Ausgabe 11/2009 - Schwerpunkt Denken

Wie wär's mit Argumenten?

Der Talkshow-Aufräumer

30 Minuten, vier Tage die Woche, rund um den Globus: Seit dem 21. September ist die CNN-Chefkorrespondentin Christine Amanpour mit ihrer neuen Polit-Show auf Sendung. "Ich möchte an das globale Bewusstsein rühren", verkündet die seit 25 Jahren im Nachrichtengeschäft tätige und mutmaßlich weltweit höchstbezahlte Journalistin auf ihrer Website.

Die Superlative klingen nur allzu bekannt. Das Format der Sendung ist es nicht. Die streng dreinschauende Reporterin jagt keinen Skandalen hinterher und hetzt auch nicht Teilnehmer von Talk-Runden gegeneinander auf. Stattdessen führt Amanpour Interviews - sehr ausführlich mit Leuten wie dem afghanischen Präsidenten, einem iranischen Nuklearbeauftragten, Bill Clinton oder Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen.

Einer von den Leuten, die die Fäden im Hintergrund der Show ziehen, ist David Price. Er sorgt dafür, dass all das, was in Amanpours Interviews zur Sprache gebracht wird, sich nicht einfach nur versendet, sondern in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht und festgehalten wird. Er hat darum gebeten, dies tun zu dürfen. Price ist groß, Anfang 30, aber nicht mehr jugendlich wirkend. Eher Akademiker als Unternehmer. Fern der CNN-Studios lebt er mit seiner Familie in einem kleinen Ort im Südwesten Englands. Zum Interview ist er in das für ihn eine halbe Bahnstunde entfernte Bristol gekommen.

In den Morgenstunden, erzählt er, habe er noch mit seinem Kollegen Peter Baldwin konferiert. Eine Art Schichtwechsel: Wenn bei Prices Frühstückszeit ist, neigt sich Baldwins Tag dem Ende zu. Der Kollege, ein ehemaliger australischer Regierungspolitiker, sitzt einige Zeitzonen entfernt. Gemeinsam bauen die beiden an der Website Debategraph.org. Baldwin ist für die Technik zuständig, Price für die redaktionelle Gestaltung und das visuelle Design. Ähnlich wie die Wikipedia ist der Debategraph als ein offenes digitales Gemeinschaftsprojekt angelegt. Ein Forum, nur eben nicht für lexikalisches Wissen, sondern für Streitfragen, Debatten und Argumente. Price steckt einen Großteil seiner Zeit in das Projekt, verdient damit aber kein Geld. "Ich verstehe mich als eine Art Social Entrepreneur", sagt er.

Kurz vor dem Start ihrer Talk-Sendung konnte Price die Star-Reporterin Amanpour davon überzeugen, den Debategraph in ihre Show einzubauen. Seitdem wächst dort, parallel zu den von ihr behandelten Themen und bestückt mit Statements und Infor mationen aus den aktuellen Sendungen, eine einzigartige Datenbank heran. Fragen und Unterfragen, Für und Wider sind strukturiert und auf eingängige Weise visuell aufbereitet. So erfährt man zum Beispiel alles über die politischen Fragen, die mit dem Afghanistan-Einsatz der Nato verbunden sind - in einer Detailtiefe und argumentativen Übersichtlichkeit, wie sie in keiner Zeitung zu finden ist.

Noch ist das ganze Projekt ein Testballon. Bis die kritische Masse an Nutzern vorhanden ist, die es braucht, damit das Forum zu einem Selbstläufer wird, legt David Price selbst Hand an - und baut täglich fleißig an der Argumenten-Landkarte. Amanpour ist dabei nicht einmal sein größtes Vorhaben. In den nächsten Wochen startet der Debategraph eine Debatten-Karte zum Klimawandel, die zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen fertig sein soll. Die Karte gehört zu einem Projekt namens Essence, das sich mit internet-basierten Techniken kollektiver Intelligenz befasst. Mit dabei sind außerdem die Open University, das Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie die World Federation of United Nations Associations.

Die falschen Propheten

Hoffnungen darauf, dass neue Medien mehr Demokratie ermöglichen, gibt es schon lange. Schon Bertolt Brecht träumte davon, das Radio in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln, der es dem Zuhörer erlaubt, auch selbst die Stimme zu erheben. Später war es die Videotechnik, der ähnliche Hoffnungen galten; dann: das Internet. Stets aber wurden die hochfliegenden Pläne enttäuscht. Das Radio ist geblieben, was es ist. Das Amateur-Video hat nicht das Fernsehen revolutioniert. Und auch das Internet hat die Debattenkultur nicht maßgeblich verändert.

Zwar wird in einem der zahllosen Online-Foren fündig, wer wissen will, ob die Welse im Aquarium vielleicht die gerade neu angeschafften Garnelen gefressen haben oder was zu tun ist, wenn der an den Computer angeschlossene Drucker nur noch Murks wie "{Lsmileface}{Lsunshine}{Lfrownface}EUR{Linfinity} (tm) ÷¿" von sich gibt. Doch wer sich, etwa bei Focus Online über Fragen wie den Sinn und Nutzen einer Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken kundig machen will, kämpft sich durch eine Liste von meist polemischen Meinungsbeiträgen, in denen sich die Autoren wechselseitig des "Schwachsinns" bezichtigen beziehungsweise zur "Vernunft" aufrufen. Der österreichische Philosoph Robert Pfaller hat für die dahinter stehende Geisteshaltung den Begriff Interpassivität geprägt. "Interpassivität besteht in delegiertem Genießen", sagt Pfaller. So, wie wenn man seine Lieblingssendung aufnimmt, statt sie im Fernsehen anzuschauen - und die Aufzeichnung aber niemals betrachtet. "Es ist, als hätte sie der Recorder bereits an unserer Stelle betrachtet." Oder wie jene Art "interessanter" Bücher, die von niemandem gelesen, aber von jedem verschenkt werden. Die mit vielen Ausrufungszeichen versehenen Botschaften im Netz richten sich Pfallers Theorie zufolge weder an einzelne Adressaten noch an eine diffuse Öffentlichkeit, sondern schlicht an niemanden. Wobei genau das jeder im Grunde auch weiß.

Jüngere wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit der Diskursqualität im Netz befassen, nähren solche Skepsis. Eher als herkömmliche Massenmedien, resümieren die Autoren des im Auftrag des Deutschen Bundestags erstellten Gutachtens "Die Besonderheiten netzbasierter politischer Kommunikation am Beispiel des Genfood-Diskurses", trage das Internet dazu bei, bestehende Positionen zu verfestigen. Das argumentative Spektrum sei insgesamt zwar breiter als in den Zeitungen; allerdings erschließe es sich erst durch die Verlinkung vieler Texte. Dass im Web alle mitreden können, sei ebenfalls ein Mythos. "Gut organisierte und größere Akteure" überwiegen "gegenüber informellen und eher ressourcenschwachen Akteuren. Die formale Gleichheit ressourcenstarker und ressourcenschwacher Akteure im Internet wird dadurch unterlaufen, dass am Ende primär die ohnehin schon bekannten Akteure eine hohe Sichtbarkeit im Netz erlangen."

Warum auch sollte im Internet funktionieren, was schon in der guten alten Offline-Welt nicht richtig klappt? "Weder das Internet im Allgemeinen noch die spezifischen Typen der Online-Kommunikation wie Web-Foren produzieren aus sich heraus einen bestimmten Typus von Kommunikation", heißt es im Resümee einer weiteren Studie über Online-Diskussionen des Themas Migration in den Niederlanden.

Dass das Internet die in es gesetzten Hoffnungen einer neuen, rationaleren und demokratischeren Kommunikation bislang enttäuscht, wundert bei näherer Betrachtung ebenso wenig wie die Tatsache, dass dies in der Offline-Welt - sei es in den Zeitungen, im Bundestag oder bei Anne Will - ebenfalls nur selten gelingt. Erstaunlich dagegen ist die Selbstverständlichkeit und Beharrlichkeit, mit der sich das Ideal des rationalen Diskurses in den Köpfen hält.

"Rational" miteinander zu reden heißt nicht nur, tatsächliche Regeln des wie auch immer richtigen Argumentierens und des fairen Umgangs miteinander zu beherzigen. Vielmehr geht es um eine Haltung: um das unverdrossene So-tun-als-ob-sich-allein-die-besseren-Argumente-durchsetzen - egal, wie es um die Realität bestellt ist. Diese kühne Unterstellung ist es, die dem Ideal des öffentlichen Diskurses, ja der Institution der Öffentlichkeit selbst als Instrument der gemeinsamen Willensbildung seit dem Zeitalter der Aufklärung zu ihrem Siegeszug verholfen hat.

Der Diskurs-Forscher

Erst heute wird deutlich, dass man mit dieser Verherrlichung des rationalen Diskurses vielleicht ein wenig über das Ziel hinaus geschossen ist. "Man kann nur fordern, dass sich Bürger und Politiker in einer bestimmten Art und Weise verhalten, wenn ihnen dies auch tatsächlich möglich ist. Wer verspricht, dass das vernünftige Gespräch Erkenntnisfortschritte und Verständigung produziert, muss zeigen, dass dies auch unter realen Bedingungen möglich ist", sagt Gary Schaal. Schaal, redegewandt und elegant gekleidet, lehrt als Professor für Politikwissenschaften an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Eines seiner Fachgebiete ist die empirische Untersuchung von Diskursqualität. Kein schlechtes Thema für einen ehrgeizigen jungen Professor: Die Diskursforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Gleichzeitig bietet der Ansatz Gelegenheit, es mit den Größen des Faches aufzunehmen, von Kant bis Habermas. "Diskurs" und "Öffentlichkeit" sind Themen, die in der politischen Theorie immer schon oben auf der Agenda standen.

In seinen Augen, sagt Schaal, hätten die Philosophen und Soziologen, die sich in der Vergangenheit mit der gesellschaftlichen Funktion und den Bedingungen von Öffentlichkeit befasst haben, den emotionalen Kontext vernachlässigt. "Wann bin ich bereit, mich auf andere einzulassen? Wann bin ich aufrichtig? So etwas spielt eine enorme Rolle."

Eine Studentin von ihm, erzählt Schaal, habe kürzlich ein Bürgerforum begleitet, bei dem per Zufall ausgeloste Menschen zusammenkommen, um politische Fragen zu diskutieren. "Als die Teilnehmer später erfuhren, dass die Ergebnisse ihrer Diskussionen von den echten Politikern gar nicht zur Kenntnis genommen wurden, hat sie das enorm frustriert. Das ist wichtig, als Anreiz: Was soll mit dem Resultat gemeinsam erzielter Überlegungen geschehen?" Auch so etwas wie ein Abstimmungsmodus kann eine Rolle spielen. "Wenn man weiß, dass am Ende eine einstimmige Entscheidung erfolgt, kommen manche Vorschläge erst gar nicht auf den Tisch. Man zensiert sich stärker."

Ob eine Diskussion erfolgreich verläuft, hängt also von der Situation ab. "Am besten", so Schaal, "funktioniert das gemeinsame Überlegen bei Problemen, die uns selbst betreffen - und die Mitdiskutanten zur Lösung Informationen beibringen können, über die nur sie verfügen. Außerdem sollten die Teilnehmer ein gewisses Eigeninteresse an der Lösung der Probleme haben. Konflikte sollten sich nicht von vornherein als unüberbrückbar darstellen. Schließlich muss ein praktisches Ziel in Sicht sein, damit man nicht nur im leeren Raum diskutiert." Darüber hinaus ist die Zusammensetzung einer Gruppe relevant. Nur dann, wenn die Diskutanten von vornherein sehr verschiedene Ansichten vertreten, stellt sich nämlich der gewünschte Effekt einer Annäherung an eine gemeinsame Position ein. Unter Gleichgesinnten passiert genau das Gegenteil: die Gesprächspartner radikalisieren sich und vertreten nach der Diskussion extremere Positionen als vorher. Dieser Effekt, genannt "Pooling", ist in Untersuchungen vielfach belegt worden (vgl. brand eins 10/2007: "Besser regieren"). Und das ist durchaus ein Problem: "Der größte Teil politischer Kommunikation erfolgt mit Gleichgesinnten", resümiert Schaal.

Derartige Beobachtungen kratzen am Selbstverständnis eines demokratischen Systems, in dem der Austausch von Meinungen und Argumenten als der Königsweg zur Entscheidungsfindung gilt. Unterm Strich, sagt Schaal, "handelt es sich bei den beobach teten Phänomenen nicht bloß um 'Verunreinigungen'". Eine ideale oder "reine" Diskussion gibt es nicht einmal in der Theorie.

Für idealistische Bastler und Macher vom Schlage David Price ist diese geballte Ladung Skepsis kein Grund zur Entmutigung, sondern eine Herausforderung. Dass die Situation bestimmt, wie eine Debatte verläuft und wie sich die Teilnehmer engagieren, ist Wasser auf ihre Mühlen - denn solche Settings zu gestalten ist ihr Geschäft.

Seit einigen Jahren schon sind Entwickler und Forscher auf der ganzen Welt dabei, neue Techniken zu entwickeln, mit deren Hilfe das Internet zu jenem Medium des rationalen Diskurses werden könnte, das es bislang noch nicht ist. Neben dem Debategraph entsteht etwa an der Open University in Großbritannien das Online-Werkzeug Cohere. Mark Klein am Center for Collective Intelligence des MIT in Boston treibt eine Web-Plattform mit dem Namen Deliberatorium voran. Andere Argumentationsprogramme sind Rationale der australischen Firma AusThink und die Software des Compendium Institute.

Gemeinsam haben alle diese Projekte, dass sie versuchen, Methoden der als Mindmapping bekannten Visualisierung von komplexen Themen mit Argumentationsstrukturen zu verbinden - und das Ganze kollektiv nutzbar zu machen.

Über die Online-Plattform Global Sensemaking, die sich der "gemeinschaftlichen Lösung verzwickter Probleme" verschrieben hat, haben sich die Forscher zusammengeschlossen, um Erfahrungen auszutauschen, gemeinsame Strategien zu verabreden und ihre Programme miteinander kompatibel zu machen. Sie teilen die Zuversicht, dass sich mit ihrer Methode zumindest einige Hindernisse beseitigen lassen, die bislang fruchtbare Debatten im Internet verhindern.

So soll die Zerlegung von Gedankengängen in ihre Einzelideen - zu denen die Programme die Nutzer hinführen - end lose Wiederholungen verhindern. Und dafür sorgen, dass alle relevanten Fakten präsent sind. Die Identität der Diskutanten tritt dabei in den Hintergrund. Wer protestieren will, braucht keine Kommentare abzugeben, sondern kann seinen Einwand direkt auf die entsprechende Gegenbehauptung beziehen.

Darüber hinaus versprechen die Entwickler der neuen Online-Werkzeuge eine beispiellose Rationalisierung der Argumentation. Fleißarbeiten wie die folgende würden enorm erleichtert: 2005 wurden für den im Auftrag der damaligen Bundesregierung erschienenen "Bericht des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung: Internet und Demokratie" 13 Einzelstudien von je meist mehr als 100 Seiten analysiert und anschließend auf 128 Seiten zusammengefasst. Ein großer Aufwand - den die Forscher mit einem Instrument wie dem Debategraph hätten vermeiden können. Sie hätten dort die Informationen in einem einzigen Diagramm zusammentragen und damit Zeit, Mühe und Papier sparen können.

Offen ist allerdings die Frage des Maßstabs. Bislang gibt es mit Gruppen von bis zu einigen Hundert Teilnehmern gute Erfahrungen mit kollektiven Argumentations-Visualisierungs-Programmen. Die Gruppen waren tatsächlich in der Lage, sich mithilfe der Software zu organisieren, ohne dass ein Moderator zu stark eingreifen musste. Die große Frage ist, ob das Gleiche auch mit sehr viel mehr Menschen funktioniert wird, die durch keinerlei verbindende Institution miteinander verbunden sind. Zum Beispiel mit einer Demokratie.

Die Demokratie-Designerin

Beth Noveck heißt die Fachfrau für diese Frage. Noveck, die sich in den vergangenen Jahren vor allem mit einem erfolgreichen Projekt zur Bürgerbeteiligung bei Patentverfahren (P2P-Patenting) einen Namen gemacht hat, lehrt an der New York Law School. Und ist spezialisiert auf Fragen des, wie sie es nennt, "Demokratie-Designs". Mit ihr zu sprechen ist im Moment schwierig. Noveck ist von ihrem Lehrstuhl beurlaubt, um als Chief Technology Officer die Open-Government-Initiative des US-Präsidenten Barack Obama aufzubauen. Mit neuen, internet-vermittelten Methoden soll die Initiative die Einbindung der Bürger in das politische Geschehen vorantreiben.

"Einzelne Personen haben eine enorme Entscheidungsmacht, ohne dass sie über die geeigneten Informationen verfügen, um ihre Aufgabe angemessen zu erfüllen. Das ist die Schwachstelle unserer Demokratie", sagte die Juristin vergangenes Jahr bei einem Vortrag in Stanford, der auf Youtube zu sehen ist. "Die Frage ist deshalb: Wie verbindet man die Weisheit der vielen mit den Insti tutionen, wo immer nur die wenigen das Sagen haben?

Es mangelt nicht an Ideen und Initiativen: In New York, erzählt Noveck, gebe es etwa den "East Village Idiot Blog" und die "Hotline 311". Bürger können dort melden, wenn etwas nicht funktioniert: eine kaputte Ampel, ein Schlagloch im Asphalt, überquellende Mülleimer. In Großbritannien könnten Bürger online Volksbegehren auf den Weg bringen - und darüber abstimmen. In Südkorea reichen Bürger bei der Regierung Beschwerden ein - und sind in der Lage, zu verfolgen, was die Behörden unternehmen, um Abhilfe zu schaffen. Im US-Bundesstaat Connecticut bringen Bürger gemeinsam Projekte auf den Weg; gleichzeitig verpflichten sie die kommunalen Behörden, ebenfalls einen Teil beizusteuern.

Mitmach-Demokratie, Collaborative Democracy - so nennt man diese neue Form der Bürgerbeteiligung via Internet. Statt gemeinsam zu diskutieren, soll es darum gehen, gemeinsam etwas anzupacken. Wirksamkeit, sagt Beth Noveck, sei in einer Mitmach-Demokratie wichtiger als Gleichheit, Verschiedenheit relevanter als Repräsentativität. Passend dazu hat sie ein von ihr gegründetes und an die New York Law School angedocktes Forschungsinstitut, das sich mit Fragen des Democracy Design befasst, einfach Do Tank (statt Think Tank) benannt.

Was Noveck und ihre Kollegen beim Do Tank umtreibt, ist vor allem die Frage, wie man Menschen motiviert, sich zu beteiligen. Eine Antwort lässt sich aus Erfahrungen mit der Mitmach-Demokratie bereits ableiten: Dort mit anzupacken, wo eigene Fähigkeiten und Expertise besonders gefragt sind, ist ungleich attraktiver, als einfach nur anonym einen Stimmzettel abzugeben.

Die Aufgabe für die Demokratie-Designer vom Do Tank besteht deshalb darin, die passenden Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass jeder seinen Platz finden kann - nicht nur in der Nachbarschaft, sondern auch im Internet. Statt eines traditionellen Netzes kommunaler Versammlungsorte, an denen Bürger zusammenkommen, sollen demokratische Institutionen entstehen, die einerseits einen ungleich größeren Einzugsbereich haben, andererseits aber dadurch begrenzt sind, dass sie den Spezialisten im Bürger ansprechen. Das größte Problem dabei: die Überwindung der Anonymität, die sich durch internet-vermittelte Kommunikation einstellt.

Innerhalb von Gruppen, die bereits eine gemeinsame Identität haben, so eine Beobachtung, ist es immer leichter, etwas auf die Beine zu stellen. Wie also kann man im Internet etwas schaffen, das ähnlich funktioniert wie das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit in der realen Welt?

Noveck und ihre Kollegen arbeiten an verschiedenen Lösungen. Nahe liegend sind visuelle Gestaltungsmittel, die im Web die Identität einer Gruppe und den Fluss der Aktivitäten zum Ausdruck bringen. "Wenn wir gemeinsam mit anderen etwas anschauen", so Beth Noveck, "überbrücken wir die Spaltung und Mehrdeutigkeit, die oft durch Worte allein nicht vermieden werden kann."

Andere Überlegungen gehen dahin, den Nutzern des sozialen Netzes gewisse Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen. Damit einher geht zwar eine gewisse Gefahr des Vandalismus - gleichzeitig wird so aber auch die Basis einer Vertrauensbeziehung sozusagen in die Software eingeschrieben.

Noch weiter geht die Idee, dass sich Gemeinschaften im Netz zu einer Art virtuellen Firma zusammenschließen könnten, um den Zusammenhalt in den eigenen Reihen zu stärken. Die passende Rechtsform dafür ist bereits von Wissenschaftlern der New York Law School ausgetüftelt worden. Im US-Bundesstaat Vermont wird sie sogar schon praktiziert: Dort können Firmen ganz ohne eine Adresse in der realen Welt ein Unternehmen gründen und ein Konto eröffnen.

Möglich, dass - eingebettet in eine Mitmach-Demokratie, an deren Design Beth Noveck und ihre Kollegen arbeiten - Techniken wie der Debategraph ein ungeahntes Potenzial entfalten. Doch natürlich kann das niemand vorhersagen. Und: Selbst wenn am Ende einer Diskussion die Argumente fein säuberlich und für alle sichtbar auf dem Tisch liegen, ist nicht immer klar, was die bestmögliche Lösung ist. Schon gar nicht ist mit der bloßen Klärung der Argumente bereits eine gemeinsame Entscheidung getroffen. Denn optimale Ergebnisse für strittige Fragen, die man mittels ideal-rationaler Auseinandersetzung bloß zutage zu fördern braucht, gibt es in den seltensten Fällen. Und das wird sich auch nicht ändern. "Gerade deshalb brauchen wir Politik", sagt Gary Schaal: "Weil es keine richtigen Lösungen gibt. Deshalb müssen wir diskutieren." -

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