkte an: Das Fotografieren mit seinen Kameras und Filmen wurde zum Erlebnis, der Kunde sofort belohnt. Die Leute scharten sich um das Foto, der Fotograf wurde für 90 Sekunden zum Helden. Er musste nicht mehr zwei Wochen auf die Entwicklung der Bilder warten.

Im Jahr 1972 gelang Polaroid der Durchbruch auf dem Massenmarkt. Die Kamera SX-70 war zusammengefaltet nicht größer als ein Taschenbuch, die Filme gab es fortan auch ohne Deckblatt. Sechs Millionen Mal verkaufte sich die Kamera in den ersten Jahren. Polaroid stieg zur Kultmarke auf, Edwin Land zierte die Titel von "Life Magazine" und "Time Magazine".

Die Polizei nutzte die Kameras an Tatorten, Wissenschaftler fotografierten mit ihnen Labor-Ergebnisse, die Stasi die Wohnungen von Staatsfeinden - vor der Durchsuchung, um anschließend jeden gefilzten Gegenstand wieder an seinen alten Platz zu setzen. Je billiger die Kameras wurden, desto mehr verdiente Polaroid an den relativ teuren Filmkassetten. Dieser Einnahmestrom schien nie zu versiegen - bis ihn eine andere Revolution stoppte. Denn Polaroid verschlief den Siegeszug der Digital-Fotografie. Perfekte Bilder, sofort auf dem Bildschirm zu überprüfen - wer brauchte da noch analoge Sofortfotos? (siehe Seite 60: Kasten "Polaroid -Aufstieg und Fall einer Weltmarke").

Florian Kaps steht mit einem Schlüsselbund vor der Glastür des Nordgebäudes des ehemaligen Polaroid-Werks in Enschede. Er hantiert, probiert nacheinander sechs Schlüssel, keiner passt. Kaps klopft an die Scheibe, schaut durch sie ins verlassene Treppenhaus, klingelt neben der Tür und unter einem Schild mit der Aufschrift Impossible b.v. Nichts passiert. Schließlich probiert er weitere Schlüssel, bis endlich der allerletzte am Bund passt. Kaps zieht an der Türklinke und sagt: "Auch wenn es mal wieder etwas länger gedauert hat - willkommen in unserer Firma! "

Was bei Polaroids Abschiedsfeier vor fast einem Jahr kaum möglich schien, ist eingetreten: Florian Kaps besitzt den Schlüssel für das Werk, von dem der Schriftzug Polaroid längst abmontiert worden ist. Der 39-Jährige hat seine Firma Impossible genannt, unmöglich, weil nicht nur die ehemaligen Polaroid-Manager ihm attestierten, dass sein Plan nicht funktionieren kann. Kaps möchte ein hoffnungslos anachronistisches Produkt wieder herstellen: analoge Sofortbildfilme für die nach Schätzungen mehr als 300 Millionen Kameras, die weltweit vor sich hinstauben. Oder, um es mit Florian Kaps zu sagen: auf weitere Verwendung warten.

Der Wiener weiß, was Leute denken, die zum ersten Mal davon hören: "Die meisten fragen, ob ich verrückt bin", sagt er. Auch deshalb nutzte er die 90-minütige Autofahrt vom Düsseldorfer Flughafen bis hierher, dicht an der niederländischen Grenze, um seine Geschichte zu erzählen.

Wie er, der Gelegenheits-Fotograf, zu den Sofortbildern kam.

Er, der sich während des Biologie-Studiums noch mit den Augenbewegungen amerikanischer Jagdspinnen beschäftigt hatte, ja, über die Krabbeltiere sogar promovierte. Wie Doktor Kaps nach der Universität einen 365-teiligen Wissenschaftskalender im Internet gestaltete. Wie er so von der Lomografischen Gesellschaft als vermeintlicher Web-Experte angeheuert wurde, um deren Internetabteilung zu leiten.

Neun Arbeiter planen die Rente - und werden zur Stammbelegschaft eines Start-ups

Nach vier Jahren machte sich Florian Kaps 2005 selbstständig, gründete die Unverkäuflich Handels GmbH und die Online-Plattform www.unsaleable.com. "Ich wollte dort Nischenprodukte verkaufen, die so speziell sind, dass sie kaum einer mehr haben möchte", sagt Kaps. "Deshalb fragte ich mich, was in unserer digitalen Zeit das analogste Produkt überhaupt ist. Und fand: die Polaroidbilder." Er startete mit ein paar Filmen und Kameras. "Die verkauften sich so gut, dass ich mich schnell auf sie spezialisierte."

Er nahm Kontakt mit Polaroid auf und orderte 200 000 Filme, die er in seinem 27 Quadratmeter kleinen Büro im 1. Bezirk stapelte. Er verkaufte sie tatsächlich. Im vergangenen Jahr vereinbarte Kaps dann mit dem Fotokonzern, die allerletzten in Enschede produzierten 500 000 Filme anzubieten. Polaroid kürte Kaps damit zum letzten offiziellen Händler seiner dem Tode geweihten Produktpalette. Auf seiner Seite Polapremium.com bietet er 18 verschiedene Farb- und Schwarz-Weiß-Filme an.

Das Geschäft lief. Es war absehbar, dass die halbe Million Schachteln Fotopapier irgendwann aus seinem klimatisierten, ungarischen Lager, das er zwischenzeitlich gemietet hatte, verschickt sein würden. Kaps brauchte neues Material. "Bei Polapremium sah ich jeden Tag, wie unverändert groß die Nachfrage nach den Filmen ist. Allein wie viele Künstler mich kontaktierten, die sich mit Sofortbildern ihr Leben finanzieren."

In den siebziger Jahren verließ Andy Warhol sein Zuhause nie ohne Polaroidkamera. Künstler wie er schätzten die Unvorhersehbarkeit der Bilder. Andere kratzten und ritzten sie während der Entwicklungszeit auf, um das Motiv zu verfremden. Oder sie nutzten die Temperaturempfindlichkeit; warm gelagerte Polaroids hatten einen Rotstich, zu kühl gelagerte einen Blaustich.

"Jedes Polaroid ist ein Unikat. Jedes Bild hat seine eigene Struktur und Farbigkeit, die man nicht wiederholen kann", schwärmt Kaps auf der Fahrt zu seinem Werk. "Viele Leute wollen nicht nur ein Produkt, sie wollen Emotionen kaufen." Sofortbilder seien vergleichbar mit der Langspielplatte. Die gebe es schließlich auch noch, trotz CD und M P3. Derzeit erlebt sie sogar ein Revival, ihre Verkäufe stiegen im vergangenen Jahr von 700 000 auf 900 000 Stück in Deutschland. "Natürlich ist das keine Massenware, die man bei Media Markt findet. Aber übers Internet und in ausgesuchten Läden kann der Vertrieb lukrativ sein."

Lacht gern und viel: Geschäftsführer André Bosman, früher Polaroid-Manager

Wenn Kaps von seiner Begeisterung für die unperfekten Bilder spricht, wird daraus schnell ein Vortrag. Seine Stimme überschlägt sich an manchen Stellen, obwohl er diese Sätze schon hundertmal gesagt hat. Über die Polaroid-Manager, die immer neue Ausreden erfanden, um ihm das Werk nicht verkaufen zu müssen. Bis die Firma im vergangenen Herbst vor der Insolvenz stand und schließlich doch einlenkte. Nicht ohne im Kaufvertrag festzuhalten, dass sie Kaps' Vorhaben nach wie vor für unmöglich hielt. Freunde und ihm bekannte Unternehmer, darunter ein Steuerberater und ein Filmemacher des Österreichischen Rundfunks, streckten das Geld vor. Mehr als 1,2 Millionen Euro braucht er, um ein elfköpfiges Team ein Jahr lang forschen und arbeiten zu lassen.

Seiner Frau Anna musste er klarmachen: Wenn sein Vorhaben sich tatsächlich als unmöglich herausstellen würde, sei ihre Familie mit den Kindern Hannah, 11, Kaspar, 8, und Valentin, 5, pleite. Alle zwei Wochen flog er von Wien nach Düsseldorf und fuhr dann mit dem billigsten Mietwagen weiter nach Enschede. Was sagt er seiner Frau, wenn er scheitert? Kaps überlegt kurz: "Wenn wir scheitern, können wir trotzdem stolz sein, das Unmögliche probiert zu haben." Er lächelt zufrieden. Ihm gefällt seine Antwort. Ein wenig klingt sie wie Edwin Lands berühmtestes Bonmot: "Starte kein Projekt, bevor es nicht wirklich wichtig ist - und so gut wie unmöglich."

Es ist kurz nach zwölf Uhr. In der Kantine im ersten Stock des Werks sitzt die Belegschaft um einen großen Tisch: neun Männer zwischen 50 und 60 Jahren. Sie tragen die alten Blaumänner, auf denen noch das Polaroid-Logo prangt. Vor ihnen auf dem Tisch liegen geöffnete Brotdosen, mit Tütensuppen gefüllte Plastikbecher, Äpfel, Bananen und Lakritz. Sie beißen und kauen und starren auf die Plastikblume in der Mitte. Früher wurden hier Hähnchen gegrillt. Im koffergroßen Radio läuft die niederländische Version von "Sierra Madre".

Die neun Arbeiter wirken einigermaßen verloren im großen Kantinensaal. Sie sind die letzten von 1200 Angestellten, die einst in den fünf Werkhallen im Zentrum von Enschede für Polaroid arbeiteten. In den achtziger Jahren wurden jährlich 100 Millionen Filme verkauft. Selbst zuletzt, kurz vor der Schließung, habe das Werk noch Profit erwirtschaftet, sagen sie hier am Holztisch.

Man mag kaum glauben, dass diese Gruppe älterer Herrschaften ein Start-up bildet. An ihrem ersten Arbeitstag, erzählen sie, hätten sie erst einmal die Toiletten geputzt, das sei das Wichtigste gewesen. Danach hätten sie die Kantine eingerichtet, das sei das Zweitwichtigste gewesen.

Jeder von ihnen unterschrieb einen auf ein Jahr befristeten Vertrag mit Impossible. Sie bekommen das gleiche Gehalt wie früher bei Polaroid. Einer der Männer, ein grauhaariger Brillenträger, sagt: "Florian wollte uns erst mit Start-up-Gehältern ködern, nach dem Motto: Am Anfang verdient ihr ganz wenig, dafür profitiert ihr später überproportional vom Erfolg." Er schüttelt den Kopf. "Das haben wir nicht mitgemacht."

Was halten sie von Kaps, dem Wiener, der ihr Werk übernahm und nun ihr Boss ist? Nebenmann Paul Latka antwortet: "Er glaubt ans Produkt und mischt sich nicht ein. Damit ist er besser als all die Investoren, die nicht ans Produkt geglaubt und sich immer eingemischt haben. Die hatten nur an unserem guten Namen Polaroid Interesse, um mit ihm Billigware zu verkaufen."

Früher wäre das undenkbar gewesen, als "Dr. Land" noch lebte, wie sie Edwin Land hier nennen. Für sie ist er eine Art Heiliger: unvergessen, wie er 1991 wegen Patentverstößen von Kodak rund 910 Millionen Dollar Strafzahlung erstritt und einen großen Teil unter den Mitarbeitern verteilte. Zehn Jahr später stellte der Verwalter der ersten Polaroid-Insolvenz fest, dass Land das Geld besser für den Abbau der Konzernschulden hätte einsetzen sollen.

Ein Produktionsleiter soll abwickeln - und plant den größten Coup seiner Karriere

Die Mittagspause zieht sich, um 13.30 Uhr haben es die neun noch immer nicht eilig, zur Arbeit zurückzukehren. Henk Minnen, 57, schluckt den letzten Bissen seines Käsebrotes runter und erzählt: 1974 habe er bei Polaroid in Enschede angefangen. Als Mechaniker bediente er die Maschinen. "Ich wurde schnell befördert, mehrmals", betont er. "Am Ende war ich Technikspezialist. Viel wichtiger für mich war aber die Atmosphäre hier. Polaroid war eine Familie. Alle wollten hier arbeiten, weil wir gute Sozialleistungen bekamen."

Als Mitte der neunziger Jahre die Entlassungswellen im Werk einsetzten, ahnte Minnen, dass das Ende nahte. "2005 wurde dann verkündet, dass 2008 das Werk schließen sollte. Mein Plan war, in Frührente zu gehen, öfter mit meiner Frau Mieke zu verreisen. Als es ein paar Wochen nach der Abschiedsfeier hieß, dass es doch weitergehe, war ich geschockt. Drei Jahre hatte ich mich aufs Ende vorbereitet, und dann sollte wieder alles anders sein?" Gezögert habe er dennoch nicht, als er gefragt wurde, ob er mitmachen wolle bei Impossible. "Ich war begeistert. Natürlich."

Für wie wahrscheinlich er einen Erfolg des "Impossible Projects" halte? "80 Prozent", sagt er, die Kollegen widersprechen und rufen sich Prozentzahlen zwischen 65 und 98 zu. Alle glauben sie an die Zukunft ihrer Vergangenheit. An die Sofortbilder, die ihr ganzes berufliches Leben ausmachten. Sie wollen diese Karrieren auf keinen Fall mit einer Niederlage beenden.

Einer, der noch träumen kann: Florian Kaps

André Bosman steht in seinem Büro und wedelt mit einem Stück Folie. Darauf zu sehen sind schwarze Kleckse mit weißen Streifen. Ein Negativ, wie sie Bosmans Chemiker Martin Steinmeijer, 51, seit Jahresanfang beinahe täglich vorbeibrachte. Dieses scheint etwas Besonderes zu sein: "Die Schatten auf dem Negativ sind der Beweis, dass ein Bild möglich ist."

Wer die Reinkarnation des Instantfilms anstrebe, müsse diesen nämlich neu erfinden, erklärt Bosman: "Im weißen Rahmen jedes Bildes ist eine Paste enthalten, die aus 35 Chemikalien und anderen Materialien besteht, wie zum Beispiel Gelatine, Silbersulfit und Silikon." Beim Fotografieren verteilten zwei Walzen in der Kamera die Chemikalien zwischen Positiv und Negativ. Und transportierten so die im Positiv eingelagerten Farbstoffe, die das Bild erzeugten. "In jedem Polaroid steckt also ein kleines Chemielabor", sagt Bosman. "Leider werden die Chemikalien, die von Polaroid früher benutzt wurden, nicht mehr hergestellt. Deshalb suchen wir nun andere, die den gleichen Effekt auslösen können. Eigentlich müssen wir genau das neu erfinden, was Dr. Land vor 61 Jahren erfunden hat."

André Bosman lacht, wie so oft. Er sei ein heiterer Mann, sagen seine Kollegen über den 55-Jährigen, zumindest seit der Polaroid-Abschiedsfeier vor einem Jahr. Am Tag danach waren er und Kaps Partner. Beide sind Geschäftsführer und mit jeweils mehr als fünf Prozent Teilhaber der Gesellschaft. Bosman leitet das Tagesgeschäft im Werk. Er handelte die mit 100 000 Euro recht günstige Jahresmiete für die 14 000 Quadratmeter großen Hallen aus. Und er wählte die neun aus, die Elektroniker und Mechaniker, den Chemiker und den Verwaltungsassistenten, deren Boss er schon bei Polaroid war. Als Produktionsleiter hatte er die Hoheit über alle Maschinen, alle Abläufe, alle Produkte.

In einer darbenden Firma kann so viel Macht auch Ohnmacht bedeuten. " Jahrelang musste ich neue Sanierungspläne kommunizieren und Leute feuern", erzählt Bosman. "Das hat mich fertiggemacht. Jetzt muss ich niemanden mehr feuern. Wenn alles gut läuft, darf ich in einem Jahr sogar 40 Leute einstellen."

Ob alles gut läuft, darüber befinden er, Kaps und die anderen Investoren voraussichtlich im August. Geben sie grünes Licht, soll die Produktion von Schwarz-Weiß-Filmen Anfang 2010 starten und übers Internet und ausgesuchte Händler in Amerika, Europa und Asien vertrieben werden. Eine Schachtel mit zehn Filmen soll zwischen 15 und 20 Euro kosten. Mindestens eine Million dieser Boxen wollen die beiden Geschäftsführer im ersten Jahr verkaufen, ab 2011 jährlich drei Millionen. Mittelfristig sehen sie sogar Potenzial für zehn Millionen.

Bosman fällt es schwer, ruhig zu stehen, wenn er von seinen Plänen berichtet. Also besser ein Stück laufen, das Werk zeigen. Die Kühlhalle, wo bald die Chemikalien lagern sollen. Die Schrankwände, in deren Schubladen 10 000 Muttern und Schrauben jeder Größe liegen. Bosman zieht eine 30 Zentimeter dicke Eisentür auf. Hinter ihr und unter dem weißen Licht der Neonröhren thronen sie: zehn Stahl-Kolosse, hintereinander aufgereiht, fest im Betonfußboden verschraubt. Henk Minnen kniet auf einer blauen Vertäfelung und montiert ein Entlüftungsrohr. Die Spulen an der Seite der Maschinenkolosse vereinigten früher das Positiv mit dem Negativ, im dunklen Inneren wurden die 25 Bestandteile jeder Filmschachtel inklusive Batterien, Entwicklertasche und Filmkassette zusammengefügt.

Bosman zeigt die alte Anwesenheitstafel, auf der noch kleine Sofortbilder seiner ehemaligen Kollegen kleben. "Die Leute dachten, Polaroid könne nicht sterben", sagt Bosman tonlos. Nun sind sie in Frührente. Schlecht geht es keinem, dem niederländischen Sozialsystem sei dank. Auch Bosman könnte die Beine hochlegen, gerade als ehemaliger leitender Angestellter. Warum tut er sich das nun noch mal an?

"Natürlich hätte ich genug Geld, um nicht mehr arbeiten zu müssen", sagt er ungewohnt ernst, "aber ich wüsste nicht, was ich sonst machen sollte. Als Polaroid das Werk schloss, wurde jedem von uns eine Psychologin zur Seite gestellt. Zu mir sagte sie: , Sie brauchen ein Ziel, ein Team, müssen etwas tun.'" Kurze Pause, dann wieder das Bosman-Kichern. "Als Florian mich dann fragte, ob wir das Werk nicht gemeinsam wieder öffnen sollten, fühlte ich mich, als ob ich aus einem Koma erwacht wäre."

Seit 1980 arbeitete er für Polaroid in Enschede, er entwickelte viele Produkte. Solche, die Kunden nie zu Gesicht bekommen sollten. Und andere, mit denen der Konzern Millionen machte. 1989 hatte Bosman zum Beispiel die Idee, die weißen Rahmen der Polaroids mit Firmenlogos zu bedrucken. Unternehmen wie Visa, McDonald's und Bacardi griffen zu, bestellten jährlich Hunderttausende davon mit ihren Slogans für Marketingmaßnahmen. Bis zum Produktionsende sei dieser Bereich gewachsen, heißt es hier im Werk. Gedankt wurde Bosman dieser Einsatz nie.

Ein Polaroid-Manager soll nichts sagen - und sagt doch genug

Als sich Anfang des Jahrtausends die Umsätze bereits im freien Fall befanden, schlug Bosman vor, den Vertrieb der Sofortbilder verstärkt ins Internet zu verlagern, um von Einzelhändlern wie Wal-Mart und deren Preisdiktat unabhängig zu sein. "Der Vorstand lehnte ab", sagt Bosman. Nun hat er die Chance, zu beweisen, dass er damals recht hatte. "Wenn ich es nicht täte, würde ich es mir ewig vorwerfen", sagt er. "Befragungen hatten schon vor fünf Jahren ergeben, dass 70 bis 80 Prozent unserer Kunden auch eine digitale Kamera besitzen. Laut Umfrage diente ihnen ihre Polaroid-Kamera als Zusatzgerät für besondere Bilder, besondere Situationen. Als ich das las, dachte ich: Wow, look at that! Die digitale Welt muss keine Bedrohung für uns sein. Da ist Platz für uns!"

Hofft, dass die Kolosse bald wieder laufen: Anne Bosma in der Produktion

In Bosmans Büro sitzt Florian Kaps am Konferenztisch über seinen Laptop gebeugt. Er hat auf seinen Partner gewartet, um ihm von der Begegnung mit einem ehemaligen Polaroid-Mitarbeiter zu erzählen: "Er entwickelte früher Kameraprototypen und hat mir eben erklärt, warum die S70-Linse bis heute unerreicht ist. Das Meeting mit ihm hat drei statt anderthalb Stunden gedauert. Der Mann hat nichts von seiner Euphorie verloren. Wir haben gleich über neue Kameras gesprochen, die für uns interessant sein könnten. Mich würde es nicht wundern, wenn er jetzt schon in der Garage steht und Eisenteile fräst."

Ist es nicht etwas früh, an die Produktion einer neuen Kamera zu denken, ehe ein Film hergestellt ist? Kaps lacht. "Natürlich ist es das", sagt er. "Es ist sogar vermessen! An uns sind bereits chinesische Hersteller herangetreten. Aber solch eine Kamera, die aus einer Garage hier in Enschede stammt, würde mir besser gefallen. Die würde zur Geschichte passen." Geschichte. Diesen Ausdruck benutzt Kaps häufig. Es scheint, als betrachte er sich und sein Vorhaben als Teil einer Geschichte, die noch nicht auserzählt ist: die des Sofortbilds. Aber sicher auch seine eigene.

Für das Unternehmen Polaroid ist die Geschichte mit den analogen Sofortbildern auserzählt. Deshalb wissen dessen Manager nicht recht, ob sie Bosman und dem verrückten Österreicher nun Glück oder Unglück bei deren Vorhaben wünschen sollen. Natürlich freue er sich, wenn das analoge Polaroid-Erbe durch die beiden erhalten bleibe, sagt Paul Telford in Polaroids Europa-Zentrale in London. Konzernintern galt er jahrelang als Verteidiger der Instant-Fotografie. Er leitete die Sofortbild-Abteilung, die er im vergangenen Jahr abwickeln musste. Es ist leicht zu erahnen, wie schwer dem 53-Jährigen die Worte fallen, die er nun sagen muss: "Es bleibt unsere Einschätzung, dass die Massenproduktion des hochwertigen Integral-Farbfilms nicht entwicklungsfähig ist."

Pflichtschuldig weist Telford noch auf das neue Produkt des Hauses hin: PoGo, sozusagen eine Digitalkamera mit integriertem Mini-Drucker. Seit ein paar Monaten sei sie schon in den USA erhältlich, im Herbst ist die Einführung in Deutschland geplant. Nein, Zahlen könne er nicht nennen, mehr nicht sagen. Schließlich räumt auch er zum Monatsende, nach 30 Jahren, seinen Stuhl.

In seinem Büro in Enschede schaut André Bosman auf seine Uhr. 16.40 Uhr. Aus dem Gang sind Stimmen zu hören. Henk Minnen streckt seinen Kopf durch die Tür, winkt und sagt "Dag! Bis morgen! " Nebenan in der Kantine schaltet sein Kollege Anne Bosma das Radio aus, wirft sich die gefüllte Abfalltüte über die Schulter und schiebt sein Namensschild auf dem Anwesenheitsbrett im Treppenhaus von rechts ("Aanwezig") nach links ("Afwezig"). " Ja, ja", sagt Kaps, "ich musste mich auch erst an die Arbeitszeiten gewöhnen. Hier ist man pünktlich, Kaffeepause heißt Kaffeepause, Feierabend heißt Feierabend."

Die Männer hätten schon seit Jahrzehnten ihr eigenes Tempo.

Es wäre kontraproduktiv, daran etwas zu ändern. "Und es funktioniert ja auch so. Wir sind unserem Zeitplan um vier Wochen voraus", sagt Kaps.

Nur für ihn und André Bosman heißt Feierabend noch lange nicht Feierabend. Die beiden, die sich erst seit ein paar Monaten kennen und doch eine Schicksalsgemeinschaft bilden, der Verkäufer und der Techniker also, werden noch länger im Büro sitzen und mit ihrem Optimismus all die Bedenken, all die Zweifel beiseite reden.

Zum Beispiel die Sache mit dem Namen ihres Produktes, das aller Voraussicht nach nicht so heißen darf, wie die Kunden es kennen, nämlich als "Polaroid-Bild". Aber Bosman lacht mal wieder und hat auch darauf eine Antwort, die plausibel klingt. Sie lautet so: "Wenn wir unseren Filmen keinen Namen geben würden und sie in unbedruckten weißen Schachteln verkaufen würden. Wenn wir nur sagen würden: Dies ist ein Film für Polaroidkameras. Dann hätten wir nichts Verbotenes getan. Und die Kunden würden sofort verstehen, was wir da verkaufen. Die ganze Welt kennt dieses Produkt." ---

Polaroid: Aufstieg und Fall einer Weltmarke


Als der Physiker Edwin Herbert Land 1943 mit Familie in Santa Fe urlaubte, fragte ihn seine dreijährige Tochter Jennifer, wieso sie so lange auf das fertige Bild warten müsse. Land hatte keine Antwort auf die Frage - und entwickelte bei einem Spaziergang am See die Idee der ersten Sofortbildkamera.

Seine Firma Polaroid hatte Land bereits 1937 mit dem Harvard-Dozenten George Wheelwright gegründet. Der Name leitete sich von Polarisierung und Zelluloid ab. Anfangs produzierte Polaroid vor allem Filter für die Luftaufklärung, Ferngläser und blendfreie Sonnenbrillen. Mit dem US-Militär als Hauptkunden brachte es Land auf 16 Millionen Dollar Umsatz bei Kriegsende.

Mit den Sofortbildkameras Model 100 (1954), Swinger (1965) und SX-70 (1972) eroberte Land den Massenmarkt. In den siebziger Jahren stieg das in Waltham (Massachusetts) beheimatete Unternehmen zum zweitgrößten Fotokonzern der Welt mit fast 20 000 Mitarbeitern auf. Mitte der Siebziger gehörte Polaroid zu den 20 größten Aktiengesellschaften der USA, die Marke war so bekannt wie Coca-Cola. Land galt als Symbol für amerikanischen Erfindergeist: Er meldete 535 eigene Patente an, nur der Glühbirnenerfinder Thomas Edison hatte mehr. Aktionärsversammlungen inszenierte er wie Theaterpremieren: Wenn er ans Podium schritt, strahlten ihn Scheinwerfer an und Fanfaren spielten.

Der Niedergang begann 1976, als Kodak das Konkurrenzprodukt Kodak Instant Camera startete und einen Preiskampf auslöste. Polaroid verkaufte im selben Jahr zwar mit sechs Millionen Kameras mehr denn je, Kodak trotzte dem Marktführer dennoch bald 30 Prozent Marktanteil ab. Daraufhin verklagte Polaroid Kodak wegen Patentrechtsverletzungen. Im Rekordjahr 1978 verkaufte Polaroid zehn Millionen Kameras. Zugleich leistete sich Land seinen größten Fehler: Die Schmalfilm-Kamera Polavision floppte. Das Gerät konnte weder einen Ton aufzeichnen, noch ließen sich die Bänder schneiden.

In den achtziger Jahren stagnierte das Geschäft erstmalig. Der Kameraabsatz sank 1985 auf rund drei Millionen. Ursachen waren der Einzug billiger Kleinbildkameras und der Schnell-Entwicklungslabore. 1988 wehrte die Unternehmensleitung eine feindliche Übernahme ab und kaufte mit Krediten Aktien zurück. Nach 15-jährigem Prozess wurde Kodak 1991 im Patentrechtsstreit zu einer Strafe von 925 Millionen Dollar verurteilt. Land verteilte das Geld teilweise unter den Mitarbeitern und steckte den Rest in die Entwicklung einer Kamera, die ein Flop wurde. Im selben Jahr starb Edwin Land.

1995 besetzte mit Gary DiCamillo erstmals ein Unternehmensfremder den Vorstandsposten. Der Ex-Black-&-Decker-Manager verwandelte die Erfinderschmiede in einen Konsumgüterhersteller und finanzierte Kuriositäten wie die I-Zone-Kamera, die briefmarkengroße Bilder zum Aufkleben ausspuckte. Wie seine Vorgänger verschlief auch DiCamillo die bereits einsetzende Revolution der Digital-Fotografie. Ab 1995 fielen Umsätze und Gewinne. Zugleich wuchsen die Schulden auf fast eine Milliarde Dollar (2001), bei einem Umsatz von 2,1 Milliarden Dollar (1998). Ende 2001 meldete Polaroid erstmals Insolvenz an.

Ein Jahr später übernahm die Beteiligungsgesellschaft One Equity Partners den Konzern sowie dessen rund tausend Patente für 255 Millionen Dollar, sanierte ihn und verkaufte ihn 2005 an die Petters Group weiter. Neu-Eigner Thomas Petters, mit dem Verkauf von Billig-Toastern und -Kaffeemaschinen reich geworden, zahlte die 426 Millionen Dollar in bar, um die Marke auszubeuten. Auftragshersteller in China produzierten Me-Too-Produkte wie DVD-Player und Flachbildfernseher, Polaroid lieferte nur den Namen (siehe brand eins 07/2003). Die Produktion der Sofortbildkameras und Filme wurde 2008 trotz ordentlicher Margen eingestellt. Eine Innovation präsentierte Petters 2008 dann doch: einen Mini-Drucker namens PoGo, mit dem sich Schnappschüsse vom Handy oder von Digitalkameras direkt ausdrucken lassen.

In neue Turbulenzen geriet das Unternehmen vergangenen Oktober, als die Polaroid-Hauptverwaltung in Minnetonka (Minnesota) durchsucht und Petters festgenommen wurde. Ihm wird vorgeworfen, mit einem Schneeballsystem 20 Investoren um bis zu 3,5 Milliarden Dollar betrogen zu haben. Im Dezember 2008 meldete Polaroid zum zweiten Mal Insolvenz an. Ende April kaufte ein Joint Venture aus Hilco und Gordon Brothers die Konkursmasse Polaroids in einer umstrittenen, weil chaotischen Auktion für 87,6 Millionen Dollar.

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