Ausgabe 05/2009 - Was Menschen bewegt

La Professoressa

- "Gar nicht", sagt sie. Und schaut mit altersmüden Augen, die nur noch wenig sehen, ihr Gegenüber ernst an.

Wie, gar nicht: Sie muss doch beispielsweise als junge Studentin anders gedacht haben als heute?

"Nein. Ich betreibe Zeit meines Lebens mit Hingabe Wissenschaft. Ich habe mich entschieden, auf dem Gebiet der Medizin zu forschen, weil ich anderen helfen wollte. Daran hat sich nichts geändert." Sie spricht langsam und leise. Die faltigen Finger spielen mit den goldenen Armreifen.

Aber es gibt doch bestimmt irgendetwas, das sie heute anders machen würde als beispielsweise vor 80 Jahren? "Nein."

Weiteres Nachhaken hat keinen Sinn. "Ich liebe das hohe Alter, da spürt man keinen Zorn mehr", hatte sie noch vor einem Jahr auf einer Pressekonferenz geäußert und damit selbst auf einen Wa n del im Denken hingewiesen. Jetzt aber zeigt ihr Blick, dass jeder Widerspruch zwecklos ist. "Ich verstehe Ihr Anliegen, mein Lieber", scheint der zu sagen, "aber es ist nicht üblich, mein Wort infrage zu stellen." Sie möchte nicht über Veränderungen sprechen. Sie ist Hirnforscherin, und jetzt will sie lieber erklären, warum das Gehirn auch im hohen Alter leistungsfähig bleibt.

Als ob ihre Existenz nicht ausreichend Beleg dafür wäre. Die italienische Jahrhundertfrau schreibt noch immer Bücher und hält Vorträge. Fast täglich lässt sie sich in das 2002 von ihr gegründete Europäische Institut für Hirnforschung (EBRI) am Rande Roms fahren, um mit den Wissenschaftlern zu diskutieren. "Die Beiträge der Professoressa zeugen nach wie vor von überragender Kreativität", sagt bewundernd Luigi Aloe, viele Jahre Mitarbeiter Levi-Montalcinis und heute Forschungsdirektor am staatlichen Institut für Neurobiologie und Molekularmedizin, das mit dem benachbarten EBRI eng zusammenarbeitet. "Sie hat ein phänomenales Gedächtnis", sagt Giuseppina Tripodi, seit rund vier Jahrzehnten ihre Vertraute und treibende Kraft in der Stiftung, die den Namen der Wissenschaftlerin trägt.

Tripodi assistiert ihr beim Verfassen von Büchern. Das Prozedere ist immer gleich: Die beiden Damen besprechen Kapitel für Kapitel, Levi-Montalcini gibt den Inhalt vor, Tripodi macht sich Notizen und arbeitet eine schriftliche Fassung aus - häufig für den Papierkorb. Tripodi: "Immer wenn der Professoressa eine meiner Formulierungen nicht gefällt, tadelt sie: , So habe ich das aber nicht gesagt.' Und wiederholt exakt ihren Wortlaut aus der letzten Besprechung."

Rita Levi-Montalcini sitzt, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, am Kopf des Konferenztisches in den Räumen ihrer Stiftung nahe der Piazza Bologna. Eben noch hat sie knapp und bestimmt Auskunft gegeben, jetzt doziert sie. "Das menschliche Gehirn erleidet im Alter zwar den Verlust von Neuronen. Angesichts der etwa 100 Milliarden Nervenzellen, aus denen das Gehirn besteht, ist dieser Verlust aber weniger dramatisch als häufig angenommen. Er bewirkt bei vielen Menschen keinen nennenswerten Rückgang der kognitiven und kreativen Fähigkeiten." Die kleine, zarte Frau strahlt Stolz und Autorität aus. Sie trägt ein schwarzes knöchellanges Kleid, maßgeschneidert. Die ausgestellten Schultern und der hochgeschlossene Kragen wirken wie ein Gerüst, das der zerbrechlichen Statur Halt gibt. Sie trägt feine schwarze Schuhe mit Absätzen. Und jede Menge goldenen Schmuck: Armreife, Ringe und eine große Brosche. Ihre weißgrauen Haare, die die Hörgeräte in den Ohren nicht ganz verdecken, sind frisch onduliert. "Ich kenne die Professoressa nur in diesem Aufzug. Ob zu Hause oder im Labor, immer Absätze, immer eine perfekt sitzende Frisur", sagt ihr langjähriger Mitarbeiter Aloe. Er durfte die Wissenschaftlerin 1986 zu der Verleihung des Nobelpreises nach Stockholm begleiten. Sie trug ein Kleid, das sie sich extra für diesen Anlass von dem berühmten italienischen Modemacher Roberto Capucci hatte anfertigen lassen.

"Man weiß heute, dass die verbleibenden Zellen in der Lage sind, neue Verästelungen der Nervenzellen und neue Synapsen zu bilden. Man spricht hier von neuronaler Plastizität. Der ständige Gebrauch des Gehirns führt nicht zu seinem Verschleiß, sondern fördert die Erneuerung. Er stärkt das Gehirn."

Sie lächelt. Das Faltenspiel in ihrem Gesicht zeugt von einem langen Leben. Es sind freundliche, zufriedene Falten. "Mir ist immer alles leicht gefallen", sagt sie. "Die Schwierigkeiten sind von mir abgeperlt wie das Wasser von den Federn der Enten."

Rita Levi-Montalcini wird am 22. April 1909 in Turin geboren. Es ist die Zeit des aufstrebenden Bürgertums in den nördlichen Städten des noch jungen Königreichs Italien. Sie, der ältere Bruder Gino, die ältere Schwester Anna und die Zwillingsschwester Paola wachsen in wohlhabenden Verhältnissen auf. Die Familie wohnt mit Hausangestellten am prächtigen Corso Vittorio Emanuele. Ihr Vater Adamo Levi, ein Ingenieur, besitzt eine expandierende Eisfabrik. Er trägt seinen Schnurrbart wie der König - mit nach außen gekämmten, an den Enden hochgezwirbelten Haaren. Er hat das Sagen im Haus.

"Ihr, meine Kinder, seid freie Denker"

Zum bürgerlichen Selbstverständnis der Levi-Montalcinis gehören die Liebe zu Kunst, Literatur und Musik sowie ein ausgeprägtes Interesse für das Gemeinwohl. Die Kinder werden nicht auf eine Privatschule geschickt, sondern auf eine für alle Gesellschaftsschichten. Rita Levi-Montalcini erinnert sich: "Wir wurden rigoros dazu erzogen, uns respektvoll gegenüber anderen zu verhalten, egal welcher Herkunft sie waren." Die Familie ist jüdisch, der Geist im Hause aber laizistisch. Als die junge Rita einmal gefragt wird, welchem Glauben sie angehört, weiß sie keine Antwort. Sie befragt den Vater. Der sagt feierlich: "Ihr, meine Kinder, seid freie Denker."

In einem Punkt ist der fortschrittliche Vater aber ganz dem Zeitgeist verhaftet: Mit 13 müssen seine Töchter auf ein "liceo femminile", eine Schule, die junge Mädchen auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet. Rita fühlt sich dort von Anfang an unwohl. Sie ist anders als die anderen Mädchen. Ihr Vorbild ist Albert Schweitzer, jener Arzt, der zu dieser Zeit nach Afrika gegangen war, um ein Urwaldhospital zu gründen. Wie er will sie ihr Leben den Leidenden widmen. Ihr Entschluss steht fest: Sie wird Medizin studieren. Rita Levi-Montalcini ist 19, als sie den Vater mit ihren Plänen konfrontiert. Der sagt: "Ich verbiete es dir nicht. Aber unterstützen werde ich dich auch nicht." Von diesem Zeitpunkt an stürzt sich die junge Frau mit Besessenheit auf die medizinische Wissenschaft, eine Besessenheit, der sie etliche Jahre später jenen Erfolg verdankt, den sie heute kurz "la scoperta" nennt, die Entdeckung.

Luigi Aloe erinnert: "Die Professoressa hat immer nur für die Wissenschaft gelebt. Feste feiern, in Urlaub fahren, sich vergnügen - es interessierte sie nicht." Der Wissenschaft wegen verzichtet sie sogar auf eine eigene Familie. "Einmal hat sich die Professoressa Hals über Kopf verliebt. Aber sie wusste, dass sie als Ehefrau nicht mit der gleichen Intensität würde forschen können. Darum kam eine Heirat für sie nic ht infrage", verrät Giuseppina Tripodi.

Selbst die Rassengesetze in der Zeit des Faschismus halten die Wissenschaftlerin nicht auf. Weil sie Jüdin ist, verliert sie am 16. Oktober 1938 zwar ihre Assistentenstelle an der Universität Turin. Ihre Studien setzt sie trotzdem fort. Erst an einem neurologischen Institut in Brüssel. Dann, als dort die Invasion der Nazis bevorsteht, wieder in Italien, wo sie heimlich forscht. Nach Ausbruch des Krieges bezieht sie mit ihrer Familie das Landhaus in der piemontesischen Provinz. Sie kratzt ihr Erspartes zusammen und kauft die nötigen Utensilien: Mikroskope, einen Inkubator für ihre Hühnerembryonen, ein Mikrotom und andere Instrumente. Sie klappert die Bauernhöfe der Umgebung ab und fragt nach befruchteten Eiern. Mit der Mikroschere löst sie die Hühnerembryonen aus den Eiern; den Dotter bewahrt sie auf, um Omelette zu braten. Und beginnt, in ihrem zum Labor umfunktionierten Schlafzimmer zu experimentieren. Sie will wissen, welche Faktoren die Ausdifferenzierung des Nervensystems bestimmen. "Es war bewegend, sie arbeiten zu sehen. Sie hantierte mit den ultradünnen Kanülen mit der Präzision und dem Geschick eines Künstlers", erinnert sich Renato Dulbecco, heute selbst Nobelpreisträger und seit dem Studium in Turin einer ihrer engsten Freunde.

Die Experimente im improvisierten Labor bilden die Grundlage für die bahnbrechende Entdeckung, die ihr den Nobelpreis einbringt. Es passiert 1951. Rita Levi-Montalcini arbeitet inzwischen am Institut des amerikanischen Neurowissenschaftlers Viktor Hamburger in St. Louis, Missouri. Sie transplantiert Krebszellen aus Mäusen in die Hühnerembryonen und beobachtet, dass bestimmte Nervenzellen in den Hühnern Aussprossungen bilden. Sie vermutet, dass der Tumor einen Stoff absondert, der das Nervenwachstum auslöst. Sie hofft es. Sie weiß, es wäre eine Sensation.

Denn damit hätte sie die Antwort auf die Frage, wie aus einem Zellhaufen unser Nervensystem entsteht. Schon lange bekannt ist damals, dass sich embryonale Stammzellen teilen und während der Teilung auf bestimmte Funktionen spezialisieren. Aus einer einzigen Zelle entwickelt sich so das komplexe System Mensch. Wie aber geht diese Spezialisierung vonstatten? Woher wissen etwa die Millionen Nervenfasern, in welche Richtung sie wachsen müssen, damit ein funktionsfähiges Nervensystem entsteht? Ein weiterer Versuch bringt Gewissheit: Sie hat die Antwort. Es gibt einen Botenstoff, der das Nervenwachstum steuert. "Der emotionalste Moment in meinem Leben", sagt sie heute.

"Wir werden mit dem Alter emotional stabiler"

Ihre Entdeckung führt zu einem neuen Verständnis der embryonalen Entwicklung. Man weiß jetzt: Über Botenstoffe, die die Zellen absondern, wird die Spezialisierung der umliegenden Zellen reguliert. Levi-Montalcini identifiziert mit dem sogenannten Nerve Growth Factor den ersten dieser Botenstoffe. Zunächst ist man sich in der Wissenschaftsgemeinde der Tragweite der Entdeckung nicht bewusst. Erst in den sechziger Jahren erhält sie erste Auszeichnungen, 1986 dann den Nobelpreis.

Die Italiener verehren sie, nennen sie respektvoll "la Professoressa". Seit einigen Jahren ist sie auch "Senatorin auf Lebenszeit", eine Ehre, die im Nachkriegsitalien bislang nur 42 Personen zuteil wurde. Als sie kürzlich in einer Talkshow auftritt, will das Publikum gar nicht mehr aufhören mit den Standing Ovations. Selbst für die Jugend ist sie ein Vorbild. Das zeigt sich jüngst beim Erscheinen des italienischen Ablegers von "Wired", der Zeitgeistgazette mit dem Slogan "Geschichten, Ideen und Personen, die die Welt verändern". Auf dem Titel der Erstausgabe prangte das Konterfei der Jahrhundertfrau Rita Levi-Montalcini.

Wie verändert sich nun das Denken in hundert Jahren? Das Leben der Professoressa scheint tatsächlich von beeindruckender Kontinuität zu sein. Willensstark, euphorisch und neugierig setzt sie sich gegen den Vater durch und trotzt den Faschisten. Heute bietet sie den Alterserscheinungen die Stirn, um zu tun, was sie zeitlebens gern getan hat. Sie verschlingt immer noch Bücher. Dass sie schlecht sieht, ist egal, sie lässt die Texte von Mitarbeitern auf Tonband aufnehmen. Sie feiert nach wie vor nicht gern, also feiert sie auch ihren 100. Geburtstag nicht, sondern empfängt an diesem Tag Hirnforscher aus aller Welt zu einer wissenschaftlichen Versammlung.

Ihre Vorlieben, Werte und Charakterzüge sind dieselben geblieben. Wie aber verändert sich das Denken? Was bewirkt ein Erfahrungsschatz von hundert Jahren? Ursula Staudinger ist Psycholo-gie-Professorin an der Jacobs University in Bremen. Seit vielen Jahren befasst sie sich mit der Entwicklung des Denkens und der Persönlichkeit über die Spanne eines Lebens hinweg. Sie sagt: "Wir steigern mit dem Alter automatisch unsere soziale Anpassungsfähigkeit, wir werden im Durchschnitt umgänglicher, verlässlicher und emotional stabiler." Weiser würden wir aber nicht unbedingt. Vielmehr sprächen einige Entwicklungen mit dem Alter gegen die Zunahme an Weisheit, etwa die im Durchschnitt abnehmende kognitive Leistung. Die brauche man aber, um die gemachten Erfahrungen zu bewerten. "Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, dass Menschen, die hundert Jahre und älter werden, zu einer ausgewählten Gruppe von , Überlebenden' gehören, die in verschiedensten Bereichen erstaunlich gute Leistungswerte aufweisen." Der Erhalt der kognitiven Fähigkeiten ist aber nur das eine. Zudem komme es auf die Lebenseinstellung an. "Wer sich auf den Weg zur Weisheit begibt, darf sich nicht nur um das eigene Wohlergehen kümmern, sondern muss offen für Neues sein, Dinge infrage stellen, sich selbst reflektieren, die gegebenen Umstände verändern und verbessern wollen."

Fast scheint es, als habe Rita Levi-Montalcini Pate gestanden für diese Vorstellung von Weisheit. Die 100-jährige Professoressa ist immer noch wissenshungrig. Sie setzt sich nicht zur Ruhe, sondern kämpft für eine bessere Gesellschaft. Mit den Büchern, die sie unermüdlich schreibt. Über intelligente Frauen. Über kreative Greise. Über Probleme und Perspektiven der Jugend im Internetzeitalter. Mit ihrer Stiftung setzt sie sich für die Alphabetisierung junger Frauen in Afrika ein.

Am 22. April ist sie hundert Jahre alt geworden. Wie lange will sie noch leben? "Zumindest solange mein Gehirn noch funktionsfähig ist. Im Moment ist es das. Aber das kann sich jederzeit ändern. Wenn es seine Denkfähigkeit verliert, möchte ich sterben. Es ist wichtig, in Würde zu sterben."

Rita Levi-Montalcinis Stimme wird langsam brüchig, das viele Reden strengt sie hörbar an, ihre Formulierungen aber bleiben scharf. Sie hält kurz inne, überlegt. Dann äußert sie einen Satz, den sie vor 80, 50 und auch vor 20 Jahren sicher nicht geäußert hätte. Sie sagt: "Der Körper macht, was er will. Wenn er stirbt, egal, dann stirbt er halt. Von mir aus morgen oder übermorgen. Denn ich bin nicht der Körper, ich bin das Gedächtnis. Ich bin die Botschaft, die den Tod des Körpers überlebt." -

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