Ausgabe 08/2009 - Schwerpunkt Große Träume

Gefährliche Visionen

- Richtet der Mensch sein Auge himmelwärts, überkommt ihn eine große Sehnsucht: Fliegen müsste man können, der Erde entrücken, Blick und Geist schweifen lassen. Wie mühsam erscheint einem dagegen das Fortkommen auf der Erde.

Da wir aber nun mal nicht fliegen können, gilt unsere Bewunderung eben jenen Menschen, die zumindest in Gedanken abheben, die zu träumen wagen. Sie sind Visionäre, die uns voranbringen. Die anderen dagegen, die Kleingeister, die in ihrer schwerblütigen Art Für und Wider abwägen, langweilen uns schrecklich. Sie sind Erbsenzähler, die uns nur aufhalten.

So viel zu unseren Sehnsüchten. Dumm nur, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Mag sein, dass Kolumbus die Menschheit mit seinem Traum vom Seeweg nach Indien ein großes Stück vorangebracht hat (auch wenn die sogenannten Indianer das anders sehen dürften), und es mag auch sein, dass nur ein Visionär wie Albert Einstein die Kernspaltung ersinnen konnte (die ja auch ihr Gutes haben soll).

Doch auf dem für die Menschheit so wichtigen Gebiet der Medizin nahm die Wirklichkeit kein bisschen Rücksicht auf unsere Sehnsucht nach Visionären: Es waren nicht die Träumer, die die Menschen aus Schmutz und Leid geführt haben, sondern die Sucher und Tüftler. Unsere heutige Medizin ist das Ergebnis unendlich vieler kleiner Schritte, die das Geheimnis des Lebens millimeterweise gelüftet haben, immer getreu der Devise: zwei Schritte vor, einen zurück.

Aber gab es nicht auch große Heldentaten? Die Pockenimpfung, das Penicillin, die Herztransplantation? Das waren Meilensteine, keine Frage, aber auch diese vermeintlich großen Würfe waren nicht die Ergebnisse kühner Träume, sondern vielmehr konsequente letzte Schritte ausführlicher Vorarbeiten. Träume mochten die Medizin gelegentlich inspirieren, aber viel öfter führten sie in die Irre. Unter dem Strich waren sie nicht fortschrittstreibend, sondern viel eher gefährlich und überflüssig.

Je weniger einer weiß, desto kühner seine Ideen

Jeder Visionär verfügt nur über das Wissen seiner Zeit - und das war in der Medizin bis in die späte Neuzeit äußerst bescheiden. Wie sollte es auch anders sein: Wer nichts von Bakterien wusste, stellte zwangsläufig merkwürdige Theorien über die Entstehung von Infektionskrankheiten auf.

Wie etwa der große Visionär Galen, der herausragende Arzt des alten Roms. Er galt als scharfer Beobachter und beschrieb viele anatomische Neuheiten. Doch auch er bezog den Großteil seines Wissens aus denselben staubigen Pergamenten wie seine Zeitgenossen. Er ahnte nichts von Zellen und Molekülen. Daraus ist ihm kein Vorwurf zu machen. Was man ihm allerdings ankreiden muss, ist seine Vermessenheit, aus seinen beschränkten Fakten letztlich nicht minder beschränkte, aber ungemein fantasievolle, in sich stimmige Gedankengebäude zu errichten -und daraus Behandlungen abzuleiten.

So lehrte er, dass im Organismus bestimmte Säfte ein Gleichgewicht hielten, das im Falle einer Krankheit gestört sei. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, empfahl sich alles, was Körperausscheidungen wie Schwitzen, Entleeren, Erbrechen und Bluten beförderte. Um seine ärztliche Kunst auszuleben und sich von den verachteten Kollegen abzusetzen, trieb Galen - in Ermangelung von Mikroskop, Stethoskop und Röntgengerät - die wenigen Diagnosemöglichkeiten seiner Zeit auf die Spitze: So unterschied er 27 Arten von Puls, die im Traumgebäude seines medizinischen Weltbildes alle ihren Platz hatten.

Dabei konnte auch damals ein Arzt und Forscher Großes leisten, der die engen Grenzen des Wissens erkannte und akzeptierte. Rhazes beispielsweise, einer der bedeutendsten Ärzte der arabischen Welt des Mittelalters, vertraute den alten Büchern nicht blind, sondern machte wissenschaftliche Versuche und trug mit vielen neuen Erkenntnissen zum Fortschritt bei. Und doch kamen die Ideen seines Gegenspielers Avicenna besser an: Als Universalgelehrter versuchte Avicenna die Medizin in einen größeren, wenn nicht kosmischen Zusammenhang zu stellen. Über seine Traumwelten schrieb ein Historiker: "Er kam zu brillanten und hochkünstlichen Konstruktionen, die allerdings für die Medizin völlig unergiebig waren."

Aus Träumen werden lebensgefährliche Dogmen

Abergenerationen von Menschen wurden im Namen der ärztlichen Kunst zu Tode gequält. Allein die Säftelehre forderte durch Aderlass und Ausbrennen unzählige Opfer. Konnte sich ein Arzt auf Galen oder eine der anderen antiken Autoritäten berufen, war er auf der sicheren Seite: Wenn der Patient starb, hatte sich der Arzt nichts vorzuwerfen, schließlich handelte er nach den Regeln der Kunst. Dabei wären die meisten Menschen viel besser dran gewesen, hätte man ihnen nur gut zugeredet und sie sonst in Ruhe gelassen.

Die bedingungslose Verehrung der Antike hielt Jahrhunderte und nahm mitunter groteske Züge an. So bestand die Ausbildung von Dutzenden von Medizinergenerationen unter anderem darin, dass ein Professor aus einem Anatomiebuch Galens vorlas und ein Helfer vor den Augen der Studenten in einer Leiche nach der vom Meister beschriebenen Struktur suchte. Fand er sie nicht, machte man die Unvollkommenheit der Leichen dafür verantwortlich, da Galens Angaben ja über jeden Zweifel erhaben waren. Offenbar, so folgerte man, hatte sich die Anatomie der Menschen seit der Antike kontinuierlich verschlechtert.

So lähmten die Träumer mit ihren Dogmen den Fortschritt und zögerten die Verbreitung neuer Erkenntnisse um Jahre und Jahrzehnte hinaus, was viele Menschen das Leben kostete. Noch zu Beginn der Neuzeit riskierten Forscher und Ärzte mindestens ihren guten Ruf, wenn sie an Galens Schriften zweifelten. William Harvey etwa, ein Arzt des 17. Jahrhunderts, wurde von der Fachwelt für seine Theorie verspottet, wonach das Blut im Kreis fließe und nicht, wie Galen behauptete, hin und her schwappe. Dabei konnte der stockkonservative Harvey seine These durch Forschungen belegen, Galen dagegen hatte sich etwas zusammenfantasiert.

Der Weg der Erkenntnis ist lang und steinig

Die meisten Großtaten lagen ohnehin in der Luft. Ein Pionier war meist kein einsamer Visionär, sondern bloß der Schnellste. Wie etwa Christiaan Barnard: Während andere Chirurgen noch an tierischen Herzen übten, preschte der egomanisch veranlagte Barnard vor und wagte als Erster eine Herztransplantation am Menschen. Angestachelt von seinem Ruhm, verpflanzten Ärzte weltweit in den folgenden zwölf Monaten 99 Herzen. Doch der Traum vom neuen Organ hatte die Mediziner dazu verführt, gründliche Experimente zu vernachlässigen. Es zeigte sich, dass die Zeit noch nicht reif dafür war: Die meisten Patienten starben binnen Kurzem, und drei Jahre später fiel die Zahl der transplantierten Herzen auf neun ab. Erst als Ärzte die Abstoßung der fremden Organe allmählich in den Griff bekamen, entwickelte sich Barnards Methode zum Standard.

Schädlich waren Träume in der Medizin auch deshalb, weil man unmöglich vorhersehen konnte, welche in Erfüllung gehen und welche in Sackgassen führen würden. Träumen nachzujagen war deshalb immer riskant. Weit mehr Erfolg versprach, den soliden Weg der Erkenntnis zu gehen. Denn selbst Denker mit relativ hohen Trefferquoten irrten mitunter gewaltig. Paracelsus etwa, der vielleicht größte Visionär der Medizin, war der Erste, der Wirkstoffe zu isolieren versuchte; er postulierte, dass nur die Dosis das Gift macht, er ermahnte Ärzte zu Sauberkeit beim Behandeln von Wunden, er betonte den Wert der ärztlichen Anteilnahme, und er verwarf die Säftelehre der Antike. Doch seine Drei-Elemente-Lehre, wonach Schwefel, Quecksilber und Salz im Körper die bestimmenden Prinzipien seien, war nicht minder verquer. Zudem glaubte er die Natur von Elementargeistern, Nymphen und Feen bevölkert.

Erschwerend kam bei Paracelsus hinzu, dass er in seiner radikalen Art mit dem Alten auf ganzer Linie brach. Er war ein unsteter und ungestümer Geist, der sich, wo immer er wirkte, im Handumdrehen mit den Autoritäten überwarf. Mit seinem Wüten machte er es auch wohlwollenden Zeitgenossen unmöglich, ihn zu unterstützen. Erst spätere Forscher trennten in der Lehre des Paracelsus die Spreu vom Weizen, indem sie seine Ideen auf den Prüfstand der Wissenschaft stellten.

Auch heute gilt: Man fährt gut damit, auf einen angepriesenen Nutzen zu verzichten, der nicht wissenschaftlich belegt ist, und scheint er noch so plausibel zu sein. Nur wenn unvoreingenommene, mühsame, unspektakuläre Forschungen zu einer positiven Bilanz aus Nutzen und Schaden kommen, sollte man einer medizinischen Maßnahme vertrauen. So sehr es auch unseren Sehnsüchten widerspricht: Träume sind in der Medizin fehl am Platz.-

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