Ausgabe 11/2009 - Schwerpunkt Denken

Die Besserwisser

1. Geschäftsschädigung

Als sich die Erben des großen englischen Denkers und Forschers Isaac Newton im Jahr 1727 daran machten, die Hinterlassenschaften des Meisters zu sichten und zu ordnen, erlebten sie eine böse Überraschung. Inmitten der Aufzeichnungen und Gerätschaften des Labors, in dem Newton die Grundlagen für die moderne Physik gelegt hatte, stießen sie auf merkwürdige Dinge: Sachen, die mit logischer, systematischer und also vernünf tiger Denkarbeit wenig zu tun hatten. Allerlei Kram, den der Gelehrte heimlich, aber offensichtlich mit großer Leidenschaft sammelte. Materialien zum "Goldmachen", alchemistisches Zeug, esoterisches Gewurble.

Was für eine Schande! Und mehr als das: Der Fund war geschäftsschädigend.

Schon zu Lebzeiten war Sir Isaac Newton zu einem Leuchtturm des neuen Wissens geworden. Weit über seine Heimat anerkannt, stand er für eine aufgeklärte, vernünftige und zielgerichtete Wissenschaft - Denken mit Hand und Fuß sozusagen. Wie sollte man der Welt nun diesen Teil seines Vermächtnisses erklären? Die Leute wür den sagen, dass der Alte nicht alle Tassen im Schrank gehabt hätte. Für die Erben war das mehr als peinlich. Denn man lebte schließlich auch vom Ruf des Alten. Das Zeug, so viel stand fest, musste weg.

So wurden die Wohnräume und Labors Sir Isaac Newtons von der besorgten Verwandtschaft gründlich auf alle Spuren esoterischer Nebenbeschäftigungen durchsucht und von ihnen gesäubert. Weil doch noch ein gewisses Maß an Ehrfurcht und Respekt vor den Utensilien, mit denen der Meister hantierte, bestand, packten die Erben alles fein säuberlich in einen großen Koffer, den sie im Garten des Newton'schen Anwesens verbuddelten. Erst viele Jahre später fand man bei Umbauarbeiten den Kram, und selbst dann waren die Nachfahren und Sachwalter des Newton'schen Weltbildes nicht bereit, reinen Tisch zu machen - und den Koffer auszupacken. Erst in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts - mittlerweile hatten Leute wie Albert Einstein das "Newton'sche Weltbild" einer gründlichen Revision unterzogen - wurde die Hinterlassenschaft auf den Markt geworfen. In London wurden auch die alchemistischen Bestände Newtons versteigert. Die Manuskripte landeten bei einem berühmten Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes (was ganz nebenbei schon einiges erklärt).

Die Sache mit dem Koffer, die der italienische Autor Federico Di Trocchio in seinem Buch "Newtons Koffer" im Jahr 1998 noch mal aufrollte, zeigt vor allen Dingen eines: Wer Neues denkt, hat selten Freunde. Und wer glaubt, dass das nur 1727 galt, der war schon länger nicht mehr vor der Tür. Dabei klingt Wissensgesellschaft, die neue Formation, in der Wirtschaft und Gesellschaft aufgestellt sind, irgendwie schon nach Denken. Denken ist, laut Schischkoffs "Philosophischem Wörterbuch", ein Vorgang, bei dem "Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffe eine Erkenntnis formen", um daraus "brauchbare Handlungsanweisungen zur Meisterung von Lebenssituationen zu gewinnen". Das klingt praktisch, und das ist es auch.

Aber es hat seine Tücken.

Am Beispiel Newton wird das klar. Dass nämlich die Erben den alchemistischen Zweig des Meisters verpackten und verscharrten, war praktisch unvermeidlich. Denn die Mitbewerber des großen Denkers hätten mit diesem Fund gleich das Gesamtwerk des Meisters infrage gestellt. Darauf lauerte beispielsweise die halbe Royal Society, die angesehene Forschervereinigung des Königreiches. Deren Mitglieder hatten durch Newtons fundamentale Entdeckungen auf dem Gebiet der Optik (Spektrum und Teilchentheorie des Lichts), der Mechanik (Gravitationsgesetz) und der Mathematik (Infinitesimalrechnung) einerseits jede Menge Erkenntnisse gewonnen andererseits wurden ihre eigenen Arbeiten widerlegt. Das war auch Geschäftsschädigung und bedeutete vor allem jede Menge Mehrarbeit. Selbst diejenigen, die die Früchte des Denkens schätzen, haben es nicht so sehr mit unfreiwil ligen Überstunden. Es gab viele, die Newton diskreditieren wollten - erst recht nach seinem Tod. Und dass Newton seine Erkenntnisse tapfer verteidigte, machte die Sache nicht besser.

Sagen wir es, wie es ist: Newton war ein Klugscheißer, einer, der neu denkt und das auch laut sagt. Ein Besserwisser eben. Einer, der den Seelenfrieden und die Ruhe anderer stört. Die Idylle all jener, die nicht wissen, wie es besser geht.

Im Großen und Ganzen kann man die sich geistig anstrengende Menschheit, also ohnehin wohl nur einen Bruchteil der Gesamtpopulation, in zwei Denkschulen einteilen: in die Denkbürokraten und die Denkunternehmer. Newton war ohne Zweifel Denkunternehmer, denn was er an Wissen produzierte und damit an Problemen löste, gab es vor ihm nicht. Damit stellte er sich aber zwangsläufig gegen die große Mehrzahl jener, die mit dem vorhandenen Wissen gut ausgekommen waren, es verwaltet und sich gemütlich darin eingerichtet hatten: die Denkbeamten. Leute, von denen Di Trocchio schreibt: "Sie waren nicht nur nicht in der Lage, anders zu denken, sondern weisen diejenigen, die es versuchen, auch noch zurück und grenzen sie aus."

Wer Bürokraten bei der Routine stört, der kann schon mal die Koffer packen.

2. Denken an sich

Es gibt Leute, die halten das Internet für eine große Denkmaschine, in der die kollektive Intelligenz ausbricht; und es gibt Leute, die halten das Internet für die Heimat der Doofen und Bekloppten. Für beide Thesen spricht eine Menge. Dazwischen ist gelegentlich ein wenig Erkenntnis. In unserem Fall liegt diese in einer scheinbar nebensächlichen Debatte in einem Web-Forum namens Yahoo -Clever verborgen. Dort wurde vor geraumer Zeit eine schöne Debatte zum Thema Denken geführt. Was ist das eigentlich? Und kann man das auch lassen? Nee, fanden die meisten Forenmitglieder, das geht gar nicht, es bleibt einem ja gar nichts anderes übrig, als zu denken. Man denkt eigentlich ununterbrochen, jede wache Sekunde.

Dann aber kam ihr Newton. Einer, der nicht viel herumquatschte, die Sache aber auf den Punkt brachte: Es gehe, so sein Beitrag sinngemäß, doch überhaupt nicht um die Frage, ob man denkt oder nicht. Sondern ob man nachdenkt oder nicht. Denken. Nachdenken. Das sind zwei Paar Stiefel. Darüber solltet ihr mal nachdenken. Guten Abend allerseits.

Nach dieser Wortmeldung kam die Debatte nicht mehr so richtig in Schwung, und die optimistische Interpretation dieser Funkstille ist, dass sich die Forenteilnehmer seither die Köpfe über diesen Zwischenruf zerbrechen. Gut wäre das schon. Schöner als der unbekannte Held des Denkens aus dem Yahoo-Clever-Forum kann man es nämlich nicht sagen. Denken ist echt keine große Sache. Denken kann jeder Trottel. In Abwandlung der auf die Kommunikation gemünzten Einsicht des Psychologen Paul Watzlawick kann man getrost sagen: "Man kann nicht nicht denken." Irgendwas ist immer. Aber was?

Diese energische Frage muss man sich am Beginn der Wissensgesellschaft schon mal stellen. Wie gehen wir mit Denken und Denkern um? Haben wir verstanden, dass ihre Erkenntnisse die Grundlage für un ser täglich Brot sind? Oder machen wir nur unsere Arbeit - oder wie man früher sagte: Tun wir nur unsere Pflicht? Dass man da ein "nur" verwendet, zeigt schon, wie der Hase läuft. Wer von Wissen lebt, muss mehr tun als seine Pflicht, mehr, als die Rou tine verlangt. Was bedeutet es, wenn man sagt: Wissen ist die wichtigste Ressource? Und wo liegen die Unterschiede zwischen Routinedenken und Nachdenken? Wer ist Denkbürokrat, wer Denkunternehmer? Die Unterschiede waren bisher Nebensache.

Hilft uns die Gehirnforschung weiter? Die besten und teuersten Messgeräte der Neurologen können den Unterschied zwischen hohlem Routinedenken und Geistesblitz nicht zutage fördern. Das Gehirnbild zweier Menschen, die man kopfseitig in den Kernspintomografen packt, brächte keine Erkenntnis über die Qualität ihres Denkens. Der eine, der sich gerade den Kopf über sein Wochenhoroskop zerbricht, wäre vom anderen, der eben eine Formel zur endlosen und sauberen Herstellung von Energie gefunden hat, nicht zu unterscheiden. Ein wenig Zucken und Blitzen irgendwo zwischen Thamalus, Fornix, Cortex und Hippocampus wäre alles, was die Monitore zeigen könnten. Möglicherweise blinkte es beim einen ein wenig mehr im Stirnlappenbereich, dort, wo die Forscher den "Sitz" des "Selbst" vermuten. Doch sicher ist das nicht. Die Geräte könnten uns nicht sagen, ob gerade ein Einfaltspinsel oder ein Genie vom Scanner erfasst wird.

Denken an sich ist auch anders nicht einzuordnen. Von den elf Millionen Informationssignalen (Bits), die unser Gehirn pro Sekunde, vermittelt durch unsere Sinnesorgane, erreichen, bleiben gerade mal 40 Bits übrig - also der 275 000. Teil des Ganzen -, um daraus einen bewussten Gedanken zu formen. Mehr packt das Gehirn nicht. Der Rest versickert im großen Unbewussten, das vom alten archaischen Stammhirn beansprucht wird; er mündet in die automatischen Abläufe, das Steuern von Muskeln, Bewegungen, Reaktionen und all den notwendigen Kram, den unser Organismus braucht, um am Laufen gehalten zu werden. Reine Selbsterhaltung ist also ein sehr aufwendiges Geschäft.

Auch hier gilt die Einsicht, dass die meisten Informationen und der größte Teil der Energie dafür aufgewandt wird, die Routine - die biologische Bürokratie - am Laufen zu halten. Fürs Nachdenken - Voraussetzung von Innovation, Verbesserung und bewusster Problemlösung bleibt nur ein Bruchteil übrig. Das menschliche Gehirn hat einen ziemlich ungünstigen F & E-Faktor. Die 40 Bits sind aber unser einziges Kapital.

3. Die Störung

Selbst das ist noch eine Übertreibung, denn bereits Grübeln über die Bedeutung von Horos kopen ist Nachdenken und nicht Gehirnroutine. Das ist eine ziemlich bescheidene Prognose für die Wissensgesellschaft. Doch die Mittel müssen genügen. Das lehrt die Erfahrung.

Die Konflikte zwischen Alt und Neu, Routine und Innovation, Denkbürokratie und Denkunternehmern bestimmen seit jeher die Entwicklung. Was Newton - wie so viele seiner Art - auszeichnet, war das, was der große Ökonom Joseph A. Schumpeter die schöpferische Zerstörung nannte, die eine der Grundfunktionen des Kapitalismus ist - und nicht allein dieser Wirtschaftsform. Jede Innovation bringt Durchbruch, eine Revolution, jede Erfindung zumindest eine spürbare Veränderung - oder Störung - des bestehenden Systems und des Verhaltens der Leute, die es tragen. Der durch Nachdenken ausgelöste Erkenntnissprung bedroht das Bestehende, die Routine. Nachdenken stört die Routine - oder zerstört sie sogar.

Die meisten Menschen waren und sind bis heute vornehmlich mit der Verwaltung des Bestehenden beschäftigt. Das Produkt von Nachdenken, das Neues schafft, ist für die Mehrheit also bestenfalls ärgerlich - weil sie von ihren Routinen abweichen müssen. Dies gilt sogar dann, wenn sie daraus einen Nutzen ziehen könnten, wenn nämlich die Innovation, die sie "stört", auf längere Sicht eine Arbeitserleichterung oder höhere Einkommen und Gewinne bescheren würde.

Die fast natürliche Reaktion auf die Innovation ist also die Abwehr. Das ist nur verständlich: Die Routinierten sind das Ziel der Attacken der Erneuerung. Schumpeter war sich bei seiner Arbeit dieser menschlichen Grundmuster bewusster als alle Ökonomen vor ihm - und den meisten danach. In seinem Buch "Konjunkturzyklen" aus dem Jahr 1939, dem unmittelbaren Vorgänger seines Opus magnum "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" (1942), beschreibt er die Macht der Denkroutinen, der "Vorlieben", wie er es nennt, an dramatischen Beispielen. Er berichtet vom Schicksal jenes preußischen Innovators, der den Bandwebstuhl erdachte, ein für die massenhafte Herstellung von Stoffen wesentlicher Apparat. Allerdings hätte die Maschine auch das Weber-Establishment seiner Zeit arg bedrängt. Auf Betreiben der Konkurrenzunternehmer wurde der Mann - durch Urteil der Danziger Stadtbehörde - im Jahr 1579 erdrosselt. Es dauerte fast zwei Jahrhunderte, bis sich das Prinzip gegen alle Widerstände neu entfalten konnte - und zu einer der wichtigsten Maschinen der frühen industriellen Revolution führte.

In England wurden im Jahr 1624 Maschinen zerstört, mit denen Nadeln automatisiert hergestellt werden konnten; ein königliches Dekret sorgte für die zügige Exekution. Sogenannte Maschinenstürmer, das zeigt Schumpeter in einer Reihe von Beispielen, waren nicht immer wütende Arbeiter, die als Automationsopfer - quasi im Affekt - gegen die Innovation anrannten. Oft genug waren es Routine-Unternehmer und Behörden selbst, die das Neugeschaffene - und bei Gelegenheit auch gleich dessen Schöpfer - demolierten, weil sie die Perspektive der Innovation durchaus richtig einschätzten: Wir müssen das verhindern, weil wir uns sonst ändern müssen.

4. Die Alchemisten

Als Schumpeter seine Karriere als Ökonom begann, war er, wie die meisten seiner Kollegen bis heute, von Zahlen und Modellen besessen. Doch er wurde zum Meister der Erfahrung, zu einem Ökonomen, der unaufhörlich predigte, dass man das Wesen des Kapitalismus und des Unternehmertums eben nur dann verstehen kann, wenn man die Wirtschaftswissenschaften mit dem historischen Gedächtnis, der Geschichte paart. Wie denken Menschen? Das ist die eigentliche Frage. Nicht Modelle und große "allgemeine Theorien" beantworten diese Frage, auch wenn eine solche Vorstellung heute wieder populär geworden ist. Die große Mehrheit der Ökonomen verliert sich in mathematischen Spielereien und theoretischen Modellen abseits der Realität. Diese Modelle folgen einer Logik, die ähnlich albern ist wie die Spielchen mit jenen Bits und Bytes, die zum Gehirn durchdringen. Sie suggerieren Seriosität - eine naturwissenschaftliche Grundlage mit dem Ziel eines unumstößlichen, "ewigen" Ge setzes. Doch das ist Unfug. Die Gesellschaft ist ebenso in Bewegung, wie es der Kapitalismus ist. Nachdenken und das Schöpfen von Neuem bedeuten eben Veränderung, was für Leute, die lieber ihre Ruhe hätten, ärgerlich ist. Diese geistige Schonhaltung kann man auch Antikapitalismus nennen.

Der vermeintliche Schutz gegen die Attacken der Erneuerung ist, dass man sich "spezialisiert", zum "Experten" wird. In dieser Nische ist es gestattet, dass das Denken zur Routine wird und sich nicht mehr über den Tellerrand hinaus bewegt. Forscher und Denker verfahren dabei ganz ähnlich wie Juristen, die die Grundlage der modernen Beamtenschaft bilden. Ihr Merkmal ist eine Sprache, ein Code, der die erste Schutzhülle gegen Eindringlinge von außen darstellt. Die zweite Schutzschicht ist ein enges Regelwerk, sind Standards, Normen und sogenannte "Prozesse", die zwingend vorgeschrieben werden. Was innerhalb dieser Welt passiert, ist ziemlich berechenbar. Innovationen und Erneuerungen werden sofort als solche erkannt - wie Fremdkörper vom Immunsystem. Das ist nichts Neues. Im Mittelalter gaben sich die Zünfte und die "Zechen" der Handwerker klare, nicht öffentliche Regeln, um sich gegen potenzielle Konkurrenten abzuschotten. Im Großen erledigen das heute Verbände, Parteien und Lobbys.

Auf der breiten Fläche ist die Denkroutine, der intellektuelle Bürokratismus, durch die Experten und Spezialistenkaste repräsentiert. Hier wird gedacht, selbstverständlich, aber immer nur in den engen und vorgegebenen Korridoren der Regeln und Methoden, deren Einhaltung man streng bewacht. In diesen Systemen ist alles auf Erhalt abgestellt. Das ist Bürokratie, nicht mehr Produktion, und das Klima ist naturgemäß innovationsfeindlich. Aber auch diese Systeme müssen sich gelegentlich erneuern, sich anpassen - allerdings in unglaublich zähem Tempo. Das nennt man Reformen. Reformen beinhalten immer ein Nachdenkverbot.

Es geht darum, das bestehende System eben nicht durch ein neues zu ersetzen, sondern es mit allen Mitteln am Laufen zu halten. Das erklärt nicht nur die unfassbare Zähigkeit von Reform prozessen in der Politik. Auch in vielen Unter nehmen hat der intellektuelle Bürokratismus längst das Sagen - und er verhindert immer erfolgreicher Neues oder auch nur die Debatte darüber. Dieser Prozess hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt etabliert. Es ist kein Zufall, dass dabei von den Menschen, die in diesen Systemen arbeiten, immer öfter Begriffe wie "Routine" und "Kreislauf" benutzt werden. Letzteres klingt schick - ist aber ein untrügliches Zeichen für Denkbürokratie, die sich im Kreis dreht.

Wer mehr will, "schießt übers Ziel hinaus", dem fehlt "das richtige Augenmaß", der hat "die Bodenhaftung verloren" oder "die Folgen seines Handelns nicht bedacht". Die ganze Killerphraseologie des Alltags zielt auf ein Kopfbeamtentum ab. Wer etwas besser weiß, gilt als Klugscheißer. Ein Systemfeind.

Nachdenken geht aber anders. Es ist und bleibt ein ergebnisoffener Prozess. Nachdenken sagt nie: Das geht mich nichts an, da kenne ich mich nicht aus. Früher hielt man es für richtig, dass sich gebildete Menschen auch um Dinge den Kopf zerbrachen, die nicht "ihre Sache" sind. Der liberale Citoyen, der auf deutschem Boden stets nur in homöopathischen Dosen vorkam, verstand sich als Nachdenker - als jemand, der das, was Experten, Interessengruppen und Sys teme als richtig und falsch darstellten, nochmals selbstständig überdachte. Diese Leute waren Besserwisser, weil sie im wahrsten Sinn des Wortes durch Nachdenken zu besserem Wissen kamen. Die Dienstbezeichnung dieser Leute, gleichsam zum Schimpfwort geworden, heißt Intellektuelle.

5. Intellektuelle

Menschen, die ihren Intellekt benutzen, strengen sich an, um Erkenntnis und Einsichten zu gewinnen, also um nachzudenken. Im Idealfall ist der Intellektuelle damit der Denkunternehmer schlechthin - der auch bestehende Weltbilder und Positionen zerstört, um eigenständige, selbst ständig erworbene Erkenntnis - neues Wissen also - zu erlangen. Solche Leute haben in Denkbürokratien aber ganz schlechte Karten.

Niemand fordert heute, zu Beginn der Wissensgesellschaft, mehr Intellekt - gefordert wird mehr Bildung, und das meist im Sinne von Ausbildung, also Spezialistentum. Nun ist Bildung sicher eine Voraussetzung für Nachdenken, aber auch nicht mehr: Sie ist der Werkzeugkasten, aus dem man sich bedient, wenn man etwas Neues schafft. Die totale Überhöhung von Bildung - und eben nicht von Nachdenken - weist darauf hin, dass niemand Lust hat, sich mit selbstständigen Denkern auseinanderzusetzen. Verräterisch ist in diesem Zusammenhang das Wort Kopfarbeiter. Was man wirklich will, sind jede Menge Spezialisten, Akademiker, wenn möglich, die ihren Intellekt nicht nutzen, um selbstständig zu denken. Sie sollen in der Tradition des Fabrikarbeiters tun, was man ihnen sagt - und nicht stören, schon gar nicht unternehmerisch.

Einer der Ersten, die das in vollem Umfang erkannt haben, war der Staatsgründer der früheren Sowjetunion, Wladimir Iljitsch Lenin. Der 1870 geborene Russe war selbst durch und durch ein "Intellektueller", ein Angehöriger der "Intelligenz". Sein kritisches Reflektieren über das, was man im zaristischen Russland für richtig und falsch hielt, machte ihn dazu. Doch auf dem Weg zur Macht lernte Lenin, wie leicht selbstständig denkende, kritische Menschen schöne Pläne stören können. Diese Leute stellten ihm Fragen zum Aufbau der Partei, der Organisation. Und vor allem stellten sie infrage, ob seine, Lenins, Sicht der Dinge die Lösung der Probleme ist. Mist.

Wütend schreibt er 1904: "Niemand wird zu leugnen wagen, dass die Intelligenz als beson dere Schicht der modernen kapitalistischen Gesellschaft im Großen und Ganzen gerade durch den Individualismus und die Unfähigkeit zur Disziplin und Organisation gekennzeichnet ist." Intellek tuelle sind für Lenin "überhaupt alle Gebildeten, Vertreter freier Berufe". Hier lauert die Gefahr. In der Selbstständigkeit, die natürlich im Kopf beginnt. Unberechenbar. Mit solchen Leuten ist kein Staat zu machen, schon gar kein sozialistisches Paradies.

Zuverlässig beseitigen totalitäre Regime so fort nach der Machtübernahme deshalb zuerst die Intellektuellen. Dass von denen größte Gefahr selbst dann ausgeht, wenn man meint, die Macht stabilisiert zu haben, zeigen prominente Beispiele wie Alexander Solschenizyn in der UdSSR oder Robert Havemann in der DDR, die selbst unter den Bedingungen der Diktatur noch versuchten, eine Handlungsalternative aufzuzeigen. Schließlich ist das der wichtigste Job des Nachdenkers: eine Alternative zur Routine, zum Bestehenden zu zeigen. Genauer gesagt: Es wäre sein wich tigster Job.

Denn es gibt auch Situationen, in denen die vermeintlichen Nachdenker zu den wichtigsten Stabilisatoren des Bestehenden werden. Das sieht nur nicht immer gleich so aus. Rund um das Jahr 1968 war es nahezu Pflicht für jeden Intellektuellen, sich zu den Zielen der Studentenbewegung zu bekennen. Diese Ziele waren durchaus echte Innovationen - eine radikale Zerstörung des spießigbürgerlichen Nachkriegsmilieus, das herrschte, ein Aufbruch, der für mehr Demokratie sorgen sollte. Recht schnell war aber auch klar, dass die Umsetzung der "Innovation" in dem Umfang und in der Geschwindigkeit, die man sich wünschte, nicht machbar war. Und dazu kam auch die Einsicht, dass es nicht genügen konnte, nur Nein zu sagen - ohne eine gesellschaftliche Innovation zu entwickeln, die von der Mehrheit akzeptiert wird. Intellektuelle wie Jürgen Habermas, die auf diesen Widerspruch hinwiesen, wirkten wie einsame Rufer in der Wüste.

Damals war viel vom Nachdenken die Rede.

Man stellte viele Fragen. Die Antwort aber war bereits vorgegeben. Sie lautete: nein. Nein und nochmals nein, insbesondere dort, wo es um Wirtschaft und Technik ging. So ist das bis heute unter "anständigen Intellektuellen" geblieben. Ein anständiger deutscher Intellektueller muss selbstverständlich - nach der Finanzkrise - einen "kritischen Standpunkt" zu dem haben, was er für "Kapitalismus" hält - und was meist nichts anderes ist als ein Unbehagen, gepaart mit einer Portion Unwissenheit und der Unfähigkeit, in einen Diskurs einzutreten. Dass man die Regeln kennen muss, bevor man sie bricht, davon will niemand etwas wissen.

Statt auf Besserwissen setzt man auf Starrsinn, Arroganz und Behauptungen, die so lange wiederholt werden, bis sie zum festen Bestandteil der Folklore werden. Praktisch - denn darüber muss man nicht streiten und schon gar nichts dazulernen. Und wenn mal statt eines trotzigen Neins wider Erwarten ein Vorschlag kommt, dann kann man sicher sein, dass damit mehr Knete vom Staat gemeint ist. Diese Intellektuellen sind keine. Damit macht man Karriere in einer Gesellschaft, die den Unterschied zwischen Wichtigtuerei und konstruktiver Kritik nicht mehr kennen will. Die nicht mehr fragt, was das Nachdenken nützt, sondern die nur mehr Denkbeamte fordert.

6. Querdenker

Wo ist der Intellekt, das Nachdenken? Einige meinen, er habe sich in der Nachkriegsgesellschaft sozusagen gleichmäßig im Volk verteilt, was man auch "Demokratisierung des Wissens" nennen kann. Intellektuelle bräuchte man nicht mehr, weil ja alle irgendwie schon intellektuell geworden seien. Klingt gut, aber wovon ist eigentlich die Rede? Sind die Bürger und Angestellten so unabhängig durch ihr Wissen, dass sie sich selbstständig machen können, oder haben die meisten Angst um ihren Arbeitsplatz und ihr regelmäßiges Einkommen? Treffen die meisten Bürger selbstständige Entscheidungen für ihr Leben und brechen aus der oft beklagten Routine aus? Wie sieht's aus?

Hätte sich das Wissen "demokratisiert", dann dürfte die Routine und die Denkbürokratie in Unternehmen und Organisationen gar nicht existieren. Denn längst müssten dort alle gemeinsam an einem Strang ziehen, um durch Nachdenken immer wieder zu Innovationen zu kommen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bürokratisierung nimmt in dem Maße zu, in dem in bunten Konzernbroschüren der gemeinsame Wille zur Innovation beschworen wird. Als Hinweis für diese Entwick lung dient der Begriff des "Querdenkers". Das sind Leute, die, einfach gesagt, etwas anderes glauben, meinen oder sagen als die im Corporate Design erzogenen Mitarbeiter einer Organisation. Warum eigentlich "quer"?

Früher nannte man Leute, die uns durch Nachdenken weiterbrachten, Vordenker. Quer hingegen verwenden wir in der Sprache nur, wenn etwas stört. Da liegt etwas im Weg, da steckt etwas fest, da behindert etwas den Ablauf. Querdenken ist also nicht normal. Nachdenken, so lernen wir daraus, geht nicht mehr nach vorn los, sondern kommt uns in die Quere. Das zeigt den ganzen Größenwahn der "effizienten Organisation". Ihre Protagonisten, die sogenannten Macher, halten sich für perfekt. Sie können alles. Ab und zu lassen sie dann einen Hofnarren antanzen, ein bisschen Spaß muss sein. Wer sich ansieht, wie sich die Macher, also die führenden Denkbürokraten, des Intellekts anderer Leute bedienen, weiß, wie weit es mit dem Denken gekommen ist. Man bestellt sich Querdenker wie einen Milchkaffee. Die Macher kennen den Unter schied eh nicht.

Für den Umstand, dass Nachdenken in Organisationen nur der Form halber erwünscht ist, spricht auch das schöne Wort "Thinktank", auf Deutsch ein wenig verräterisch "Denkfabrik" genannt. Diese ausgelagerten Denkeinheiten gibt es seit Jahrzehnten mit der Begründung, dass radikales Nachdenken und Innovationsstreben in der Organisation selbst durch zu viele "Faktoren" beeinflusst werden würde. Was bedeutet das?

Dass man Nachdenker, die im Sinne des Unternehmens, der Organisation über Verbesse rungen und Innovationen nachdenken, vor der Bürokratie schützen muss? Fürchtet man um den Betriebsfrieden, ein anderes Wort für bürokratische Routine? Drohen Störungen im sozialis tischen Gang? Gar Veränderungen?

Nachdenken wird wie Aussatz behandelt. Es herrscht Denk-Quarantäne. Die Bürokratisierung ist so weit fortgeschritten, dass man sie nicht mehr direkt mit Innovatoren konfrontieren will oder kann. Deshalb werden Thinktanks und Querdenker ausgelagert oder in den Organisationen sorgfältig isoliert. Dabei geht immer mehr Substanz verloren: Wo die Auseinandersetzung fehlt, der Diskurs, wie man das in grauer Vorzeit nannte, verlieren die isolierten Ebenen völlig den Bezug zueinander. Das Resultat sind sture Denkbürokraten und Spezialisten auf der einen und frustrierte Nachdenker auf der anderen Seite. Keiner will mehr mit dem anderen reden - bis man es nicht mehr kann. Das gilt in den Organisationen und im Verhältnis nach außen. Ausgerechnet jetzt.

7. Die andere Intelligenz

Das Produkt von Nachdenken ist Innovation wir nennen es Wissen. Der Philosoph, Sozialwissenschaftler und Berater Bernhard von Mutius hat in seinem Buch "Die andere Intelligenz" den Typus beschrieben, den es dazu braucht: den "konstruktiven Intellektuellen". Er ist weder Außenseiter noch Neinsager. Er kooperiert, er stellt Beziehungen her. Und vor allen Dingen teilt er sein Wissen, weil er weiß, dass es nur so den Mehrwert schafft, den wir alle brauchen. Eine völlig neue Übung für alle, weiß von Mutius: "Wissen durch Teilung zu vermehren - das ist die ebenso neue wie schwierige Aufgabe, vor der heute viele Wissensarbeiter in ihren Wertschöpfungsketten stehen (...). Es geht um die Entwick lung eines immateriellen Vermögens (im doppelten Wortsinn), das nur in Beziehungen entsteht und nur durch in Beziehungen gelebte Werte gefördert werden kann. Solche , Beziehungs-Werte' wie beispielsweise Toleranz, Respekt vor dem anderen, Kooperationsfähigkeit, Integrität und Transparenz ermöglichen erst die grenzüberschreitenden Prozesse der Wissensbearbeitung. Sie sind die Voraussetzung für gelingende Innovationsvorhaben." All das zusammen habe noch einen weiteren, wichtigen Vorteil: Es gebe den "Wissensflüssen Richtung" und "den Wissens produzenten in ihrer Arbeit Halt und Sinn".

Aus Nachdenken wird Mitdenken. Beziehungen, nicht Trennungen, sind die Zukunft des Denkens und der Innovation, meint von Mutius. Was er beschreibt, ist wie vieles rund um die Wissensgesellschaft theoretisch bestens dokumentiert. Die Praxis aber, weiß er, braucht einfach ehrliches Bemühen und den Willen zum Verstehen. Dialog. Diskurs. Auseinandersetzung. Der Anfang des Verstehens. "Wir reden von der Wissensgesellschaft und der Kreativität - dann wird genickt, aber in der Bedeutung hat das noch kaum jemand wirklich verstanden. Denken ist eine zentrale ökonomische Ressource. Aber man geht mit dieser Ressource so um wie mit indus triellen Gütern. Das kann nicht funktionieren", sagt von Mutius.

Der konstruktive Intellektuelle ist eine Lösung für die Trennung, die heute so offensichtlich ist -und die uns scheinbar nur die Wahl lässt zwischen Bürokratismus und Abgehobenheit. "Die Intellektuellen müssen in die Organisationen", fordert von Mutius, "und die in den Organisationen müssen aufhören, Denken für etwas Überflüssiges zu halten - so nach dem Motto: Intellekt ist nicht wirklich wichtig für das tägliche Leben." Wo Denken aber das "Ferment der Wertschöpfung" wird, so von Mutius, kann man sich derlei Vorurteile einfach nicht mehr leisten - ebenso wenig wie die Haltung des alten Spezialistentums aus der Industriegesellschaft, das sich verschanzt und den Austausch mit anderen Fächern und Disziplinen konsequent verweigert. Ihnen hält von Mutius das Wort des Ökonomen Friedrich August von Hayek entgegen, wonach man, wenn man ein guter Ökonom sein wolle, eben nicht nur Ökonom sein dürfe.

Konstruktives Denken braucht breites Inte resse und Neugier am anderen - oder es kommt zum "Fachduckmäusertum", wie Bernhard von Mutius die Entwicklung nennt: "Das züch ten wir ohnehin bereits, getriebene Leute, die weder Zeit noch Muße haben, nach links oder rechts zu schauen." In Anspielung auf zwei un geliebte Bildungskürzel ist es für ihn "von Pisa bis Bologna eben nicht weit". Eine Sackgasse. Das Wendemanöver gelingt nur, wenn die "Macher demütiger" und die Nachdenker "selbstbewusster und mutiger werden. Wir brauchen eine zweite Aufklärung, in der die Wende vom Ich zum intelligenten Wir vollzogen wird."

Eine zweite Aufklärung? Hohe Ansprüche hat der Mann - die aber auch daher rühren, dass die erste Aufklärung eigentlich noch nicht wirklich durch ist. Da sind immer noch Hausaufgaben, die nicht gemacht sind, und zwar, wen wundert's, die anspruchsvollsten, die seit mehr als 200 Jahren herumliegen.

Denn Nachdenken ohne Mut ist gar nichts.

Wer nicht durchsetzen will, was er herausgefunden hat, wer das, was er weiß, nicht wert befin det, dafür - gepflegt - zu streiten, der hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Sapere aude, sagte Horaz, und Immanuel Kant hat das richtig übersetzt: "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Das genügt völlig. Die Bürokraten können dann einpacken. Gern auch ihre Koffer. -

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