Ausgabe 04/2009 - Was Wirtschaft treibt

Kartenhäuser, auf Sand gebaut

- Michael Jaffé mag nicht reden. Jedenfalls nicht über die Chip-Branche. Der Mann, der in den vergangenen Monaten alles getan hat, um dem sächsischen Elbtal das Image als deutsche Außenstelle des Silicon Valley zu erhalten, versagt sich einen Kommentar. Herr Doktor Jaffé sei der Ansicht, lässt der Münchener Insolvenzverwalter über seinen Sprecher ausrichten, er sei ja nun kein Spezialist für die Halbleiterindustrie und könne deshalb zum Erkenntnisgewinn nicht viel beitragen. Der Fall Qimonda - nur eine Pleite wie jede andere für einen unternehmerischen Rettungssanitäter?

Alles, nur das nicht. Routine-Insolvenzen haben Routine-Ursachen. Da knausern Manager jahrelang bei Forschung und Entwicklung, bis sie den Anschluss an die Konkurrenz verlieren. Sie verschlafen Markttrends, sind nachlässig bei Qualität oder Produktivität und versuchen Fehler wettzumachen, indem sie Firmen mit komplementären Schwächen zukaufen. Solche Sachen.

Jaffés Mündel Qimonda kann all das keiner nachsagen. Als ihr das Geld ausging, war die Dresdener Siliziumbäckerei mit ihrem technischen Know-how auf der Höhe der Zeit. Die Tochter des Siemens-Ablegers Infineon fertigte in "Silicon Saxony" hochwertige Speicher-Chips - einen der fundamentalen Rohstoffe unserer Zeit, unentbehrlich als Kurzzeitgedächtnis der Wissensgesellschaft. Deshalb brauchte das Unternehmen auch kein anderes zu akquirieren, um einen erdrückenden Schuldenberg aufzutürmen. In dieser Branche genügt es dazu völlig, seine Fabriken in puncto Produktivität à jour zu halten.

Die Geschichte vom kurzen Aufstieg und unaufhaltsamen Niedergang der 2006 gegründeten Siemens-Enkelin Qimonda ist ein Lehrstück für Betriebswirte, Investoren und Politiker. Es handelt vom gut gemeinten Bestreben, Innovation durch Subvention zu beflügeln, von Betriebsblindheit in volkswirtschaftlichem Ausmaß und von der vergeblichen Suche nach einem nachhaltigen Geschäftsmodell für eine Branche, die an ihrem eigenen Fortschritt zu ersticken droht, indem sie sich sehenden Auges Stück für Stück selbst wegrationalisiert.

Mit Logik kommt man meistens weiter

Dreh- und Angelpunkt des Problems ist ein Gesetz, das kaufmännische Grundregeln außer Kraft setzt: Moore's Law. Die berühmte Faustregel des Intel-Gründervaters Gordon Moore, wonach sich die Leistungsdichte von Halbleitern alle zwei Jahre verdoppelt, gilt dank des Einfallsreichtums der Physiker noch immer. So erzielen die Chip-Hersteller alle paar Jahre märchenhafte Produktivitätszuwächse, wobei die Investitionen immer kostspieliger werden. Der Haken ist, dass die sporadischen Effizienzsprünge das Risiko von Speicherproduzenten wie Qimonda nicht etwa mindern. Sie sind, im Gegenteil, ein Hauptgrund für die gefürchtete Volatilität des Marktes. Um zu verstehen, warum das alles nicht so paradox ist, wie es scheint, muss man die Halbleiterbranche etwas differenzierter betrachten als typische Standortpolitiker, denen es allein darauf ankommt, Arbeitsplätze mit Zukunfts-Image in ihre Region zu locken. Zur Gattung der Silizium-Chips gehört nämlich eine breite Palette von Produkten, die sich hinsichtlich Entwicklung, Fertigung und Vermarktung erheblich voneinander unterscheiden. Die Risikoskala hat eine ähnliche Bandbreite wie die zwischen einem Bundesschatzbrief und einer Spekulation mit verbrieften Krediten.

Den größten Aufwand verlangen Hochleistungslogik-Chips, zum Beispiel jene Intel-Prozessoren, die in vier von fünf PCs die Hauptarbeit verrichten. Die Entwicklung lastet Heerscharen hoch bezahlter Experten aus, für die Produktion kommen nur relativ junge Fabriken in Betracht. Dafür lassen sie sich als Markenartikel vergleichsweise teuer in großer Zahl verkaufen. Für die Speicheranbieter war 2008 ein schwarzes Jahr, Logik-Chip-Marktführer Intel hielt sich in den schwarzen Zahlen.

Kundenspezifische Chips, wie sie etwa Infineon in Zusammenarbeit mit Auto- und Telefonherstellern entwickelt, bringen längst nicht diese Stückzahlen, lassen sich aber oft noch mit der vorletzten Generation der Siliziumtechnik realisieren. Geld verdient wird in dieser Sparte vor allem mit dem Design der Chips, die immer mehr Gebrauchs- und Investitionsgüter steuern. Die Fertigung erledigen oft Subunternehmen, die sogenannten Foundries.

In der Werthierarchie ganz unten rangieren Speicherbausteine - wie die von Qimonda gelieferten Drams (Dynamic Random Access Memory) und die aus Kameras und Handys bekannten Flash-Memories. Der Anteil der Entwickler an der Wertschöpfung ist eher gering. Der Knackpunkt ist die Produktion, hier ist seit jeher brandaktuelle Technik gefragt. Das Ziel ist, getreu Moore's Law, die Leiterbahnen auf der Siliziumscheibe ("Wafer", zu Deutsch: Waffel) immer schmaler zu machen. Die Speicherdichte steigt im Quadrat des Verkleinerungsfaktors. Gelingt es, den Abstand zwischen den ins Silikon geätzten Transistoren zu halbieren, vervierfacht sich die Kapazität.

Die Art, diesen Fortschritt zu nutzen, hat sich seit den Frühtagen des PC-Zeitalters allerdings gründlich verändert. Damals stieg der Speicherbedarf neuer Software so steil an, dass die Hard-ware-Entwicklung kaum hinterherkam. Der Erste, der den Schritt schaffte, hatte eine Lizenz zum Gelddrucken und die gesamte Konkurrenz ein Problem - vorausgesetzt, die Relation zwischen Ausbeute und Ausschuss stimmte. Die Kundschaft zahlte willig, sie erwartete (und bekam) nur immer mehr Leistung zum gewohnten Preis. Heute sind riesige Arbeitsspeicher ebenso selbstverständlich wie billige Computer. Den Kunden ist es gleichgültig, ob die RAM-Module aus Chips der allerneuesten oder nur der zweitjüngsten Generation zusammengebaut sind. Immerhin sind die vier Gigabyte eines aktuellen Marken-PCs mehr als die Weltmonatsproduktion der gesamten Industrie im Jahr 1975.

Aus dem Nachfragemarkt ist ein Angebotsmarkt geworden. Für den technischen Fortschritt in der Chip-Fabrik des 21. Jahrhunderts interessiert sich nur noch der Controller: Gut ist, was den Durchsatz steigert. Vor ein paar Jahren war dies die Umstellung auf Waffeln im Pizzaformat. Auf den heute gängigen 300-Millimeter-Scheiben haben 125 Prozent mehr Chips Platz als auf ihren kleinen Vorgängern aus den Neunzigern. Die Material-und Verarbeitungskosten stiegen nach Branchenschätzungen nur um 20 Prozent. Die Rechnung geht freilich nur bei stabilen Preisen auf, wenn also der Verdopplung des Ausstoßes eine ähnliche Steigerung der Nachfrage gegenübersteht. Doch just zu der Zeit, als die Innovation im Infineon-Speicherwerk in Dresden installiert wurde - in den Monaten nach dem 11. September 2001 -, kollabierte der Markt. Die folgende Dauerkrise des einstigen Börsen-Highflyers Infineon mündete 2006 in die Ausgliederung der Speichersparte als Qimonda.

Ironie der Geschichte: Als der Qimonda-Chef Loh Kin Wah (Spitzname: LKW) im Januar 2009 den Insolvenzantrag stellte, befand sich sein Unternehmen gerade im Anlauf zum nächsten großen Produktivitätssprung. Die in Dresden entwickelte Buried Wordline Technology (BWL), die den aufwendigen Produktionszyklus verkürzt, sollte in einem Fertigungsprozess mit nur noch 46 Nanometer schmalen Leiterbahnen realisiert werden und den Durchsatz der Anlage verdreifachen. Insofern hat die Zahlungsunfähigkeit der Sachsen den Rivalen vorerst Schlimmeres erspart - auch wenn Qimonda sich zuletzt aus dem ruinösen Geschäft mit Basis-Drams für PCs zurückgezogen hatte und in der BWL-Technik lediglich die höherpreisigen Spezialvarianten günstiger produziert hätte. Die verbliebenen Anbieter jubelten über die Insolvenznachricht aus Deutschland, doch Standardspeicher sind auch nach dem Ausscheiden eines Players ein miserables Geschäft. "Für den PC-Hersteller ist der Prozessor maßgeblich", erklärt Werner Klingenstein, Halbleiterexperte beim Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) die übliche Kalkulation der Einkäufer. "Er frisst den Löwenanteil." Um Schwellenpreise wie 399 Euro zu erreichen, sparten sie da, wo sie eine größere Zahl von Lieferanten gut gegeneinander ausspielen könnten - also beim Speicher. Der Margen-Druck bringt die Dram-Hersteller in die Zwickmühle: Um bei sinkenden Weltmarktpreisen ihre exorbitanten Fixkosten decken zu können, müssen sie die Kapazitäten ihrer Werke eigentlich voll ausschöpfen. Wenn das aber alle anderen Anbieter gleichzeitig auch versuchen, können die Broker noch viel besser die Preise drücken.

Die Konditionen werden mittlerweile brutal oktroyiert: "Wir veredeln mit großem Aufwand Sand, und am Ende kommt wieder Schüttgut heraus", bringt ein Qimonda-Mitarbeiter sarkastisch die mangelnde Wertschätzung der Kunden für die Dresdener Siliziumware auf den Punkt. Für die 58 Cent, die der Weltmarkt auf dem vorläufigen Tiefpunkt für einen 1-Gigabit-Dram hergab, konnte man so einen Roh-Chip nicht einmal ins Konfektionierwerk (das im Fall von Qimonda in Portugal steht) fliegen und dort testen und verpacken lassen. Wenn die Produktion profitabel sein sollte, müsste der Marktpreis nach Schätzung von Experten eher bei drei als bei zwei Euro liegen. Im Winter machte deshalb eine für diese Branche ungewohnte Neuigkeit die Runde: Mehrere der asiatischen Dram-Spezialisten fahren endlich die Kapazitäten herunter. Bei manchen kommt auf jeden Dollar Umsatz ein Dollar Verlust, wie 2008 bei Qimonda. Pleiten drohen - wie in Sachsen soll die Politik Jobs retten. Die Hersteller haben keine anderen Pfeile im Köcher, sie können nur Memory.

Schwerfälligkeit durch Monokultur ersetzt

Als Infineon vor drei Jahren sein Speicher-Business unter dem Namen Qimonda als AG ausgliederte und ein knappes Viertel der Aktien verkaufte, wollte niemand etwas von den Gefahren einer solchen Produktmonokultur wissen. Die Management-Doktrin von der Konzentration aufs Kerngeschäft war noch en vogue, Spezialisierung galt als Königsweg. Ältere wunderten sich vielleicht, weil sie sich erinnerten, dass es gerade die Unberechenbarkeit des von den Speichern dominierten Halbleitergeschäftes gewesen war, die den Siemens-Vorstand 1998 veranlasst hatte, sich von der mit massiven Subventionen hochgepäppelten Chip-Sparte zu trennen und sie als Infineon AG an die Börse zu bringen. Der vom Siemens-Angestellten zum Dax-Star avancierte Vorstand Ulrich Schumacher verbreitete damals selbstbewusst die Botschaft, ein Halbleiterunternehmen müsse "schnell und flexibel reagieren können", dies sei in einer kleineren, selbstständigen

Einheit "naturgemäß" einfacher als in einem Großkonzern. Schon 2002 musste er herbe Verluste einstecken - im Speichermarkt waren die Preise eingebrochen, wieder einmal. Ganz so schnell und flexibel, wie es aus Sicht eines Vorstandsvorsitzenden wünschenswert wäre, können seine Techniker auch gar nicht reagieren: Zwischen Wafer-Start und -Konfektionierung liegen Hunderte von Produktionsschritten, die sich über Wochen hinziehen. Und Alternativprodukte lassen sich ebenfalls nicht einfach aus dem Ärmel schütteln, schon gar nicht solche für den Massenmarkt.

No name inside

Qimonda teilt dieses Schicksal mit seinen Konkurrenten. Die meisten Anbieter haben ihre Wurzeln in großen Technologiekonzernen, die sich in den Neunzigern aus dem unprofitablen Geschäft zurückgezogen hatten. Und so wie bis zur Insolvenz kaum jemand außerhalb Sachsens den Fantasienamen Qimonda kannte, sind auch die Namen der Leidensgenossen Schall und Rauch: Elpida, Hynix, Inotera, Micron, Nanya, Powerchip, Promos. Als reine Zulieferer bleiben sie nach außen unsichtbar. So prangt zwar auf jedem PC ein Label, das verrät, ob der "inside" steckende Prozessor von Intel stammt oder von AMD aus Dresden. Über die Herkunft und Qualität der Drams erfährt der Endkunde nichts.

Selbst den Nerds, die ihre PCs selbst aufrüsten, bleibt sie meist verborgen, denn auf den Schutzkappen der Speicherkarten stehen Handelsmarken wie Kingston. Qimonda und der US-Rivale Micron haben sich zwar mit eigenen Sparten auf dem Endkundenmarkt etabliert, doch auf den Blisterpackungen verstecken sie sich doch nur wieder hinter weiteren blassen Retortenmarken: Die sächsischen Chips heißen Aeneon, die aus Idaho Crucial. Um die Verwirrung komplett zu machen, firmiert Micron auf dem Markt für Digitalkamera-Chipkarten als Lexar. Für welche Alleinstellungs merkmale diese Marken stehen sollen, weiß kein Mensch.

Angeborene Marketing-Schwäche

Der Chip-Experte Werner Klingenstein macht gar nicht erst den Versuch, die notorische verkäuferische Ungeschicklichkeit der Branche zu beschönigen. "Die Memory-Leute haben sich mehr um die Technologie und die Produktion als um den Markt gekümmert", gibt der Halbleiterveteran bei einem Gespräch über die Wurzeln der heutigen Misere unumwunden zu. Allerdings waren Marketing-Fragen in den frühen Achtzigern, als Computer und Chips in den Blickpunkt einer breiten Öffentlichkeit rückten, wirklich eher sekundär. Der Aufbau einer leistungsfähigen Mikroelektronik-Produktion war ein Politikum.

Es ging damals, vor einem Vierteljahrhundert, um nichts Geringeres als um die Zukunftsfähigkeit der bundesrepublikanischen Industrie, die schon in etlichen Branchen abgehängt war: Den traditionsreichen Kameraherstellern hatten Nikon, Canon und Minolta den Garaus gemacht. Neben Sony und Technics sahen Grundig & Co. immer altbackener aus. In der EDV, wie die IT damals hieß, dominierten längst die Amerikaner; junge deutsche Ingenieure heuerten scharenweise bei US-Firmen an. Angesichts der anstehenden Computerisierung des Maschinen-und Anlagenbaus herrschte in der Chefetage der Deutschland AG also gelinde Panik.

Die Memory-Chips, an deren exponentiell wachsenden Bit-Zahlen sich der Fortschritt so plakativ darstellen lässt, sind in jenen Tagen das perfekte Symbol für den Aufbruch ins Informationszeitalter. Die Schlüsselrolle kann aus politischen Gründen nur Siemens spielen - als einziger Speicherproduzent, der in Deutschland nicht nur Chips backt, sondern auch seine Zentrale hat. Tatsächlich hechelt der Konzern, dessen Forscher in den fünfziger Jahren Pionierarbeit in der Siliziumtechnik geleistet hatten, Anfang der Achtziger abgeschlagen den amerikanischen und japanischen Produzenten hinterher. Als Siemens auf dem Pariser Bau-elemente-Salon 1982 endlich den 64-Kilobit-Dram präsentiert, hat der IBM-Konzern - der nur für den Eigenbedarf produziert und daher weniger Wert auf technische Eleganz legen muss - fast vier Jahre Vorsprung. Eine Ewigkeit.

Schon 1983 kommen in Japan die ersten 256-Kilobit-Chips auf den Markt. In enormem Tempo erobern NEC, Fujitsu, Hitachi und Toshiba den Weltmarkt - mit erstaunlich niedrigen Preisen. Als Drahtzieher der Marktoffensive gilt im Westen das Tokioter Außenhandels- und Industrieministerium MITI, das einem Forschungskartell der großen Elektrokonzerne des Landes mit einem gemeinhin als skandalös empfundenen Zuschuss von einer halben Milliarde Mark auf die Sprünge geholfen hat.

Angesichts der drohenden japanischen Hightech-Hegemonie sind sich Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber und Siemens-Chef Karlheinz Kaske einig, dass Deutschland unbedingt in eine autarke Dram-Fertigung investieren muss - als Know-how-Basis für den Aufbau einer starken, vielseitigen Chip-Industrie. Die These vom Speicher-Chip als "Schlüsseltechnologie" ist in der deutschen Wirtschaft Konsens, schließlich hatte damit in den USA der Aufstieg der Halbleiterindustrie begonnen: Das erste Erfolgsprodukt des langjährigen Weltmarktführers Intel war der Chip "1103" aus dem Jahr 1970 - der erste Dram mit einer bescheidenen Kapazität von einem Kilobit. Daraus entwickelte sich ein immer breiteres Halbleitersortiment. Bis 1981, als IBM den von einem Intel-Prozessor gesteuerten Personal Computer einführte, lebte das Unternehmen überwiegend von Drams.

Während die Mitglieder der Nippon Inc. mit Kampfpreisen den amerikanischen Anbietern Intel, Texas Instruments und National Semiconductor das Dram-Geschäft vermiesen, startet Siemens 1984 mit großem Aplomb - und Zuschüssen aus Bonn - das "Mega-Projekt". Das Ziel des Vorhabens, für das Kaske ein Budget in Milliardenhöhe einplant: Der weltweit erste Vier-Megabit-Chip soll, möglichst schon 1987, aus Deutschland kommen. Als Siemens in der Zwischenzeit einen Ein-Megabit-Chip im Vertriebsprogramm braucht, wie Toshiba ihn schon hat, siegt kaufmännischer Pragmatismus über Vaterlandsliebe - die Deutschen erwerben eine Lizenz. Nach der Devise "If you can't beat them, join them" kooperieren die Münchener fortan mit allem und jedem. Zuerst mit Toshiba, später - im Rahmen des von Brüssel subventionierten Großprojektes Jessi ( Joint European Submicron Silicon Initiative) - mit Philips aus den Niederlanden und Thomson aus Frankreich sowie mit den Amerikanern von IBM und Motorola. In den USA war in der Zwischenzeit den PC-Herstellern der Chip-Nachschub ausgegangen. Nachdem der Marktpreis für den 256-Kilobit-Dram im Laufe des Jahres 1985 von 20 auf 2,50 Dollar abgesackt war, hatte Ronald Reagan den Japanern kurzerhand den Handelskrieg erklärt. Strafzölle für die Dumping-Anbieter und scharfe Import-Restriktionen sollten die einheimischen Hersteller schützen. Als sie in Kraft traten, gab es in den USA gar keine nennenswerte Memory-Produktion mehr. Sogar der Intel-Konzern, der die Dram-Technik einst kommerzialisiert hatte, war aus dem Geschäftszweig ausgestiegen und hatte sich auf die anspruchsvolleren Prozessoren spezialisiert. Das machte das Unternehmen 1993 zur weltweiten Nummer eins im Geschäft. Ein Anlauf der IT-Industrie, unter dem Namen US Memories Inc. ein Joint Venture zur Selbstversorgung mit Drams zu gründen, kam über Absichtserklärungen nie hinaus: Wichtig war den Unternehmen nur, günstig an die Speicherbausteine zu kommen - ganz gleich, wo sie herkamen. Viel Geld in die Hand nehmen wollte niemand, und niemand beschwor mehr die Gefahren einer ausländischen Hegemonie.

Für Siemens blieb die Halbleiterei trotz kostensparender Technikallianzen ein Fass ohne Boden. Als Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer Anfang der neunziger Jahre Investoren für das Zentrum Mikroelektronik in Dresden suchte, wiegelte Vorstandschef Heinrich von Pierer zunächst ab. Ende 1993 - der spätere IT-Wachstumsmotor World Wide Web warf erste Schatten voraus - hatten ihn die sächsischen Christdemokraten so weit: Siemens baute mit wohlwollender Unterstützung von Ministerpräsident Kurt Biedenkopf die 2,8 Milliarden Mark teure Chip-Fabrik Simec, Keimzelle der heutigen Qimonda.

Für eine Weile sah es so aus, als hätte von Pierer doch auf das richtige Pferd gesetzt. 1994 meldete Siemens für die Halbleitersparte mit ihren Werken in Regensburg und Villach (bei vier Milliarden Mark Umsatz) endlich den ersten Jahresgewinn - 170 Millionen Mark. 1995 stieg der Überschuss auf fast 800 Millionen, doch dann begann ein Erdrutsch bei den Dram-Erlösen und beim Ergebnis. 1996: 600 Millionen. 1997: 100 Millionen. 1998: minus 1,2 Milliarden. Heinrich von Pierer machte Tabula rasa, schloss in England eine erst 1997 eröffnete Memory-Fabrik und schmiss entmutigt die gesamte Chip-Division als Infineon aus dem Konzern.

Aus der Dummheit der Schweinezüchter lernen

Nun konnte von dem Auf und Ab, wie es sich auf dem Memory-Markt seit nunmehr 30 Jahren im Takt von Moore's Law abspielt, eigentlich niemand mehr überrascht sein im Hause Siemens. Kurz vor der Kapitulation vor den Kräften des IT-Marktes seufzte das damalige Vorstandsmitglied Volker Jung in einem Interview mit der "Welt": "Wir haben ja auf dem Halbleitermarkt diesen Schweinezyklus, der fast schon ein Naturgesetz ist." Jung, als Präsident des ZVEI zugleich oberster Lobbyist seiner Zunft, schor damit alles über einen Kamm - und übersah großzügig, dass Schweinezyklen nur bei Commodities auftreten, also Produkten ohne Alleinstellungsmerkmal wie eben Standard-Drams.

Bei diesen wirkt die landwirtschaftliche Analogie reichlich schief. In den zwanziger Jahren hatten Agrarwissenschaftler untersucht, was hinter den regelmäßigen Marktpreisschwankungen bei Schweinehälften steckt: Ist das Angebot zu groß, rentiert sich für viele Bauern die Mast nicht mehr. Durch die Verknappung erholen sich die Preise, und prompt lassen die Viehzüchter wieder mehr Sauen decken. Sind die vielen Ferkel endlich ausgewachsen, überschwemmt erneut ein Überangebot an Schlachtvieh den Markt, die Preise brechen wieder ein - eine Folge von Gier, gepaart mit mangelnder Weitsicht.

Übertrüge man die Merkmale Moore'scher Konjunkturwellen zurück auf die Zucht von Borstenvieh, müsste man sich das etwa so vorstellen: Alle paar Jahre bringen Evolution oder Genmanipulation Schweinemutanten hervor, die ohne Qualitätseinbuße doppelt so viele Koteletts auf den Rippen haben wie ihre Ahnen und doppelt so große Schinken am Hinterteil. Damit die hypersensiblen Jumbosäue in den für sie zu engen Koben nicht ersticken, müssen die Bauern aber regelmäßig groteske Summen in größere, artgerechte Ställe investieren. Sie riskieren das, weil Schweinefleisch ständig neue und immer gefräßigere Liebhaber findet. Diese Gourmands kaufen zum Leidwesen der Erzeuger alle nicht beim Biometzger ein, sondern bei Lidl und Co. Doch weder die Preisdrückerei der Discounter noch die einsetzende Übersättigung der Konsumenten bringt jemanden auf die Idee, das ruinöse Zuschussgeschäft Viehmast aufzugeben oder sich auf Edelrassen zu kaprizieren.

In einer Hinsicht passt der Vergleich zwischen Chip-Geschäft und Landwirtschaft wirklich: Für beide gelten die Regeln der Marktwirtschaft nur eingeschränkt. Hier wie dort locken mal verführerisch aufgestellte Fördertöpfe, mal lassen sich Politiker von Managern oder Funktionären breitschlagen und gewähren zumindest widerstrebend Zuschüsse. Und wie in der Agrarpolitik liegen auch bei den Chips Empörung über das Subventionsunwesen und Rechtfertigungsrhetorik sehr nahe beieinander.

Jutta Günther, Leiterin der Abteilung Strukturökonomik am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle, beklagte angesichts des Niedergangs des Hoffnungsträgers Qimonda, der "Hochtechnologiestandort" Dresden werde "durch einen weltweiten Subventionswettlauf in die Knie gezwungen".

Dieser Wettlauf ist zumindest Teil des Problems. Deutschland ist nicht das einzige Land, in dem der volkswirtschaftliche Wert des Schüttguts Dram immer noch mit Argumenten aus der Ära Riesenhuber überhöht wird, als sei im veredelten Sand der Generalschlüssel zur Zukunftsfähigkeit eines Industrielandes vergraben. Als die koreanische Regierung dem nach Samsung zweitgrößten Hersteller Hynix - einem Hyundai-Spin-off - im Dezember zu 600 Millionen Dollar Kreditlinie verhalf, beschwor Frank Huang, Chef des taiwanesischen Rivalen Powerchip, die Gefahr einer Importabhängigkeit seines Landes: "Wir können nicht zulassen, dass Korea als einziger Dram-Lieferant übrig bleibt." Und verlangte rasche Finanzhilfe aus Taipeh.

Subvention gilt als Gewohnheitsrecht

Sicher ist, dass auch der laut Wirtschaftsforscherin Günther subventionsgeschädigte deutsche Hightech-Standort ohne Hilfe des Fiskus nie in die Lage gekommen wäre, sich ohne Schamesröte als "Silicon Saxony" positionieren zu können. Hector Ruiz, ehemaliger Vorstandschef des zweiten großen Dresdener High-tech-Arbeitgebers AMD, lobte vorigen Herbst in einem Zeitungsinterview zwar die gut ausgebildeten Mitarbeiter als seinen Standortfaktor Nummer eins - allerdings mit der Prämisse, dass er Subventionen als Gewohnheitsrecht betrachtet. Verhandelt wird demnach nie über das Ob, nur über das Wie, das Wann und das Wieviel. Dass es irgendwo keine "finanziellen Hilfen" gebe, sei "nicht realistisch", konstatierte Ruiz: "Der weltweite Standortwettbewerb ist ziemlich hart. Und es gibt überall ziemlich ähnliche finanzielle Pakete."

Ausgerechnet die Wirtschaftskrise scheint jetzt dazu zu führen, dass sich die Chip-Konzerne anderweitig nach Sponsoren für ihre von Überkapazitäten geplagten Werke umsehen müssen. Weil der Prozessorproduzent AMD mit seinen 20 Prozent Marktanteil von der Rezession viel härter getroffen wurde als der Riese Intel, blieb Ruiz im vorigen Herbst nichts anderes übrig, als die Ölscheichs von Abu Dhabi um Hilfe zu bitten. Der Staatsfonds des Golfstaates stellte die Milliarden bereit, die AMD brauchte, um in Dresden weitermachen zu können. Um die Waffelfabrikation besser auszulasten, sind aber Chip-Entwicklung und -Produktion künftig getrennt: Das Werk an der Elbe wird zur Foundry, arbeitet also als Auftragsproduzent für AMD und andere Chip-Designer.

Wohin diese Arbeitsteilung führen wird, kann niemand abschätzen. Verschiedene Foundries in Taiwan und China stecken derzeit ebenfalls in Nöten. Die Krux besteht darin, das Werk mit Chips auszulasten, die in möglichst ähnlichen Fertigungsverfahren hergestellt werden, damit teures Equipment nicht monatelang ungenutzt herumsteht.

Am wirtschaftlichsten ist nach wie vor die klassische Massenfertigung - und die praktiziert im größten Stil der Konzern, der dem Trend zur Auslagerung in No-Name-Firmen und Joint Ventures nicht gefolgt ist: Samsung. Das koreanische Konglomerat beherrscht 40 Prozent des Weltmarktes und hat einen langen Atem; bislang kann sich das Unternehmen leisten, den Verdrängungswettbewerb aus anderen Sparten querzusubventionieren. Die Defizite bei den Chips hielten sich 2008 in Grenzen. Bis auf neun Prozent konnte Samsung nach Branchenschätzungen den durch Preisverfall bedingten Umsatzrückgang über höhere Stückzahlen ausgleichen.

Klar ist zumindest, dass die Memory-Chips ebenso wenig aussterben werden wie die Logik-Chips. Nur genügt aufgrund der Miniaturisierung und des hohen Automatisierungsgrades eine immer kleinere Zahl von Fabriken. "Die weltweite Jahresproduktion an Wafers liegt gerade mal bei vier Quadratkilometern", sagt Marktkenner Klingenstein. "Das passt in drei Frachtjumbos." Selbst wenn robuste Speicher-Chips eines Tages die empfindlichen Festplatten ablösen werden, wie die Branche hofft, heißt das nicht, dass wieder mehr Jobs in der Fertigung entstehen.

Womöglich hat das ein Mitarbeiter der Qimonda-Kommunikationsabteilung bereits 2006 geahnt. In einer Broschüre des damaligen Börsenneulings füllt ein symbolträchtiges Foto eine ganze Seite.

Es zeigt ein aus Speicher-Boards konstruiertes Kartenhaus.-

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