Ausgabe 09/2009 - Schwerpunkt Arbeit

An die Arbeit

Alle Räder stehen still

Die Zeiten ändern sich, und wer stehen bleibt, ist von gestern. Ja, das kennen wir, das haben wir schon oft gehört. So oft, dass es den allermeisten zum einen Ohr reingeht und mit gehörigem Durchzug zum anderen Löffel wieder raus. Deshalb lassen wir den Appell an Verstand und Vernunft heute mal stecken. Bis jetzt hat das nämlich relativ wenig gebracht.

Es geht auch anders.

Mit Tierliebe zum Beispiel.

Tierlieb ist fast jeder.

Nehmen wir mal den Hamster.

Vom Hamster ist bekannt, dass er zu den beliebtesten Haustieren gehört. Der kleine Nager steht aber auch für eine Ära, die nun zu Ende geht. Das macht den Hamster interessant.

Aber reden wir mal über den Charakter des Tieres. Der Hamster hat nur sich selbst im Kopf, er kann andere nicht leiden, er ist ein Einzelgänger. "Die meisten seiner Lautäußerungen dienen fast nur dazu, sich abzugrenzen, zu verteidigen oder gar zu bekämpfen: Fauchen, Brummen und Zähneklappern sind eindeutige Drohsignale gegenüber anderen Artgenossen ...", beschreibt

der Industrieverband Heimtierbedarf (IVH) das eigenbrötlerische Wesen des Kleinnagers. Sein "drollig anmutendes Sich-auf-die-Hinterbeine-Stellen" habe mit putzigem "Männchenmachen" nicht das Geringste zu tun, so die Hamsterexperten des IVH weiter. Wenn der Hamster seine Bäckchen aufbläst, wird dies auch falsch verstanden. Wir halten das für niedlich. Der Hamster denkt an Abwehrstellung.

Nur wenn "sich der kleine Kerl unbeobachtet fühlt und total entspannt, zeigt er dies, indem er herzhaft gähnt oder sich ausgiebig seiner Körperpflege widmet".

Fassen wir zusammen: Der Hamster ist des Hamsters Wolf. Er ist asozial. Er denkt nur an sich. Wenn ihn niemand beobachtet, also kontrolliert, dann gähnt er oder macht sich die Nägel. Zwischen Trägheit und Besitzstandswahrung will er nur eines: jene Laufräder aus Metall oder Plastik, in denen er stundenlang und bis zur totalen Erschöpfung seine Runden dreht, ohne dass das den geringsten Nutzen stiften würde. Der Hamster läuft und kommt nie an.

Das Hamsterrad, sein Charakter sowie der Umstand, dass das Tier erst nach dem Zweiten Weltkrieg so richtig populär wurde - also in der Ära der Vollbeschäftigung -, machen ihn zum idealen Wappentier einer Gesellschaft, die sich ebenfalls gern aufbläst, auf der Stelle läuft und gähnt, wenn keiner zuguckt. Wir sind eine Hamstergesellschaft. In einer solchen Hamstergesellschaft ist nichts schlimmer als der Verlust des Laufrades - wir nennen das Arbeit. Was dem Hamster dann bleibt, ist Fauchen, Brummen und Zähneklappern - das nennen wir Arbeitslosigkeit und Hartz IV. Hamsterfreunde, nennen wir sie mal Politiker, versprechen dann viele neue Laufräder - wir nennen es Wahlkampf. Nicht dass die Hamster das wirklich glauben würden - aber sie tun mal so, weil sie sich ein Leben ohne Laufrad, und damit Sinn, nicht vorstellen können. Wem es gelingt, den Hamstern heute noch weiszumachen, es gäbe genug Laufräder für alle - und damit Sinn für jeden Hamster -, wird gewählt.

Solche Leute nennen wir Goldhamster.

Hamsterräder mit Hilfsmotor

Es musste ja so kommen. Zunächst die Finanzkrise, dann die Auftragseinbrüche in der Industrie, nun der Arbeitsmarkt. Die OECD hat ihre Rechnung schon gemacht: Mindestens 5,1 Millionen Erwerbslose in Deutschland sind für das Jahr 2010 prognostiziert - das entspricht einer Arbeitslosenquote von 11,6 Prozent. In Wahlkampfjahren lässt sich derlei nicht bejubeln, obwohl hinter vorgehaltener Hand diese Zahlen - 1,6 Millionen Arbeitslose mehr im Vergleich zum Mai 2009 als relativ günstig gelten: Bei einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung von 6,1 Prozent erscheint das neuerliche Anschwellen der Arbeitslosenzahlen geradezu akzeptabel. Man steht ungefähr da, wo man schon vor fünf Jahren angekommen war. Fünf Millionen, plus/minus ein paar 100 000 weiterer Erwerbsloser. Vernunft? Spielt keine Rolle. Denn Arbeit ist nicht mehr nur wichtig. Arbeit ist alles geworden.

Mit blindem Eifer, der Schaden anrichtet, wird die Vollerwerbsgesellschaft beschworen, wo niemand ernsthaft an ihre Zukunft glaubt. Nirgendwo sind politische Gruppen, Gesellschaft und Kultur so auf Industrie, auf fleißiges Schaffen (so der Wortsinn des Begriffs) ausgerichtet wie hier. Und das allergrößte Problem: Nirgendwo ist der Korridor dessen, was nützliche und damit bezahlte Arbeit, Erwerbsarbeit also, sein darf und was nicht, so eng wie hier. Wer Maschinen baut, erhält gerechten Lohn, wer Kinder hütet oder Alte pflegt, eine Aufwandsentschädigung. Dass die Arbeit von Krankenschwestern, Erziehern und Müllwerkern im Grunde genommen als zweitrangig gilt, fällt immer nur auf, wenn die Leute streiken - und niemand mehr die Bedeutung ihrer Tätigkeit ignorieren kann.

Der Abstieg der Industriegesellschaft ist seit Jahrzehnten unübersehbar. Einst galt die Industrie als stabiler, zuverlässiger Arbeitgeber, als Rückgrat der Arbeitsgesellschaft. Hier waren die langfristigen Arbeitsverhältnisse zu Hause, mit denen Politik und Verwaltung langfristig kalkulieren konnten. Doch seit den siebziger Jahren, in denen die Industrie ihre Stellung als wichtigster wirtschaftlicher Motor der entwickelten Gesellschaften an die Dienstleistungen verlor, fallen die Produktioner immer tiefer. Es gilt die Regel: Je mehr Industriearbeitsplätze ein OECD-Land hat, desto höher sind die Arbeitslosenquoten, desto teurer die Folgekosten. In Japan, wie Deutschland ein hochindustrielles Land, sinkt nach OECD-Angaben die Industrieproduktion in diesem Jahr um 27,8 Prozent, in Spanien um 17,1 Prozent, in Deutschland um 15,8 Prozent. Legt man die Zahlen auf die wachsenden Arbeitslosenquoten um, deckt sich die Schablone.

Doch statt gegenzusteuern, wird das Hamsterrad noch beschleunigt. Die Förderung industrieller Arbeitsplätze mit Hunderten Milliarden Euro, die an anderer Stelle fehlen, um die Transformation von der alten Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft zu bewältigen, gilt als ehrenwert und richtig. Das ist so, als stattete man Hamsterräder mit Hilfsmotoren aus, damit die Tierchen nicht aus dem Tritt kommen. Alle Parteien ziehen mit dem Schlachtruf der Arbeitsplatzsicherung in den Wahlkampf - und immer sind es die alten Normalarbeitsverhältnisse, die klassischen Industriearbeitsregeln also, die erhalten werden sollen.

Was die regierenden Unionsparteien CDU/CSU dazu im gemeinsamen Regierungsprogramm festgehalten haben, teilen auch die anderen Fraktionen: Man "bekennt sich zu Deutschland als Industrie- und Hochtechnologiestandort", heißt es da, wobei Hochtechnologie natürlich stets irgendetwas mit Maschinen und Strom und Schaltern sein muss - industriell halt. Wenn von Wandel die Rede ist, dann von "Technologiewandel", und zwar einem "notwendigen Technologiewandel wie zum Beispiel im Bereich der Automobilindustrie", den die Regierungspartei "mit Nachdruck unterstützt". Wandel bedeutet im Klartext also nichts weiter als die Beibehaltung der alten Arbeits- und Gesellschaftsordnung durch permanente Abwrackprämien. Die Volksparteien haben damit das Kunststück geschafft, einen dritten Weg zwischen Markt- und Planwirtschaft zu installieren: die Erhaltungswirtschaft.

Der Schlachtruf der regierenden CDU lautet dementsprechend: "Sozial ist, was Arbeit schafft." So ähnlich klang es schon einmal, im Reichstagswahlkampf 1933. Damals bewarb der Industrielle und Ufa-Chef Alfred Hugenberg, einer der Steigbügelhalter Hitlers, mit dem Spruch "Sozial ist, wer Arbeit schafft" seine ultrarechte "Kampffront Schwarz-Weiß-Rot". Und damals wie heute ging es um eine einfache deutsche Gleichung: Die Industrie schafft Arbeit, Arbeit schafft Ordnung.

Sozial ist also, was Ordnung schafft - politische Ordnung. Da rücken die Weltanschauungen schon mal näher. Da wird schon mal grober Unfug zur guten Tat schöngeredet. Etwa wenn der S PD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier allen, die Hartz IV für eine Schikane halten, Blödheit unterstellt:

"Wer fragt, ob unsere heutige Politik anders ist - der hat nichts kapiert. Damals ging es uns um Arbeit, heute auch." Goldhamster bleibt Goldhamster.

Die Arbeitsordnung

Sie sind die "Herren der Arbeitsgesellschaft", wie der im Juni verstorbene Lord Ralf Dahrendorf die Erhalter der industriellen Verfassung so treffend nannte, Herrschaften, deren Macht, wie der Soziologe wusste, "mit der Arbeitsgesellschaft verbunden ist. Wenn die Arbeit ausgeht, verlieren sie das Fundament ihrer Macht." Deshalb muss Arbeit geschaffen werden, koste es, was es wolle. Die Förderwirtschaft läuft auf Hochtouren, damit die Hamster nicht auf dumme Gedanken kommen - knurren oder gähnen beispielsweise.

Der Soziologe Georg Vobruba, Professor in Leipzig, erkennt darin "die gleiche Melodie wie seit 30, 40 Jahren. Nur dass das Liedchen unter verschärften Bedingungen gepfiffen wird. Was man damals theoretisch recht klar erkennen konnte, sehen wir heute im Alltag ganz praktisch: Die Vollerwerbsgesellschaft gibt es nicht mehr." Das freilich heißt noch lange nicht, dass man nicht so tun kann, als ob. Denn dafür gibt es gute Gründe. Vobruba teilt die Erwerbsarbeitenden von heute - in der ganzen Republik sind das noch knapp 40 Millionen Menschen - in vier Gruppen ein: "Ganz unten sind die Langzeitarbeitslosen, die können keine Hoffnung mehr haben. Dann kommen die Existenzpendler, Leute, die heute diesen, morgen jenen Job haben. Dann kommt ein immer noch großes Segment an Normalarbeitern, die alte Mittelschicht, die aber jederzeit nach unten abrutschen kann und das heute auch weiß. Hier konzentrieren sich die Ängste."

Ganz oben auf der vier Stufen umfassenden Hierarchie der Erwerbstätigen gibt es noch jene, meint Vobruba, die, gut ausgebildet und sich der Lage durchaus bewusst, zu den "experimentell arbeitenden Nicht-Prekären" gehören. Sie stehen am Rand einer Arbeitsgesellschaft, der sie nicht mehr angehören. Ihr Kapital ist Wissen. Ihr Rad drehen sie vorzugsweise selbst. Für sie braucht niemand Wahlkampf zu führen. Sie sind die immer häufiger vorkommenden Muster der neuen Arbeit und einer neuen Gesellschaft, in der ein Grundgesetz gilt, das Politiker und Vollbeschäftigungspopulisten verabscheuen: Arbeit macht Arbeit. Insbesondere dann, wenn der Rohstoff Wissen und Ideen heißt. Wissen ist eine Ressource, die sich nicht nur nicht verbraucht, sondern sich in ihrer Anwendung auch vermehrt. Arbeit und sinnvolle Tätigkeit gibt es genug. Jeden Tag kommt noch was dazu. Doch es geht ja gar nicht um Arbeit.

Der zerfallende Mittelstand, der Rest der alten Vollbeschäftigungsgesellschaft, sucht nach Ordnung - nach alter Ordnung, die die Politik offeriert. "Das ist eine reine Glaubenssache, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat", sagt Georg Vobruba. "Diese Menschen wollen glauben, dass es irgendwie doch noch so werden könnte, wie es sein sollte. Je weniger von der alten Ordnung noch zu erkennen ist, desto größer wird der Wunsch nach ihr - der Ordnungssinn durch Erwerbsarbeit wird für diese Gruppe immer wichtiger."

Es sind die Facharbeiter, die Angestellten, die industrielle Erbmasse an "unselbstständig Erwerbstätigen", die die Veränderung der Arbeitsgesellschaft so fürchten, dass die Politik "garnicht anders kann, als darauf mit haltlosen Ordnungsversprechen zu reagieren".

Eigentlich wissen alle Bescheid. Mit der Zukunft der Arbeitsgesellschaft ist es so wie mit der Rente. Die Politiker wissen, was die Bürger wissen, nämlich dass mit und ohne gesetzliche Garantie am Ende all jene, die heute arbeiten, gekniffen sind. Eine kollektive Einsicht. Allerdings darf niemand laut sagen, wie es ist. Denn dann steht der Hamster auf den Hinterbeinen, bläst die Backen auf und schnappt mit seinen Schneidezähnchen nach dem Boten der schlechten Nachricht. Die Arbeitsgesellschaft ist eine Inszenierung, ein übles Spiel, das allerdings seine eigene Entwicklung hat. Früher wurde bestraft, wer nicht mitspielte. Heute werden auch die bestraft, die nicht mitspielen können. Damit sei endlich klar, was Hartz-IV-Erfinder Gerhard Schröder meinte, als er im Zusammenhang mit seinem bekanntesten politischen Werk von "verschärften Spielregeln" sprach, sagt Georg Vobruba. "Arbeit ist Ordnung. Wer keine Arbeit hat, verstößt gegen die Ordnung. Der muss bestraft werden", fasst er die Logik dieses Systems zusammen. "Die Belästigungen und Gemeinheiten, denen diese Leute ausgesetzt sind, werden immer unerträglicher." Da werden Menschen gezwungen, aus Wohnungen auszuziehen, weil diese - streng nach Hartz-IV-Logik - zu groß sind, um dann in kleinere Buden umgesiedelt zu werden, deren Miete höher ist als die der alten Behausung.

Strafen gegen jede Vernunft.

Im Jobcenter Offenbach werden Langzeit-Hartzler, die mindestens 18 Monate lang keinen Job hatten, zur Teilnahme an einem "Projekt" verpflichtet, bei dem sie vier Tage in der Woche jeweils vier Stunden lang im Jobcenter erscheinen müssen. Dort werden die üblichen Rituale vermittelt: Bewerbungsschreiben üben, Dialoge führen und andere arbeitstherapeutische Nummern, deren einziger Zweck in der Beschäftigung der Sozialbürokratie liegt. Wer an den sinnlosen Übungen nicht teilnimmt, etwa weil er sich auf eigene Faust einen Job sucht, kriegt kein Geld. Doch das ist nicht alles. Die Firmen, die im Auftrag des Jobcenters die Schulungen durchführen, sind vertraglich dazu verpflichtet, die Hartz-IVler auch zu Hause aufzusuchen. "Aktivierungsversuch" heißt das. Dessen Verlauf ist zu protokollieren. Ordnung muss sein. Sinn nicht.

Im Arbeitshaus

Was wir heute unter Arbeit verstehen, ist ein relativ kurzlebiges Konstrukt aus der Industriegesellschaft. Vollerwerbsarbeit, soziale Sicherung, die Einteilung des Tages in Arbeits- und Ruhezeiten nach festen Regeln, Ausbildung, Beruf und Rente - all das und noch viel mehr war bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert die Ausnahme, nicht die Regel. Die längste Zeit über haben Menschen nicht die heute übliche Trennung von Arbeit und Nichtarbeit, von Beruf und Freizeit, von Erwerbstätigkeit und anderen Beschäftigungen gepflegt. Arbeit orientierte sich an der Umwelt, am Wetter, an den Jahreszeiten sowie an den Bedürfnissen.

Was ist Arbeit eigentlich? Grundsätzlich ist Arbeit eine ganz natürliche Sache. Sie wird verrichtet, um einem Mangelzustand abzuhelfen -Hunger, Durst, das Bauen eines Unterstandes, das Weben von Kleidern zum Schutz gegen die Kälte. All das erfordert einen energetischen Aufwand, bei dem - das ist das Ziel aller Arbeit - mehr rauskommt, als man reingesteckt hat. Das Ziel aller Arbeit ist Überschuss, der ursprüngliche Sinn des Wortes Mehrwert also.

Einer der ersten Denker, die sich mit der Arbeit theoretisch beschäftigen, ist der griechische Philosoph Aristoteles. Er erkennt an der Entwicklung der Priesterkaste in Ägypten, dass es eine Gruppe Menschen gibt, die sich dank der hohen Produktivität von Handarbeitern - den Fellachen, die im Nilschlamm intensive Überschusslandwirtschaft betreiben - anderen Dingen zuwenden können, etwa der Entwicklung der Mathematik.

Der Mehrwert aus körperlicher Arbeit ermöglicht also die "Muße" zur geistigen Arbeit, die wiederum zu einer Verbesserung der Werkzeuge und Methoden führt, unter denen Menschen Knappheiten beseitigen und Überschüsse anstreben. Dieser Kreislauf, den Aristoteles erkennt, ist einerseits der Motor aller Entwicklung - andererseits aber, durch seine strikte Interpretation, auch der Anfang allen Übels. Denn die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit - in "ehrliche Arbeit" und, heute dubiose, Wissensarbeit - ist damit beschlossen.

In Aristoteles' Athen wird die Differenzierung als ganz normal angesehen. Auch die Römer unterscheiden strikt zwischen dem mühevollen Arbeiten, dem laborare der Bauern und Sklaven, und dem opera, dem geistigen Werk von Politikern, Philosophen und Technikern. Die Unterschiede festigen sich: Körperliche Arbeit gilt bereits um Christi Geburt als negative, niedrige, wenngleich notwendige Tätigkeit, während sich der höhere Stand deutlich davon abhebt. Ein Mann mit Ehre, so heißt es bald in Rom, könne nicht körperlich arbeiten. Zur Bürgerpflicht gehört es aber - wie schon zuvor in Athen -, ein Ehrenamt für das Gemeinwohl auszuüben. Das ändert sich erst, als im Kaiserreich zunehmend eine Trennung von Arbeit und Freizeit erfolgt. Dazu werden Feiertage eingeführt. Ruhepausen.

Der entscheidende Schub aber kam vom Christentum, das im 4. Jahrhundert nach Christi zur Staatsreligion des Römischen Reiches wurde. Das christliche Arbeitsethos prägt unsere Auffassung von Arbeit bis heute. "Nicht die Arbeit, mit der Gott den sündigen Menschen bestrafte, sondern vielmehr die mit Arbeit verbundene Mühsal, Pein und Last wurde zur deutlich negativ bewerteten Aktivität", schreibt dazu der Wiener Arbeitssoziologe Manfred Füllsack in seinem Buch "Arbeit": "Im Rahmen der Kirche wurde Arbeit zur Teilnahme am Schöpfungswerk Gottes", ein Werk, das kein Zuckerschlecken war: "Christus lieferte mit seinem Leiden am Kreuz das Vorbild dazu." Ora et labora, bete und arbeite, das war die Devise. Benedikt von Nursia, der Vater des Mönchtums und einer der wichtigsten christlichen Theoretiker des Frühmittelalters, verordnete schroff: "Nichtstun ist eine Gefahr für die Seele" - die entsprechende Vorlage hatte bereits Kirchenvater Paulus mit seinem "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" gegeben. Wer reich war, musste fürs Paradies zahlen, alle anderen ihr Lebtag leiden.

Hartz I (eins)

Die Vorstellung, dass Menschen, die etwas tun, wofür es keinen Lohn gibt, gleichsam nutzlos sind - faul und asozial -, kommt erst zu Beginn der Neuzeit in die Welt. Die katholische Kirche erhält durch den Protestantismus enorme Konkurrenz. Die Folgen sind Glaubensspaltung, Kriege und ein neues Menschenbild, in dem Arbeit nun die entscheidende, alles entscheidende Rolle spielt. Die Katholiken hatten sich zwar bei Bedarf auf das Armutsgelübde berufen - Luthers Anhänger aber nahmen die Sache richtig ernst. Da ging es zunächst um Unterscheidbarkeit zur römischen Kirche, die Armut predigte und selbst in höchster Verschwendung lebte. Es entstand, was der Soziologe Max Weber zu Beginn des 20. Jahrhunderts "die protestantische Ethik" nennen wird oder, noch punktgenauer, den "Geist des Kapitalismus". Wer nicht arbeitet, vergeht sich an Gott. So direkt und unmittelbar stand das zuvor nicht auf der Tagesordnung. Diese religiöse Haltung nutzt der neuen Wirtschaft, die gierig nach Arbeitskräften sucht. Sie passt auch hervorragend zur Vorstellung des Staates, der sich allmählich zu dem entwickelt, was wir bis heute kennen: eine zentrale, straffe Organisation, die zur einzigen Autorität wird und dafür viel Geld braucht. Nun geht es nur mehr um die Gleichung Arbeit und Geld. Wer etwas tut, ohne dass er etwas verdient, ist nichts mehr wert. Taugenichtse, Faulpelze nennt man solche Leute jetzt.

England erlässt bereits im 16. Jahrhundert die ersten Gesetze gegen die Armen. In Frankreich installiert im 17. Jahrhundert der "Sonnenkönig" Ludwig XIV. seine berüchtigten Maisons de forces - die Arbeitshäuser. Der Barockherrscher ist der Chef des ersten absolutistischen Staates auf europäischem Boden. In den Niederlanden werden "Faule" in Arbeitshäusern in enge Verliese eingesperrt, die man mit Wasser flutet. Wenn die Opfer nicht wie verrückt mit einem Hebel das Wasser abpumpen, ertrinken sie. Eine "Maßnahme" würde man das heute nennen. Disziplin muss sein. Noch mal 150 Jahre später lohnt sich das Dressieren richtig: Die industrielle Revolution beginnt. Man braucht massenhaft Arbeitskräfte. Die ersten Fabrikarbeiter gelten ihren Zeitgenossen als schwachsinnig, tumb. Mit denen kann man alles machen. Und man tut es. Ein paar Jahrzehnte wird es noch dauern. Dann hält man die idiotische Routine für "normal". Bis heute.

Die Hamster beginnen ihr Rad zu drehen -und die Philosophen helfen dabei. Georg Wilhelm Friedrich Hegel kritisiert den untätigen Müßiggang des Adels, der nichts mehr verändern kann zu Recht. Der große Denker verherrlicht aber geradezu die nun überall zur wichtigsten Sache werdende Lohnarbeit. Das "knechtische Bewusstsein", so nennt er es, die ehrliche, harte Arbeit also, würde die Welt verändern. Das glaubt auch der junge Trierer Philosoph Karl Marx. Der glaubt aber auch, anders als die Epigonen, die in seinem Namen seit Jahrzehnten die Arbeit beschwören, dass Automation, Technik und Fortschritt den Menschen ein besseres Leben bringen werden. Dieses Ideal teilt Marx mit den größten Utopisten und Vordenkern der Menschheit. Nicht einmal die christlichen Lager sahen in schwerer Arbeit die Endstation Sehnsucht. Lange bevor es Begriffe wie Automation und Effizienz gab, wusste man, dass alles, was Menschen tun, langfristig besser gemacht wird. Mit weniger Energie. Mit höherem Ertrag. Mit weniger Arbeit. Das ist der Lauf der Welt. Warum ist uns dieses Wissen abhanden gekommen?

Dressur

Das Zauberwort heißt Routine. Dressur. Gewöhnung. So wie Jahrhunderte zuvor unsere Vorfahren mit Drohungen, zuweilen mit brutalsten Mitteln zur regelmäßigen Lohnarbeit abgerichtet wurden, werden Mitglieder der Arbeitsgesellschaft - vom Kindergarten an - mit einer regelrechten Gehirnwäsche dazu erzogen, dass nur der, der angemessen lohnarbeitet, ein ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft ist. Dazu kommt ein Sozialsystem, das sich nur durch den - immer kleiner werdenden - Anteil an vollerwerbsfähigen Einzahlern finanzieren will. Aus dem kulturellen Zwang ist längst ein "stahlhartes Gehäuse" geworden, wie Max Weber das nannte. Ein Entrinnen gibt es nicht durch Leiden und harte Arbeit, sondern durch etwas Nachdenken.

Das begann in Europa schon auf dem Höhepunkt der Arbeitsgesellschaft, in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als sich ihre ersten großen Krisen im Gefolge der weltweiten Rezession zeigten. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Frage des Wiederaufbaus und der ideologischen Auseinandersetzung zwischen West und Ost auf der Tagesordnung. Erst in den späten sechziger Jahren stellte die Studentenbewegung erstmals die Frage, ob denn nun die Sache mit der Arbeit, ohne die man nicht essen dürfe, eigentlich in Ordnung gehe. Eine gute Frage. Hannah Arendt hat bereits 1958 in ihrer "Vita activa" die Zukunft dramatisch so beschrieben: Wir sind "eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht."

Hannah Arendts Analyse ist populär, aber nur begrenzt richtig, etwa wenn es um die Frage der klassischen Industriearbeit geht - die gleichbedeutend ist mit dem, was lustige Sozialbürokraten ein "Normalarbeitsverhältnis" nennen. Doch auch hier muss man genauer hinsehen. Auch was die auf Wissen basierende Produktionsarbeit betrifft, gilt das Gesetz von Arbeit macht Arbeit. Davon leben die Unternehmen, die man immer noch "industrielle" nennt, die aber das Fabrikzeitalter hinter sich gelassen haben: patente Maschinenbauer beispielsweise. Industriearbeit stirbt nicht - sie verändert sich. Sie wird Wissensarbeit. Sie ist es in weiten Teilen bereits geworden.

Unbestritten ist auch, dass "wir" uns auf sehr wenig mehr verstehen als die totale Hingabe an unsere Erwerbsarbeit - also unseren Broterwerb. Die ganze Existenz steht auf dem Spiel. Seit Jahrzehnten ist klar, dass menschlicher Fortschritt weniger Arbeitskräfte braucht. Bis zu einem gewissen Maß hilft dabei die Wohlfahrt - das Almosen, das aus Umverteilungsvermögen entsteht. So weit war man zum Ende des Mittelalters auch schon.

Nur: Immer weniger Menschen finden sich in den "Normalarbeitsverhältnissen" wieder. Führende Experten, die der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow im Jahr 1995 in San Francisco versammelte, gaben für die Entwicklung der Lohnarbeit im 21. Jahrhundert eine ernüchternde Prognose ab: Unter Berücksichtigung der verfügbaren Technologien, Märkte und bei einer kontinuierlichen Verbesserung der Effizienz der Produktion würde im Laufe des 21. Jahrhunderts nicht mehr als ein Fünftel der erwerbsfähigen Bevölkerung in den OECD-Staaten noch über das verfügen, was wir heute Arbeit nennen. Und was ist mit dem Rest? Es gibt dramatische Szenarien der Verarmung, die letztlich auch dazu führt, dass die Gewinner der Wissensgesellschaft, die Kopfarbeiter, nichts mehr unternehmen können. Es gibt andererseits aber auch eine jahrtausendealte Erfahrung, die den Horrorszenarien entgegensteht: Arbeit schafft Arbeit. Wenn man darunter nicht mehr nur Erwerbsarbeit versteht, sondern eine Vielzahl an Tätigkeiten, die Menschen ausüben können und wollen, dann haftet der Vision der arbeitsärmeren Gesellschaft kein Stigma an. Außer einem: Geld.

Hamster und Ratten

Das ist, wie Lord Ralf Dahrendorf 1986 schrieb, der springende Punkt: die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen. Das Modell dazu gibt es seit Jahrzehnten. Es scheitert ebenso lange am Starrsinn der alten politischen Klasse: das garantierte oder bedingungslose Grundeinkommen. Goldhamster hassen das Grundeinkommen. Es macht sie nämlich weitgehend arbeitslos. Der größte Ausgabenposten unserer Nation ist das Soziale - jeder dritte Euro, der in Deutschland verdient wird, wandert in diesen Bereich. Das sind im Jahr 2009 gut 767 Milliarden Euro. Aus diesem Topf werden Renten bezahlt, Gesundheitskosten abgedeckt und unzählige Zuschüsse und andere Sozialtransferleistungen beglichen. Jeder Staatsbürger erhält dieses Grundeinkommen, Bürger, die weiterhin lohnarbeiten werden - und das sind nicht wenige -, erhalten eine Gutschrift auf ihre Einkommensteuer.

Diese Modelle sind hinlänglich bekannt und gut berechnet - der Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman befürwortete dies genauso wie der liberale Vordenker Ralf Dahrendorf. Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), gehört ebenfalls zu den Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens: "Uns bleibt gar nichts anderes übrig, auch wenn die Politik das heute nicht akzeptiert, mittelfristig werden wir das Grundeinkommen erleben", sagt der Ökonom dazu. Das dauert. Im Kopf dreht sich das Hamsterrad.

Schon in den achtziger Jahren wurden die Grundeinkommensmodelle heftig diskutiert - das Ende der Arbeitsgesellschaft konnte damals selbst von naiven Zeitgenossen nicht mehr geleugnet werden. "Die Erwerbsgesellschaft hat längst jene zentrale Stellung im Leben der meisten Menschen verloren, die die Rede von der Arbeitsgesellschaft rechtfertigte. Es liegt etwas Schrilles in der unter-nehmerisch-gewerkschaftlichen Forderung, die Bedeutung der Erwerbsarbeit nur ja nicht gering zu schätzen", schrieb Dahrendorf 1986 in einem von dem Publizisten Thomas Schmid herausgegebenen Buch.

Was dann folgt, ist eine harte Abrechnung mit dem Versagen der geistigen Eliten - der Politik und der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheider. Sie haben das Ende der Arbeitsgesellschaft verpennt - ganz besoffen vom Vollerwerbsmodell. Es fehlt hinten und vorn an neuen Menschenbildern und Gesellschaftskonzepten. Ralf Dahrendorf listet sie auf: Wohlfahrt - kann nur über Arbeitseinkommen garantiert werden. Über Alternativen wurde nicht nachgedacht. Alles misst sich am Beruf, erkennt Dahrendorf - die Ge-schlechter-Emanzipation ebenso wie Freizeittätigkeiten, die "eine verdächtige Ähnlichkeit mit Arbeit" haben.

Und was, fragt Dahrendorf zu Recht, täten Menschen, wenn sie nun für die Sicherung ihrer Existenz nicht mehr arbeiten gehen müssten? "Wenn der Fixpunkt der Berufsarbeit fehlt, wissen Menschen oft nicht, woran sie ihren Tages-, Wochen-, Jahresplan festmachen sollen - am Fernsehprogramm?"

Das sind gute Fragen, mit denen sich alle beschäftigen müssen - die Befürworter eines Grundeinkommens ebenso wie jene, die meinen, dass alles so bleibt, wie es schon längst nicht mehr ist. Wir denken in der Kategorie der industriellen Arbeitsgesellschaft. Wir sind so gut darin abgerichtet, dass wir nicht mehr wissen, was wir eigentlich wollen. Mehr Arbeit? Druck? Schweiß im Angesicht?

Dahrendorf warnte davor, das Ende der Arbeitsgesellschaft zu ignorieren. Wo Erwerbsarbeit knapp wird, wusste er, werden Menschen, die keine mehr kriegen, aus ihren "Staatsbürgerrechten herausdefiniert". Das ist, was mit Hartz IV in vollem Gange ist. Bespitzelungen, Gängeleien wider jede Vernunft und jeden - auch ökonomischen - Sinn. Die Folge wäre nicht etwa eine Revolution - "Unterklassen tun so was bekanntlich nicht" -, sondern schlicht das, was bereits heute nicht mehr nur in den Plattenbauten der Großstädte beobachtbar ist: "Die Leute fühlen sich nicht mehr an die Normen gebunden." Sie zweifeln an der Rechts- und Sozialordnung, und dieser Zweifel, so Dahrendorf, fräße sich "von der Unterklasse in die offizielle Gesellschaft der Mehrheit" hinein: Am Ende, so das Resümee des Soziologen, wäre der Grundvertrag der Gesellschaft selbst bedroht. Deshalb fordert er ein Verfassungsrecht auf ein garantiertes Grundeinkommen. Gleichrangig mit dem Wahlrecht, dem Recht auf Meinungsfreiheit und der Gleichheit vorm Gesetz.

Die Hamster müssen also keine Angst vor der Revolution haben.

Wohl aber vor Ratten.

Spielräume

Raus aus dem Laufrad. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wenn wir heute nicht anfangen, intensiv und aufrichtig darüber nachzudenken, was nach der Erwerbsarbeitsgesellschaft kommt, gibt es richtig Ärger.

Dahrendorf stellte seinem Plädoyer für ein Grundeinkommen einen klugen Satz voran: "Manchmal ist es in der praktischen Politik nützlich, sich mit dem Teufel zu verbünden. Man kann das Richtige - das, was man für richtig hält - nur erreichen in der Koalition mit anderen, die dasselbe, wenn auch aus falschen Gründen, wollen."

Das sind auch für den Wiener Arbeitsforscher Manfred Füllsack prophetische Worte. Denn ausgerechnet die rigiden, unmenschlichen Hartz-IV-Gesetze könnten, so meint er, dabei helfen, die Idee eines Grundeinkommens voranzubringen: "Man konnte einige Zeit als jemand, der noch Erwerbsarbeit hat, sagen: Mich geht das nichts an. Aber in den vergangenen Jahren hat die Mittelschicht gelernt, wie schnell der Hartz-IV-Abstieg geht - und was da mit den Menschen gemacht wird. Unsere Mittelschicht will keine Veränderung, und sie ist auf Beruf und Erwerbsarbeit fixiert - aber gleichzeitig ist sie vor allem auch auf Sicherheit und Risikolosigkeit bedacht."

Das könnte, meint Füllsack, nützlich sein beim Nachdenken: "Angesichts von Hartz IV wünschen sich die Leute eine Grundsicherung, die ohne bürokratische Schikane, menschenwürdig und mit klarem Rechtsanspruch besteht." Was der alte Sozialstaat mit Vernunft nicht schaffte, das bringt vielleicht das menschenverachtende Hartz-IV-System auf den Weg: das Nachdenken über eine Alternative.

Die ist weder paradiesisch und schon gar kein "Wundermittel" für alle Probleme der Arbeitsgesellschaft, weiß Füllsack. "Es ist nur eine Chance, die uns mehr Spielraum zur Verfügung stellt. Bis wir darüber nachgedacht haben, wie wir es besser machen können." Vielleicht nimmt der Hamster seine Chance wahr. Wenn er neugierig ist, duckt er sich und hält gleichsam sein Näschen in den Wind.

Das ist ein guter Anfang.

Denn dann ist er an Laufrädern nicht mehr interessiert.

So wenig wie an Goldhamstern. -

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