Ausgabe 04/2009 - Schwerpunkt Führung/Unterschied

Liebesdienst

"Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum ander'n."
Connie Francis

- So viel Glück! In der Parship-Zentrale in Hamburg hängen dicht an dicht Fotos beseelt blickender Paare, die dank der Online-Kontaktbörse zueinanderfanden. Millionen träumen davon. Der Marktführer unter den Online-Vermittlern zählt hierzulande rund acht Millionen Nutzer und ist in 13 weiteren Ländern aktiv, neuerdings auch in Mexiko. Momentan brumme das Geschäft, freut sich der Chef Arndt Roller. Seine Liebesmaschine verzeichne einen deutlichen Anstieg der Zugriffe. "In unsicheren oder gar als bedrohlich empfundenen Zeiten wird emotionale Sicherheit immer wichtiger", so seine Interpretation. "Das schlägt sich natürlich auch auf die Partnersuche nieder."

Roller ist ein freundlicher Mensch, der gern auf den Balkon vor seinem Büro im elften Stock einlädt. Von hier hat man -Schwindelfreiheit vorausgesetzt - einen grandiosen Blick bis weit in den Hamburger Hafen. Und hier gefällt es dem 41-Jährigen auch deshalb so gut, weil er ganz unten anfing. Damals, 2002, hatte Parship seinen Sitz in einem düsteren Kellerbüro. Eine typische Internet-Bude mit einer Mannschaft von Begeisterten, die am Valentinstag 2001 - in den schwierigen Zeiten nach dem Platzen der Internet-Blase - online gegangen war. Roller, zuvor beim Online-Buchhändler BOL tätig, bis Bertelsmann dieses Geschäft beerdigte, sollte Parship professionalisieren. Den Job hatte ihm ein Headhunter mit den Worten angeboten: "Hätten Sie Lust, eine Partnerbörse zu leiten? Wenn Sie keine Lust hätten, würde ich das auch verstehen." Kuppel-Web-Seiten galten damals als schmuddelig und Leute, die dort Anschluss suchten, als arme Tröpfe.

Dass es heute weithin akzeptiert ist, online nach der großen Liebe zu suchen - und dafür auch zu zahlen -, kann sich der Pionier Parship auf die Fahnen schreiben. Roller drückt es so aus: "Wenn du die Möglichkeiten des Netzes nicht ausschöpfst suchst du dann wirklich?" Mittlerweile wird das Geschäft der seriösen Online-Partnerschaftsanbahnung von Konkurrenten wie Elitepartner oder Neu.de belebt. Ein prima Geschäft: Allein Parship machte 2007 mit 190 Mitarbeitern rund 46 Millionen Euro Umsatz. 2008 wuchs der Umsatz zweistellig.

Parship lebt von einem großen Unterschied: dem zwischen Selbstbild und Wirklichkeit

Die Idee stammt von zwei Managern des Verlagshauses Holtzbrinck, in dem unter anderem die "Zeit" erscheint. Sie erkannten Ende der neunziger Jahre Internet-Dating als vielversprechendes Geschäft. Da es sich bei Holtzbrinck um ein hochseriöses Haus handelt, sollte dessen Partnerbörse ebenso daherkommen. Deshalb versicherte man sich wissenschaftlichen Sachverstands in Person des Hamburger Psychologie-Professors Hugo Schmale, der zuvor bereits Tests zum Thema für Zeitschriften entwickelt hatte. Gemeinsam mit einem Team von Doktoranden tüftelte er mehr als ein Jahr an dem Parship-Verfahren. Dessen Reiz beschrieb er einmal so: "Es ist einfach extrem attraktiv, zu jeder Tages- und Nachtzeit zu Hause sitzend und fast anonym herausfinden zu können: Was bin ich eigentlich für ein Partner? Welche Chancen hätte ich mit meinen Eigenschaften am Markt? Und wer ist da draußen, der sich möglicherweise für mich interessiert?"

Die Grundüberlegung hinter diesem wie auch anderen Persönlichkeitstests: Menschen fällt es schwer, sich selbst realistisch einzuschätzen. Wir sind uns selbst fremd; Sofakartoffeln halten sich für Charmeure, Mauerblümchen für flotte Bienen. Deshalb werden Charaktereigenschaften nicht direkt abgefragt, sondern durch indirekte Fragen erschlossen. Bei Parships Multiple-Choice-Test sollen Nutzer etwa darüber Auskunft geben, wie sie reagierten, wenn sie auf einer Bananenschale ausgerutscht wären. Und was ihnen zu verschiedenen Bildern einfällt.

Bei dem Autor dieses Textes, der sich (wiewohl in festen Händen) probeweise dem halbstündigen Test unterzogen hat, kam der Computer zu folgendem Ergebnis: "Sie verfügen über ein gutes intuitives Gespür (30 Prozent). Zusammen mit Ihrem rationalen Sachverstand (57 Prozent) ermöglicht es Ihnen, Menschen und Vorgänge in Ihrer Umgebung meist spontan richtig einzuschätzen.

Dabei neigen Sie dazu, Ihre Gefühle (13 Prozent) vollkommen auszuklammern." Deshalb der Tipp: "Sie brauchen eine ausgeglichene Partnerin, die es versteht, Herzlichkeit und Verstand miteinander zu verbinden."

Die gute Nachricht: Trotz dieser nicht ganz einfachen Anforderung kommen bundesweit 7573 Frauen infrage (durch engere Suchkriterien lässt sich die Auswahl deutlich verkleinern). Die Damen werden, geordnet nach "Matching-Punkten", auf der persönlichen Parship-Seite präsentiert - je mehr Punkte, desto aussichtsreicher. Ab 54 wird eine Kontaktaufnahme empfohlen, ab 70 Punkten gilt eine Passung als sehr vielversprechend. Eine Mischung aus Rasterfahndung und Pralinenschachtel.

Da wäre zum Beispiel die laut Selbstbeschreibung "warmherzige, sportliche, temperamentvolle, selbstbewusste und kinderliebe" Nordrhein-Westfälin (72 Punkte). Oder vielleicht doch lieber die "zärtliche, humorvolle, warmherzige, temperamentvolle und unkomplizierte" Baden-Württembergerin (62 Punkte)? Leider sind die beigefügten Fotos im Gratis-Modus nicht zu erkennen. Wer scharf sehen und Kontakt aufnehmen will, muss Premium-Mitglied werden; drei Monate kosten 179,70 Euro, ein Jahr schlägt mit 358,80 Euro zu Buche.

Um das Interesse wachzuhalten, wird jemand, der sich registriert hat, regelmäßig per E-Mail auf dem Laufenden gehalten: "Mitglied KKRBLEGZ möchte Sie kennen lernen und lädt Sie zum Spaß-Match ein. Sind Sie nicht auch interessiert, ob Sie bei den kleinen Fragen des Alltags auf einer gemeinsamen Wellenlänge liegen? Finden Sie es jetzt heraus." Parship versteht es, potenziellen Kunden den Mund wässrig zu machen. Für die wissenschaftliche Seite des Unternehmens sind die

Psychologinnen Sandra Spreemann und Reingard Kess zuständig. Leider verraten die beiden nicht, wie genau ermittelt wird, wer wie gut zu wem passt. Das ist streng geheim. Parships Kuppel-Algorithmus wird ebenso gehütet wie das Suchverfahren von Google. Immerhin erklärt Kess, wie die Rechnung grundsätzlich funktioniert. Aus den 74 Fragen des Persönlichkeitstests ergeben sich rund 400 Antwortmöglichkeiten, aus denen wiederum 32 "beziehungsrelevante Persönlichkeitsmerkmale" wie Pragmatismus, Häuslichkeit, Konventionalität abgeleitet werden. Dieses Profil wird dann nach 136 "Matching-Regeln" mit den anderen in der Datenbank vorhandenen - und laut Kundenwunsch grundsätzlich infrage kommenden Profilen - verglichen. In die Matching-Punkte gehen die Persönlichkeitsmerkmale mit 75 Prozent ein, Hobbys und Interessen mit 13 Prozent und Vorlieben und Gewohnheiten mit 12 Prozent.

Das alte Flirt-Prinzip wird umgekehrt: erst kennenlernen, dann verlieben. Vielleicht

Das klingt kompliziert, die dahinterstehenden Theorien der Paarforschung beruhen jedoch vor allem auf gesundem Menschenverstand. So gesellt sich gleich und gleich tatsächlich gern: Ähnliche Vorstellungen vom Leben und der Liebe sind, so der aktuelle Forschungsstand, gute Voraussetzungen für eine Partnerschaft. Die Kombination gleicher Charakterzüge kann allerdings auch ungünstig sein: Wenn zwei sich unbedingt durchsetzen wollen, gibt's Streit. Harmonischer geht es unter passiven Menschen zu, doch wenn keiner sich aufraffen kann, den Dachdecker zu rufen, wenn es ins Schlafzimmer regnet, ist das auf Dauer auch nicht gut für die Beziehung. Wichtig ist der Psychologin Kess vor allem diese Botschaft: "Es gibt keine schlechten Merkmale, nur mehr oder weniger günstige Konstellationen." Soll heißen: Für jeden Topf findet sich ein Deckel. Selbst der eigentlich aus der Zeit gefallene Vollblut-Macho kann glücklich werden, wenn er ein Heimchen am Herd mit diplomatischem Geschick findet.

Aber solche Leute sind ohnehin nicht die Zielgruppe von Parship, sondern laut Eigenwerbung "aktive, aufgeschlossene Singles ab 28 Jahren mit einem gehobenen Bildungs- und Einkommensniveau". Leute wie Boris und Iris Brauner. Er ist Einkaufsleiter eines Hamburger Großunternehmens, sie arbeitet bei einem Messeveranstalter. Im August 2004 kamen sie sich via Internet näher. Er hatte sich dafür entschieden, weil er beruflich viel um die Ohren hat, im Freundeskreis alle Frauen vergeben waren "und man ja auch keine 16 mehr ist und Lust hat, in der Disko auf die Suche zu gehen". Als "Analytiker" prüfte der Diplom-Ingenieur und Kaufmann mehrere Partnerschaftsbörsen ("viele zielen ja hauptsächlich auf die horizontale Ebene ab"), um sich schließlich für Parship zu entscheiden. Dort kam er rasch, wie er erzählt, mit Iris in Kontakt, eine gebürtige Südafrikanerin, neu in der Stadt.

Sie erinnert sich sogar noch an die Zahl der Matching-Punkte: 65. Und an den Fauxpax, der ihr bei der ersten Mail an ihn unterlief: Sie schrieb ihn mit "Björn" an, den Namen eines Mannes, mit dem sie zuvor korrespondiert hatte, der aber wegen seiner nassforschen Art nicht in Betracht gekommen sei. Sie entschuldigte sich gleich, Boris nahm es ihr nicht krumm. Im Mai 2006 heirateten sie und schickten Parship begeistert ihr Hochzeitsfoto. Sie wissen, dass ihre Matching-Punkte keine Ehe-Geling-Garantie darstellen. "Man muss jeden Tag respektvoll an der Beziehung arbeiten", sagt Boris Brauner.

Zufriedene Kunden sind die beste Werbung und werden deshalb von Parship gut gepflegt. Aus Nachfragen bei denjenigen, die sich von der Plattform abmelden, leitet die Firma auch ihre Erfolgsquote ab: 38 Prozent der Premium-Kunden werden demnach fündig. Überhaupt lässt sich aus den Datenbergen, die in dem Unternehmen anfallen, eine Menge Wissenswertes destillieren. Zum Beispiel, dass sich heterosexuelle Singles aus Italien und Schweden stärker voneinander unterscheiden als heterosexuelle von homosexuellen in Deutschland. Ein wesentlicher Vorteil des Par-ship-Prinzips sei es, so die Psychologin Spreemann, Menschen dazu anzuregen, "außerhalb ihres gewohnten Beute-Schemas zu suchen" (Stichwort: mangelhafte Selbsteinschätzung). Sie spricht aus Erfahrung: Auch sie fand ihren Partner in der Datenbank. Und stellt erfreut fest: "Themen, die in meiner vorigen Beziehung immer wieder im Wege standen, tauchen gar nicht mehr auf." Dank der Weisheit des Computers, der zusammenbringt, was in freier Wildbahn womöglich keinen Blick füreinander hätte.

Traurig, aber wahr: Wer Esoterik liebt oder seine Freiheit, hat's schwer auf dem Beziehungsmarkt

Wo bleibt da die Romantik? "Ich fand es sehr romantisch, sich übers Schreiben kennenzulernen", sagt Kerstin Wolf (Name geändert). Die Geschäftsführerin einer Berliner IT-Firma, die sowohl Männer als auch Frauen mag, war im Gay-Portal von Parship auf der Suche nach einer Partnerin. Und hatte genaue Vorstellungen: Akademikerin sollte sie sein, gleich alt oder älter und, wie sie selbst, möglichst auch Mutter. "Wo soll ich eine solche Frau finden, wenn nicht im Netz? Da müsste ich ja warten, bis ich 80 bin."

Es kamen eine Menge Angebote, allerdings auch viele unpassende, wie sie fand. Eine Interessentin habe ihr unaufgefordert Nacktfotos geschickt. Dann aber traf sie jemanden, bei dem der E-Mail-Ton stimmte: "sehr überlegt, freundlich und zugewandt". Die beiden korrespondierten bald täglich, tauschten irgendwann Fotos aus und verabredeten sich schließlich in einem Café. "Ich war wahnsinnig aufgeregt", erinnert sich Wolf, die mittlerweile mit der Lehrerin zusammen ist. Sie wohnen im gleichen Viertel, kaum einen Steinwurf voneinander entfernt. "Aber ohne das Internet hätten wir uns wohl nicht kennengelernt." Jetzt brauchen sie Parship nicht mehr. Allerdings, erzählt Wolf, sei ihr, als sie sich dort von einigen Kontakten habe verabschieden wollen, eine interessante Kunsthistorikerin aufgefallen. Ihre neue Freundin sei darob etwas irritiert gewesen. Ewig lockt die Pralinenschachtel.

Auf dem Beziehungsmarkt herrscht harte Konkurrenz. Beim Internet-Dating sind diejenigen im Vorteil, die sich auszudrücken und darzustellen wissen. Wem das schwerfällt, dem dient Parship, das keine Probleme kennt, sondern nur Geschäfte, für 1,99 Euro pro Minute telefonisch Beratung an. Oder Features wie das "Spaß-Match", eine spielerische Art der Kontaktaufnahme, bei der lediglich Fragen anzukreuzen sind. Gratis gibt's immerhin Tipps, die das Unternehmen aus regelmäßig von ihm in Auftrag gegebenen Single-Studien ableitet. Demnach ist die Selbstauskunft "spirituell interessiert" und "freiheitsliebend" bei Frauen wie Männern der "absolute Kontaktkiller bei der Partnersuche".

Ständig arbeitet man bei Parship an neuen Features rund um das unendliche Thema Partnerschaft. Der Markt ist Erfolg versprechend, allein in Europa suchen 44 Millionen Singles die große Liebe. Nicht weiter zu reden von all den Paaren, bei denen es suboptimal läuft. Die Psychologin Spreemann erzählt beiläufig, dass sie mit ihrem Ex-Freund den Parship-Test gemacht hat, "obwohl der für Menschen in festen Beziehungen eigentlich nicht gedacht ist". Und siehe da: "Das Ergebnis offenbarte tatsächlich Knackpunkte, die ich im Alltag als schwierig erlebte." -

Mehr aus diesem Heft

Führung/Unterschied 

Fremd zu sein bedarf es wenig

Wer im Ausland Schmerzen hat und Hilfe sucht, braucht jemanden, der ihn wirklich versteht. Ein Hamburger Apotheker hat das begriffen. Für viele im Norden ist er unentbehrlich geworden: dank Pillen, Tropfen und einem bunten Team.

Lesen

Führung/Unterschied 

Mit anderen Augen

Jede Stadt hat ihre eigene Geschichte - und Bauten, die ihr ein Gesicht geben. Dies auch in fremden Ländern zu erkennen ist die Kunst großer Baumeister. Die Hamburger Architekten von Gerkan und Marg schärfen jungen Kollegen aus Asien den Blick dafür.

Lesen

Idea
Read